„Glaube ist ein Geschenk“. Unglaube auch?

Religiöser Glaube kann definiert werden als eine „menschliche Fähigkeit, transzendente Wirklichkeiten zu erahnen, zu erkennen und danach zu handeln“. (Religiöse Erfahrung ist demnach als ‚gedeutete Wahrnehmung’ zu betrachten, vgl.→ „Kernfragen des Glaubens„.) Das N.T. beschreibt den Glauben als „eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht“ [Hebr 11,1 EÜ].

Ein Geschenk ist die „freiwillige Übertragung des Eigentums, zum Beispiel einer Sache oder eines Rechts an einen Anderen, ohne eine Gegenleistung zu verlangen – also unmittelbar zunächst kostenlos für den Empfänger. Im übertragenen Sinne kann man auch jemandem seine Aufmerksamkeit, sein Vertrauen oder seine Liebe schenken“.
Selbstverständlich hat der Beschenkte ein Wort mitzureden, er entscheidet, ob er das Geschenk annimmt oder zurückweist.

Eine kognitive Fähigkeit kann zwar im Laufe eines Lebens ausgebaut und weiterentwickelt werden, doch ist eine jeweilige Disposition hierfür auch in unseren Genen angelegt. Übertragen auf den Glauben als Zugang zu einem übernatürlichen Phänomen bedeutet dies: Der Gottes- und Jenseitsglaube – sowie schon die Offenheit, sich auf einschlägige Erfahrungen einzulassen – kann (oder muss?) als ein Geschenk aufgefasst werden. Nicht im bewertenden Sinne (ein Geschenk wird im Alltagsverständnis als eindeutig positiv erachtet), sondern als etwas potenziell Erfahrbares, worauf aber kein rechtlicher oder moralischer Anspruch erhoben werden kann.

Glaube(n) darf demzufolge nicht als charakterliches ‚Qualitätsmerkmal‘ einer einzelnen Person herangezogen: Glaubensauffassung und persönliches Weltbild resultieren in hohem Maße aus durchlebten Erfahrungen: Bekanntlich erfolgt durch Erziehung, traditionelles Umfeld und Sozialisation eine mehr oder minder festigende ‚Prägung‘ auch in glaubens-/religionsbezogener Weise, auf die wir als Kinder und Jugendliche zunächst keinen Einfluss haben – wir werden schließlich ohne unser Zutun in dieses ‚prägende‘ Umfeld hinein geboren. Damit kommen zwei multiplikativ verknüpfte Einflussfaktoren zusammen, die sich unserem willentlichen Zugriff entziehen: genetische Anlagen sowie das pädagogische Umfeld.
Mit anderen Worten: Ob wir glauben können / dürfen / müssen oder nicht, ist nicht unser eigenes Verdienst (oder Verschulden, wie es fundamentalistisch ausgerichteten Gläubigen gelegentlich vorgehalten wird). Der Aspekt, welche Bewertung  die erfahrene religiöse Sozialisation und Erziehung im späteren Erwachsenenalter (also rückblickend) erfährt, wird hier nicht weiter vertieft.
Vor diesem Hintergrund scheint eine Rechtfertigungslehre entkräftet, soweit sie allein den auf Gott vertrauenden Glauben, nicht jedoch auf Gott gerichtetes Handeln zur zwingenden Voraussetzung für die Teilhabe am göttlichen Erlösungs- und Heilsplan erklärt. Vorwiegend in evangelikal ausgerichteten Kirchen der Reformation wird diese Logik vertreten, laut der jede Variante des Nichtglaubens (an die Auferstehung Christi) unweigerlich in die Verdammnis führen müsse.

Sowohl überzeugte Atheisten als auch in ihrem religiösen Glauben gefestigte Personen sind vielleicht um ihre subjektive, innere (Glaubens-)Gewissheit zu beneiden. Beide sind frei, sich ihrer ethischen und sozialen Verantwortung zu stellen, die aus ihrer jeweiligen Glaubenshaltung erwächst – ohne von ständigem Ringen mit widerstreitenden Impulsen und Gedanken ablenken oder gar aufhalten zu lassen. Wir übrigen werden weiterhin mit der Ungewissheit und unseren Zweifeln leben müssen, fürchte ich.

Für mich persönlich beschränkt ‚Glauben‘ sich auf bloßes Vermuten, das teilweise durch ein intuitives Fürwahrhalten gestützt wird – von Gewissheit keine Spur, und damit auch nicht wirklich von jenseitsbezogener Hoffnung. Mir steht nur mein eigenes ‚Werkzeugset‘ zur Verfügung: Ein fortwährender Prozess aus Lektüre/Zuhören, kritisches Hinterfragen und Vergleichen mündet zwar in Entscheidungen, die jedoch zumeist vorläufigen Charakter besitzen. Mir ein umfassendes Nichtwissen(-können) über Gott und das Jenseits eingestehend, gestatte ich mir doch bestimmte Erwartungen bzw. Hoffnungen:

  • Dass unser Bewusstsein „nicht das feurige Endprodukt eines rein zufälligen Zusammentreffens chemischer Bestandteile“ ist.1)
    Andernfalls wäre dieses menschliche Bewusstsein ein „im Stich gelassener Ableger der physischen Materie“, unweigerlich dazu verurteilt, wie eine Seifenblase zu verpuffen. Und alle weitergehenden Überlegungen zu Transzendenz, Glaube und dem, was die Bibel unter Erlösung versteht wären ein hoffnungsfroher, aber gänzlich nutzloser Zeitvertreib. Die Grundsatzentscheidung, über einen positivistischen (oder fundamentalistisch-religiösen) Tellerrand hinausblicken zu wollen oder eben nicht, trifft jeder von uns für sich alleine, soweit die erhaltene ‚Prägung‘ (s.o.) dies noch zulässt. Insoweit habe ich ferner die Erwartungshaltung,
  • Dass meine Intuition mir zwar subjektive Anhaltspunkte vermittelt, auf die ich mich dennoch verlassen darf. Dies ist ein schwammiges, ungenaues Kriterium, ich weiß.2)
    Diese Art von Intuition würde in wohl jedem wissenschaftlichen Diskurs als unzulässiges Instrument zur Erkenntnisgewinnung zurückgewiesen – Wenn Schlüsse vom Denken auf das Sein sind unzulässig, dann gilt dies erst recht für temporär auftretende Empfindungen.
    Doch mal ehrlich: wer von uns verzichtet in Wahrheit auf subjektive Plausibilität und eine gefühlsmäßige Bewertung als relevante Entscheidungshilfen? Die Idee, an etwas zu glauben, dass für mich weder plausibel noch ’stimmig‘ ist, ist mir jedenfalls fremd.
  • Dass ein liebender Gott existiert, der nicht eines seiner fühlenden Geschöpfe in eine zeitlose Verdammnis schicken wird.
  • Dass der Sinn unseres Lebens auf der Erde ungeachtet leidvoller Erfahrungen darin besteht, vorgesehene Lernschritte zu vollziehen.
  • Und dass wir selbst mit unserer begrenzten Willensfreiheit festlegen, wann und wie wir die mit diesen Lernerfahrungen einhergehende seelische Reifung vollziehen. Insoweit legen wir (nach meiner Vorstellung) selbst fest, ob und wie oft wir eine Wiedergeburt durchlaufen: „Wir ernten, was wir gesät haben“, aber nicht in Form einer strafenden Vergeltung von außen, sondern als implizite Tatfolge (→Karma-Prinzip) – die resultierenden positiven wie unerfreulichen Erfahrungen haben wir zu durchlaufen, bevor wir in die Zielgrade einmünden können. Allein dieser Vorgang des Nachvollziehens, Lernens und das Verinnerlichen der Folgen unserer eigenen Entscheidungen, Handlungen sowie Unterlassungen bewirkt die erstrebenswerte seelische Reife.

Mit dem Gewissen ist eine komplexe, weitreichende und zugleich erkennbar zielorientierte Beurteilungsinstanz in uns ‚eingepflanzt‘, die ihre Wirkung auch weit über die irdische Lebensspanne hinausgehend zu entfalten scheint. Dieser (sich gelegentlich zeitverzögert aktivierende) moralische Kompass für mich ein deutliches Indiz für die Existenz einer übergeordneten Entität („Gott“) zu sehen.
Möglicher Einwand: Bestimmte Persönlichkeitsstrukturen – etwa Politiker und Wirtschaftslenker mit machiavellistischem Selbstverständnis – scheinen bestes ohne solch ein Gewissen auszukommen bzw. gegen dessen Einflüsterungen immun. Vielleicht ist dies auch nur der äußere Anschein; etliche von Skrupeln und ethischen Bedenken unbelastete Personen entwickeln ein pathologisches Suchtverhalten, d.h. es findet offenbar eine Kompensation des verdrängten Schuldempfindens statt.

Ob es hilfreich ist, endlose spekulative Überlegungen über den Wesenskern dieser Entität anzustellen, obgleich unser Verstand und Bewusstsein dafür offensichtlich unzureichend ist, lasse ich offen.
Zu vage? Naja, es handelt sich um meine Überlegungen und Erwartungen – und nicht etwa um das nützliche Resultat einer Arbeit, die ich anderen abnehmen könnte.

Die Eingangsfrage, ob auch ein gefestigter Unglaube ein ‚Geschenk‘ sein könnte, relativiert sich m.E. auf Grundlage dargelegten Erwartungen: Entscheidend ist wohl, was wir aus dem machen, was uns in diesem Leben gegeben ist. Auch ein atheistisch ausgeprägter Humanismus vermag zu großartigen Leistungen zu motivieren, von denen andere Personen profitieren und nicht primär das eigene Ego. Das eigentliche Geschenk sind dabei eventuell die charakterliche Festigung sowie das jeweilige persönliche ‚Werkzeugset‘ als mittelbare Voraussetzungen zur Erbringung der eigentlichen ‚Früchte‘, an denen wir zu erkennen sind. Insoweit bin ich ein Freund von Lessings Ringparabel, obgleich Atheismus/Agnostizismus darin nicht vorkommen, jedenfalls nicht explizit.

Anmerkungen

  1. Vgl. ‚Gespräche mit Seth‘, Jane Roberts
  2. Intuition meint hier allerdings nicht ein spontan-unbeständiges ‚Bauchgefühl‘;  C. G. Jung verstand die Intuition als eine psychologische Funktion, die eine ‚Wahrnehmung‘ zukünftiger Entwicklungen mit all ihren Optionen und Potenzialen ermöglicht. Kein Vorauswissen, nicht einmal konkrete Vorahnung – sondern die empfindungsseitige Bestätigung, dass ein zuvor mit dem o.a. ‚Werkzeugset‘ erarbeitete Sichtweise stimmig sei.
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