Der Rattenfänger und die verschwundenen Kinder

ZDF- Dokumentation aus der Reihe „Botschaften aus der Wirklichkeit“
(Teil 3)

Der Rattenfänger von Hameln ist eine der bekanntesten deutschen Sagen. Sie wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Es wird geschätzt, dass mehr als eine Milliarde Menschen sie kennen; häufig gehört sie zum Schulunterrichtsstoff.
Am 26. Juni 1284 verschwanden in Hameln 130 Kinder auf mysteriöse Weise – dies ist als Tatsache historisch belegt, aber die Hintergründe
blieben im Dunkeln. Laut städtischer Chroniken habe ein „geheimnisvoller Mann im bunten Rock“ die Kinder aus der Stadt entführt.

Die Sage wurde im 17. Jahrhundert durch den Jesuiten Athanasius Kircher aufgegriffen und bekannt gemacht. Er war eigens nach Hameln gefahren, um sich historisch kundig zu machen. „Kircher hatte einen hohen Anteil an der Popularisierung. Seine Beschreibung des ‚Wunders‘ wurde oft zitiert, immer wieder neu aufgelegt, nacherzählt und übertragen“, schreibt Gesa Snell, die Leiterin des Museums Hameln.
Um 1816 nahmen die Brüder Grimm den Stoff schließlich in ihre Märchen-Sammlung auf.

Lithografie von 1902: „Gruss aus Hameln“

Welches reale Ereignis lag dem Exodus der Kinder zu Grunde?

Der Fremde gab sich als Rattenfänger aus und versprach, gegen Entgelt die Stadt von Ratten und Mäusen zu befreien. Tatsächlich lockte er einen riesigen Haufen der unerwünschten Nager an die Weser – allein mit den Tönen seiner Flöte. Die Tiere stürzten sich ins Wasser und ertranken. Von der lästigen Plage befreit, verweigerten die Verantwortlichen jedoch den vereinbarten Lohn. Zornig verschwand der Spielmann, kehrte aber bald darauf zurück – mit rotem Hut und in der Kleidung eines Jägers. Als er seine betörenden Klänge in den Gassen hören ließ, sammelten sich viele Kinder um ihn. Nach Aussagen von Augenzeugen führte er sie aus den Mauern hinaus in die Felder und dann direkt in einen Berg. Dort verlor sich ihre Spur. Boten, die ausgesandt wurden, um die Verschollenen aufzuspüren, kehrten ohne Ergebnis zurück.

Gerüchten zufolge soll die Schar in eine Höhle marschiert und in Siebenbürgen wieder herausgekommen sein.
Machte der vermeintliche Rattenfänger in Wahrheit Propaganda für die Besiedlung neuer Gebiete und suchte Freiwillige? Wissenschaftler erklären den sagenhaften Auszug mit dem großen Treck nach Osten, der im 13. Jahrhundert für viele Menschen in den Städten wie ein Rettungsanker winkte. Im Auftrag des Deutschen Ritterordens zogen professionelle, bunt gekleidete Werber („Lokatoren“) durchs Land – meist in Begleitung von Trommlern oder Pfeifern – um Siedler für die Kolonisation der weiten, unbebauten Flächen im Osten zu gewinnen.
Eine weitere These basiert auf der Mutmaßung, die 130 Jugendlichen seien der Pest zum Opfer gefallen, die im Mittelalter einen Großteil der Bevölkerung dahinraffte. Während einer Epidemie konnten durchaus Menschen „verschwinden“. Niemand sprach über die tödliche Krankheit, denn dem Aberglauben nach suchte die Seuche jeden heim, sobald er sie beim Namen genannt hatte.

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