„Gott straft aus Liebe“

Bischof Andreas Laun zur Loveparade 2010 in Duisburg

Ein längeres Statement des Bischofs auf Online-Portal Kath.net mit der Betitelung „Die Sünde und die Strafe Gottes“ berührte mich wirklich unangenehm:
Der Salzburger Weihbischof Andreas Laun drückte in seiner Kolumne „Klartext“ seine Erschütterung über das Unglück von Duisburg und sein Mitleid mit den 21 Todesopfern aus.
Auch stellte er klar, man solle nicht über Verstorbene urteilen und ihren Tod als ‚gerechte Strafe Gottes‘ bezeichnen – niemand von uns sei frei von Schuld. So weit, so gut.

Doch das das Ereignis gebe „Anlass weiterzudenken“:

„Das Mitleid mit den Opfern ist eine Sache, eine andere die Feststellung: „Love – Parade“ und Teilnahme an ihnen sind, abgesehen von ihrem abstoßenden Erscheinungsbild, objektiv eine Art Aufstand gegen die Schöpfung und gegen die Ordnung Gottes, sind Sünde und Einladung zur Sünde! Sie dürfen nicht schöngeredet werden als „harmloses Feiern“ netter junger Menschen!

Dazu kommt: So falsch die konkrete, moralische Verurteilung der Toten ist und bleibt, wäre es doch auch höchste Zeit zu fragen, warum viele Menschen heute auf den Begriff „Strafe“ wie von der Tarantel gebissen reagieren. […]
Was aber die Loveparade betrifft und den Gedanken, das Unglück mit „Strafe Gottes“ in Verbindung zu bringen, empfindet man als empörend, weil und wenn man denkt: „Sünde? Wer? Wir doch nicht, wir amüsieren uns, wie wir wollen! Gott soll sich unterstehen, einen solchen Gott gibt es nicht!

Mit anderen Worten: Man weigert sich anzuerkennen, dass die Loveparade, abgesehen von ihrem krankhaften Erscheinungsbild, auch mit Sünde zu tun haben könnte und darum, folgerichtig, auch mit dem richtenden und strafenden Gott!“

Gottes Strafe diene nicht der Befriedigung eines hässlichen, grausamen Rachegelüstes, sondern: Gott strafe in der Absicht, den Menschen zurück zu holen, also aus Liebe!
In einem Punkt liegt Bischof Laun ganz richtig: Solche Äußerungen polarisieren gewaltig; sie bringen viele Menschen auf die Palme und verletzen die Gefühle von Angehörigen der Opfer.

Auch auf der Sachebene lassen sich die Worte des Bischofs hinterfragen:

Worin besteht dieser ‚Aufstand gegen die Schöpfung Gottes‘ genau? Vielleicht schon in der Teilnahme an einem solchen Event? Ich habe, vor etwa 20 Jahren, eine Loveparade in Berlin besucht – und daher Grund zu der Annahme, längst nicht jeder Besucher beabsichtigt, eine große Anzahl Unbekannter zu begatten bzw. sich begatten zu lassen, dabei illegale Drogen zu konsumieren oder sich mit legalen Substanzen an die Grenze der Zurechnungsfähigkeit zu bringen. Dergleichen kommt zwar vor und ist durchaus als bedenklich zu erachten, doch es ist nicht der Regelfall.
Worin also besteht die Sünde derer, die eine Loveparade besuchen – allein in der Verletzung des ästhetischen und sittlichen Empfinden einzelner Kirchenmanager?

Situations- und tatangemessene ‚Strafen‘ (im Sinne von Sanktionierung, in Deutschland lt. Strafgesetzgebung) sind ein bedingt notwendiges Übel in menschlichen Gemeinschaften, wenngleich sie in sehr unterschiedlicher Form und Legitimierung zustande kommen. Es handelt sich aber zugleich um einen von Menschen geprägten Begriff.

Die Befürwortung von Gott verhängter Strafen durch den Theologen Laun nahm ich mit Bedauern zur Kenntnis: Wie leicht tappen Menschen trotz Aufklärung und Moderne in die Falle, unsere Begriffe von Moral, Gerechtigkeit und Strafe auf Gott zu projizieren. Diese Projektion gipfelt in Momenten der Bestürzung in dem ratlosen, unzureichenden Erklärungsversuch ‚Gott straft, wen er liebt‚.
Impliziert eine solche Argumentation nicht den Fehler, von veralteten elterlichem Erziehungsverhalten auf Gott zu schließen?

Auf die Frage, inwieweit allein Besuch dieser Veranstaltung als Sünde vor Gott zu erachten sei, möchte ich nicht konkret eingehen. An solchen Spekulationen beteilige ich mich nicht.

Weitere Aussagen des Bischofs:

  • „Nun kann man zwar manchmal sogar von katholischen Theologen hören, dass Gott nicht strafe, nur ist das nicht katholisch! Denn in der Bibel steht es anders, nicht nur einmal!“

Ohne zu übersehen, dass der bischöfliche Text in einem pro-katholischen Medium publiziert wurde, drängt sich ein wesentlicher Umstand auf:

Es ist mindestens zulässig, auch Überzeugung zu vertreten, die ’nicht katholisch‘ sind – etwa in folgendem Sinne: Gott ist die unendliche Liebe und straft niemals. Und doch hat unser Handeln früher oder später unangenehme Konsequenzen, wenn wir gegen das Liebesgebot Gottes handeln… (Prinzip der Kausalität).

Würde man sich mit einer solchen Haltung bereits dem normativen Inhalt der katholischen Dogmen und Lehren entziehen – die sich m.E. sehr weit von der Liebe Gottes (und vom Text der Bibel sowieso) entfernt haben?

  • „Kann man einen nicht strafenden Gott glauben, an einen, der keinen Unterschied macht zwischen Opfer und Täter?“

Ja man kann. Denn Kategorien wie Opfer und Täter stammen von uns Menschen – die wir alle in unserem Leben sowohl Opfer als auch Täter sein werden.

Wir sind dennoch gut beraten, uns immer wieder um ‚richtiges‘ Verhalten zu bemühen – aus Einsicht und im Bewusstsein der (beinahe ‚automatisch‘ entstehenden) Konsequenzen unserer Handlungen. Reicht unser Gewissen tatsächlich einmal nicht aus, um zu erkennen was gut und ‚richtig‘ ist, stehen uns das Gebot der Nächstenliebe, die 10 Gebote und nicht zuletzt auch die Bergpredigt zur Verfügung.

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