Inflation der Heiligen?

Im Christentum darf allgemein nur einer angebetet werden: Gott, in seinen drei Erscheinungsformen ‚Vater, Christus, Heiliger Geist‘. So seht es sieht auch die römisch-katholische Tradition vor, was sie freilich nicht daran hindert, wein rasch wachsendes Heer von ‚Heiligen‘ zur Verfügung zu stellen, die man zwar nicht anbeten solle, aber durchaus  ‚anrufen und verehren‘ dürfe.

Heiligenverehrung in der katholischen und der orthodoxen Kirche ist die „feierliche Ehrung einer Person und dadurch die Verherrlichung Gottes selbst, der die „heilige“ Person (nach seinem Ebenbild) erschaffen, in Gnade angenommen, mit Charismen reich beschenkt und nach Ablauf ihres irdischen Lebens bei sich vollendet hat“, wie das Direktorium über die Volksfrömmigkeit 2001 erklärt hat. Die Verehrung der Gnade Gottes, die in den Heiligen verwirklicht gesehen wird, äußere sich in respektvoller Verneigung vor einem Heiligenbild oder einer Reliquie, normalerweise verbunden mit dem Kreuzzeichen. Auch ein Kuss der Ikone oder Reliquie komme in Betracht (…das Küssen von Leichenteilen als ganz normaler religiöse Handlung?). Eine ausdrückliche Verpflichtung zur Heiligenverehrung gibt es in der katholischen Kirche nicht, wenngleich Gemeinschaft der Heiligen von Christen im apostolischen Glaubensbekenntnis(1) bezeugt wird: „[Ich glaube] an den Heiligen Geist, die heilige katholische (allgemeine) Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden…“

Vorsorglich wird die Heiligenverehrung zumindest in der Theorie katholischer Lehrtradition einer Abgrenzung unterzogen, damit nicht der Eindruck einer Anbetung von Neben- oder Ersatzgöttern (→ Polytheismus) entstehe: unterschieden wird zwischen „Anbetung“, „Verehrung“ und  und „Anrufung um Fürbitte“. Danach habe die Anrufung von Heiligen ausschließlich den Charakter einer Anrufung um eine Fürbitte, die sich letztlich an einen Gott richte: Die Heiligen selbst würden zwar verehrt, aber nicht angebetet. Dies gelte auch für die „Gottesgebärerin Maria“.

Allerdings ersucht das über diese Differenzierung weniger gut unterrichtete Kirchenvolk unmittelbar den hl. Christophorus als Patron der Reisenden um dessen Schutz auf allen Wegstrecken. Der Unterschied der Anrufung „Hl. Christophorus, beschütze mich auf meinem Wege…“ zu einem ‚richtigen‘ Gebet ist weder hörbar noch in den Gedanken/Wünschen des Anrufenden zu erkennen. Gläubige führen bis heute Bilder des Schutzpatrons im Fahrzeug mit (wo ist da noch ein Unterschied zu einem als heidnisch verschrienen Amulett?). In St. Christophen (Niederösterreich) wurde 1928 erstmals in Österreich ein Fahrzeug gesegnet.
Mit der Fahrzeugsegnung werden in der katholischen und orthodoxen Kirche sämtliche Typen von Fahrzeugen gesegnet, um für ihren Gebrauch Schutz und Heil zu erbitten: Gesegnet werden neben PKWs auch Schiffe, Flugzeuge, Eisenbahnen und, Motorräder und Fahrräder. Bei der Segnung können die Fahrzeuge auch einem Schutzpatron wie dem o.a. Christophorus unterstellt werden.

Der heilige Christophorus (Teil des Flügelaltars Die Perle von Brabant)

Bei Betrachtung der regional anzutreffenden Heiligen-Kulte, getragen von tiefer Volksfrömmigkeit, aber durchaus unterstützt und gefördert von den lokalen Geistlichkeit zeigt sich dennoch ein auffällges Phänomen: Katholisch Glaubende in aller Welt wollen ihre Heiligen – sowie wie die makabre Reliquienverehrung (schmuck verpackte Leichenteile von eben solchen Heiligen, idealerweise von „Märtyrern“) zur Stärkung ihres Glaubens keinesfalls missen.

Dokumentation: „Knochen, Kleider, Kreuzessplitter – Das Geschäft mit den Reliquien“


Relikte aus früheren Zeiten, nun erkennbar auf dem Rückzug? Bestimmt nicht, denn unter Papst Johannes Paul II. wurden mehr Menschen selig und heilig gesprochen als unter allen anderen Päpsten zusammen.

Bis 1978 wurden 302 Heiligsprechungen vorgenommen, dann kam Johannes Paul II. Während seines Pontifikats von 1978 bis 2005 waren „482 Wunder für Heilige und 1338 Wunder durch Selige vonnöten“ (vgl. Kaube, s.u.). Anschließend fuhr Papst Benedikt XVI damit fort, Heilig- und Seligsprechungen beinahe wie im Akkord vorzunehmen.

Inflation der Heiligen?

Theresa A. Reischl geht in ihrer gleichnamigen Dissertation dieser Frage nach und untersucht die Entwicklungen sowie die Funktion der Verehrung von ‚Heiligen‘ bis heute. Dabei suche sie nach „einer anthropologischen, psychologischen, exegetischen und historischen Hinführung und Einleitung die aktuellen Formen der Heiligenverehrung“ in ihrem Heimatbistum München und Freising, wobei sie sich auf das Stadtgebiet und die Region München beschränkte.(→ ‚Inflation der Heiligen‚, PDF)

Die Untersuchungsergebnisse führen zu einem praktisch-theologischen und katechetischen Abschlußkapitel, in welchem die Autorin verschiedene Möglichkeiten und Beispiele aufzeigt, wie in einer zeitgemäßen Form Heilige für die Pastoral genutzt werden können.“

Von besonderem Interesse ist dabei der Abschnitt „Entwicklung der Heiligenverehrung – eine Funktionsanalyse“ (ab S. 78).
Reischl schildert dort, wie die Geschichte der christlichen Heiligenverehrung mit dem beginnenden Märtyrerkult einsetzte, dessen Wurzeln wohl im Judentum lagen. Der Märtyrer setze sein Leben für seine religiöse Überzeugung ein und zeige so, welchen hohen Wert er ihr beimisst.
Der ausdrückliche Wunsch religiöser Menschen, für ihren Glauben gefoltert zu werden und zu zu sterben, mag heute schwer nachvollziehbar sein; er ist untrennbar damit verbunden, einer verfolgten Minderheit anzugehören und für deren Glaubensauffassung eintreten zu wollen. Das bis heute genutzte Vermarktungspotenzial solcher Idole und ihrer sterblichen Überreste trifft bei Nichtkatholiken überwiegend auf Unverständnis.

Reischls Arbeit mag die Intention verfolgen, über die Hintergründe katholische Heiligenverehrung zu informieren und so ein relatives Verständnis für die zu entwickeln. Ob letzteres gelingen kann, erscheint indessen fraglich.
Die Autorin jedenfalls findet ihre Ausgangsthese durch ihre Untersuchung bestätigt: ‚Heilige‘ könnten auch heute noch Bestandteil einer Spiritualität sein. Sie beobachte in diesem Kontext eine „riesige Resonanz“ und die Befriedigung eines bestehenden „Bedürfnisses nach Kontinuität und Vorbildgestalten“.
Für das gewählte Untersuchungsgebiet – das Bistum München mit seinen 657 bayrischen Pfarreien – mag dies wohl zutreffen. Wie wäre die bundesweite Resonanz wohl ausgefallen?

Die mit der Überschrift ‚Inflation der Heiligen‘ angedeutete Themenwahl scheint allerdings mir etwas zu kurz zu kommen.

Nachtrag – „Wissen kann es keiner, höchstens glauben – Maria erscheint in Sievernich“:

Diesbezüglich gemachte ‚profane‘ Beobachtungen wurden von Jürgen Kaube im Feuilleton der F.A.Z. vom 23.4.2011 mit dem Artikel „Wunderforschung -die Produktion von Heiligen läuft auf Hochtouren“ vorgestellt. Darin spart er nicht mit Kritik:

„Mehr als achtzig Prozent aller Heiligen sind im 20. Jahrhundert anerkannt worden: Jetzt sucht die Forschung Antworten auf die Frage, ob es eine Inflation von Heiligen analog zur Versorgung der Wirtschaft mit immer mehr Geld gibt.“

„Wer Wunder jedenfalls braucht, ist die Bürokratie des Vatikans.“

„Was Gott bewegt hat, gerade in diesem Zeitabschnitt und in diesen Regionen mit Wundern nicht zu geizen, darüber kann nur spekuliert werden.

Ob Kaubes ironische Anmerkungen stets angemessen sind, sei dahin gestellt. Fragwürdig erscheint indessen auch die Intensivierung des konfessionellen Marketings durch die Katholenzentrale im Vatikan, um mit einer Flut von neuen Heiligen die Schäflein doch noch bei der Stange zu halten. Auch mit sog. Marienerscheinungen setzt sich Kaube auseinander:

„…wo so treuherzig geglaubt und weitherzig gedacht wird, sind Wunder wahrscheinlich und inflationsgeschützt. Sogar in einem Garten des Eifelortes Sievernich soll Maria im Jahr 2003 im Rasen Spuren hinterlassen haben, die, wie es heißt, trotz zweimaligen Mähens nicht verschwanden…

Unglaublich? Nö, ganz und gar nicht …die Rasenspuren interessierten mich dann doch und dank Suchmaschine finden sich rasch detaillierte Angaben: Der „Seherin von Sievernich“ erscheine seit einigen Jahren die Muttergottes; bei jeder dieser Erscheinungen in der Kirche von Sievernich sei zudem eine Reihe von namentlich benannten Heiligen bzw. Seligen anwesend (In der linken vorderen Kirchenbank kniend) gewesen. Obgleich im katholischen Glauben erzogen, würde ich selbst nicht einen von ihnen erkannt haben. Die persönlich-subjektiven Erlebnisse einer frommen Katholikin und sog. Privatoffenbarungen sollten ‚Ungläubige‘ m.E. nicht mit Attributen wie „theatralisch“ ins Lächerliche ziehen;  Kritik am resultierenden touristischen und medialen Rummel samt Devotionalien-Handel muss dann schon erlaubt sein. Und bei werbewirksamen Heilungsversprechen, welche unberechtigte Erwartungen an Wunderheilungen weckten, hört der Spaß ganz auf.
Auch die konkreten Wünsche der Gottesmutter für bauliche Veränderungen sind erstaunlich: gefordert habe sie einen Immaculata-Brunnen zur Linderung der Leiden. In Sievernich solle zudem ein Geistliches Zentrum entstehen…

Konfusion entsteht allerdings hinsichtlich einzelner Aussagen der Erschienenen: „Am 4. April 2005 erlebte die Visionärin wieder eine Erscheinung der Gottesmutter (“sie stand barfuß auf einer Wolke”)  –  Manuela befand sich hierbei in der Kirchenbank. Dabei soll die Himmelsmutter ihr wörtlich Folgendes gesagt haben: ‚Das Wort ist Fleisch geworden. Dies sei der Festtag dieses Ortes. Meinen lieben Sohn werde ich bald zu mir in den Himmel nehmen. Er wird euer Fürsprecher sein.'“ (Quelle:„‚Botschaften des Himmels‘ an die Seherin Manuela?„)
Dem theologischen Lehrgebäude der RKK entspricht dies jedenfalls nicht; es wird vielmehr auf den Kopf gestellt: Hat den Mariendogmen zufolge nicht Gott die Muttergottes in den Himmel auffahren lassen, also zu sich geholt?

Anmerkung

  1. Vollständiger Text des Apostolischen Glaubensbekenntnisses (Quelle)
Lateinisch Deutsch (ökumenische Fassung)

Credo in Deum,
Patrem omnipotentem,
Creatorem caeli et terrae.

Et in Iesum Christum,
Filium eius unicum, Dominum nostrum:
qui conceptus est de Spiritu Sancto,
natus ex Maria Virgine,
passus sub Pontio Pilato,
crucifixus, mortuus, et sepultus,
descendit ad inferos:
tertia die resurrexit a mortuis;
ascendit ad caelos;
sedet ad dexteram Dei
Patris omnipotentis:
inde venturus est
iudicare vivos et mortuos.

Credo in Spiritum Sanctum,
sanctam Ecclesiam catholicam,
Sanctorum communionem,
remissionem peccatorum,
carnis resurrectionem,
vitam aeternam.
Amen.

Textfassung aus dem Missale Romanum von 1970.

Ich glaube an Gott,
den Vater, den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde.

Und an Jesus Christus,
seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren in den Himmel;
er sitzt zur Rechten Gottes,
des allmächtigen Vaters;
von dort wird er kommen,
zu richten die Lebenden und die Toten.

Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige katholische Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden,
Auferstehung der Toten und das ewige Leben.
Amen.

Übersetzung, die am 15./16. Dezember 1970 von der Arbeitsgemeinschaft für liturgische Texte der Kirchen des deutschen Sprachgebietes verabschiedet wurde.

Die Passage „Ich glaube an … die heilige katholische Kirche“ (von griechisch katholikos ‚allgemein‘, ‚weltumspannend‘ oder ‚universal‘) wird in evangelischen Kirchen im Sinne einer Konfessionsbezeichnung  vermieden und durch Formulierungen wie „christliche/ allgemeine Kirche“ oder „allgemeine christliche Kirche“  ersetzt.

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