Das Kindheitsevangelium (Jesu) nach Thomas

Das Kindheitsevangelium nach Thomas ist eine apokryphe Schrift, die sich in fast allen Apokryphensammlungen findet. Es ist nicht identisch mit dem bekannteren Thomasevangelium. Es wurde vermutlich Ende des 2. Jahrhunderts von einem Autor verfasst, der sich selber als „Thomas der Israelit“ bezeichnet. Damit ist dieses Werk deutlich jünger als die kanonischen Evangelien.
Nach dem Kindheitsevangelium war Jesus nicht erst seit seinem Auszug in die Wüste, sondern schon sehr früh zu wundersamem Wirken fähig. Die Schrift berichtet vor allem von Heilungen durch das Kind Jesus. Sie berichtet aber auch von wertneutralen Wundern und sogar von destruktiven Taten des jungen Jesus.

Einordnung (Auszug aus ‘Die Apokryphen’ v. Erich Weidinger)

“Der Jesusknabe wird als übermütiges Wunderkind gezeigt. Er ist vergleichbar mit Götterknaben indischer Tradition, denn Parallelen zu Krishna- und Buddhalegenden sind offensichtlich. Es ist nicht die geringste Ähnlichkeit mit dem Geist des NT zu finden, das bei allem immer das Heil der Menschen im Blick hat.
Der Sammler scheint sich bei seinen Auswahlkriterien hauptsächlich an der Auffälligkeit der Geschichten orientiert zu haben. Sie haben wohl um so eher Aufnahme gefunden, je aufsehenerregender und erstaunlicher sie waren. Immerhin aber gibt es eine formale Übereinstimmung mit den neutestamentlichen Wunderberichten. Die Wunder, die Jesus später vollbringen wird, sind augenfällig vorweggenommen. Gleich am Anfang (2,1) spielt Jesus an einer Furt und reinigt das Wasser. […]

Wenn Jesus im NT einen Feigenbaum verdorren lässt (Mk 11,12-14; Mt 21,18-21; Lk 13,6-9), so ist das in symbolisch-lehrhafter Handlung Sinnbild des unfruchtbaren Israel. Im Thomasevangelium lässt der Jesusknabe einen Jungen verdorren, so wie ein Baum verdorrt. Die äußerliche Übereinstimmung liegt auf der Hand, doch ist es hier keineswegs eine Symbolhandlung, sondern eine unbeherrschte Reaktion eines gefühllosen Götterknabens. Es scheint weiterhin ein gewisser gnostischer Einfluss erkennbar zu sein. Jesu wiederholte Auftritte vor Lehrern zeigen ihn als einen, der bereits die volle Weisheit des Alters besitzt. Es ist also nicht mehr nötig, dass er zunehme an Weisheit, wie es bei Lukas heißt (Lk 2,52). Die wirkliche Menschheit Christi wird dadurch in Frage gestellt, wie es in der gnostischen Richtung des Doketismus der Fall war. Bei der allegorischen Auslegung des Alphabets (6,4) aber wird der Jesusknabe vollends zum gnostischen Offenbarer.

Trotzdem aber hat sich das Thomasevangelium [gemeint ist das Kindheitsevangelium, nicht zu verwechseln mit dem Evangelium des Jüngers namens Thomas] immer größter Beliebtheit erfreut, was sich schon darin zeigt, dass es in viele Sprachen übersetzt wurde. Es muss zugestanden werden, dass viele Szenen, die den kindlichen Alltag beschreiben, nicht eines gewissen Reizes entbehren.”

Heutzutage erfreut sich diese Sammlung von Kindheitserzälungen aus dem Leben Jesu auch in esoterischen Kreisen besonderer Beliebtheit und wird dort gerne als Beleg für die Auffassung angeführt, dass Gedanken in der Lage seien, die materielle Realität unmittelbar zu beeinflussen und zu gestalten.

Weitere Kindheitsevangelien

Neben dem Protevangelium des Jakobus und dem Kindheitsevangelium nach Thomas haben sich später weitere Evangelien gebildet, indem die beiden älteren Quellen miteinander verknüpft wurden – es wurden andere Geschichten “hinzuerfunden” oder aber dogmatisch Anstößiges wurde entfernt.
Bemerkenswert sei, so Weidinger, dass sich derartige schriftstellerische Tätigkeiten nicht auf das Altertum und das Mittelalter beschränkten. So habe in unserem Jahrhundert ein gewisser Catull Mendes einen lateinischen Text samt französischer Übersetzung herausgegeben, der das Leben Jesu beschreibt. Im Gegensatz zu den alten Texten, die eigentlich nur Sammlungen von vorhandenen Erzählungen sind, handele es sich hier allerdings um bewusste Fälschungen. Auch in Deutschland wurde ein Brief herausgegeben, der sogenannte ‚Benanbrief‚, der angeblich von einem ägyptischen Arzt Benan aus der Zeit Domitians verfasst wurde. Darin wird behauptet, Jesus sei von ägyptischen Astronomen erzogen und in deren Geheimwissen eingeweiht worden.

Textquelle: Kindheitserzählung des Thomas

Vorwort

So will ich euch denn, ich Thomas der Israelit, allen den Brüdern aus den Heiden Kunde bringen von den wunderbaren Jugendtaten unseres Herrn Jesus Christus, die er vollbracht hat nach seiner Geburt in unserem Lande. So nahm es seinen Anfang.

Die Sperlinge aus Lehm

1 Das Knäblein Jesus, als es fünfjährig geworden war, spielte einst an der Furt eines Baches und leitete die dahinfließenden schmutzigen Wasser seitwärts in Gruben zusammen und machte sie sogleich klar, und zwar durchs Wort allein gebot er über sie. 2 Und er machte aus Erde und Wasser einen schlammigen Lehmteig und formte daraus zwölf Sperlinge. Und es war Sabbat, als er das tat. Es waren aber noch viele andere Kinder mit ihm zusammen beim Spiel. 3 Es sah aber ein Jude, was Jesus da beim Spielen am Sabbat tat, und ging spornstreichs hin und meldete seinem Vater Joseph: > Siehe, dein Knäblein steht da am Bach und hat Lehm genommen und zwölf Vöglein draus geformt und mit dieser Arbeit den Sabbat entweiht.< 4 Und Joseph kam an den Platz, sah’s und schrie ihn an: > Warum tust du am Sabbat solche Dinge, die zu tun doch nicht erlaubt ist?< Jesus aber klatschte in seine Hände und rief den Sperlingen zu und sagte ihnen: > Auf ! Davon!<Und die Sperlinge schlugen mit den Flügeln und machten sich schreiend davon. 5 Als aber die Juden das sahen, da erschraken sie und gingen hin und erzählten ihren Oberen, was sie Jesus hatten tun sehen.

Die Bestrafung des Störenfrieds

1 Der Sohn aber des Schriftgelehrten Hannas stand dort zusammen mit Joseph. Der nahm einen Weidenzweig und ließ, indem er mit dem Zweig einen Abflußkanal bohrte, die Wasser wieder auslaufen, die Jesus in Gruben gesammelt hatte. 2 Als aber Jesus sah, was da geschah, wurde er böse und sagte zu ihm: > Du gottloser und unvernünftiger Schlingel! Was haben dir denn die Gruben und die Wasser zuleide getan, daß du sie austrocknen läßt? Siehe, jetzt sollst auch du wie ein Baum, wenn er ohne Wasser ist, austrocknen und sollst weder Blätter noch Wurzel noch Frucht tragen!< 3 Und sogleich verdorrte jener Knabe ganz und gar. Jesus aber zog sich zurück und ging heim in das Haus Josephs. Die Eltern des Verdorrten aber trugen ihn fort, voll Wehklagens über seine Jugend, daß sein Leben schon so früh zerstört worden war, und brachten ihn zu Joseph und schuldigten ihn an: > Einen solchen Sohn hast du, der derartiges tut!<

Ein Zusammenstoß und seine Folgen

1 Danach ging er Jesus wieder einmal durch das Dorf, und ein Kind, das vorbei lief, stieß ihn an die Schulter. Und Jesus wurde erbittert und sagte zu ihm: > Du sollst deinen Weg nicht weitergehen!< Und alsbald fiel es hin und verstarb. Einige aber, die sahen, was da geschah, sagten: > Woher stammt nur dieser Knabe? Jedes Wort, das er spricht, ist ja fertige Tat.< 2 Und die Eltern des Gestorbenen suchten Joseph auf und beklagten sich mit den Worten: > Mit einem solchen Knaben kannst du nicht mit uns zusammen im Dorfe wohnen. Oder bring ihm bei, daß er segnen soll und nicht fluchen! Er läßt unsere Kinder ja sterben!< 5,1 Und Joseph rief den Knaben heran auf die Seite und wies ihn zurecht und sagte: > Warum tust du eigentlich derartige Dinge? Die Leute hier haben darunter zu leiden und bekommen einen Haß auf uns und jagen uns noch davon.< Jesus aber sagte: > Ich weiß zwar genau, daß diese deine Worte nicht deine sondern dir nur eingeflüstert sind.

Trotzdem will ich dazu schweigen mit Rücksicht auf dich. Jene aber werden ihre Strafe davontragen.< Und sogleich wurden die, die Anschuldigungen gegen ihn vorgebracht hatten, blind. Und die, dies sahen, erschraken gewaltig und waren ratlos und sagten von ihm: »Jedes Wort, das er gesprochen hat, ob gut oder böse, war sogleich Tat und war zum Staunen. « Und als er sah, daß Jesus das getan hatte, erhob sich Joseph und nahm ihn beim Ohr und zog ihn ordentlich daran. 3 Der Knabe aber wurde unwillig und sagte zu ihm: »Es muß für dich genug sein, es ist dein Los, das nicht zu ändern ist, zu suchen und trotzdem nicht zu finden, ohne Verständnis zu bleiben. Ganz besonders unklug hast du da gehandelt! Weißt du nicht, daß ich dein bin und zu dir gehöre? So mach mir keinen Kummer!«

Beim Schulmeister Zakchäus

1 Ein Schulmeister aber mit Namen Zakchäus stand an einem Platz in der Nähe und hörte Jesus das zu seinem Vater sagen, und er wunderte sich über die Maßen, daß er, obwohl er ein kleines Kind war, derartiges äußerte. 2 Und wenige Tage später näherte er sich Joseph und sagte zu ihm: > Du hast da ein gescheites Kind; es hat Verstand. Wohlan, übergib es mir, damit es die Buchstaben lernt! Ich will es samt den Buchstaben alle Wissenschaft lehren und es überdies lehren daß man die alten Leute zu grüßen und sie zu ehren hat wie Großväter und Väter und daß man den Gleichaltrigen mit Liebe begegnen soll.< 3 Und er sagte ihm alle Buchstaben auf vom A bis zum O ganz eindringlich und genau. Er aber, Jesus, sah den Schulmeister Zakchäus an und sagte zu ihm: > Wo du nicht einmal das A seinem Wesen nach kennst, wie willst du da andere das B lehren? Du Heuchler! Lehre zuerst, wenn du’s weißt, das A, und dann wollen wir dir auch glauben, wenn’s um das B geht.< Darauf fing er an, den Lehrer wegen des ersten Buchstabens auszufragen, aber der war nicht imstande, ihm eine Antwort zu geben.

4 Während viele zuhörten, sagte das Kind zu Zakchäus: »Vernimm, Lehrer, den Aufbau des ersten Schriftzeichens, und achte hier darauf,wie es zwei gerade Linien hat und einen Mittelstrich, der die verbundenen zusammenlaufenden geraden Linien, die du siehst, schneidet, wie diese Linien zusammenlaufen, die Spitze die Führung übernimmt und wiederum einen Kopf bildet, wie es drei Zeichen sind, gleicher Art, Ausgang und Grundlage bildend, gleichen Maßes. Da hast du die Linien des A.< 7,1 Als der Lehrer Zakchäus den Knaben die so zahlreichen und gewichtigen allegorischen Bedeutungen des ersten Buchstabens darlegen hörte, da war er ratlos, was er zu solcher Verteidigung und Lehre, wie er sie vorbrachte, sagen sollte, und wandte sich an die Anwesenden: > O weh! Da bin ich in Verlegenheit gebracht worden, ich Unglückseliger, der ich mir selbst Schande zugefügt habe, indem ich dies Kind an mich heranzog! 2 Nimm es drum wieder fort, ich bitte dich, Bruder Joseph! Ich ertrage den Ernst seines Blickes nicht, und was er sagt, halte ich nicht ein einziges Mal mehr aus. Dieses Kind entstammt nicht der Erde. Das kann ja sogar Feuer bändigen. Am Ende ist es sogar schon vor Erschaffung der Welt erzeugt worden.

Welch Mutterleib es getragen, welch Mutterschoß es genährt hat, ich weiß es nicht. Ach, Freund, es setzt mir zu sehr zu, ich kann seinem Verstand nicht folgen. Ich habe mich selbst betrogen, ich dreimal Unglücklicher! Ich hatte mich darum bemüht, einen Schüler zu bekommen, und es hat sich gezeigt, daß ich einen Lehrer bekommen habe. 3 Ich halte mir, Freunde, die Schande vor, daß ich als alter Mann mich von einem Kinde habe besiegen lassen müssen. Ich habe nur noch ganz matt zu werden und zu sterben um dieses Knaben willen; denn ich kann in dieser Stunde ihm nicht ins Gesicht sehen. Und wenn alle Leute sagen, ich sei von einem kleinen Kinde besiegt worden, was habe ich da zu entgegnen und was soll ich, damit man meine Niederlage einigermaßen versteht, erzählen von dem, was er mir über die Linien des ersten Buchstabens gesagt hat? Ich verstehe es ja selbst nicht, Freunde; denn ich begreife weder Anfang noch Ende davon. 4 Daher also bitte ich dich, Bruder Joseph, bring ihn wieder fort in dein Haus! Er ist unbedingt etwas Großes, entweder ein Gott oder ein Engel oder was weiß ich, was ich sagen soll.<

8,1 Wie nun die Juden dem Zakchäus beruhigend zuredeten, da lachte der Knabe laut und sagte: > Jetzt soll nun Frucht tragen, was unfruchtbar ist, und sehen sollen, die blinden Herzens sind. Ich bin erschienen, von oben her, um sie die, die es verdienen, zu verfluchen und die anderen nach oben zu rufen, wie es mir der aufgetragen hat, der mich gesandt hat um euretwillen.< 2 Und wie der Knabe zu reden aufgehört hatte, da wurden sogleich alle gesund, die unter seinen Fluch gefallen waren, und keiner wagte von da ab, seinen Zorn zu erregen, weil Jesus sonst ihn verfluchen und er, der Verfluchte, ein Krüppel werden könnte.

Der Sturz vom Dach

1 Und einige Tage später spielte Jesus auf einem Dach auf dem Söller, und einer der Knaben, die mit ihm zusammen spielten, fiel vom Dach herunter und verstarb. Und die andern Knaben flohen, als sie’s sahen, und stehen blieb Jesus allein. 2 Da kamen die Eltern des Gestorbenen und beschuldigten ihn, er habe ihn hinunter geworfen. Und Jesus sagte: > Ich habe niemals ihn hinunter geworfen.< Jene aber wollten tätlich gegen ihn werden. 3 Da sprang Jesus vom Dach hinunter und stellte sich neben den Leichnam des Knaben und rief mit lauter Stimme und sprach: »Zenon! « – so hieß nämlich sein Name – »steh auf und sag mir: Habe ich dich hinunter geworfen?« Und alsbald stand er auf und sagte: > Nein, Herr, du hast mich nicht hinunter geworfen, vielmehr auferweckt.< Und als sie das sahen, entsetzten sie sich. Die Eltern des Knaben aber priesen Gott für das Zeichen, das geschehen war, und brachten Jesus ihre Huldigung dar.

Der junge Holzhacker

1 Wenige Tage danach spaltete ein junger Mann Holz im Winkel. Da fiel die Axt hin und zerspaltete ihm die ganze Fußfläche. Er verblutete und war nahe am Sterben. 2 Wie nun Unruhe und Auflauf entstand, da lief auch der kleine Jesus dorthin, und mit Gewalt bahnte er sich einen Weg durch die Menge. Und er faßte den getroffenen Fuß des Jünglings an, und sogleich war er geheilt. Er sprach aber zu dem Jüngling: >Steh jetzt auf! Spalte weiter das Holz und denk an mich!< Als die Menge sah, was geschehen war, da huldigte sie dem Knaben und sagte: »Ganz gewiß wohnt Gottes Geist in diesem Knaben. «

Der zerbrochene Krug

1 Als er aber sechsjährig war, schickte ihn seine Mutter, um am Brunnen Wasser zu schöpfen und nach Hause zu bringen, nachdem sie ihm zuvor für diesen Zweck einen Wasserkrug gegeben hatte. In der Menge aber stieß er mit jemandem zusammen, der Wasserkrug ging entzwei. 2 Jesus aber faltete das Gewand, das er umgelegt hatte, auseinander und füllte es mit Wasser und brachte es seiner Mutter. Als seine Mutter aber das Zeichen sah, das geschehen war, da küßte sie ihn, und sie bewahrte die Geheimnisse, die sie ihn tun sah.

Die wunderbare Ernte

1 Ein andermal aber zur Zeit der Aussaat zog der Knabe mit seinem Vater aufs Feld, weil er, der Vater, Weizen auf ihr Land säen wollte. Und während der Vater beim Säen war, säte auch der kleine Jesus, und zwar nur ein einziges Weizenkorn. 2 Und als er ans Ernten ging und den Ertrag zur Tenne brachte, da kam er auf einhundert Malter, und er rief alle Armen des Dorfes zur Tenne und schenkte ihnen den Weizen, und Joseph trug heim, was vom Weizen übriggeblieben war. Er war aber acht Jahre, als er dies Zeichen tat.

In der Werkstatt des Vaters

1 Sein Vater aber war Zimmermann, und er machte in jener Zeit in der Regel nur Pflüge und Joche. Da wurde ihm ein Bett von einem reichen Mann in Auftrag gegeben, er solle es für ihn anfertigen. Weil aber das eine Seitenbrett kürzer war als das, was man das parallele Seitenbrett nennt, und als Meister und Gehilfe nicht wußten, was sie machen sollten, da sagte der kleine Jesus zu seinem Vater Joseph: > Legdie beiden Hölzer auf den Boden unten hin und mach sie vom Mittelteil an gleich!« 2 Und Joseph tat, wie der Knabe ihm gesagt hatte. Jesus aber stellte sich von der anderen Seite her hin und faßte das kürzere Holz, und durch Strecken machte er es dem anderen gleich. Und sein Vater Joseph sah’s und staunte, und er umarmte den Knaben und küßte ihn und sagte: > Glücklich zu preisen bin ich, daß Gott mir dieses Kind geschenkt hat!<

Der zornige Lehrer

1 Als aber Joseph den Verstand des Knaben sah und sein Alter, daß er gereift war, wurde er sich erneut schlüssig, er solle der Buchstaben nicht unkundig bleiben, und brachte ihn hin und übergab ihn einem anderen Lehrer. Der Lehrer sagte aber zu Joseph: > Zuerst will ich ihn die griechischen Buchstaben unterrichten, später die hebräischen.< Der Lehrer wußte nämlich schon vom Hörensagen von der Beschlagenheit des Knaben und hatte Angst vor ihm. Trotzdem schrieb er das Alphabet hin und traktierte es eine ganze lange Zeit, und Jesus gab ihm keine Antwort. 2 Dann aber sagte Jesus zu ihm: > Wenn du wirklich ein Lehrer bist und die Buchstaben gut kennst, dann nenne mir die Bedeutung des A, und ich will dir dann die des B sagen.< Da wurde der Lehrer böse und gab ihm einen Klaps auf den Kopf. Den Knaben schmerzte das, und er verfluchte ihn, und sogleich fiel er, der Lehrer, in Ohnmacht und schlug auf den Boden hin, gerade aufs Gesicht. 3 Der Knabe aber kehrte heim ins Haus Josephs. Joseph aber wurde bekümmert und trug seiner Mutter auf: >Daß du ihn nicht vor die Türe läßt! Denn die, die seinen Zorn erregen, sind des Todes.<

Der freundliche Lehrer

1 Nach einiger Zeit aber sagte wieder ein anderer Schulmeister, ein intimer Freund des Joseph, zu ihm: >Bring mir den Knaben in die Schule! Vielleicht bin ich imstande, ihn mit Freundlichkeit die Buchstaben zu lehren.< Und Joseph sagte: >Wenn du den Mut aufbringst, Bruder, dann nimm ihn mit dir!< Und er nahm ihn mit sich mit Angst und großer Sorge; der Knabe jedoch ging gern mit. 2 Und als er keck ohne jede Schüchternheit ins Lehrhaus eintrat, fand er ein Buch auf dem Lesepult liegen, und er nahm es, las aber nicht die Buchstaben, die drin waren, sondern tat seinen Mund auf und redete voll heiligen Geistes und lehrte die Umstehenden das Gesetz. Eine große Menge aber strömte zusammen, sie standen dabei und hörten ihm zu, und sie wunderten sich über die Schönheit seiner Lehre und die Wohlgesetztheit seiner Worte, daß er, obwohl er ein unmündiges Kind war, derartig sich äußerte. 3 Als aber Joseph das zu hören bekam, befiel ihn Angst, und er lief zum Lehrhaus und dachte nicht anders, es würde auch dieser Schulmeister sich als unkundig erweisen.

Es sagte aber der Schulmeister zu Joseph: >Damit du es weißt, Bruder: ich habe zwar den Knaben als Schüler übernommen; aber er ist großer Anmut und Weisheit voll und bedarf meines Unterrichtes gar nicht. Und so habe ich dich nur zu bitten, Bruder, nimm ihn wieder fort in dein Haus!< 4 Als der Knabe aber das hörte, lachte er ihm sogleich zu und sagte: > Weil du recht geredet und recht bezeugt hast, soll deinetwegen auch jener, der so schwer getroffen worden war, geheilt werden. < Und augenblicklich war der andere Schulmeister geheilt. Joseph aber nahm den Knaben mit sich und ging heim in sein Haus.

Heilung vom Natterbiß

1 Es schickte Joseph aber seinen Sohn Jakobus fort, um Holz auf dem Feld oder im Wald zu bündeln und in sein Haus zu tragen; zur Begleitung ging aber auch der kleine Jesus mit. Und wie Jakobus die Reiser zusammenlas, biß sich eine Natter an der Hand des Jakobus fest. 2 Und wie er hingestreckt dalag und vor Schmerzen verging, trat Jesus nahe herzu und blies auf den Biß, und sogleich hörte der Schmerz auf, und das Tier zerbarst, und augenblicklich blieb Jakobus gesund.

Auferweckung eines toten Kindes

1 Danach aber starb in der Nachbarschaft Josephs ein kleines Kind, das schon längere Zeit krank war, und es weinte seine Mutter gar sehr. Jesus aber hörte, daß ein großes Wehklagen und Lärmen begann, und lief eilends hin. Und er traf das Kindlein bereits tot an und rührte seine Brust an und sprach: > Ich sage dir, Kleines, stirb nicht, sondern lebe und sei mit deiner Mutter vereint!< Und sogleich blickte es auf und lachte. Er sagte aber zu der Frau: > Nimm’s und gib ihm Milch und denk an mich!< 2 Und als die Menge, die dabeistand, das sah, wunderte sie sich und sagte: »Ganz gewiß ist dieser Knabe entweder ein Gott oder ein Engel Gottes. Denn jedes Wort, das er spricht, ist fertige Tat. « Und Jesus zog von dort aus zum Spielen mit noch anderen Kindern.

Auferweckung eines toten Bauarbeiters

1 Nach einiger Zeit aber, als ein Hausbau aufgeführt wurde und an diesem Platz sich ein großes Getümmel ergab, stand Jesus irgendwo in der Nähe und ging dann, durch das Getümmel aufmerksam geworden, fort bis dorthin. Und er sah einen Menschen tot daliegen, faßte ihn bei der Hand und sprach: >Ich sage dir, Mensch, steh auf, tu deine Arbeit! < Und sogleich stand er auf und brachte ihm seine Huldigung dar. 2 Als aber die Menge das sah, wunderte sie sich und sagte: >Dieses Kind ist ein Himmelswesen. Denn viele Seelen rettet es vor dem Tode, und es hat die Gabe, zu retten sein ganzes Leben hindurch.<

Der zwölfjährige Jesus im Tempel

1 Als er aber zwölfjährig war, zogen seine Eltern, wie es Sitte war, nach Jerusalem zum Passahfest zusammen mit ihrer Reisegesellschaft, der sie sich angeschlossen hatten, und nach dem Passah kehrten sie heim in ihr Haus. Und während sie auf der Heimreise waren, ging der kleine Jesus weg nach Jerusalem; seine Eltern aber waren im Glauben, er befinde sich bei der Reisegesellschaft. 2 Und als sie einen Tagesweg zurückgelegt hatten, suchten sie ihn bei ihren mitreisenden Verwandten, und als sie ihn nicht fanden, wurden sie betrübt und kehrten wieder nach der Stadt zurück, um ihn zu suchen. Und nach dem dritten Tage fanden sie ihn, wie er im Tempel mitten unter den Lehrern saß und zuhörte und Fragen stellte. Es gaben aber alle gespannt acht und wunderten sich, wie er, obwohl er ein Knabe war, die Ältesten und Lehrer des Volkes zum Schweigen brachte, indem er die Hauptstücke des Gesetzes und die Gleichnisreden der Propheten auslegte. 3 Es trat aber seine Mutter Maria hinzu und sagte zu ihm: >Warum hast du uns das angetan, Kind? Siehe, mit Schmerzen haben wir dich gesucht.< Und Jesus sprach zu ihnen: > Warum sucht ihr mich? Wißt ihr nicht, daß ich in dem, was meines Vaters ist, sein muß?< 4 Die Schriftgelehrten aber und Pharisäer sagten: »Bist du die Mutter dieses Knaben?« Sie aber sprach: »Ich bin’s.« Und sie sagten zu ihr: >Gepriesen bist du unter den Weibern, denn gesegnet hat Gott die Frucht deines Leibes! Denn solche Erhabenheit und solche Tugend und Weisheit haben wir niemals weder gesehen noch gehört.< 5 Jesus aber erhob sich und folgte seiner Mutter, und er war seinen Eltern ein gehorsames Kind. Seine Mutter aber verwahrte alle diese Begebenheiten in ihrem Herzen. Jesus aber nahm zu an Weisheit und Alter und Gnade. Ihm sei Ehre in alle Ewigkeit. Amen!”

Dieser Beitrag wurde unter Bibel, Christentum, Jesus abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.