Zutreffendes Bild der Vergangenheit?

Luc Bürgin und seine “Geheimakte Archäologie”

Historische Standardwerke zu allen definierten Epochen sind einander überraschend ähnlich: dieselben oder ähnliche Bilder, kommentierte Anekdoten Geschichten und inhaltlich stets die selben selektiven ‚Einblicke‘. Luc Bürgin, einer von mehreren ‘abtrünnigen’ Buchautoren, kritisiert vermutlich nicht zu Unrecht, dass uns

“ein wohl präparierter Ausschnitt der Vergangenheit präsentiert wird, der vor allem einer Anforderung genügt – er lässt sich mit den herrschenden Lehrmeinungen anstandslos vereinbaren. Scheinbar gesicherte, feststehende Antworten ohne Ende – doch bestehende Meinungsunterschiede, unklare Themenfelder und Wissenslücken werden nicht klar erkennbar.

„Antworten ohne Ende. Die Fragezeichen fehlen.““

Doch wie schlüssig ist dieses Vergangenheitsbild, sofern tatsächlich kontroverse Fundgegenstände und Artefakte in erheblichem Ausmaß verschwiegen werden – deren Erwähnung zumindest berechtigte Zweifel am offiziellen Geschichtsbild wecken würde? Diese Fragestellung ist insofern relevant, als archäologische, historische, und gerade auch religionsgeschichtliche Evidenzen und Probleme sich bei Betrachtung des vollständigen Mosaiks völlig anders darstellen würde.

(Kein Wunder, dass Däniken, Sitchin und andere angebliche Scharlatane der Geschichte so erfolgreich publizieren, wenn die Fachwelt sich ausschweigt und Amateurforschern, Journalisten sowie Bestseller-Autoren dieses Feld überlässt…)

Für mich sind dabei nicht Einzelfragen von Interesse, z.B. ob es wahr ist, dass wonach die Cheops-Pyramide eine bislang unentdeckte Kammer birgt. Vielmehr ich interessiere mich für jene Themen, die konsequent übergangen werden, obwohl sie ggf. ein völlig neues Wissensbild zu den Anfängen des Menschen vermitteln könnten.

Bürgins Buch “Geheimakte Archäologie” (PDF, 305 Seiten) (Link im Nov. 2014 geprüft) stellt eine ganze Serie solcher Themen und anhängiger Funde vor, die – so jedenfalls sein Eindruck – der breiten Öffentlichkeit gezielt vorenthalten werden. Für Bürgin ist die Sache klar: um archäologische Dogmen (Glaubenssätze) zu schützen, werden ihnen widersprechende Funde und ganze Fundstellen nicht erwähnt – “aus Platzgründen”, versteht sich.

Karl F. Bohlenberg hat diesen Umstand etwas sachlicher ausgedrückt:

“Nachdem die Wissenschaft des vorigen Jahrhunderts aufgrund des ihr damals vorliegenden Materials ein ebenso einleuchtendes wie übersichtliches System aufgestellt hatte, in dessen Fächer – Steinzeit, Bronzezeit, Eisenzeit – sich alles so bequem einordnen ließ, fällt es ihr heute offenbar schwer, sich von dieser Errungenschaft zu trennen.”

Problematisch ist dabei auch, dass diese kontroversen Funde uns Fragestellungen in Schulbüchern so gut wie unerwähnt bleiben. Sollte nicht insbesondere die Jugend angeleitet werden, das wissenschaftliche Jeweilsbild aktiv zu hinterfragen?

Ein konkretes Beispiel (von vielen)

Die Paläontologen Meike Köbler und Salvador Moya Sola haben mit ihren Untersuchungen an Oreopithecus-Knochen die gesamte Fachwelt aufgescheucht: Sie rehabilitierten den 1995 verstorbenen Prof. Johannes Hürzeler: Dieser hatte 1958 in Italien ein vollständiges Oreopithecus-Skelett freigelegt und eine Interpretation vorgestellt, wonach der Orcopithecus mit dem Menschen verwandt sei und sich bereits durch einen aufrechten Gang ausgezeichnet habe. Am Skelett bemerkte Hürzeler mehrere Merkmale, die sonst nur beim Menschen vorkommen.
Zu seiner Zeit war der Basler Professor in der Fachwelt ausgelacht worden, als er den Oreopithecus als möglichen Seitenzweig der menschlichen Stammeslinie einordnete. Denn im Miozän – der Zeitraum vor etwa 23 Millionen Jahren bis vor ca. 5,3 Millionen Jahren – hatten höhere Primaten nach Ansicht der Experten nun wirklich überhaupt nichts zu suchen.
Köbler und Moya Sola aber wiesen nach, der Oreopithecus tatsächlich aufrecht gegangen sein muss; sie datierten die Knochenfunde allerdings auf ei Alter von ‘nur’ 7 bis 8 Millionen Jahren. Bekannter war da schon „LUCY„, der mit 3,5 Millionen Jahren älteste, jemals gefundene weibliche Australopithecus, die ebenfalls für Sensationen gesorgt hatte. In Ostafrika wurden 4,4 Millionen Jahre alte Knochen eines Primaten ausgegraben, das sich ebenfalls durch einen aufrechten Gang auszeichnete.

System Serie Stufe ≈ Alter (mio Jahre)
Neogen Pliozän Piacenzium 3,6–2,588
Zancleum 5,33–3,6
Miozän Messinium 7,246–5,33
Tortonium 11,608–7,246
Serravallium 13,82–11,608
Langhium 15,97–13,82
Burdigalium 20,43–15,97
Aquitanium 23,03–20,43

Anthropologen der Rutgers-Universität in New Jersey melden den äthiopischen Fund der ältesten jemals entdeckten Steinwerkzeuge, die 2,6 Millionen Jahre alt sein sollen. Damit stellten sie die als sicher angenommene These in Frage, dass die Fertigung von Werkzeugen mit der Entstehung der Gattung Mensch begann, d.h. vor ungefähr 2 Millionen Jahren später.

Die Liste der Sensationsfunde wird beinahe täglich länger, was dafür sorgt, dass die Annahmen in Bezug auf die Vorgeschichte des Menschen und seiner Vorfahren bei weitem nicht mehr als bekannte, feststehende Tatsachen gelten dürfen. So muss inzwischen auch davon ausgegangen werden, dass die frühesten Vorfahren des Menschen nicht nur in Afrika, sondern auch in China gelebt haben. Und die Homo-Gattung ist offenbar 400.000 Jahre älter als angenommen.

Nicht nur neue Funde ermöglichen diese Neuinterpretation; auch der Technologiefortschritt des letzten Jahrzehnts widerlegt etliche Datierungen aus früheren Jahren. Dabei zeichnet sich eine Tendenz klar ab: Auf allen Kontinenten wird zurückdatiert und unseren Vorfahren werden heute Fähigkeiten zugebilligt, die ihnen noch vor wenigen Jahrzehnten abgesprochen wurden.

Der zu meiner Schulzeit noch mitleidsvoll als unterbemittelter Vetter dargestellte Neandertaler erweist sich als Musiker und ein

“viel differenzierteres Zivilisationswesen, als wir uns bisher vorgestellt haben…Sie waren so klug – oder so dumm – wie wir heute. Würde man sie aus ihren Fellen pellen, in Anzüge stecken und ihnen Krawatten umbinden, fielen sie in einer belebten Einkaufsstraße kaum auf.”

Warum aber die Aufregung? Dass sich insbesondere unsere eigene Vorgeschichte auf absehbare Zeit lediglich als ‘Jeweilsbild’ darstellen würde, galt in der Fachwelt als weithin akzeptiert. Doch mit den Funden von über 30.000 Jahre alten Höhlenmalereien in der Ardeche muss auch die bisher vertretene These der Paläoanthropologie – welche von einer kontinuierlich vonstatten gegangenen kulturellen Entwicklung des Menschen ausgeht – als falsifiziert angesehen werden.

Von alten Vorstellungen trennt man sich in diesen Fachkreisen aber augenscheinlich sehr ungern, nach wie vor diskreditiert und isoliert man lieber solche Fachkollegen, die aus gutem Grund von der eingeschworenen Linie abweichen.

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