Gnostische Mythen – Manichäismus

Über Gnosis und den Manichäismus finden sich einige einführende Bemerkungen in diesem Blog (z.B. hier und und im Zusammenhang mit der Geschichte des Kathararismus).

Befasst man sich mit der Entstehung des neutestamentlichen Bibelkanons und insbesondere den frühchristlichen Apokryphen, kommt man an der vermeintlich „gefährlichen Irrlehre“ des Gnostizismus nicht vorbei.

Gemeinsamkeiten gnostischer Strömungen

Das griechische Wort Gnosis bedeutet zunächst wertfrei ‘Erkenntnis’. Im Kontext der Religionsgeschichte wird unter ‘Gnosis’ ein spätantiker Zeitgeist verstanden, der sich durch eine ganz bestimmte Sicht der Welt auszeichnet.
Auch wenn Gnosis zugleich einen Sammelbegriff für eine ganze Reihe religiöser und philosophische Bewegungen darstellt, lassen sich deren Gemeinsamkeiten klar aufzeigen:

  • Eine radikal negative Haltung zur Welt, die alles Irdische und Materielle als böse und verdorben ablehnt, äußert sich meist in Formen strenger Askese.
  • Kein Gnostiker fühlt sich in dieser Welt heimisch, denn er betrachtet sich als nicht von dieser Welt und möchte sie baldmöglichst verlassen (wobei der grundlose Freitod nicht akzeptiert wird).
  • Religiös-gnostische Richtungen mit ihrer typisch mythologischen Schöpfungslehre unterstellen einen  vollkommen transzendenten, verborgenen (‘fremden’) höchsten Gott, der jedoch nicht diese Welt der Materie erschaffen hat.
  • Die Entstehung der Welt wird vielmehr als Folge eines ‘kosmischen Unfalls’ aufgefasst und auf einen minderwertigen Schöpfer (Demiurg1) zurückgeführt. Doch gelangten kurz nach der Erschaffung der materiellen Welt auch kleine Lichtteile (Seelenfunken) der transzendenten Welt in die materielle Welt hinein und wurden ihr festgehalten.
    Je nach Schwerpunkt werden der Demiurg – der im Alten Testament als der hebräische Gott Jahwe identifiziert wird – oder der Satan als Gegenspieler des vollkommenen Gottes für diese ‘Verführung und Fesselung der Engelsseelen’ in der verdorbenen Materie verantwortlich gemacht.

So bilden der Fall der Seele und ihre ersehnte Rückkehr in die himmlische Heimat eines der großen mythologischen Themen innerhalb des Gnostizismus.

  • Als bewusst nach Erkenntnis Suchender erlangt der Gnostiker einen wissentlichen Anteil an der oberen Welt, seiner eigentliche Heimat. Erlösung erlangt der Gnostiker allein durch die Erkenntnis (Gnosis) seiner wirklichen geistigen Herkunft, aus der zugleich seine Bestimmung (nämlich die Rückkehr dorthin) erwächst.

Diese Erkenntnis kann durch verschiedene Erweckungsgestalten wie Seth, Hermes, Christus oder auch Mani vermittelt bzw. initiiert werden. Gerade in diesem Punkt unterscheiden sich die vielen gnostizistischen Strömungen deutlich.
Ob gnostisches Denken auf die inhaltliche Entstehung von Texten des Neuen Testaments eingewirkt hat, ist unklar und wird kontrovers diskutiert. In den Paulusbriefen werden jedenfalls einzelne Aussagen aus ‘Irrlehren’ (z.B. in Bezug auf Zweifel an der ‘Fleischwerdung Jesu’) aufgegriffen, die sich vermutlich dem Gnostizismus zuordnen lassen.
Als sicher gilt, dass der Bibelkanon, wie wir ihn heute kennen, in dieser Form auch aus dem Bestreben der Kirchenväter resultiert, ein Abgleiten der christlichen Gemeinden in die als bedrohliche Verwilderung des Christentums empfundene Gnosis zu verhindern.

Manichäismus als Beispiel außerchristlicher Gnosis

Als wohl größte Bedrohungen für das frühe Christentum wurde die gnostischen Offenbarungsreligion des Manichäismus wahrgenommen.
Ihr Begründer Mani (216 bis 276/277 n.Chr.) hatte eine gnostische Lehre entwickelt.

Der…Religionsstifter Mani …war von Kind auf Mitglied einer jüdisch-christlichen Sekte, die sich auf einen Propheten namens Elchasai berief. Zweimal, mit 12 und mit 24 Jahren, erlebte er Offenbarungen durch ein überirdisches Wesen.

Dieses Wesen wurde als Zwilling bezeichnet und stellt eine Art himmlischen und daher allwissenden Doppelgänger dar. Durch die Offenbarungen dieses Wesens will Mani Einblick in die Zusammenhänge der Welt gewonnen haben, Antwort also auf die Existenzfragen des Menschen: Was geschah vor seiner Geburt, was ist seine Aufgabe auf der Erde und was geschieht nach dem Tode. Er löste sich daraufhin von der Täufersekte und widmete sich der Mission und dem Aufbau einer neuen Kirche…“ (IAEK)

Der Manichäismus ist eine bewusst synkretistische Religion: Mani erkannte mehrere ältere Glaubenslehren als authentisch an und integrierte Elemente von deren Gedankengut in seine dualistische Darstellung von Offenbarung und Erlösung. So lassen sich Wurzeln aus dem Zoroastrismus2) und vermutlich auch aus der Reinkarnationsvorstellung des Buddhismus aufzeigen. Folglich wird die ‘Lehre des Mani’ zur außerchristlichen Gnosis gezählt.
Dennoch bestanden auch unverkennbare Parallelen zum frühen Christentum: Christliche Texte wurden auch von den Manichäern gelesen und Mani selbst glaubte, der der im Johannesevangelium verheißene ‘Tröster’ (griechisch: Paraklet) zu sein. Askese und das stetige Bemühen um die Reinheit galten auch den Manichäern als Voraussetzung für die angestrebte Erlösung.
‘Die Welt ist schlecht’. Ein wesentliches Kennzeichen ist eine strenge Dialektik von Gut und Böse (Licht / Seele und Körper). Askese soll die (Licht-)Seele vom Kreislauf der Wiedergeburt zu befreien und so ihre Wiedervereinigung im Göttlichen ermöglichen.

Zitat Mani: „Ringet Geliebten auf dass ihre schöne Perlen werdet aus der Dunkelheit von den Perlentauchern zum empor geleitet werdet damit ihr in einem Leben Frieden findet.“

Mani legte großen Wert darauf, als einziger Religionsstifter ‘die’ Wahrheiten unverschlüsselt und in eigenen Schriften niedergeschrieben zu haben, ‘ohne in Gleichnissen zu reden’. Folglich könne allein seine Religion als einzige nicht durch falsche Interpretation missverstanden und verfälscht werden.
Der Anspruch seiner synkretistischen Vorgehensweise war, alle Religionen in der seinen zusammenfassen:

Die Schriften und die Weisheit und die Apokalypsen und die Parabeln und die Psalmen von allen früheren Kirchen haben sich in allen Orten versammelt und sind hinzugekommen zu meiner Kirche und haben sich hinzugesellt zu der Weisheit, die ich offenbart habe„.

Der Manichäismus wird wegen seiner Ausbreitung bis in den Westen des Römischen Reichs und bis ins Kaiserreich China mitunter als Weltreligion bezeichnet (eine Frage der Definition … und im Grunde bedeutungslos).
Heute leben Reste der gnostischen Bewegung im Südirak in der monotheistischen Glaubensgemeinschaft der Mandäer oder Nazoräer mit etwa 100.000 Anhängern fort.-

Neben dem Wikipedia-Eintrag ‘Manichäismus’ eignet sich der nachfolgende Vortrag eignet sich für Interessierte zur Vertiefung, auch wenn die Kosmologie und Kosmogenie der Manichäer ein wenig überstrapaziert werden.

Dokumentation: Gnostische Mythen – Manichäismus

Siehe auch:

Anmerkungen / Erläuterungen

  1. Als Demiurg („Handwerker“) wird in u.a. gnostizistischen Lehren, aber auch im Platonismus, der Schöpfergott und Erbauer des materiellen Kosmos bezeichnet, der wie ein Handwerker nach einem festen Plan aus bereits vorhandenem Material etwas formt. In der Gnosis wird der Demiurg nicht als ein erhabenes, gütiges Wesen gesehen, sondern als unvollkommene, fragwürdige Gestalt, die eine ebenso unvollkommene, fragwürdige, sogar böse Welt erschaffen habe. Ihre Schlussfolgerung verläuft dabei umgekehrt: die Mangelhaftigkeit der mit Übeln behafteten Schöpfung entlarve ihren Urheber als ebenso unvollkommen und schlecht in Bezug auf seinen Charakter und sein Potenzial – weder allmächtig, noch allwissend und schon gar nicht allgütig.
    Diese Gottheit erscheint nicht als mit obersten Prinzip identisch, sondern niedrigeren Ranges.
  2. Der Zoroastrismus (auch: Mazdaismus oder Parsismus) ist eine  monotheistische und anfänglich auch dualistische Religion, die um 1800  – 600 v. Chr. in Persien und im zentralasiatischen Raum verbreitet war. Dieser Glaube wird auf war Zarathustra, als Religionsstifter zurückgeführt. Die heutigen 120.000–150.000 Anhänger im Indien und Pakistan man werden auch als Parsen bezeichnet .Im Zentrum des Zoroastrismus steht der Schöpfergott Ahura Mazda/Ohrmazd (daher manchmal auch „Mazdaismus“). Er wird begleitet von unsterblichen Heiligen (Amescha Spenta) sowie von seinem Widersacher, dem bösen Dämon Ahriman. Obgleich mehrere Gottheiten Ahura Mazda unterstützen, ist die Religion grundsätzlich vom Dualismus zwischen Ahura Mazda und Ahriman geprägt – „das Gute und das Böse im Denken, Reden und Tun“. Zwischen ihnen haben die Guthandelnden richtig gewählt.“
    Der Zoroastrismus basiert auf der heiligen Schrift Avesta. Gottesbilder sind dem Zoroastrismus fremd. Er kennt allerdings Feuertempel, in denen eine heilige Flamme gehütet wird, die als Symbol der Gottheit gilt. [vgl. Wikipedia]
Dieser Beitrag wurde unter Christentum, Dokumentation, Mythen, Religionen abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf Gnostische Mythen – Manichäismus

  1. Pingback: Was nicht im Neuen Testament steht… | Kern des Lebens

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.