Das Leben von Adam und Eva

1. „Tagebuch von Adam“, eine humorig-liebenswürdige Betrachtung von Mark Twain

Früher war es hier so schön ruhig“, schreibt der Mensch ins Tagebuch. Zu einer Zeit, als es noch keine Eva gab. Doch seitdem jenes neue Geschöpf um ihn herum ist, stimmt im Paradies nichts mehr.

„Montag. Dieses neue Geschöpf mit langen Haaren ist ganz schön lästig. Es hängt sich immer an mich und läuft mir nach. Das behagt mir gar nicht, Gesellschaft bin ich nicht gewohnt…“
Überall ist ‚es‘ ihm im Wege: „Immer wartet es auf mich oder läuft mir nach. Das habe ich nicht sehr gern. Ich wollte, es bliebe mehr bei den anderen Tieren.
… Es ist bewölkt heute, der Wind bläst von Ost. Wir werden Regen bekommen.
Wir?
Wo habe ich dieses Wort her?
Jetzt fällt es mir ein – das neue Geschöpf hat es gebraucht.“

„Mir ist aber gesagt worden, der Tod habe den Park noch nicht betreten. In mancher Hinsicht ist das schade.“

Als er Eva aus dem Unterschlupf, den er gegen den Regen gebaut hat, hinausdrängen will, bekommt sie „ein feuchtes Gesicht“ – die ersten Tränen der Menschheit – und „macht ein Geräusch wie manche von den anderen Tieren, wenn sie in Not sind“.

„Das neue Geschöpf sagt, sein Name sei Eva. Ganz recht, ich habe nichts dagegen einzuwenden. Sagt, ich solle es so rufen, wenn ich wünsche, dass es zu mir komme. Darauf entgegnete ich, dann sei der Name überflüssig.“

Das „neue Geschöpf“ hieß einstmals Chawwa (‘Leben’), und derjenige, erstmals überhaupt seine Frustrationen1) einem Tagebuch anvertraut, ist Adam (‘Mensch’) – der erste Mensch. Mark Twain hat Adam die Worte in den Mund gelegt und sie als Kurzgeschichtensammlung „Tagebücher von Adam und Eva“ (s. Auszug) veröffentlicht.

Leben zwischen Wesen, die einander ähnlich sind, entwickelt sich aus Gegensätzen. Deren Entstehung sieht man besser, wenn man den ganzen Kram der Zivilisation mal beiseite räumt und sich nur auf schon vorhandene Tiere und auf die zwei Wesen jener obskuren Gattung beschränkt, die das Paradies erlebt haben. …Hier in diesem vergnüglichen Tagebuch ist es Eva, die alles Neue ankurbelt, schon allein durch ihre Anwesenheit…“ (Rezension v. H. Hirsch)

Nun ja, man gewöhnt sich schließlich aneinander, auch wenn dies Zeit braucht. Und wohl auch, weil die Auswahl innerhalb der eigenen Spezies noch recht überschaubar ist. Beide erkennen, was sie aneinander haben und dass Liebe nicht auf positiven Persönlichkeitsmerkmalen oder Fähigkeiten gründet. Viele Jahre später stirbt Eva (lt. Twains Tagebuch) vor Adam, der auf ihrem Grabstein die Inschrift anbringt:

WO IMMER SIE WAR, DA WAR EDEN.

2. Die biblische Überlieferung von Adam und Eva

Das Hauptmotiv der ursprünglichen Geschichte von Adam und Eva im A.T. ist ein anderes; und es ist uns bis heute geläufig. Gott habe Adam den herrlichen Garten Eden bewohnen lassen, damit dieser ihn pflege – und er habe ein einziges Verbot erlassen:

„ER, Gott, nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten von Eden, ihn zu bedienen und ihn zu hüten.
ER, Gott, gebot über den Menschen, sprechend: Von allen Bäumen des Gartens magst essen du, essen,
aber vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse,
von dem sollst du nicht essen,
denn am Tag, da du von ihm issest, mußt sterben du, sterben.“
[Genesis 2,15-17; Ü: Buber, Die Schrift, 1998]

Aus einer von Adams Rippen habe er eine Frau (Eva) erschaffen und ihm zur Gefährtin gegeben. Satan habe Eva in Gestalt einer Schlange die Frau dazu verleitet, eine Frucht des verbotenen Baumes zu essen, indem er versprach:

Das Weib sprach zur Schlange: Von der Frucht der Bäume im Garten mögen wir essen, aber von der Frucht des Baums, der mitten im Garten ist, hat Gott gesprochen:
Eßt nicht davon und rührt nicht daran, sonst müßt ihr sterben.
Die Schlange sprach zum Weib: Sterben, sterben werdet ihr nicht,
sondern Gott ists bekannt, daß am Tag, da ihr davon esset, eure Augen sich klären
und ihr werdet wie Gott, erkennend Gut und Böse.
[Genesis 3,2-5; Ü: Buber, Die Schrift, 1998]

So aß Eva von diesem Baum der Erkenntnis und veranlasste Adam, ebenfalls davon zu kosten. Das Resultat wurde bald offensichtlich – ihnen wurden die Augen geöffnet und sie realisierten erstmals, dass sie nackt waren; schnell suchten sie nach notdürftiger Bekleidung (die Feigenblätter).
Adam gesteht Gott auf Befragen sein Vergehen und verweist auf Eva – sie habe ihn verleitet. Eva wiederum erzählt von der Schlange. Gott verflucht die Schlange, lässt einen Engel das erste Menschenpaar aus dem Garten Eden vertreiben und kündigt beiden an, ihr Leben und das ihrer Nachkommen werde von nun an sehr viel beschwerlicher werden. Konkreten Anlass der Vertreibung war aber ein weiterer Baum:

ER, Gott, sprach:
Da, der Mensch ist geworden wie unser einer im Erkennen von Gut und Böse.
Und nun könnte er gar seine Hand ausschicken
und auch vom Baum des Lebens nehmen und essen
und in Weltzeit leben!
So schickte ER, Gott, ihn aus dem Garten von Eden, den Acker zu bedienen, daraus er genommen war.
[Genesis 3,22-23;Ü: Buber, Die Schrift, 1998]

Autoritätskonflikt, Gehorsamspflicht ohne Einsicht, Vertrauensverlust …diese Erzählung berührt gleich mehrere ‚allzu menschliche‘ Charakterzüge. Naheliegend ist, den Baum des Lebens wie auch den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse als Sinnbilder des Potenzials aufzufassen, das Gott dem Menschen zugedacht hat, solange dieser die ihm gesetzten Grenzen nicht überschreitet.

Lucas Cranach d. Ä.: Der Baum der Erkenntnis, Ausschnitt des Gemäldes „Paradies“ im Kunsthistorischen Museum, Wien

Gleichnishaft wird eine Erklärung angeboten, wie die Dualität (bipolarer Gegensatz von Gut und Böse) entstand und uns Menschen einem nicht enden wollenden, inneren Widerstreit (‘Versuchung’) aussetzt. Die kirchliche Lehrmeinung spricht hier von der sog. Erbsünde als einem ‚begründeten Unheilszustand‘, durch den jeder Mensch als Nachkomme Adams von Geburt an in seiner eigenen Freiheitsgeschichte vorbelastet sei.
Zudem trete Satan auch uns gegenüber als stetiger Urheber innerer und äußerer Versuchungen auf, die uns zu weiteren Übertretungen Gesetze verleiten und so von Gott weiter entfernen solle.

Doch was war der Hintergrund dafür? Woher rührte überhaupt der Hass Satans (eines gefallenen Erzengels) auf die ersten Menschen?
Die apokryphe Textquelle Das ‚Leben Adams und Evas‘ (siehe 4.1.) liefert eine Einordnung, die im biblischen Kontext einleuchtend erscheint. Freilich wird dieser Text aus kirchlich-offizieller Sicht nicht zuletzt während seines späten Entstehungsdatums nicht dem Bibelkanon zugerechnet.

 

3. Historizität / Plausibilität

…stellt sich auch und gerade in Bezug auf das erste Menschenpaar. Es mag überraschen, wie viele Christen aller Konfessionen bis heute ein klar geschichtliches Verständnis vom Text des Buches Genesis und damit auch der Schöpfungsgeschichte haben. Für sie handelt unzweifelhaft es sich um die zwei ersten Menschen, die am Beginn der Menschheitsgeschichte lebten und von denen alle anderen Menschen abstammen.
Da ‚Skeptiker‘ einwandten, auf der Erde müsse es weitere Menschen anderer Abstammung gegeben (d.h. die keine Nachkommen Adams und Evas waren), wurden Erklärungsversuche aufgestellt, z.B.“Woher kam die Frau von Kain?

Dieser Punkt ist keineswegs nebensächlich, da nach christlicher Lehrmeinung nur die Nachkommen des ersten Menschenpaares errettet werden können. Die Lösung: Obwohl nur drei Söhne (Kain, Abel und Set) namentlich erwähnt werden, hatten Adam und Eva weitaus mehr – nicht zuletzt wegen ihrer gewaltigen Lebensspanne (Adam lebte lt. 1Mo 930 Jahre): Dem jüdische Historiker Flavius Josephus zufolge betrug „die Anzahl der Kinder Adams nach alter Tradition 33 Söhne und 23 Töchter“. Man müsse also davon ausgehen, dass „zu der Zeit, als es nur die erste Generation gab, Brüder ihre Schwestern heiraten mussten“.

Bleibt man innerhalb der alttestamentlichen Diktion, lässt sich eine in sich schlüssige Antwort auf die Frage nach ‚der Frau von Kain‘ noch geben. Diese vermeintliche Plausibilität bleibt aber nur so lange bestehen, wie jegliche Elemente des  genetischen / evolutionsbiologischen Wissensstandes der Gegenwart konsequent ausgeklammert bleibt!  Hier ist Missbildungsrisiko bei Eltern mit engem Verwandtschaftsgrad (Geschwister, Halbgeschwister, aber auch Cousin/Cousine) weniger relevant als die Notwendigkeit einer genetischen Vielfalt sowie die Resultate von Genomanalysen. Hinzu kommen paläo-anthropologische Befunde eine ‚andere‘ Entwicklungs- und Stammesgeschichte des Menschen aufzeigt, als ihn das Buch Genesis schildert.

„Bis vor wenigen tausend Jahren teilten die modernen Menschen dabei ihren Lebensraum mit weiteren Arten aus der Gattung Homo, in Europa etwa mit den Neandertalern.2) 
„Bei Melanesiern stammt ein zusätzlicher Anteil von geschätzt 4 % bis 6 % ihrer DNA den Interpretationen der Forscher zufolge von engen asiatischen Verwandten der Neandertaler, den Denisova-Menschen.“3)

An diesem Punkt wird man wohl eine Entscheidung fällen müssen: Die paläontologischen Befunde (z.B. verschiedene Arten der Gattung Mensch) sind mit einer wortgetreuen Bibelauslegung nicht kompatibel. Demgegenüber mag die zwar als anthropologisch-historischer Bericht inkonsistente Schöpfungsgeschichte des A.T. ebenso wie Schöpfungsmythen weiterer Religionen und Volksstämme sehr wohl wertvolle Fingerzeige enthalten, welche mit einer gleichnis-bezogene Interpretation nicht verloren gehen. Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft/ Theologie sollten einander sinnstiftend ergänzen, anstatt sich weiterhin zu bekämpfen.

Die Frage, ob Leben wirklich von selbst entstand/entstehen konnte, ist jedenfalls längst noch nicht abschließend beantwortet: Das Lieblingskind der Evolutionsbiologen, der Zufall (bzw. eine endlose Verkettung geradezu ‚unwahrscheinlicher‘ Zufälle über viele Millionen Jahren) scheidet z.B. als Ursache für die Entstehung der DNS (auf der Erde) aus, wie selbst nicht-gläubige Naturwissenschaftler einräumen:

Ob es zutrifft, dass codierte Information grundsätzlich nicht selbstständig entstehen kann, vermag ich mangels Hintergrundwissen nicht zu beurteilen. Es liegt jedoch auf der Hand, dass mit zunehmender Komplexität des genetischen Codes (DNA) der pure Zeitaufwand für die Abfolge zahlloser zufälliger Mutationen sowie anschließender Selektionen mit wächst. Aus Wahrscheinlichkeitsberechnungen ergibt sich, dass die Informationsdichte der DNA in Verbindung mit ihrem heutigen Optimierungsgrad keinesfalls binnen 3,5 Milliarden Jahren aus zufällige Prozessen hervorgegangen sein kann.

Die Schlussfolgerung, wonach eine von außen eingreifende, übernatürliche oder außerirdische Intelligenz die  biologischer Information in (einer Vielzahl an) intakten Organismen aller Populationen geschaffen haben „muss“, mag voreilig sein – sie käme dem in früheren Zeiten häufig genutzten Erklärungsmuster gleich, alles Unerklärte/Unverstandene auf Gott zu projizieren. Ebenso plausibel sind andere Erklärungsansätze, etwa die Panspermie-These, wobei die ‚Befruchtung aus dem All‘ entweder zielgerichtet oder ohne willentliche(n) Urheber erfolgt sein könnte.

Spannend ist freilich die Theorie der mitochondrialen Eva. Dieser Begriff aus der Archäogenetik bezeichnet eine Frau, aus deren mitochondrialer DNA (mtDNA) die mitochondriale DNA aller heute lebenden Menschen durch eine direkte Abstammungslinie hervorgegangen ist.
Die mitochondriale Eva hat mit nur ≈175.000 Jahren ein relativ junges Alter, entscheidend ist aber:Sie „war weder die erste Frau noch die einzige Frau zu einem bestimmten Zeitpunkt der Vergangenheit. Eva hatte viele Zeitgenossinnen; die mitochondrialen Erblinien der anderen Frauen starben aber aus, während die von Eva überlebte (im größten Teil ihrer Nachkommen allerdings mit mehr oder weniger vielen Mutationen)“. Dies gilt analog auch für den „Adam des Y-Chromosoms„.-

Vor diesem Hintergrund lassen sich Adam und Eva durchaus als symbolische Repräsentanten der Menschheit auffassen – nicht als historisch belegte Persönlichkeiten, die zu einer bestimmten Zeit gelebt haben. Der Dissens über die Historizität des ersten Menschenpaares findet im Web ein durchaus lebhaftes Echo: Hierzu finden sich im Web zwei lesenswerte Abhandlungen:

Persönlich tendiere ich zur zweiten, symbolischen Sicht der beiden, denn die Erzählung über die Vertreibung aus dem Paradies steht in engem Zusammenhang zur wörtlich verstandenen Schöpfungsgeschichte der Genesis, die ich in jedem Falle als Metapher betrachte.

„Die Evolutionstheorie ist eine weltweit anerkannte Theorie,
nicht, weil sie bewiesen werden könnte,
sondern, weil sie die einzige Alternative zur Schöpfung ist,
an welche wir nicht glauben wollen.“

Prof.  James Dewey Watson (Biochemiker, 1962 Nobelpreis für Medizin)

 

Quellenangaben zu Abschnitt 3

  1. Ausbreitung des Menschen (Homo sapiens)
  2. Stammesgeschichte des Menschen
  3. Genfluss von archaischen Menschen zum anatomisch modernen Menschen

4. Apokryphe Textquellen

Apokryphen sind Texte und Fragmente, die im Entstehungsprozess der Bibel nicht in deren Kanon aufgenommen wurden – z.B. aus inhaltlichen bzw. religionspolitischen Gründen oder weil sie erst nach Abschluss des Kanons entstanden sind.

4.1. Das Leben Adams und Evas

Hier nur einzelne, für die Bedeutung zentrale Fragmente als Auszug, der vollständige Text kann auf Wikisource eingesehen werden.

“Nachdem sie aus dem Paradiese vertrieben waren, bauten sie sich eine Hütte und verbrachten 7 Tage trauernd und klagend in großer Betrübnis.

Nach 7 Tagen (…) sprach Eva zu Adam: Mein Herr, mich hungert. Geh, suche uns etwas zu essen! Vielleicht sieht Gott der Herr uns gnädig an, erbarmt sich unser und beruft uns wieder an den Ort, wo wir früher waren. Und Adam machte sich auf und ging in 7 Tagen durch jenes ganze Land, fand aber keine Speise, wie sie deren im Paradiese hatten.
Und Eva sprach zu Adam: Mein Herr, willst du, so töte mich! Vielleicht führt dich dann Gott der Herr ins Paradies zurück; ist doch Gott der Herr nur meinetwegen über dich in Zorn geraten …wurdest du doch von dort nur meinetwegen vertrieben!

Adam antwortete: Eva, rede nicht so, daß nicht etwa Gott der Herr abermals einen Fluch über uns verhängt! Wie könnte ich meine Hand gegen mein eigenes Fleisch erheben? …Und sie gingen hin und suchten 9 Tage lang, fanden aber nichts der Art, wie sie im Paradiese gehabt hatten, sondern nur tierische Speise. Und Adam sprach zu Eva: (…)
Laß uns große Buße tun; vielleicht vergibt uns Gott der Herr, erbarmt sich unser und weist uns etwas zu, davon wir leben können. (…) Ich will 40 Tage fastend verbringen. Du aber mach dich auf und geh zum Tigris, nimm einen Stein und stelle dich darauf ins Wasser bis an den Hals, da, wo der Fluß am tiefsten ist. […]

Und es vergingen 18 Tage; da geriet Satan in Zorn, er verwandelte sich in die Lichtgestalt der Engel, kam an den Tigris zu Eva und fand sie weinend. Und der Teufel, als wenn er mit ihr betrübt sei, fing auch an zu weinen und sprach zu ihr: Steig aus dem Fluß und weine nicht länger;
…Gott der Herr hat eure Klage gehört und eure Buße angenommen. Wir Engel haben alle den Herrn flehentlich für euch gebeten, und er hat mich gesandt, euch aus dem Wasser zu holen… Jetzt also steig aus dem Wasser; ich will euch an einen Ort führen, wo Lebensunterhalt für euch bereit ist. Eva aber, die glaubte, was sie gehört hatte, ging aus dem Wasser des Flusses, und ihr Leib war zitternd wie Gras von der Kälte des Wassers.

Als aber Adam sie sah und den Teufel bei ihr, rief er weinend also: Eva, Eva, wo ist nun dein Bußwerk? Wie konntest du dich abermals von unserem Widersacher verführen lassen…?

Und sie rief also: Wehe dir, Teufel, warum bekämpfst du uns ohne Grund? Warum richtet sich deine Bosheit gegen uns? Haben wir dir etwa deine Herrlichkeit genommen und deine Ehre entzogen? Warum verfolgst du, Feind, uns bis zum Tod in Haß und Neid?
Und aufseufzend sprach der Teufel: Adam, meine ganze Feindschaft, Neid und Schmerz geht gegen dich, weil ich deinetwegen vertrieben und entfremdet ward von meiner Herrlichkeit, die ich im Himmel inmitten der Engel hatte, und deinetwegen auf die Erde hinabgestoßen ward.
Adam antwortete: Was habe ich dir getan, und was ist meine Schuld dir gegenüber? …

Der Teufel antwortete: (…)  Als Gott den Lebensodem in dich blies, und dein Gesicht und Gleichnis nach Gottes Bild geschaffen wurde, brachte dich Michael und gebot, dich anzubeten im Angesichte Gottes, und Gott der Herr sprach: Siehe, Adam, ich schuf dich nach meinem Bild und Gleichnis.
…Und Michael selbst betete ihn zuerst an; dann rief er mich und sprach: Bete an das Ebenbild Gottes.
Und ich antwortete: Ich brauche Adam nicht anzubeten. … Ich werde doch den nicht anbeten, der geringer und jünger ist als ich! Ich bin vor ihm erschaffen worden. Ehe er erschaffen ward, war ich erschaffen. Er sollte mich anbeten.

Als dies die anderen Engel hörten, die mir unterstanden, wollten sie ihn nicht anbeten. Und Michael sprach: Bete Gottes Ebenbild an! Tust du es aber nicht, so wird Gott der Herr über dich in Zorn geraten. Und ich sprach: Wenn er über mich in Zorn gerät, werde ich meinen Sitz erheben über die Sterne des Himmels und Gott dem Höchsten gleich sein. Und Gott der Herr geriet in Zorn über mich und verbannte mich mit meinen Engeln von unserer Herrlichkeit, und so wurden wir um deinetwillen aus unseren Wohnungen in diese Welt getrieben und auf die Erde verstoßen.
…Und dich in solcher Freude und Wonne sehen zu müssen, das betrübte uns. Und mit List umgarnte ich dein Weib und brachte es dahin, daß du ihretwegen von deiner Freude und Wonne vertrieben wurdest, gleichwie ich vertrieben ward von meiner Herrlichkeit.
Als Adam den Teufel dies sagen hörte, rief er laut weinend und sprach: Herr, mein Gott, in deinen Händen liegt mein Leben. Entferne diesen Widersacher von mir, der meine Seele ins Verderben zu bringen sucht, und gib mir seine Herrlichkeit, die er selbst verloren hat! Und alsbald verschwand der Teufel von ihm. Adam aber hielt aus in seiner Buße, 40 Tage lang im Wasser des Jordan stehend. […]“

Wie kaum anders zu erwarten, war Satans Begründung für seinen Hass nur ein Teil der Wahrheit: Tatsächlich sind Adam, Eva und mit ihnen die gesamte Menschheit in dieser gleichnishaften Betrachtung, bei der das Böse als Satan oder Luzifer personifiziert wird, nur Mittel zum Zweck – gleichsam ein Etappenziel in Satans Kampf gegen Gott. Dessen primäres Motiv für Satans Hass auf Gott resultiert aus der Erkenntnis, in seinem gesamten unsterblichen Dasein niemals seine Alleinherrschaft und seine Allmachtausübung verwirklichen zu können. Nun soll der erzeugte Dualismus Gut-Böse Gott ab- und ihn selbst aufwerten.-

  • Über den Hass und den ungleichen Kampf zwischen Satan und den Menschen existiert die ebenfalls lesenswerte Erzählung mit dem Titel „Samaan und der Satan„, verfasst von dem libanesisch-amerikanischer Maler, Philosoph und Dichter  Khalil Gibran. Gibran legt eine gänzlich andere Überlegung zur Instrumentalisierung dieses Hasses zwischen Satan und den Menschen nahe:

“…Ich weiß jetzt, dass dein [Satans] Vorhandensein in dieser Welt die Versuchung hervorbringt, und Versuchung ist ein Maß, mit dem Gott den Wert der menschlichen Seele mißt.
Sie ist die Waage, die Gott braucht, um die Seelen zu wägen. Ich bin sicher, daß mit deinem Tode die Versuchung stirbt, und damit würde der Tod die beste Kraft zerstören, die die Menschen emporhebt und wachsam hält.
Du [Satan] mußt leben, denn wenn du stirbst und die Menschen erfahren davon, wird ihre Angst vor der Hölle verschwinden, sie würden aufhören, Gott anzubeten, weil es keine Sünde mehr gibt.“

Ist die menschliche Existenz möglicherweise untrennbar verbunden mit der Dualität von Gutem und Böse? Hat die Existenz des Bösen und dessen gezielte Personifizierung als Satan die Institution Kirche (in ihrer seit Konstantin entstandenen Form) entstehen lassen – oder ihre Entstehung als macht- und finanzpolitisch orientierte Organisation zumindest begünstigt?
Wie auch immer, persönlicher Glauben ist stets zu differenzieren von Motiven und Handlungen einer Institution sowie als unerlässlich behaupteten Vermittlerrolle. Solche Gedankenspielereien möchte ich nicht weiter vertiefen, zum einen sind sie doch sehr spekulativ, außerdem erschöpft sich die Rolle Lucifers/Satans/des Bösen keineswegs in der hier thematisierten Geschichte der ersten Menschen.-

4.2. Weitere Textquellen

Über das Leben Adam und Evas nach deren Vertreibung aus dem Paradies sind mehrere apokryphe Schriften überliefert:

  • Apokalypse des Mose,
  • Leben Adams und Evas (unterschiedliche Fassungen in versch. Sprachen),
  • Buße Adams,
  • Buch Adam.

Diese Textquellen finden sich z.B. im Buch „Apokryphen – Verborgene Bücher der Bibel“ von Erich Weidinger. Sie sind inhaltlich eng miteinander verbunden, Umfang und Formulierungen weisen aber erhebliche Abweichungen und Unterschiede auf. Man geht davon aus, dass diese Schriften sämtlich auf eine nicht erhaltene gemeinsame Quelle aus jüdischem Umfeld zurückgehen.
Die erhaltenen Versionen stammen aus dem 3. bis 5. Jahrhundert, für die gemeinsame Quelle wird eine Abfassung im 1. Jahrhundert vermutet.
Nach jüdischer Überlieferung hatte Adam vor Eva übrigens schon eine andere Frau:

4.3. Lilith – Adams erste Frau?

Lilith, die als mythologische Figur LIL.LU auch im babylonischen Talmud zu finden ist – als Göttin des Windes in großer Höhe spielt sie bei der Erschaffung der Welt eine undurchsichtige Rolle und wird wegen ihrer Bosheit aus dem Paradies-Garten der Inanna vertrieben).
Adams erste Frau sei wie er selbst aus Staub erschaffen worden, ihm also gleichwertig gewesen. Weil sie ihm ihm die Unterordnung verweigerte (das Unter-ihm-Liegen…), drohte Gott ihr mit Bestrafung und sie wurde zur Dämonin und Kindermörderin.
Die Geschichte Liliths wird im Alphabet des Ben Sira aus dem 9. / 10. Jhd. n. Chr. anschaulich geschildert:

„Als Gott Adam erschuf, sagte er: Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine sei. Daher erschuf er für ihn eine Gehilfin aus der gleichen Erde und nannte sie Lilith. Sobald sie geschaffen war, begann sie einen Streit und sagte: Weshalb sollte ich unten liegen? Ich bin ebenso viel wert wie du, wir sind beide aus Erde geschaffen. Als aber Lilith sah, dass sie Adam nicht überwältigen konnte, sprach sie den unaussprechlichen Gottesnamen aus und flog in die Luft. Adam betete und sagte: ‚Herr der Welt. Die Frau, die du mir gegeben hast, ist von mir weggegangen.‘

Darauf sandte Gott drei Engel, die sie zurückbringen sollten. Diese sagten zu ihr: Gott hat beschlossen: ‚Wenn du zurückkehren willst, ist es gut. Wenn nicht, dann musst du als Strafe auf dich nehmen, dass jeden Tag hundert Kinder von dir sterben.‘ Die Engel suchten Lilith und fanden sie im reißenden Wasser, in demselben Wasser, in dem später die Ägypter ertrinken sollten. Sie meldeten ihr den göttlichen Befehl. Aber sie weigerte sich zurückzukehren.
Da sagten sie zu ihr: Wir müssen dich in diesem Wasser ertränken. Aber sie bat und sagte: Lasst mich, denn ich bin dazu geschaffen worden, kleine Kinder zu verderben. Wenn es ein Knabe ist, werde ich acht Tage, wenn es ein Mädchen ist, werde ich zwanzig Tage Gewalt über das Kind haben.

Als sie ihre Worte hörten, drängten sie noch mehr, dass sie ihnen gehorche. Da sagte sie: Ich schwöre euch im Namen des lebendigen und großen Gottes: Wenn ich eure Namen auf einem Amulett geschrieben sehen werde, dann werde ich das Kind nicht schädigen. Sie nahm es auch auf sich, dass jeden Tag hundert ihrer Kinder starben. Wenn wir jetzt diese Namen auf ein Amulett schreiben, dann erinnert sie sich dieses Schwures und das Kind ist gerettet. Die Namen der Engel sind: Sanvai, Sansanvai und Semangloph.“

Jener Lilith begegnen wir auch in Goethes Faust I (Szene/Abschnitt Walpurgisnacht) als Personifikation sexueller Phantasien, im Mittelalter eng verbunden mit dem damals allgegenwärtigen Hexenwahn. In den bibelnahen Apokryphen aber taucht die Figur der Lilith überhaupt nicht auf.

Siehe auch


Weiterlesen:

Armin Risi: Der verbotene Baum im Garten Eden

 

Dieser Beitrag wurde unter Bibel, Geschichte, Religionen, Schöpfung abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.