Allversöhnung statt ewiger Höllenstrafen?

Ist jemals jemand in der Hölle gewesen – und hat anschließend davon berichtet? Kann auch nur ein Theologe plausibel belegen, dass dieser Ort bzw. Zustand wirklich existiert und diejenigen, die dorthin verbannt wurden, ohne zeitliche Begrenzung das erleiden, was Bibel und Koran darüber aussagen?

Sicher, in allen monotheistischen Religionen existiert eine Lehre von der Hölle – von der sich der ‚abendländische Zeitgeist‘ inzwischen weitgehend distanziert hat: Das moderne Gottesbild erträumt sich einen lieben und gütigen Gott, der früher oder später allen seinen Geschöpfen vergeben werde – somit auch Kriegsverbrechern wie Hitler, Stalin, Pol Pot und Präsident Bush jun. Mittelalterlich anmutende Vorstellungen von einer ewigen, die Sünder verzehrenden Feuersbrunst, werden zunehmend abgelegt, auch innerhalb der römisch-katholischen Kirche.

“Die Deutschen fürchten sich lieber vor der Erderwärmung
als vor den Flammen der ewigen Verdammnis.”

Daraus entstehen freilich neue Fragestellungen:

  • Welche Auswirkungen hat es, wenn Menschen sich vor nichts und niemandem mehr fürchten und offenbar glauben, jedes noch so widerwärtige Handeln bliebe ohne jenseitige Konsequenz?
  • Kann/darf der Zeitgeist in Glaubensfragen zur relevanten Kategorie erhoben werden?
  • Bedarf es nicht einer dualistischen Sicht (Gut und Böse als Antagonisten), um das Licht in seiner Gegensätzlichkeit zur Finsternis zu erkennen?
  • Dank moderner Medien blicken wir nach Ruanda, Dafur, in den Irak und auf Syrien (…) und wir nehmen abgrundtiefe Schlechtigkeit im menschlichen Handeln weltweit wahr: Morde, Genozide, Folter – aber auch Hunger als Folge von  Nahrungsmittelspekulation an Terminbörsen.
    „Ist die Hölle unter Umständen viel näher, als wir uns denken, weil wir Menschen selber die Höllenfeuer am Brennen halten?“(1)

“Höllenpredigten! Da schauert es uns. Und Gott sei Dank, es gibt sie ja auch kaum noch”

…lautet auch der Tenor vieler christlicher Predigten, z.B. hier(3). Haben sich die großen Kirchen etwa von ihrem letzten Drohinstrument, das Aufklärung und Säkularisierung überstanden hat, verabschiedet?
Keineswegs, jedenfalls nicht offiziell. Ungläubige und Sünder müssen nach Kirchenlehre weiterhin damit rechnen, für immer in der Hölle (s. Anm. 1) – einem Strafzustand der Gottesferne – zu verbleiben, wenn sie nicht zum christlichen Glauben finden und Vergebung erlangen.

Bisweilen scheint es sogar, als wollten gläubige Katholiken ‚von sich aus‘ unbedingt an der ewigen Höllenpein festhalten – wenigstens das Jenseits soll klar nach Schwarz und weiß unterscheidbar bleiben. (Vgl. → „Kardinal Marx korrigiert Jesus und schafft Hölle und Fegefeuer ab“ auf Katholisches.info)

Der Beitrag „Vermeidung der Höllenstrafe durch die Höllenfurcht“ auf kath-zdw.ch widmet sich einer bisweilen an Panik grenzenden Angst vor der Hölle ein und bezieht sich hierbei auf die ‚klassische‘ Höllenlehre in der RKK. „Eine Seele, die die Hölle fürchtet, wird nicht leicht in Sünde fallen.“
Gilt das auch für den achtjährigen Jungen, dem beinahe täglich mit der Hölle gedroht wurde – ohne dass ein in seiner Person begründeter Anlass dazu bestand? (Und welchen Anlass könnte ein Kind denn bieten, welcher der ewigen Verdammnis würdig wäre?)
Zwar ist der pädagogische Kerngedanke soo falsch
nicht: Es ist tatsächlich ein heilsames Korrektiv, eigenes Handeln und Nichthandeln im Hinblick auf die Aussicht zu hinterfragen, dass zu einem späteren Zeitpunkt dafür Rechenschaft abzulegen ist. Der Autor drückt des mit drastischeren Worten aus: „Wer immer mit Angst und Bangen an die Rechenschaftsablegung denkt, wird nicht leicht in Sünde fallen.“
Was soll man dazu sagen? Kindern mit Höllenmärchen regelmäßig Albträume zu verursachen, schießt über jedes pädagogische Ziel hinaus und erweist sich als ebenso schäbiges wie schädliche ‚Erziehungsmethode‘. Der Zweck (ob nun wohlmeinend oder weil man den/die Kleine(n) so viel leichter in den Griff zu bekommen glaubt) heiligt nicht dieses Mittel – es entfaltet in späteren Jahren nicht selten eine völlig kontraproduktive Wirkung – bis hin zur abgrundtiefen Aversion gegen Kirche.
Einsicht, positive Motivation und Konsequenz sind geeignetere pädagogische Ansätze als Drohungen und das Erzeugen von Angst.

Sünde, Strafe und Bußpraxis der römisch-katholischen Kirche

Einstmals riefen die Kleriker in sonntäglichen Bußpredigten den zornigen, ‚furchtbar strafenden‘ Gott ins Gedächtnis, welcher in beiden Teilen der Bibel in Erscheinung tritt.

Bis heute enthält der KKK – der Katechismus der Katholischen Kirche(2) klare Lehrsätze zum ‚Letzten Gericht‘, das bei der Wiederkunft Christi stattfinden werde (vergl. KKK 1038 – 1041, 1051 – 1060):

  • „Alles Üble, das die Bösen tun, wird verzeichnet.“
  • „In seiner unsterblichen Seele erhält jeder Mensch gleich nach dem Tod durch Christus den Richter der Lebenden und der Toten (…) ewige Vergeltung.“
  • „Die schlimmste Qual der Hölle besteht im ewigen Getrenntsein von Gott. Einzig in Gott kann ja der Mensch das Leben und das Glück finden. Dafür ist er geschaffen und das ist seine Sehnsucht.“
  • „Die Kirche betet darum, daß niemand verlorengeht: „Herr, laß nicht zu daß ich je von dir getrennt werde“. Zwar kann niemand sich selbst retten aber Gott will daß alle Menschen gerettet weiden (1 Tim 2,4) und für ihn ist alles möglich (Mt 19,26).“

Demnach wird die Hölle in der röm.-katholischen Lehre allerdings nicht mehr als Ort des Feuers oder anderer physischer Qual beschrieben, sondern als seelischer Zustand des niemals endenden Getrenntseins von Gott – im vollen Bewusstsein der Existenz Gottes.

  • Auch der Philosoph Martin Heidegger vermutete, dass sich Hölle als eine existentielle Verzweiflung und Angst nur im Inneren unserer Seele abspielen werde.

Freilich lehrt die katholische Kirche außerdem eine zeitlich begrenzte Reinigung als dritte Variante – das Fegefeuer (Purgatorium), welches sich von der Bestrafung der Verdammten unterscheide:

Die in der Gnade und Freundschaft Gottes sterben, aber noch nicht ganz geläutert sind sind zwar ihres ewigen Heils sicher, machen aber nach dem Tod noch eine Läuterung durch, damit sie zur Heiligkeit gelangen die notwendig ist um in die Freude Gottes einzutreten.(2)

St. Patricks Fegefeuer, elsässische Legenda Aurea von 1419

Verkürzt dargestellt, führt die Beichte im Katholizismus zur Errettung, d.h. zum Ausbleiben der ewigen Verdammnis – der Stand der Gnade wird wiederhergestellt.

Die Beichte tilgt jedoch nicht die zeitlichen Sündenstrafen, die gegebenenfalls noch im Fegefeuer (Reinigungszustand) verbüßt werden müssen. Auch eine Verminderung der zeitlichen Sündenstrafen kann erreicht werden wollen, indem Gläubige zusätzlich zur abgelegten Beichte einen Ablass erlangen. Sündenstrafen können ganz (vollkommener Ablass) oder teilweise (Teilablass) erlassen werden. Die Wirksamkeit eines Ablasses ist an Bedingungen gekoppelt ist.

Inschrift an der Lateranbasilika, die auf die Möglichkeit der Gewinnung eines vollkommenen Ablasses hinweist.

Der Handel mit sogenannten Almosenablässen, für deren Gewinnung ein Geldbetrag zu spenden war, gilt als Anlass für den Thesenanschlag Martin Luthers und als ein Auslöser der Reformation in Deutschland.

Moralische Abwägung?

Die Bibel scheint die Lehrtradition der röm.-katholischen Kirche über die Strafe für unbußfertige Sünder zu bestätigen:

  • Wenn dich also dein rechtes Auge ärgert (oder: zum Bösen verführen will), so reiß es aus und wirf es weg von dir; denn es ist besser für dich, daß eines deiner Glieder (dir) verloren geht, als daß dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird.“ [Mt 5,29-30, Menge]
  • „Gehet (in das Reich Gottes) durch die enge Pforte ein; denn weit ist die Pforte und breit der Weg, der ins Verderben führt, und es sind ihrer viele, die auf ihm hineingehen.
    Eng ist dagegen die Pforte und schmal der Weg, der ins Leben führt, und nur wenige sind es, die ihn finden.“ [Mt 7,13-14, Menge]

Solche Aussagen seien keinesfalls als eine Drohbotschaft aufzufassen:

Was sie deutlich machen, ist der Ernst, mit dem wir unsere Entscheidung für oder gegen Gott treffen sollen. Letztlich steht auch hinter diesen Worten die Einladung Gottes, sich retten zu lassen, sich von ihm das Leben schenken zu lassen.

Wie klingt denn eine Drohbotschaft, wenn nicht so?

Auch wenn diese Worte bei Matthäus bildhaft zu verstehen sind, fragen sich viele Menschen, wie eine unendliche Liebe und Barmherzigkeit Gottes vereinbar sein könne mit dem Konstrukt einer niemals endenden Verdammnis.

Nun, die katholische Lehre argumentiert in etwa so:
Nicht Gott verdamme den Menschen, sondern der Mensch selbst schlage Gottes barmherzige Liebe aus und beraube sich freiwillig des ewigen Lebens – indem er sich aus der Gemeinschaft mit Gott ausschließe. Dabei sei die Rettung aller Sünder der erklärte Wille Gottes, doch als ‚Gentleman‘ respektiere er die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen.

Einerseits verweist diese Argumentation auf unsere Eigenverantwortung. Demgegenüber stammt das Konstrukt bzw. der Automatismus, welcher ewige Verlorenheit auch für ‚Ungläubige‘ bewirken soll, stammt nach dieser Lehre nun mal von Gott.

Jahrhundertelang hat die katholische Kirche das Feuer der Verdammnis groß aufgeblasen, um kleinlich sein zu dürfen.

Absolute Macht wurde institutionalisiert, um Angst zu erzeugen und Gehorsam sowohl in geistlichen als auch weltlichen Angelegenheiten zu erzwingen.

Und heute? Die Kirche beschönigt ihre Höllenlehre, soweit die diese der Einfachheit halber nicht gleich verschweigt.
Gläubige Katholiken sind verwirrt: Stehen die Verkünder der Kirchenlehre noch zur ewigen Verdammnis? Dann käme das Verschweigen bzw. Beschönigen der Hölle einer Täuschung ‚zu Marketingzwecken‘ gleich. 

Die Fragestellung, ob man „heute noch“ an die Hölle glauben könne, führt in eine ungesunde Richtung: Der Zeitgeist taugt in Fragen zu Glaube und Ethik eben nicht als (temporäres) Ausschlusskriterium.
Mir scheint, Menschen in früheren Zeiten waren sich eher als heute der wichtigen Erkenntnis bewusst: Ursache und Wirkung! U
nser Handeln und Nichthandeln zieht unweigerlich Konsequenzen nach sich. Sich verantworten, Rechenschaft abzulegen (s. Anm. 2) bildet die Grundlage jeder (theologischen) Morallehre – dergleichen wird in unserer Zeit nach Möglichkeit verdrängt.

Ob diese Konsequenzen über den Tod hinaus wirksam sind, ist eine Glaubensfrage. Persönlich erachte ich es für plausibel und gerecht, wenn jedes bewusste Individuum die Auswirkungen seines Tuns selbst zu spüren bekommt – im guten wie im schlechten.

Das „Greberbuch“ positioniert sich recht eindeutig:

„…groß ist die Zahl der Menschen, die gerade deswegen das Dasein Gottes leugnen, weil sie es nicht fassen können, daß ein Gott Geschöpfe ins Dasein rufen sollte, von denen er mit absoluter Sicherheit weiß, daß sie ewig unglücklich werden. Ihr lehrt ja, wenn auch mit Unrecht, daß die Verdammten ewig verdammt bleiben. Nach eurer Lehre sollte also Gott Millionen Wesen geschaffen haben, von denen er mit unabänderlicher Sicherheit wußte, daß sie ewig verdammt würden.
Ein solcher Gott wäre kein Gott, sondern ein Ungeheuer. Auch der verkommenste irdische Vater würde sein Kind nicht dorthin senden, wo eine nie endende Qual mit absoluter Sicherheit seiner harret. Und was für einen irdischen Vaterbegriff eine Ungeheuerlichkeit bedeutet, das sollte im Begriffe Gottes, des unendlich gütigen Vaters, Wahrheit sein!?“ (Pfr. Johann Greber, „Der Verkehr mit der Geisterwelt Gottes“)

Falls ein Zustand existiert, der dem antiquierten Begriff der Hölle entspricht, dieser Zustand aber zeitlich begrenzt ist, müsste ein diesbezügliches Konzept auch im Christentum existieren:

Allversöhnung – Ist Gott ein genialer Pädagoge?

Von gerechter Bestrafung wird erwartet, dem zu ahndenden Unrecht angemessen zu sein. Wie könnte eine ‚ewige Strafe‘ gerecht sein und welchen Sinn sollte sie erfüllen? Nicht die Sanktion ist widersinnig, sondern die Behauptung ihrer Unwiderruflichkeit.

“Kann ich irgendjemandem […] ewige Qualen wünschen, eine pausenlose unerträgliche Folter, die niemals endet, bei der es keine Erlösung durch den Tod gibt? […] Ich würde mich vor mir selbst fürchten und ekeln, wenn ich es könnte.“

Was würde eine zeitlose Strafe über das Wesen Gottes aussagen? Als Schöpfer wäre er gescheitert, ließe er einen Raum der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit zu, den keine Gnade jemals mehr erreicht.
Hier liegt der Ausgangspunkt für die Lehre der sog. Allversöhnung [Apokatastasis = Lehre von der Wiederherstellung aller Dinge am Ende der Zeiten]: Weil Gott gnädig sei, ‚müsse‘ seine Bestrafung für die Sünder heilsam sein, eine erzieherische Wirkung entfalten – was bei einer unendlichen Strafe nie der Fall wäre.
Es gibt kein Zu Spät!“ – Letztlich werde allen bewussten Individuen die Rückkehr zu Gott ermöglicht – nach einer unterschiedlich langen Periode der Bewährung, des Lernens und der Rückbesinnung.

Das Konzept der Allversöhnung ist m.E. nur in Verbindung mit wiederholter Wiederverkörperung (‚Reinkarnation‘) plausibel. Claus Speer spricht in diesem Kontext von einer „Vervollkommnung der Seele beim Durchschreiten mehrerer menschlicher Leben“. Diese Lernsituationen brauche die Seele zu ihrer Entwicklung. Kein Lernen mit Intellekt und Verstand, sondern durch Erfahrung und Verinnerlichung – quasi eine Prägung der Seele:

„Wir lernen dabei, oft unter Schmerzen, wie sich das anfühlt, was wir anderen angetan haben.“

Nicht Vergeltung ist das Ziel dieser prägenden Erfahrungen – sondern, dass wir schädliche Eigenschaften in uns erkennen und ernsthaft daran arbeiten, diese abzulegen.
Nun bewahrheitet sich auch das eingangs vermerkte KKK-Zitat “Alles Üble, das die Bösen tun, wird verzeichnet.” – allerdings in der Weise, dass die Seele selbst der Ort ist, wo nicht eine unserer Taten und Gedanken in Vergessenheit gerät.-

Quellenangaben

  1. Geschichte der Hölle -Dr. Tilman Schröder, 2007
  2. Katechismus der Katholischen Kirche (KKK)
  3. Predigt von Pastor Heinz-Josef Löckmann

Literaturhinweise:

Anmerkungen

1) Hölle (Eintrag im kl. Lexikon zur Lutherbibel): “Im Neuen Testament Strafort für die Verdammten nach dem letzten Gericht. ‘Hölle’ ist in der Regel Übersetzung des griechischen Wortes ge’enna (Gehenna), hinter dem das hebräische ge-(ben-)hinnom steht (Hinnomtal). In Mt 11,23 par; 16,18; Lk 16,23; Offb 1,18; 6,8 steht hinter »Hölle« das griechische Wort ‘Hades’.
Als Hades oder Totenreich wurde ein unterirdischer Aufenthaltsbereich der Verstorbenen bezeichnet, die dort in schattenhafter Weise weiterlebten (Hes 32,17-32; Ps 6,6). In der Offenbarung des NT (1,18; 20,13) ist die Totenwelt das Reich, in dem der Tod herrscht, der Aufenthaltsort der Toten bis zur Auferstehung.

2) Wie diese Rechenschaft abzulegen sein wird? Dies in einem ’Gericht’ geschehen und/oder nach dem Kausalitäts-Prinzip:  Saat und Ernte (wir ernten, was wir einst säten). 

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