Harry Mulisch: Die Entdeckung des Himmels

Sind wir alle nur Figuren auf dem Schachbrett Gottes?

Buchverfilmungen bergen mitunter das Risiko der Enttäuschung – sofern man das Buch schon gelesen hat, bevor man sich den Film anschaut. Glücklicherweise bin ich erst über die Verfilmung ‘Die Entdeckung des Himmels’ dazu gekommen, den gleichnamigen Roman von Harry Mulisch zu lesen. Der Film ist ‚durchaus interessant‘ – der Roman fesselt dort, wo er nicht zu langatmig geraten ist.
Film und Roman haben zwei Erzählebenen, sodass der Leser bzw. Zuschauer vorab Rahmen und Hintergrund kennt:

Zwei Engel steuern und kommentieren zugleich das Leben der beiden niederländischen Freunde Max Delius und Onno Quist. Das Handeln der Engel und die Leben der Protagonisten dienen einem höheren Ziel:
Gott hat (mal wieder, könnte man im biblischen Kontext sagen) die Nase voll von der destruktiven Menschheit, von der sich kaum noch wer an die Zehn Gebote hält. Er beabsichtigt die Auflösung des Bundes zwischen ihm und den Menschen, der durch die Übergabe zweier Tafeln mit den Zehn Geboten an Mose auf dem Berg Sinai geschlossen wurde.

Da der freie Wille der Menschen pro forma respektiert werden soll und zudem niemand etwas von der Existenz und dem Aufbewahrungsort der beiden Steintafeln ahnt, müssen genau die richtigen Erbeigenschaften eines Neugeborenen kombiniert werden, damit daraus der Vollstrecker des göttlichen Willens hervorgeht. Schon bei der Wahl der Großeltern wird sorgfältig darauf hin gearbeitet, einen Jungen so zu ‘erziehen’ bzw. zu manipulieren, dass er scheinbar von selbst die Idee verfolgt, die Tafeln mit den zehn Geboten zu zerstören.

Dieser Gott, in dessen Auftrag die Mächte des Himmels tätig sind, lässt sogar den Engeln herbe Strafen für den Fall androhen, dass sie sich ihrem Auftrag widersetzen oder es wagen sollten, das Wirken des Herrn infrage zu stellen. Indessen wird der ‘freie Wille’ der Menschen deutlich betont – ohne den jede Form von Bestrafung nun wirklich fies und gemein wäre – doch himmlische Mächte mischen gewaltig mit.
Im Mittelpunkt stehen vier Personen, deren Leben eng miteinander verflochten sind. Sie alle sind für mein Empfinden ‘typisch menschlich’ – in hohem Maße unvollkommen und (vielleicht gerade deswegen) sympathisch:

Max Delius
Der begeisterte Astronom (“vielleicht, weil die Sterne nichts mit dem Krieg zu tun hatten”) und ruhelose Liebhaber des weiblichen Geschlechts, geboren am 27. November 1933, ist der Sohn eines Kriegsverbrechers und einer jüdischen Mutter; sein Vater hat seine Frau und deren Familie an die Nationalsozialisten verraten und ihren Transport ins Konzentrationslager veranlasst. Max ist durch das nationalsozialistischen Erbe seiner Familie traumatisiert; wie unter Zwang schläft er beinahe jeden Tag mit einer anderen Frau (“Die Pflicht ruft…”), wobei er Jungfrauen sorgsam umgeht.
Max verliebt sich in die Cellistin Ada Brons, die für kurze Zeit etwas Ordnung in sein Leben bringt. Seine Taktlosigkeit ihr gegenüber gibt Anlass zur Frage, was Frauen für Max überhaupt bedeuten – verachtet er sie oder betrachtet er sie mit wissenschaftlicher Nüchternheit als Faktor physischer Bedürfnisbefriedigung? Onno Quist und er wurden am selben Tag gezeugt (am 27. Februar 1933, als in Berlin der Reichstag brannte); sie empfinden einander trotz grundverschiedener Charaktere als wesensverwandt und kosmische Zwillinge − und schließen eine tiefe Freundschaft (“Nur der Tod kann uns noch trennen”).
Max Lebensziel: Er wolle den Himmel entdecken, sagt er.
Onno Quist
Onno, Snob und Sohn des früheren niederländischen Regierungschefs, entstammt einer konservativen, sehr angesehenen Familie. Der am 6. November 1933 (drei Wochen zu früh) geboren Onno ist Wissenschaftler mit Leib und Seele; er betrachtet sich ‘als Kammergelehrten aus dem achtzehnten Jahrhundert’, weil ihm der universitäre Lehrbetrieb zu profan ist. Als Lingust und autodidaktisches Sprachengenie hat er erfolgreich das Etruskische entschlüsselt und versucht sich nun an der Übersetzung des berühmten Diskos von Phaistos – um den Sinn des Lebens zu verstehen.
Die Begegnung mit Max Delius verändert auch sein Leben in tiefgreifender Weise: Die Beziehung zu seiner Freundin Helga zerbricht, Max und er diskutieren über die großen Fragen von Wissenschaft, Religion, Philosophie und Politik. Wie Söhne intellektueller Götter fühlen sie sich als über der menschlichen Masse stehend…und führen sich auch genau so auf – für eine kurze Zeit.

Knapp 18 Jahre später ist Onno ein vom Leben und einem leichten Schlaganfall Gezeichneter. Er charakterisiert sich selbst mit den Worten:
   „Ich habe mal von einem Mann ohne Schatten gelesen.
Ich dagegen bin ein Schatten ohne Mann…“

Der Diskos von Phaistos, durch dessen Entschlüsselung Onno Erkenntnisse über den Himmel erwartet.
Übrigens wird im Film ironischerweise folgende Deutung der Inschrift angebotenen:
„Diese Inschrift kann nicht entziffert werden“.

Ada Brons
Nur wenn sie allein war, hatte sie das Gefühl, tatsächlich zu existieren; andere Leute hatten vielleicht Angst vor diesem Gefühl, aber sie fürchtete sich eher vor Leuten, die ihr dieses Gefühl nahmen.”
Die Cellistin und Tochter eines Buchhändlers kommt vor der schicksalhaften Begegnung ihres Lebens dem Erscheinungsbild einer ‘beeindruckenden Äbtissin’ recht nahe – wohl nicht nur optisch: “…dass auch manche Frauen so triebhaft waren, war ihr ein Rätsel.”
Nach und nach wird Ada zur verbindenden Figur zwischen Max und Onno in einer recht undurchsichtigen Dreiecksbeziehung. In einem Anflug geradezu unheimlicher Weitsicht hatte Max sie vor seinem Freund gewarnt, ein “Tiermensch, den sie nicht ganz ernst nehmen dürfe”.
Ada bringt zunächst einige Ordnung in das Dasein von Max, der sich immerhin zur Teilzeit-Monogamie bekehrt: Montags bis Freitags setzte er seine Tätigkeit als Bezirksbeschäler fort, doch an den Wochenenden wendet er sich ganz Ada zu. Die Beziehung der beiden ist von einer eigentümlichen Normalität bestimmt; und sie spürt sehr wohl, dass Max ihr nicht treu ist – vor allem aber seine distanzierte Vertrautheit ihr gegenüber ist eine Belastung für die sensible Frau:
“Wenn er jedoch Ada ansah, schien dies seinen Abstand zu ihr eher zu vergrößern. Er begriff nichts von ihr, für ihn hatte sie den undurchdringlichen Blick eines Wesens aus einer anderen Welt, und genau das war es, was ihn an sie band.”
Nur wenig später stabilisiert Ada auch das chaotisch-geniale Leben Onnos – als dessen Ehefrau.
In der Nacht auf Kuba, in der ihr Sohn Quinten gezeugt wurde, hatte Ada mit Max und mit Onno Geschlechtsverkehr. Kurz darauf wird sie bei einem Autounfall, an dem auch Max und Onno beteiligt sind, schwer verletzt und fällt ins Koma. Aus meiner Sicht vermittelt Adas ungewollt selbstloser, trauriger Lebensweg einen Eindruck davon, lediglich ein Werkzeug des Himmels zu sein. Freier Wille?
Quinten Quist
Quinten („Unser Leben liegt in den Klauen Gottes“) wächst nach Adas Unfall bei seiner Großmutter mütterlicherseits und Max Delius auf. Bereits seit dem Tag des Unfalls führen die beiden eine WG mit gelegentlichen sexuellen Kontakten. Bald zeigt sich seine Intelligenz sowie seine soziale Verantwortung, die Menschen beeindruckt, welche ihn dann im Fortkommen unterstützen. Kurz vor dem Abitur verlässt er Schule und begibt sich auf die Suche nach seinem Vater, der nach mehreren Schicksalsschlägen untergetaucht ist.-
„Müsste, um die Welt zusammenzuhalten,
nicht eigentlich immer jemand ununterbrochen
auf sie schauen?“

Die Handlung ist in vier Abschnitte gegliedert – Der Anfang vom Anfang, Das Ende vom Anfang sowie Der Anfang vom Ende und Das Ende vom Ende – die jeweils durch kommentierende Dialoge im Himmel eingeleitet und abgeschlossen werden.

Der Anfang vom Anfang

Max Delius (Greg Wise) nimmt Anfang 1967 in Den Haag einen Anhalter mit: Onno Quist (Stephen Fry). Der steinreiche Chaot und der pedantische, aber seiner Intuition folgende Astrophysiker – “Himmelstürmer und Enigmatiker” – werden enge Freunde.
Max verliebt in die Cellistin Ada Brons (Flora Montgomery) und möchte mit ihr ein Kind zeugen. Doch während seiner Reise und Vergangenheitsbewältigung in Auschwitz sind Ada und Onno ein Paar geworden.
Als erklärte kosmische Seelenverwandte halten Max und Onno ihre Freundschaft aufrecht und begleiten Ada auf eine Konzertreise nach Kuba. Am Tag vor der Abreise schläft Onno mit der attraktiven Kubanerin Maria; zeitgleich knüpfen Ada und Max am Strand und im Meer an ihre frühere körperliche Vertrautheit an. Onno kehrt mit Gewissensbissen ins Hotel zurück, wo er ebenfalls von Ada verführt wird.
Als Ada ihre Schwangerschaft bemerkt und sowohl Onno als auch Max eröffnet, drängt Delius sie zur Abtreibung – aus Furcht, das Kind sehe ihm ähnlich sehen werde seine Freundschaft mit Onno zerstören. Onno freut sich auf einen Erben, denn er hält sich für den Vater. Er heiratet Ada, die auch keine Ahnung hat, ob Max oder Onno der Vater ihres Sohnes ist.

Das Ende vom Anfang

Als einige Monate später Adas Vater plötzlich einen Herzinfarkt erleidet, begeben Max, Onno und die schwangere Ada sich trotz eines nächtlichen Unwetters sofort zu ihm. Infolge einer Intervention ‘von oben’ wird das Auto von einem umstürzenden Baum getroffen, nachdem zuvor schon ein entwurzelter Baum die Straße blockiert hat. Die schwangere Frau wird schwer verletzt und fällt in ein tiefes Koma, aus dem sie nie wieder erwachen wird. Dem werdenden Kind aber ist nichts geschehen. Max überbringt Adas Mutter Sophia, die gerade vom Tod ihres Mannes erfahren hat, die zweite schreckliche Nachricht. Wegen des schlechten Wetters übernachtet er bei ihr und in ihrer Verzweiflung schlafen beide miteinander.
Am 30. Mai 1968 kommt der Junge zur Welt und erhält den Namen Quinten (in der Musik die Bezeichnung für den Akkord mit perfekter Harmonie).

Der Anfang vom Ende

Onno stürzt sich in seine Politikerkarriere und lebt bald wieder mit Helga zusammen, die ihn zuvor verlassen hatte. Max bleibt mit Sophia zusammen und bietet Onno an, für dessen Sohn Quinten zu sorgen.
Schon mit zwölf ist Quinten (Neil Newbon) überzeugt, eine besondere Aufgabe erfüllen zu müssen – er durchlebt nächtelange Träume und Visionen. Onno wird für das Amt des Verteidigungsministers vorgeschlagen, doch dieses Vorhaben scheitert abrupt, als kompromittierende Fotos auftauchen. Tage später blickt er auf die Trümmer seines Lebens: Seine politische Karriere ist am Ende, die Ergebnisse seiner wissenschaftlichen Arbeit, die Entschlüsselung des Etruskischen, werden widerlegt; Max stirbt wie Ada durch einen ‚kosmischen Unfall‘; durch einen Raubmord verliert er Helga, mit der er wieder eine Beziehung geführt hatte, während Ada im Koma lag. Schließlich erfährt er, dass sein Quinten nicht sein leiblicher Sohn ist.
Quinten sah die Bluttat voraus, kam aber nicht mehr rechtzeitig hin, um Helga zu retten.
Ebenso vergeblich versucht er Max vor einem Unglück zu warnen: Gerade als der Astronom den Himmel entdeckt (“Ihr könnt euch nicht länger verstecken, ihr Mistkerle”) hat, wird er von einem Meteoriten erschlagen.

Das Ende vom Ende

Zwei Wochen vor seinem 17. Geburtstag reist Quinten nach Rom, wo er Onno (“Ich habe einmal von einem Mann ohne Schatten gelesen – ich bin ein Schatten ohne Mann”) im Pantheon trifft. Von nun an gewinnt die Handlung an Fahrt und der Film an Spannung:
Quinten besichtigt mit Onno die Stadt und erfährt dabei auch einiges über die biblische Geschichte und den jüdischen Glauben. So berichtet Onno ihm von den beiden Gesetzestafeln mit den Zehn Geboten sowie deren Aufbewahrungsorte: Die Bundeslade begleitete die Israeliten auf deren langen Wanderschaft und stand später im Ersten Tempel von Jerusalem. Mit dessen Zerstörung im Jahr 597 v. Chr. durch Nebukadnezar ging die Bundeslade samt Inhalt verloren.
In der Lateranbasilika erfährt Quinten von der Legende über die Scala Sancta: die Heilige Treppe sei 326 aus Jerusalem hierher gebracht worden, stamme aber aus dem Palast von Pontius Pilatus – Jesus soll sie bei seinem Prozess betreten haben. Weil die Treppe nur kniend betreten werden soll, nehmen Quinten und Onno einen anderen Weg.  Beim Abriss und Neubau des Lateran-Palastes blieb nur die päpstliche Kapelle – das Sancta Sanctorium (‘das Allerheiligste’) – stehen.
Wohl aus diesem Grund ist Quinten überzeugt, dass in dieser Kapelle die verschollenen Tafeln mit den Zehn Geboten zu finden sind – seine Aufgabe liege darin, sie von dort wegzuschaffen.

Am Abend vor seinem 17. Geburtstag lässt Quinten sich mit Onno im Lateran einschließen. Dank seinem früh gezeigten Interesse für mittelalterliche Schlösser öffnet er Türen der Kapelle und findet die beiden Tafeln unter einem Schrein. Am nächsten Morgen besteigen Quinten und Onno den ersten Flieger nach Tel Aviv.
Quinten (“Von nun an liegt unser Leben in den Klauen Gottes”) weiß selbst nicht, wie es dort weitergehen soll, zeigt sich aber überzeugt, dass alles von selbst in Ordnung kommen wird.

In Jerusalem besichtigen Onno und Quinten auch die Al-Aqsa-Moschee, die einen im 7. Jahrhundert errichten Schrein birgt. Den Felsen in dessen Mitte halten die Juden für die ‘Mitte der Welt’. Hier lagen die Tafeln auf dem Felsen (erkennbar an den noch heute vorhandenen Ausbuchtungen..).

Onno bemerkt in einem Café eine ältere Dame mit einer verblassten Tätowierung einer Nummer auf ihrem Arm. Ihre strahlend blauen Augen erinnern Onno sowohl an Quinten als auch an Max. Handelt es sich um die Mutter von Max, die Auschwitz doch überlebt hat. Sein nächster Gedanke demoralisiert den am Leben Gescheiterten vollends: Nicht er, sondern Max war Quintens Vater?

Um Onno durch eine Art Deal mit den himmlischen Mächten zu retten, willigt Quinten ein, seiner Bestimmung zu folgen: Er entwendet die beiden Steinplatten, die Onno inzwischen als reinen Smaragd identifiziert hat, aus dem Hotelsafe (Kombination J, H, W, H – was sonst) und wird von einem Raben zum Tempelberg geführt.
Dort erscheint das Pferd, von dem er zuvor oft geträumt hatte – und Quinten reitet er in das aus der Al-Aqsa erstrahlende Licht. Er lässt die Tafeln der Zehn Gebote auf den Felsen fallen; sie zersplittern. Nun folgt eine phantasievoll visualisierte Himmelfahrt Quintens.
Onno hat die letzten Minuten Quintens in einem traumartigen Zustand miterlebt und erfährt die Bestätigung, als er den Safe öffnen lässt: Die Steintafeln sind verschwunden!

Dieses Ende in ironischem Wohlgefallen löst das zuvor in epischer Breite entfalteten Geschehens nur teilweise auf; die verbleibenden losen Enden enttäuschen. Auch entsteht ein befremdlicher Kontrast durch die nur an dieser Stelle eingebauten Spezialeffekten und Tricks, ohne der gesamte Film ansonsten sehr gut ohne sie auskommt.

Quinten jedenfalls hat den von Gott erteilten Auftrag erfüllt, zu diesem Zweck waren die Lebensfäden der Protagonisten über mehrere Generationen verflochten und manipuliert wurden:
Wie Erzengel Gabriel erklärt, ist der Bund zwischen Himmel und Menschheit nun gelöst – zukünftig könne Satan mit der Erde und den Menschen nach seinem Belieben verfahren. Onnos Tod soll einzigen Zeugen der Auflösung dieser Verbindung zu beseitigen.

Doch jener Engel, der den göttlichen Befehl ausführte, widersetzt sich einem Himmel, für den Gnade und Erbarmen kein Thema mehr ist. In der letzten Szene kündigt er die Absicht an, sich als Mensch auf die Erde begeben, um wenigstens den Versuch zu unternehmen, Onno und die gesamte Menschheit zu retten. —

Mulisch zeichnet das Bild eines konsequent sein Ziel verfolgenden, aber nicht (mehr) gnädigen, sondern eiskalten Gottes. Fast scheint es, als sei das Ego des Herrn angekratzt: Dies lasse er alle Menschen nach dem Motto ‘So, das habt ihr nun davon’ spüren, auf teils grausame Weise.
Verstörend: jegliche Kausalität wird ad absurdum geführt, als die Diener des Herrn nach belieben Baumstämme auf Autos stürzen lassen und Leben zerstören. Der hochgelobte freie Wille verkümmert zu einer begrenzten Wahlmöglichkeit zwischen den vom Himmel belassenen Alternativen – wobei die Entscheidung manipulativ durch Hinweise, wiederholte Träume und diverse Schlüsselerlebnisse bewirkt wird.
Sogar handfeste Morde sollen indirekt auf das Konto des Schöpfers gehen: so wird Quintens Stiefmutter Helga bei einem Überfall brutal die Halsschlagader durchtrennt – nur um den Jungen wieder auf ‘Spur zu bringen’. (Solche Dinge seien nun mal Routine, erfährt der Leser; am einfachsten seien mechanische Operationen, wie das Einschlagen eines Meteoriten…duldet der Himmel massenhafte Kollateralschäden?)

Verschiedene Erklärungslücken, die der Film hinterlässt, werden im Buch geschlossen. So erfährt der Leser deutlich mehr über die Beweggründe der himmlischen Mächte, die ‘gerade erst’ entsetzt bemerkt haben, „wozu die Menschen mit ihrer Biotechnologie nun imstande sind und wie sie Gebrauch davon machen”. Die gesamte Schöpfung droht zu einem makabren Retortenzauber zu verkommen.
Während beide Weltkriege (in der Romanhandlung) durch Engel verursacht wurden und bedauerlicherweise außer Kontrolle gerieten, ist Auschwitz (als Symbol millionenfachen Genozids) das Werk von Menschen. Nachdem Max die Stätten der industriellen Tötung und Beseitigung Unschuldiger aufgesucht hat, wird ihm bewusst:

Würde man die Menschheit allein im Licht von Massenmord, Kriegen (und verantwortungslosen Genexperimenten) betrachten, müsste sie als hoffnungsloser Fehlschlag abgeschrieben werden.

Doch der in der christlichen Religion als Erlöser verehrte Jesus Christus erscheint in der Filmhandlung nur als geschichtliche Randnotiz: er ging über eine Treppe, die sich nun in Rom befinden soll. Aus christlich-theologischer Sicht würde man einen anderen Ereignisverlauf (beispielsweise analog zur Offenbarung des Johannes) erwarten – und  einen Himmel, der wenigstens nachvollziehbare Akzente setzt. Es ist allein JHWH, der Gott des Alten Bundes, mit dem Max, Ada, Onno, Quinten und etliche ‘nebenbei’ verfrüht sterbende Personen es hier zu tun bekommen.
Aus dem Blickwinkel der jüdischen Überlieferung wird die weitgehende Ausklammerung christlicher Motive eher  nachvollziehbar. Harry Mulisch, der im Jahr 2010 verstorbene Autor der Romanvorlage, hatte selbst jüdische Wurzeln hatte und entging nur knapp der Verfolgung durch die NS-Diktatur.  Wo Mulisch autobiografische Elemente in seinem Roman verarbeitet hat, vermag ich nicht mit Bestimmtheit zu sagen – Parallelen zeigen sich in der Figur des Max Delius.

Den Versuch, die Roman- und Filmhandlung zu interpretieren, spare ich mir lieber – auch weil ich deren Bedeutung allenfalls im Ansatz erfasse. Vermutlich würde ich mich vor allem an der Einflussnahme eines bis zur Kaltblütigkeit resignerten Himmels stören und dabei die in hohen Maße enthaltene Symbolik verkennen.

Das Geheimnis
Der mit der Rückführung der Gesetzestafeln betraute Engel enthüllt ’nebenbei‘ das Geheimnis des Menschseins – wodurch auch der göttliche Auftrag in einem anderen Licht erscheint:

“…während du auf dem Weg zur Erde in einem Punkt der Zeit durch … Äonen, Welten und Geschlechter sinkst, wirst du immer schwerer werden, immer mehr … wird an dir haften bleiben.
… totes Gewicht, das dein Bewusstsein des ursprünglichen Lichts zudeckt, und dies so lange, bis du endlich in das dunkle Gefängnis von Geist und Fleisch fällst und schließlich als Mensch geboren wirst, als Wesen, das nichts mehr weiß, nicht einmal mehr, was es selbst ist, nämlich Licht – wie ein Schlafender.

Alle (Menschen) sind Schlafende, die erwachen müssen: durch Glaube und Wissen. Nur dann gibt es für sie einen Weg zurück. Aber die schweren Anhaftungen haben sie meistens mit dem Leben auf Erden versöhnt. Sie haben vergessen, dass sie dort Fremde sind, und sie sind dann, was sie zu sein meinen, und genau das ist die größte Gefährdung ihrer Rückkehr.”

Klingt nach einer Prise Gnosis …die begrenzte Sichtweise der (noch) in der Materie verhafteten Menschen bringt Mulisch an anderer Stelle zum Ausdruck:

„Die Leute glauben an Meisterhirne und teuflische Komplotte, aber wenn sie erführen, wie Politik tatsächlich gemacht wird, würden sie sich zu Tode erschrecken. Weil es da genauso zugeht, wie bei ihnen zu Hause. Ich glaube es ist überall dasselbe, wenn man hinter die Kulissen schaut.“

Mulisch’s Roman ist für mich unendlich unterhaltsamer als der Film und zudem ausgesprochen informativ: indem man die vielen geschichtlichen Hinweise weiter verfolgt, lassen sich Wissenslücken zu schließen, Vergessenes wieder Erinnerung bringen und neue Gedankenimpulse gewinnen:

Im Zusammenhang mit dem Verrat und der Hinrichtung seines Vaters wird Max 20 Jahre später mit dessen geradezu philosophischen Rechtfertigung seiner Verbrechen konfrontiert. Auf einer Zigarettenschachtel, die mit den Gerichtsakten aufbewahrt wurde, schrieb er die Worte

“Es gibt nur mich…
was es nicht gibt, das kann nicht sterben.”

Das Manöver eines intelligenten Verbrechers, um seiner gerechten Strafe zu entkommen -oder die wahnhafte Sichtweise, nur er selbst, Wolfgang Delius existiere tatsächlich und alles andere sei seine Projektion? Träfe diese Sichtweise zu und ließe sie sich beweisen, wäre jede strafrechtliche Ahndung eines Mordes problematisch.

Mulisch bezieht in die Handlung einen (echten?) Brief Martin Heideggers ein:
“Der Ausdruck Solipsismus leitet sich ab von solus ipse: ›Ich allein‹. Den Anfang dieses seinsvergessenen Gedankens findet man nicht in der Antike, er wäre bei Descartes anzusetzen. Dessen Universal-Zweifel, der an allem zweifelte, nur nicht an sich selbst,
führte zu der jedem Schulburschen geläufigen Formel cogito ergo sum. Der solipsistische Standpunkt ergibt sich, wenn das cogito ergo sum zu ergo solus ego sum verschärft wird. Das aber liegt in der Konsequenz des Cartesianismus. Diese zurückzuweisen bedeutet, die gesamte nachcartesianische Philosophie zu verneinen…”

Es ist sicher kein Happy End, das von Mulisch mit der ‚Entdeckung des Himmels‘ serviert wird. Eher wird eine Nachdenklichkeit ausgelöst: Hat das Verhalten des Menschen als Individuum sowie insgesamt als Spezies Konsequenzen, die über die Kausalität im sichtbare Diesseits hinaus weist?


Das Literarische Quartett – Sendung vom 15.08.1993

unter anderem über ‚Die Entdeckung des Himmels‘

Einige evtl. lohnende Literaturhinweise, die im Roman Erwähnung finden :

  • Das Alte Testament, vor allem das 1.-3. Buch Mose
  • Gilgamesch-Epos
  • Ägyptisches Totenbuch
  • Franz Kafka – Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande, sowie sein Brief an den Vater als Verständnisschlüssel für den Prozess
  • Stirner, Max – Der Einzige und sein Eigentum
  • Alma Mahler – Mein Leben
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