Filmtipp: Die letzte Versuchung Christi

Um 1976 wurde ein in Fragmenten erhaltenes Exemplar des bis dahin verschollenen Evangeliums nach Judas gefunden – eine apokryphe, von Gnostikern verfasste Schrift aus dem 2. Jahrhundert. Darin wird ein völlig anderes Bild des ‘Verräters und Jesusmörders’ Judas Iskariot entworfen als in den kanonisierten Schriften der Bibel:

Hier erscheint Judas als bester Freund und treuester Anhänger Jesu. Weil er tiefere Erkenntnis (‘Gnosis’) erlangte als die übrigen Jünger, sei der von Jesus beauftragt worden, ihn willen zu verraten. Dadurch habe er Jesus ermöglicht, seine leibliche Hülle zu verlassen und in das göttliche Reich zurückzukehren.

Judas Frage nach seinem Lohn für den Verrat habe Jesus offen beantwortet: die ganze Welt werde ihn auf ewig hassen und verdammen, doch er werde ebenfalls in das wahre göttliche Reich eingehen.
Der wahre Gott ist hier jedoch nicht der ‚jüdische Gott‘, den die anderen Jünger anbeten, sondern eine weit übergeordnete Wesenheit. JHWH dagegen wird in dieser Schrift als nur eine nachrangige Gottheit (Demiurg) dargestellt, der nur eine mit Mängeln behaftete (materielle) Schöpfung habe erschaffen können, die es durch die Erkenntnis zu überwinden gilt. Die Rolle Jesu ist darin die eines Gesandten des (höheren) Gottes, nicht aber die eines Gottessohns bzw. einer Erscheinungsform Gottes.-

In Martin Scorseses Film ‘Die letzte Versuchung Christi’ (1988) finden sich äußerliche Elemente dieser Sichtweise wieder, insbesondere bezüglich der Rolle des Judas. Bereits 1954/55 erschien die Vorlage zum Film –der Roman ‘Die letzte Versuchung’ des griechischen Schriftstellers Nikos Kazantzakis – über einen menschlichen Jesus, den bis zuletzt Zweifel plagen, der um seinen Glauben ringt und seine Bestimmung noch nicht gefunden hat.
Die katholische und die orthodoxe Kirche wandten sich gegen Kazantzakis und verhalfen ihm zu weltweiter Bekanntheit, als sie das Buch auf den Index der verbotenen Bücher setzten.
Auch das Bild Jesus weicht von dem traditionellen, kirchlichen Verständnis deutlich ab: er ist ein verunsicherter, getriebener Mann, der im Kampf mit Dämonen und Visionen nach seiner Identität sucht. Zwiespältigkeit, der innere Widerstreit von Gut und Böse bleibt gerade ihm nicht erspart – ist er der Messias oder nur ein zweifelnder Borderliner zwischen Hölle und Himmel?
Erst allmählich reift in ihm die Überzeugung, Gott erwarte von ihm den Opfertod – stellvertretend für alle Sünder.

Vor allem macht Scorsese es dem Zuschauer leicht, sich mit diesem Menschen Jesus zu identifizieren – trotz vollbrachter Wundert haftet ihm wenig göttliches Charisma an, dafür um so mehr die Schwachheit des Menschlichen, des von stetiger Zerrissenheit begleiteten Suchenden.
Dieser Jesus ist weder von seinem Auftrag noch von sich selbst überzeugt, er beginnt eine Predigt mit den Worten “Um Missverständnisse zu vermeiden…”
Ihn als ‘einen von uns zu sehen’, macht das blonde Muskelpaket zwar stellenweise sympathisch – ob diese Inszenierung zwischen Pathos, Selbstzweifeln und dem Erfüllen von Hollywood-Klischees indessen glaubhaft wirkt, bleibt dem einzelnen Betrachter überlassen. Ich selbst habe damit meine Schwierigkeiten, ohne genau zu wissen warum.

Auch dieser Jesus wird verfolgt und gefoltert – doch er vermag nicht auszumachen, ob sich dadurch der Wille Gottes ausdrückt. Am Kreuz erlebt er die letzte Versuchung, als ihm Satan die in Gestalt eines Schutzengels, mitteilt, er habe mehr als genug gelitten, all dies sei ohnehin nicht der Wille Gottes – und er, Jesus, sei nicht der Messias. Wozu also weiterleiden, anstatt das so ersehnte Leben eines gewöhnlichen Zimmermannes an der Seite von Frau und Kindern zu führen?
Hatte Jesus seinen Versucher bisher stets erkannt und seinen Verlockungen – Sättigung, Reichtum, unbegrenzte Macht – widerstanden, bleibt ihm nun die wahre Natur dieses Engels (einem blonden Mädchen) verborgen, jedenfalls vorläufig.
Mit Maria Magdalena, einmal mehr als Prostituierte dargestellt, gründet er eine Familie, führt ein normales Leben und wird alt. Am Sterbebett, kurz nach der Zerstörung Jerusalems durch römische Truppen, besuchen ihn einige seiner Jünger- unter ihnen ist Judas, der Jesus voller Hass und Wut vorhält, seine Mission verraten zu haben. 
Das normale, glückliche Leben, so stellt sich nun heraus, war nur ein Traum des Gekreuzigten – der sich nun bewusst entscheidet, für das Martyrium seine Bestimmung als Messias anzunehmen .

Letztlich realisiert Jesus, das es sich bei alledem um eine gewaltige, nahezu perfekte Täuschung handelte. Fast nebenbei wird deutlich, dass auch Satan ‘als Werkzeug Gottes’ eine wesentliche Rolle im Leben der Menschen spielt – sogar im Falle Jesu: Erst durch die Vision eines normalen, glücklichen Lebens erkennt Jesus die fatalen Folgen einer Verweigerung des göttlichen Auftrages.

“Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.”
(Mephisto, Studierzimmerszene, Faust I)

Paulus1) wies in seinem zweiten Brief an die Gemeinde in Korinth darauf hin, wie Attraktivität und Faszination des Bösen durch Verblendung zustande komme:

“Satan verstellt sich als Engel des Lichts.“
(2.Kor.11, 14)

Das dieser Film überaus umstritten war, wird niemanden verwundern – ich erachte ihn dennoch für sehenswert. Kein Skandalfilm, sondern eine von vielen Vorstellungen, wie Jesu Leben verlaufen sein könnte (allerdings endet ‘die letzte Versuchung Christi’ mit dem Tod am Kreuz, die Auferstehung bleibt unerwähnt).
Filme über das Leben Jesu vermitteln zwar den Anschein von Realität, doch nicht einer zeigt, was damals wirklich geschah. Alle Rekonstruktionsversuche des Lebens Jesu scheitern letztlich am begrenzten Wissen der Menschen um die Vergangenheit. Behält man dies im Hinterkopf, braucht man sich über die von den Evangelien abweichende Darstellung Martin Scorseses nicht allzu sehr zu entrüsten.

Trailer: Die letzte Versuchung Christi

Siehe auch:

Anmerkung

1) Im Film gibt Paulus nicht minder Interessantes von sich:

”…ich erschaffe die Wahrheit aus dem, was die Menschen brauchen – und woran sie glauben.
…du hast ja gar keine Ahnung, wie viele Menschen Gott brauchen, wie glücklich es sie macht, an ihn glauben zu dürfen…
Mein Jesus ist viel wichtiger, und mein Jesus ist noch viel mächtiger.”

 

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