“Homosexualität und der Kulturkampf der Katholiken”

titelt WELT online am 15.8.2012. Seit sich auch in der CDU/CSU die Stimmen für eine Ausdehnung des Ehegattensplittings auf gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften mehren1), gerate die katholische Kirche zunehmend in die Defensive. Sie müsse sich darauf einstellen, dass die Politik auf deren völlige Gleichstellung zur Ehe hinarbeitet – und fürchte, dass die Tages des ‘Vorrangs der Ehe’ gezählt sind.

Doch um “Steuervorteile für Schwule?”, wie an vornehmlich süddeutschen Stammtischen befürchtet wird, geht es eben nicht – sondern um die staatlich sanktionierte Form einer Partnerschaft, und nicht primär um sexuelle Präferenzen.

(Von daher verstehe ich die helle Aufregung kaum, zumal eine andere Streitfrage aus meiner Sicht sehr viel schwieriger zu beantworten ist (ist diese Thematik bei den Kirchen überhaupt schon angekommen?:

Ein generelles Adoptionsrecht für homosexuelle Paare wird dem Kindeswohl nicht gerecht“ (wolfenbuettelheute.de, 17.8.2012) – Der Niedersächsische Justizminister Bernd Busemann habe heute mit großer Zurückhaltung auf den Vorschlag der Bundesjustizministerin reagiert, für die Partner einer eingetragenen Lebenspartnerschaft ein generelles Adoptionsrecht zu normieren. 

Obgleich der Sprachgebrauch inzwischen subtiler ausfällt, hat sich die offizielle Haltung der katholischen Kirche zu Homosexualität seit Jahrzehnten kaum verändert …und damit wurde zugelassen, dass inzwischen eine meilenweite Distanz zum gesellschaftlichen Konsens der Gegenwart eingetreten ist:

“Die Kirche, die ihrem Herrn gehorsam ist, […] feiert den göttlichen Plan der Liebe und der Leben schenkenden Vereinigung von Mann und Frau im Sakrament der Ehe. Einzig und allein in der Ehe kann der Gebrauch der Geschlechtskraft moralisch gut sein. Deshalb handelt eine Person, die sich homosexuell verhält, unmoralisch.”
Aus: Kongregation für die Glaubenslehre, Erklärung Persona Humana zu Fragen der Sexualethik, 1975

Dieser besonderen Bedeutung der Ehe ist es nach katholischer Lesart angemessen, wenn der Staat Ehe und Familie besonders schützt und fördert – im Gegensatz zu anderen Lebensentwürfen, welche diesen Schutz offenbar nicht verdienen. Dies stelle wegen der Einzigartigkeit der Ehe keine ungerechte Benachteiligung anderer Lebensentwürfe dar. Interessante Logik, die auf kinderlose Ehen nur bedingt zuträfe, ließe man sie gelten. Und inwieweit wäre eine nichteheliche Gemeinschaft, der Kinder erwachsen, nicht ‚einzigartig‘?
Wer fiese Gedanken hegt, könnte nun meinen: Homosexuelle sichern im Gegensatz zu fruchtbaren Eheleute erklärtermaßen nicht den Fortbestand des Geschäftsmodells Kirche, dem im Idealfall laufend neue Beitragszahler schon mit der Taufe als unmündige Säuglinge zugeführt werden …bleibt der Klerus auch deswegen mehrheitlich bei seiner Ablehnung?

Interessant ist die Argumentation des EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider und Leiters der Evangelische Kirche im Rheinland:

Die biblische Lehre sei auf eingetragenen Lebenspartnerschaften kaum anwendbar: Zwar wende sich die Bibel gegen praktizierte Homosexualität, aber zur Entstehungszeit der Heiligen Schrift habe es gleichgeschlechtliche Beziehungen nur in Form von Ausbeutung gegeben. In den heute eingegangenen Partnerschaften stehe aber wie bei der Ehe der Gedanke des Einstehens füreinander im Vordergrund.

Die katholische Kirche ist noch nicht so weit.”, konstatiert der WELT-Artikel weiter. Dem ist wohl so: Die katholische Geistlichkeit kann weiterhin versuchen, jede Kritik an ihrer Sexualmoral durch Verweis auf ihren Katechismus abzutun, damit löst sie jedoch ein grundlegendes Dilemma nicht: Wie sollte die fortgesetzte theologische Ablehnung der Homosexualität an sich anders zu verstehen sein als eine Diskriminierung von Personen?

Evangelischer Bannbrief zur “Widernatürlichen Lebensweise“
Von Interesse ist wird in den kommenden Jahren vor allem sein, wie sich die generelle Haltung der Konfessionen insgesamt zur Homosexualität entwickelt. Dies ist keineswegs nur ein Thema ‚der Katholiken’, denn auch im evangelischen Umfeld zeigt sich noch Rückständiges:

Im Januar 2011 hatten acht Altbischöfe einen Bannbrief zur Partnerwahl und gegen die eingetragene Lebenspartnerschaft im evangelischen Pfarrhaus (Der Brief der Bischöfe mit dem Titel “Widernatürliche Lebensweise“ ist hier nachzulesen (PDF) veröffentlicht; vgl. Zeit online v. 21.1.2011)
Mir ihrem öffentlichen Brief wollten wollen die Bischöfe Kirchengesetz aushebeln, das schwulen und lesbischen Geistlichen neue Freiheit gewährt. Die verwendete Terminologie ist teilweise erschreckend und erinnert an Worte des Essener Bischof Franz-Josef Overbeck im April 2010 bei Anne Will.

Immerhin, es regte sich Widerspruch unter evangelischen Geistlichen: Auf ZEIT online verteidigten acht (andere) liberale Theologen unter der Überschrift “Was heißt hier widernatürlich?” vehement das Recht auf freie Wahl des Lebenspartners – ihr Credo lautet diesbezüglich: Die Freiheit der Partnerwahl muss ohne Einschränkung auch für Pfarrer gelten! Es gehört zur Natur jedes Menschen, seine Natur freiheitlich zu gestalten.

Es lohnt sich, einigen Thesen der Liberalen Beachtung zu schenken, die m.E. zeitlos Gültigkeit besitzen:

Neue Leitbilder
Aus gutem Grund habe die evangelische Kirche hierzulande in den letzten Jahren ihre Bilder von Ehe und Familie und vor allem deren Beurteilung nicht mehr an bestimmte äußere Formen geknüpft, sondern an die Art, wie diese Beziehungen gelebt werden:
Als Leitbild gelte somit ein verantwortliches, verlässliches und liebevolles Miteinander, wie es sich aus dem Evangelium als Ideal ableiten lässt. Genau diesem Ziel können Pfarrerinnen und Pfarrer aber in einer Ehe wie in einer eingetragenen Partnerschaft entsprechen – wenn auch nicht immer in der idealisierten biblischen Darstellung.

Alte Natürlichkeit
Eine Gestaltung des eigenen Selbst gehöre zur menschlichen Natur – wir entwickeln uns in dem Maße weiter, wie wir Veränderungen in uns selbst zulassen.
Homosexuelle erfinden ihre Neigung nicht, sie finden sie vor. Wer sagt, dass diese Neigung aus christlicher Sicht nicht in ‘naturgemäßer’ Weise gestaltet werden könne, muss diese Haltung begründen. Das alte Argument lautet immer noch: Sexualität ist nur »natürlich«, wenn sie die Möglichkeit der Fortpflanzung einschließt. Das aber werde in der evangelischen Kirche schon lange nicht mehr behauptet – wozu also dieses leidige Argument für Pfarrer wieder hervorkramen?
Zwar haben die Kirchen Jahrtausende lang den homophoben Mainstream repräsentiert -doch habe das Evangelium nicht die Aufgabe, die Vorurteile des sogenannten gesunden Menschenverstands zu bestätigen. Gerade Jesus stelle die Ausgrenzung von Fremden, Frauen und ‘Asozialen’ infrage, die in seiner Zeit als normal und natürlich galt!

Große Gottesliebe für alle
Die christliche Religion gebietet Respekt vor allen, die sich lieben. Dabei reicht nicht allein der Anspruch, sondern ein bestimmtes Verständnis von Liebe ist gemeint. Liebe ist konstitutiv an Freiheit gebunden und verkehrt sich in ihr Gegenteil, wenn sie mit Gewalt und in Unfreiheit praktiziert wird.
Ehen im Pfarrhaus haben Vorbildcharakter – sie sollen zeigen, wie gelingendes Leben aussehen könnte. Eine Kirche aber, die versteckt, dass sie auch die Kirche lesbischer und schwuler Menschen ist, reduziere sich selbst und ihre Pfarrerinnen und Pfarrer auf nur eine Lebensform, was der Lebenswirklichkeit widerspricht.
“Es widerspricht der Güte und der Freundlichkeit Gottes, seinen Segen kleinlich auf die zu beschränken, die sich als Mann und Frau lieben.”
Bibelauslegung
Zu keiner Zeit haben Christen biblische Worte eins zu eins auf ihr Leben übertragen. Das geht auch gar nicht, denn die Bibel dokumentiert religiöse Zeugnisse über einen Zeitraum von mehr als tausend Jahren. Manche in der Bibel berichteten Weiterentwicklungen und Rückschritten haben so viel Befremdendes für uns, dass wir aus gutem Grund heute sagen: Nein, so nicht.
Wer aber biblische Zitate kontextlos aneinanderreihe, um Schwule und Lesben zu diskreditieren, leiste jedenfalls keine biblische Begründungsarbeit, die solche Auslegungsregeln transparent macht.
 
Siehe auch

Anmerkungen

  1. Wenn in der Union nun umgedacht wird, mag dies auch wahltaktischen Überlegungen geschuldet sein: Laut dem Mikrozensus 2010 ist die Anzahl der nun insgesamt 63.000 gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften (darunter zugleich 19.000 eingetragene Lebenspartnerschaften) seit 1996 deutlich gewachsen.
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