Turiner Grabtuch – Fake oder Glaubenszeugnis?

“Fake” wäre bis vor kurzem meine knappe (und wohl eher dümmliche) Antwort auf diese Frage gewesen, motiviert durch die Erinnerung an die in den Medien verbreitete Materialdatierung, die das Alter des Grabtuches mit ca. 700 Jahren angab.

Das Turiner Grabtuch ist ein Leinentuch, gut 4 Meter lang und 1,10 Meter breit, das ein beidseitiges Ganzkörper-Abbild (bzw. ein ‘fotografisches Negativ’) eines Menschen zeigt. Es wird in einer Seitenkapelle des Turiner Doms aufbewahrt.

Die intensive Debatte über den Ursprung des Tuches zwischen Theologen, Historikern und anderen Forschern hält bis heute an. Viele Gläubigen betrachten das Turiner Tuch als das Grabtuch, in dem Jesus von Nazareth nach der Kreuzigung begraben wurde.
Eine erste Erwähnung des Tuches, zu dessen Echtheit sich die katholischen Kirche nie offiziell geäußert hat, ist im 14. Jahrhundert dokumentiert. Mehrere Kohlenstoffdatierungen aus dem Jahr 1988 deuten auf einen Ursprung als mittelalterliches Artefakt aus dieser Zeit.

Das Tuch war lange Zeit Eigentum verschiedener Adelsfamilien, u.a. des Hauses Savoyen; erst im 20. Jahrhundert wurde es der katholischen Kirche übereignet.
Die Verehrung des Tuches hatte sich im späten 19. Jahrhundert intensiviert, nachdem erst fotografische Negative des Grabtuchs ein überraschend plastisches und lebensnahes Abbild sichtbar ließen. Unabhängig von der Echtheits-Diskussion stellt das Tuch eines der am meisten untersuchten archäologischen Objekte dar.
(vgl. Wikipedia)

Der Begriff der ‘Fälschung’ ist eher irreführend, denn bis heute ist weder die Technologie der Bildherstellung noch der Urheber des Abbildes mit Sicherheit erwiesen.

Freilich wurde das Universalgenie Leonardo da Vinci verdächtigt und es existieren gleich mehrere Erklärungsversuche für die Herstellung des Bildes:

  • Kontaktabdruck: Körper/Vorlage war in Tuch gehüllt. An Stellen mit direktem Kontakt entstand eine Verfärbung, ausgelöst beispielsweise durch Wärme, chemische Reaktionen, auf Körper/Vorlage aufgebrachtes Pulver oder Farbpigmente.
  • Distanzwirkung: Körper/Vorlage war in Tuch gehüllt. Verfärbung tritt nicht nur an Stellen mit direktem Kontakt ein, sondern kann noch in einer gewissen Distanz von einigen Zentimetern zwischen Tuch und Körper beziehungsweise Vorlage eintreten (z.B. durch elektromagnetische Wellen oder Verfärbungsmechanismen wie Radioaktivität oder elektrostatische Entladung).
  • Malerei durch einen Künstler.
  • Hybrid-Mechanismen: Mischung aus mehreren der obigen Mechanismen (Beispiel: Flachreliefabdruck, bei dem das Tuch nicht direkt mit der eigentlichen Vorlage in Kontakt kommt, sondern nur mit einem nach dieser Vorlage gestaltetem Flachrelief).

All diese Ansätze vermögen nicht wirklich zu überzeugen, nachdem weitere Untersuchungen auf eindeutige Blut- und Verletzungsspuren eines gekreuzigten Menschen hinwiesen:

  • So wird die Blutgruppe des eigehüllten Körpers als ‘AB’ identifiziert (Prof. Ballone, Turin; Prof. Adler; Prof. Heller, Yale-University). Weitere biologische Daten werden genannt:
    Körpergröße: 176-178 cm

    Gewicht: 76-78kg
    Alter: 30-35 Jahre
    Geschlecht: männlich (Sowohl das X- als auch das Y-Chromosom wurden partiell analysiert, aber wohl nicht die DNA)
  • Auch lasse sich nachweisen, dass ein Nagel wurde durch die Handwurzelknochen geschlagen worden sei, nicht etwa durch die Handteller, die das das Körpergewicht eines erwachsenen Menschen nicht hätten halten können.
  • Es wurden weitere Belege sowie für die Kreuzigung (Unterarmgerinsel, Fußwunde, Körperhaltung u.a.) als auch für die vorhergehende Geißelung mit dem für die römische Vollstreckung typischen Flagrum vorgestellt – etwa 120 Geißelspuren à 4cm Länge.
  • Sogar die in den Evangelien erwähnte Seitenwunde lasse sich belegen:“Zwischen der fünften und sechsten Rippe findet sich eine 4,5 x 1,5 cm große Wunde, von der eine dichte Blutspur ausgeht. Form und Größe entsprechen den blattförmigen Lanzenspitzen der röm. Hilfstruppen.”
    Mit Sicherheit sei die betreffende Person zu dem Zeitpunkt verstorben gewesen, als ihr diese Seitenwunde zugefügt wurde.
  • Gefundene Blütenpollen verweisen offenbar auf die Region Palästina: Pflanzenbestimmungen (u.a. Bassia muricata, Hyoscyamus aureus, Suaeda aegyptiaca) ergaben, dass es sich um Halbwüstengewächse handelt, die (auch) häufig in und um Jerusalem vorkommen bzw. vorkamen.
    Das Leinen enthalte Pollen, die auf Bestattungsriten von vor 2.000 Jahren im Nahen Osten hinwiesen, berichtete schreibt die  „La Stampa“ am 06.06.2012.Vgl. hierzu die Bilddokumentation ‘Das Grabtuch von Turin – Fotografie Jesu oder Fälschung?’ (pdf)

Eine Bemalung des Tuches erscheint wenig glaubhaft,
…wenn man diese Hinweise in Betracht zieht und außerdem berücksichtigt, dass die Bildanalyse keine Richtungen an, sondern eine „zufällige Verteilung“ der Helligkeitswerte zeigt. Auch sei das eigentliche Bild nur auf der Faseroberfläche abgebildet (“wie versengt”), das Faserinnere dagegen sei unverändert. Auch fehlen jegliche Farbaufträge, noch Pinselverläufe oder Pigmentspuren.
Mit dem Bildanalysator VP8, eigentlich zur Auswertung von Satellitenfotos gedacht, wies man überraschenderweise exakte 3D-Informationen nach, folglich handelt es sich bei dem Abbild um ein räumliches Relief.

Besonders dieser letzte Umstand gibt zu denken: Wie hätte ein Künstler des Mittelalters ein räumlich präzises Körperbild mit so hoher Detailgenauigkeit zu erzeugen – durch eine Projektionsmethode o.ä? Hätte er zu dieser menschliches Blut verwenden können, um sämtliche Blutspuren exakt auf das Leinen aufzutragen.
Erst 2009, berichtete SPIEGEL online, gelang  dem italienischen Professor für Chemie Luigi Garlaschelli die Herstellung einer akzeptablen Kopie des Tuches – zwar mit im Mittelalter bekannten Techniken, aber zugleich mit dem heutigen Wissensstand. Bewiesen oder widerlegt hat er damit rein gar nichts.
Dennoch lautet das vorläufige Fazit zur Herstellung des Abbilds auf dem Turiner Grabtuch: “Das Abbild des Leibes, das im Grabtuch von Turin zu sehen ist, ist weder eine Zeichnung noch ein Bild, das mit einer bekannten Technik erzeugt worden ist.”
Was aber ist das Abbild dann?

“Nach Aussage amerikanischer NASA-Wissenschaftler (Dr. D. Lynn) sei das gestochen scharfe Negativbild durch eine kurze, aber intensive Strahlung (l/2000 sec) entstanden, die vom Körper innerhalb des Tuches ausgegangen sein muss (z.B. Beta- oder Thermo-Strahlung, Nuklearstrahlung).” So die bereits angeführte Bilddokumentation

Also eine Fotografie, vergleichbar mit den „Atomblitz-Bildern“ in Hiroshima? Glaubt man den Ausführungen dieser ausführlichen Abhandlung, sprechen mehrere Indizien für diese These, wie die dreidimensionale Information (VP8-Analyse) sowie die relative Unverzerrtheit des Körperabbildes.

Indizien für die Echtheit?
Bedenkt man auch die Unsicherheiten der Radiokarbonmethode zur Altersfeststellung, so muss man wohl konzedieren, dass ein Beweis einer Fälschung keineswegs erbracht ist: Neuere Untersuchungen ergaben, dass die Stelle, von der die erste Stoffprobe entnommen wurde, verunreinigt gewesen sei und daher nicht repräsentativ für das gesamte Tuch war. Die bisherigen Ergebnisse der Radiokarbon-Datierung waren damit infrage gestellt.

Die Kreuzigung wurde um 337 n.Chr. durch Kaiser Konstantin abgeschafft, eine spätere Rekonstruktion bezeichnen Fachleute als zu aufwendig und daher unwahrscheinlich.
Umgekehrt ist zu beachten, dass die o.a. Spuren lediglich auf einen unbekannten gekreuzigten Mann um die 35 schließen lassen. Immerhin liefern die biologischen Merkmale keinen Ausschlußgrund in Bezug auf Jesus.

Ich stelle mir in diesem Kontext jedoch auch die Frage, ob ein unwiderlegbarer Beweis überhaupt wünschenswert ist. Die Echtheit des Tuches in Bezug auf Jesus von Nazareth wird sich vermutlich nie zweifelsfrei beweisen lassen, bei den wissenschaftlichen Untersuchungen entsteht ein wenig der Eindruck, als habe die jeweilige Überzeugung der Forscher einen nicht unerheblichen Einfluss auf deren Resultate gehabt.
Eine Läuterung der Gläubigen oder ein Erkenntnisfortschritt sei so bald nicht zu erwarten, sagte Prof. Garlaschelli:

„Diejenigen, die an das Tuch glauben, werden das auch weiterhin tun.“

Das ist ja auch in Ordnung, solange nicht die Verehrung einer Reliquie in den Fokus ihres Glaubens tritt.–

Dokumentation: “Das Jesus-Antlitz – Neueste Forschungen am Turiner Grabtuch”

Siehe auch:

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