Religionen: Gewalt hui, Erotik pfui?

Wenn ich so über meine Widerstände in Bezug auf Frömmigkeit, Rituale, und strenge Religiosität in Institutionen nachdenke, fallen mir sicherlich mehrere Ursachen für die eigene Distanziert ein. Einer davon hat mit der Haltung mehrerer Religionen zu Sexualität und Gewalt zu tun.

Pauschal ausgedrückt, es entsteht der Eindruck, dass z.B. strenggläubige Christen und Muslime sehr enge moralische Grenzen für gottgewollt erachten, innerhalb derer Sexualität gelebt werden darf: nur in der Ehe, davor ist Sex eine Sünde und mit wechselnden Partnern erst recht. Von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften ganz zu schweigen, selbst wenn es sich um feste, monogame Beziehungen handelt.

Demgegenüber wird Gewalt, etwa gegen Andersgläubige, teilweise durchaus toleriert. Mehr noch: Durch Institutionen aller großen christlichen Konfessionen wurde – ebenso im Islam – physische Gewalt legitimiert und oftmals auch instrumentalisiert. Die Geschichte ist voll von heiligen Kriegen, Waffensegnungen und zahllosen Gebeten der Konfliktparteien um einen baldigen Sieg im Krieg.
Immerhin gehören solche Segnungen einstweilen der Vergangenheit an, wenn man dem ehemaligen Militärbischof Walter Mixa glauben darf. Andererseits segnete vor gut zehn Jahren der Erzbischof Angelo Comastri eine Kunstfliegerstaffel – „stellvertretend für alle Kampfflieger“.

Welche Wünsche der protestantische Ex-Präsident George W. Bush in Bezug auf die mögliche Intervention Gottes zugunsten amerikanischer Angriffskriege hegte, lässt sich unschwer mutmaßen. Auch hierzulande ist die „Lehre vom gerechten Krieg“ bis heute verbindlicher Teil der  Glaubenslehre evangelisch-lutherischer Kirchen. Auf Worte Jesu können sie sich dabei nicht berufen, eher schon auf das Alte Testament:

Wenn aber Schaden geschieht, so sollst du geben Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß,…” [2 Mose 21, 23-24 ELB]

Diese überaus komplexe Materie eingehend zu beleuchten, sei Fachleuten wie Professor Assmann (s.u.) überlassen, der dazu knapp und kurz zu Beginn seiner Vorlesung feststellt: “Gewalt hat in der Religion nichts zu suchen!

Jan Assmann „Zum Ursprung und Wesen religiöser Gewalt“

Mitschnitt eines Vortrags von Prof. Dr. Jan Assmann vom 12. April 2011 im Rahmen der Ringvorlesung „Religion und Gewalt – Erfahrungen aus drei Jahrtausenden Monotheismus“

Und Erotik bzw. Sexualität?

Dazu habe ich hier ein nicht uninteressantes Statement gefunden:

“Zwischen Erotik und Religion besteht viel Gemeinsamkeit. Die enge Verbindung zwischen ihnen, wird am Eifer deutlich, mit dem sich religiöse Kulte mit der erotischen Thematik befassen. Dabei kennen sie ihrerseits zwei Wege:

Die einen fürchten, dass die religiöse Sehnsucht an Schwung verliert, falls man sich nicht in erotischer Askese schult. Aus ihrer Sicht ist Erotik ein Übel, das die Treue zu den Dogmen untergräbt. Solche Kulte verbieten erotische Liebe generell oder zwängen sie zumindest in ein moralisches Korsett.
Seltener sind Kulte, die Erotik ausdrücklich bejahen. Teils wird sie dann sogar als ernsthafte Praxis der Läuterung empfunden. Da aus Askese mehr Aggression als aus Lust entsteht, haben sich asketische Kulte auf allen Kontinenten Macht verschafft.”

Echte Religion respektiere die Konkurrenz ihrer kleinen Schwester Erotik in Dankbarkeit, heißt es etwas weiter.

Besteht zwischen Religion und Erotik wirklich eine Form von ‘natürlicher Konkurrenz’ bzw. die Gefahr, das eine könne das andere ausschließen? Dass sich dergleichen herbeireden lässt, ist offensichtlich.

Doch vermag ich nicht zu entdecken, inwieweit sexuelle Selbstbestimmung und gelebter Glaube an Gott einander zwangsläufig tangieren. 
Freilich darf nicht übersehen werden, dass Fragen der (Sexual-)Moral mehrere Jahrtausende lang ausschließlich nach religiösen Grundsätzen entschieden wurden. Gut und Böse, Recht und Unrecht wurden augenscheinlich durch die Vertreter einer übermenschlichen Macht vermittelt. Gottheiten definierten die Maßstäbe korrekten Verhaltens und bestraften jeglichen Ungehorsam.
Eine Trennung zwischen Moral und Religion war insofern undenkbar.

Atheistische bzw. von Religion unabhängig begründete Moralvorstellungen erscheinen erst spät, sie sind ein Ergebnis fortschreitender Zivilisation.

Die machtvolle Instrumentalisierung von Moral und Ethik durch Religionsführer und Kleriker ist aus heutiger Sicht zwar im Rückblick nachvollziehbar und inswoeit offensichtlich geworden – doch sie stellt auch die Menschen in unserer Zeit vor eine Herausforderung, sofern sie nach einem spirituellen Bezug für ihr eigenes Leben suchen:

Was ist tatsächlich ‘Gottes Wille’ und wo haben sich menschengemachte, auf Autoritätsgewinn und Einfluss  abzielende Manipulationen in Überlieferungen wie Bibel und Koran eingeschlichen?
Religiöse Autoritäten setzten bestimmte moralische Normen durch, ohne diese als ihre eigenen anzuerkennen. Statt dessen verwiesen sie auf den „Willen Gottes“, den auszulegen allein sie autorisiert und imstande waren. Begriffe wie Sünde, Frevel oder gar Blasphemie kennzeichneten abweichendes Verhalten, das streng sanktioniert und mit der Notwendigkeit der “Sühne” und “Reinigung” belegt wurde.

Abweichler, die so genannten Sünder, wurden öffentlich bloßgestellt, umerzogen und letztlich gezwungen, ihre persönlichen Interessen priesterlichen Dogmen unterzuordnen.

Im Kontext des Alten Testaments etwa wurde jede Form von Sexualität, die nicht dem Ziel der Fortpflanzung diente, als “widernatürlich“ verworfen, da sie im Widerspruch zum Willen Gottes stehe.

Moralische Normen erlangten vorgeblich objektiven Charakter. Dort, wo eine repressive, negative Haltung gegenüber der Sexualität vermittelt wurde, war sexuelle Frustration an der Tagesordnung – jedenfalls in dem Maße, wie eine Kompensation durch religiöse Vereinnahmung misslang.
Das Resultat fasst Bernulf Kanitscheider mit folgender Fragestellung zusammen:

“Wie konnte eine Spezies eine Religion hervorbringen, die sich derartig heftig problematisierend zu ihrer Fortpflanzung und der dazugehörenden Sexualität verhielt?”

Es erscheine paradox und unvernünftig, jenes Potential mit sozialen Regeln normativ zu entwerten, die sich zudem gegen das Wohlbefinden der Mitglieder der eigenen Gesellschaft richteten.
Aus heutiger Sicht sind wir allerdings geneigt zu unterstellen, dass die Betroffenen ein freudloses, Leben unter Zwang und voller Intoleranz gegenüber sich selbst unglücklich anderen führten. Solche Einschätzung ist ist kaum mehr als eine Schwarz-Weiß-Projektion, schließlich sind wir heute kaum in der Lage, das Lebensgefühl von Menschen aus früheren Zeiten zu beurteilen.

Letztlich haben Menschen zu allen Zeiten ihre sexuelle Moral selbst geschaffen, auch wenn sie nur von einer kleinen klerikalen Elite vorgegeben wurde; dies ist zumindest meine Einschätzung. Daraus erwachsen das Recht und zugleich Verantwortung, eine Sexualmoral zu gestalten, welche friedliches Zusammenleben, persönliches Wohlergehen und Rücksichtnahme ermöglicht bzw. begünstigt.

Welchen Zweck sollte ein Gott mit kleinlichen Ausführungsbestimmungen für sexuelle Neigungen und Handlungen verfolgen, wenn diese über das Gebot der Selbst-und Nächstenliebe weit hinausgehen – anstatt gegenseitigen Respekt und liebevolles Miteinander zu fördern?
Ihre Aufgabe sollten Kirchen m.E. nicht der Regelung der Selbstbefriedigung, des geeigneten Zeitpunktes für das Erste Mal und der Wahl des Geschlechtspartners suchen, vielmehr sie könnten als Impulsgeber in wirklich schwierigen ethischen Fragen einen wertvollen Beitrag leisten – sobald sie ihre Weigerung beenden, die gesellschaftliche Realität der Gegenwart zur Kenntnis zu nehmen. 

Indessen bin ich mir über diesbezügliche Texte der Evangelien durchaus bewusst, wie beispielsweise:

“Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst nicht ehebrechen. Ich aber sage euch: Jeder, der eine Frau ansieht, sie zu begehren, hat schon Ehebruch mit ihr begangen in seinem Herzen.” [Mt 5, 27-28, ELB]

In den Evangelien ist aber noch ein weiterer Grundsatz sehr deutlich festgeschrieben – das Bekenntnis Jesu zur Gewaltlosigkeit. Und genau hier entdecke ich einen vor Zynismus triefenden Widerspruch, der sich in einer unzeitgemäßen Vermischung von internationaler Politik und Religion äußert: Pazifistische Elemente des NT wurden und werden allzu oft relativiert und in opportune Phrasen verbogen, es wird zwischen ‘guten’ und ‘schlechten’ Gewalthandlungen unterschieden.
Wer also den Menschen aufgrund der Bibel Vorschriften über ihr Sexualverhalten machen will, agiert unehrlich, wenn zugleich Krieg und Gewalt ‘unter bestimmten Bedingungen’ toleriert oder gar befürwortet werden. Denn es dürfte nicht zu bestreiten sein, dass Erotik weit weniger Schaden anrichtet (wenn überhaupt).

Kräfte, die Kriege führen und Erotik unterbinden wollen, führen definitiv nichts Gutes im Schilde. 
Eine unverkrampfte, bisweilen humorvolle Haltung zu Erotik und Sexualität scheint jedenfalls erstrebenswert, sie verhilft Bernulf Kanitscheider zu einer treffenden Feststellung einer ‘Seltsamkeit’:

“Sollten dereinst Außerirdische unseren Planeten besuchen, um unser Sozialsystem und unsere Fortpflanzungsrituale zu untersuchen, wird ihnen eine enorme Diskrepanz auffallen:
Die Erdenbewohner scheinen eine Lieblingsbeschäftigung zu haben, der sie mit höchstem Interesse nachzugehen versuchen, machen sich aber zugleich selber die größten Schwierigkeiten, das zu tun, was sie am liebsten möchten.” [Religion und Sexualität in interkultureller PerspektiveB. Kanitscheider]

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