Karma

Wir ernten, was wir gesät haben…

Der Begriff Karma wird vorwiegend mit den östlichen Religionen und Philosophien sowie esoterischen Inhalten im Umfeld der NewAge-Bewegung assoziiert. Er bezeichnet ein universelles Prinzip, nach dem jede Handlung – physisch wie geistig – unweigerlich eine Folge hat. Solche Auswirkungen werden nach dieser Vorstellung nicht unbedingt im aktuellen Leben wirksam, sondern äußern sich möglicherweise erst in einem der nächsten Leben. 

In den fernöstlichen Religionen ist die Karmalehre mit dem Glauben den Kreislauf der Wiedergeburten, verbunden. Damit erlangt das Kausalitäts-Prinzip (‚Alles, was uns widerfährt, hat eine Ursache, die wir selbst geschaffen haben‘) insbesondere über mehrere Lebensspannen hinweg Gültigkeit:
Dem einzelnen Menschen widerfahrendes Glück und Leid werden also als Konsequenzen eigener Handlungen verstanden, zugleich aber auch als Wirkungen eigener Gedanken im Sinne von Rückwirkungen auf den Urheber selbst. (In der modernen Physik ist sind  Überlegungen anzutreffende, wonach Gedanken die Realität damit auch Materie beeinflussen könnten.)

  • Nicht nur „schlechtes“ Karma erzeugt den Kreislauf der Wiedergeburten, sondern gleichermaßen das „gute“. Letztes Ziel ist es darum, überhaupt kein Karma mehr zu erzeugen.

Im Umfeld der sog. Neu-Offenbarungen (vgl. J.Lorber, Anita Wolf, Hans Dienstknecht) finden sich auch Anschauungen, welche das Karmaprinzip und auch die Reinkarnation als vereinbar mit einer unverfälschten (früh-)christlichen Lehre betrachten. (Reinkarnation wird hier als Wiederverkörperung verstanden …die Seele verbindet sich in mehreren Lebensperioden mit verschiedenen Körpern). Auch hier entsteht Karma nicht als Folge der Beurteilung durch einen göttlichen Richter, daher geht es keinesfalls um „göttliche Gnade“ oder strafende Vergeltung von außen. 
Vielmehr finde eine Form der Selbstbeurteilung auf einer seelisch-geistigen Ebene statt. Hans Dienstknecht schreibt dazu:

„Da die göttliche Liebe auch die Gerechtigkeit enthält, muß es eine Erklärung dafür geben, daß die Menschen mit unterschiedlichen Merkmalen und Fähigkeiten in Situationen hineingeboren werden, die oft extrem gegensätzlich sind. Wenn das aber gerecht ist, muß es auch Gründe dafür geben, da nichts im ganzen Universum ohne Ursache geschieht.
Die durchaus vernünftige Erklärung „Da muß was vorausgegangen sein“ akzeptieren wir in unserem Alltag ein Leben lang – bis auf die Situationen, wo wir den Zufall zu Hilfe nehmen, weil uns anderes nicht einleuchtet, oder wir es nicht besser wissen. Dabei ist Zufall, wie Einstein es formuliert, „nur der Ausdruck unserer Unfähigkeit, den Dingen auf den Grund zu kommen.“ 

Wenn es um göttliche Gerechtigkeit geht, kann der Zufall nicht mehr herhalten, Willkür erst recht nicht (obwohl die Lehre von der Vorherbestimmung eines jeden Schicksals schon in diese Richtung geht, wie wir gesehen haben). Die Annahme oder Überzeugung, daß etwas vorausgegangen ist, führt zu der einzig möglichen Deutung, daß es ein Dasein vor dem jetzigen gegeben haben muss, sozusagen der Grundstein, auf dem die neue Inkarnation aufgebaut wurde. Daraus läßt sich unschwer schlussfolgern, dass auch dieses Leben als Sprungbrett für ein weiteres dienen kann….“ […]

„Wer davon überzeugt ist, daß sein Leben in der Regel eines von mehreren bis vielen ist, weiß auch den Grund dafür: sich höherzuentwickeln auf sein geistiges Ziel zu…“

Der Gedanke einer Wiederverkörperung ist der hiesigen Tradition fremd und daher ungewohnt, doch könnte er in Verbindung mit dem Karmaprinzip ein fehlender Baustein sein, der unser Dasein im Spannungsfeld von Glück, Freude und unverstandenem Leid begreifbar werden lässt.
Dabei sind für mich zwei Aspekte wesentlich, die bei Dienstknecht zum Ausdruck kommen und das Verständnis von Gott im christlichen Sinne betreffen:

  • Wohl die Mehrheit der Christen hat Angst vor dem Tod, auch weil sie das eschatologische Konzept von der ‚Auferstehung des Fleisches‘ (ewiges Leben in genau dem selben Körper, den wir mit dem Tode verlassen …und der dann irreversibel verwest) nicht nachvollziehen kann. Ist eine ‚Wiederverkörperung‘ (ein oder mehrere weitere Leben in ’neuen‘ Körpern) nicht um vieles plausibler und intuitiv nahe liegender?
  • wenn wir einmal wiedergeboren werden können (wie es etwa die katholische Lehre vorgibt), warum dann nicht auch mehrmals – sodass unsere Seele einen Reifungsprozess in mehreren Abschnitten durchlaufen kann?

Auf die Fragestellung der Theodizee (Warum lässt ein allgütiger, allmächtiger und allwissender Gott das Leid im Leben der Menschen zu – insbesondere, wenn ‚Unschuldige‘ – vor allem Kinder – davon betroffen sind?) geben offizielle Kirchenlehren komplexe Antworten, welche von vielen Menschen als unbefriedigend und subjektiv ungerecht angesehen werden. Sinngemäß heißt es da: Leid und Übel sind von Gott gewollt und haben daher einen Nutzen, auch wenn wir diesen nicht zu erkennen vermögen.
(Diesen ‚Nutzen‘ vermögen wir vor allem dort nicht zu erkennen, wo uns Ursachen und Wirkung von Schmerz, Krankheit und Tod im Hinblick auf die betroffene Person völlig schleierhaft erscheinen.)

„Das Übel habe, biblisch gesehen, einen guten Zweck: Das Erkennen von Gottes heiligen Eigenschaften setzt nach der Auffassung einiger Exegeten voraus, dass die Geschöpfe, die ihn dafür lieben sollen, auch den Gegensatz zwischen Gut und Böse erlernt haben. Mit dieser Erkenntnisfähigkeit wurde der Mensch aber nicht geschaffen. Er musste sie erst entwickeln. Woher aber hätte der Mensch den Gegensatz von Gut und Böse wissen können, wenn negative Umstände („das Böse“) nicht von außen an ihn herangetreten wären?…“
Vielsagend heißt es da oft: ‚Die Wege des Herrn sind unergründlich.

Diese Aussage hat den Charakter einer Unterstellung – da Gott als willentlicher Urheber entsetzlich leidvoller Ereignisse dargestellt wird – wird und ist für mich so pauschal nicht hinnehmbar. Zutreffend ist freilich: zu vielen Aspekten der Schöpfung fehlt uns – zumindest mir – der verstandesmäßige Zugang. 

Wo aber eine zentrale Glaubensfrage (nach Ursache des Leidens angesichts der Existenz eines gütigen Gottes) mit diesem Killerargument gedeckelt wird, reduziert man Gott auf die Größe ungehaltener Eltern – die unangenehmen Fragen ihrer Kindern mit banalen Phrasen begegnen („Das verstehst du als Kind noch nicht“).
Es ist zu einfach, die Elternrolle auf Gott zu projizieren, wenn es um die Verantwortung für unsere Lebensumstände geht. Nach der Karmalehre fernöstlicher wie auch christlicher Prägung liegt diese Verantwortlichkeit allein bei uns selbst… damit haben wir aber auch die Chance, in kleinen, konsequenten Schritten selbst eine Änderung herbei zu führen.

(Sollte das etwa bedeuten, dass Gott für unsere Leben keine große Rolle spielt? Diese Frage lässt sich nicht in wenigen Worten behandeln. Aus meiner Sicht hat jener Schöpfergeist sämtliche universalen Gesetze herbeigeführt, gemäß denen Alles Was Ist funktioniert. Hierzu zählen auch das Karma und dass Prinzip der seelischen Reifung im Laufe vieler Leben, welche genau genommen eine Wiederherstellung eines früheren Heilszustandes ist.)

Die beste aller möglichen Welten?

Nach Gottfried Wilhelm Leibniz gibt es eine unendliche Anzahl möglicher Welten. Gott habe die vollkommenste, „die beste aller möglichen Welten“ geschaffen. Leibniz argumentierte:

  • Gottes unendliche Weisheit lasse ihn die beste unter allen möglichen Welten herausfinden,
  • seine unendliche Güte lasse ihn diese beste Welt auswählen,
  • und seine Allmacht lasse ihn die beste (aller möglichen/uns derzeit zugänglichen) Welt hervorbringen.

An Leibniz‘ Argumentation ist viel Wahres. Nur bin ich davon überzeugt, dass in ‚der besten aller möglichen Welten‘ ohne Zweifel auch rational verstehbare Gerechtigkeit existiert …und hoffentlich auch ein liebender Gott (der eben nicht vorwiegend Rache und Bestrafung im Sinn hat). Leid, unheilbare Erkrankungen und Schlimmeres sind nach unserem Maßstab freilich selten gerecht und entspringen schon gar nicht einer für uns verständlichen Form von Liebe – etwa wenn todgeweihte Kleinkinder damit konfrontiert werden und niemals das Erwachsenenalter erreichen.
Hier mit Schuld und einer Sühne auf Gottes‘ Veranlassung zu argumentieren, führt geradewegs in eine Sackgasse: Worin sollte das Eigenverschulden eines qualvoll sterbenden Säuglings denn wohl bestehen? Wird hingegen die Schuld der Eltern vermutet, bliebe die Gerechtigkeit gegenüber dem betroffenen Opfer nach menschlichen Maßstäben auf der Strecke.

Indem man das Karma-Prinzip, welches über mehrere Lebensperioden hinweg wirken kann, in Leibniz‘ Argumentation einbezieht, wird eine Form von Gerechtigkeit sichtbar. 
Doch bleibt es dabei: dieses Wirkungsprinzip ist für mich nur schwer zu verstehen – vor allem, weil sterbende Kinder keine Chance erhalten, jemals die Ursache ihres Leids als Konsequenz ihres Handelns (in einem früheren Leben) zu realisieren und daraus einen Lernfortschritt zu erzielen. Wie sollte ohne dieses der seelische Reifungsprozess funktionieren?
Überzeugte Befürworter von Karma und Reinkarnation würden hier einwenden, der Erkenntnisvorgang finde sehr wohl statt – und zwar in einer jenseitigen Dimension: die Seele des Kindes erhalte die Gelegenheit, die Gründe seines Leidens zu erkennen und sich dadurch weiter zu entwickeln …nicht in diesem kurzen Leben, sondern nach dem Tode, der lediglich den Übergang in einen anderen Seins- und Bewusstseinszustand darstelle. 
Verständnislücken bleiben für mich trotzdem bestehen.

 So gesehen wäre der Tod wirklich ein Anfang:

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Eine Antwort auf Karma

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