“Gespaltener Christlicher Glaube”

Eine psychoanalytisch orientierte Religionskritik v. Hermann Fischer

Wird sie nicht nach wissenschaftlichen Maßstäben betrieben, geht Religionskritik allzu leicht einher mit Intuition und subjektiven Einschätzungen (‘Das kann doch nicht sein’, ‘Jedes Wort der Bibel ist buchstäblich wahr und stammt von Gott’), welche eine kontroverse, aber sachliche Diskussion erschweren. Andererseits ist die bisweilen erschreckend platte Polemik, wie sie von einigen Naturwissenschaftlern geäußert wird, kaum geeignet, verwertbare Impulse für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Phänomen Religion zu gewinnen. Spontan fällt mir hierzu Dawkins ein.

Nachfolgend der Hinweis auf ein seit längerem vergriffenes Buch aus dem Jahre 1974 (online hier verfügbar), das ich als lesenswert erachte, ohne seinen Inhalt im einzelnen zu beurteilen. Persönlich tendiere ich dazu, den Text nicht in einem Stück zu lesen sondern einzelne Abschnitte daraus zu bestimmten Fragestellungen heranzuziehen.
Der Autor erklärt in seinem Vorwort, er habe versucht, die Religionskritik Sigmund Freuds auf ihre Berechtigung hin zu befragen. Hierbei falle besonderes Augenmerk auf  Freuds kritische Behauptungen, die den biblischen Glauben in seinem Wahrheitsgehalt einleuchtend in Frage zu stellen scheinen.

Dass dabei bislang unangetastete Glaubenswahrheiten erschüttert werden könnten, sei an sich noch kein Grund zur Beunruhigung, sondern stehe im Kontext der neuere kritischen Theologie.

“So flaute der Sturm der Entrüstung über die Entmythologisierung der Bibel sehr schnell ab, und heute wird wie selbstverständlich auf vielen Kanzeln im Sinne Bultmanns und seiner Nachfolger gepredigt.”-

Fischer greift beispielsweise These von der ‘ewigen Höllenstrafe’ auf und stellt fest, dass die Ankündigung des jüngsten Gerichtes in den Evangelien nach Matthäus und Lukas ‘mit Sicherheit nicht von Jesus stamme’.
Vielmehr sieht er hier eine Weiterbildung der Theologie der ersten christlichen Gemeinden, die noch den eschatologischen Vorstellungen des Spätjudentums verbunden waren.
Laut Hermann Fischer haben wir insoweit daher berechtigten Anlass, angsterregenden Äußerungen Jesu mit äußerster Skepsis zu begegnen. Denn:

“Ein Jesus aber, der den Menschen im Fall des Ungehorsams mit ewiger Verdammnis bedroht, begibt sich der Möglichkeit, die Liebe Gottes zu seinem Geschöpf glaubwürdig zu verkünden.
Liebe ist ein Angebot, das nur in Freiheit aufgenommen werden kann. Hier ist der Mensch an psychische Gesetze gebunden, die auch ein Gottesglaube nicht außer Kraft setzen kann. Wer bereit und fähig ist, einen anderen so massiv zu bedrohen, verscherzt sich die Möglichkeit, geliebt zu werden.”

Zur Intention Fischers (aus dem Klappentext)

“Hier kommt die Religionskritik von der Psychoanalyse her voll zum Zuge. Sie wird nicht – wie in jüngster Zeit häufig – verharmlost, sondern ohne Vorbehalt auf ihre Berechtigung hin befragt. Karl Barth hat in den zwanziger Jahren eindringlich vor dem Sumpf der Psychologie des Unbewussten gewarnt und wesentlich dazu beigetragen, dass ein Eingehen auf die Psychoanalyse Sigmund Freuds für Theologie und Kirche in den Ruch des Bösen kam und wirksam blockiert wurde.

[…] Das Buch deckt auf, dass die Erschütterungen, die die Psychologie Freuds in allen Bereichen des geistigen und gesellschaftlichen Lebens bewirkt hat, auch vor der Theologie nicht halt machen.

Es zeigt sich, dass sich das Alte Testament von der Psychoanalyse her als ein wichtiges Dokument der Menschheitsgeschichte einer neuen Deutung öffnet. Es bestätigen sich die engen und unlösbaren Beziehungen zum neuen Testament, wobei allerdings auch hier Interpretationen herkömmlicher Art auf der Strecke bleiben. […]
An den beiden großen geschichtlichen Persönlichkeiten Paulus und Luther wird aufgezeigt, wie sehr die von ihnen vertretene Theologie mit ihrer Persönlichkeitsstruktur in Zusammenhang steht und daher auch einer Korrektur bedarf.

Dieses Buch Hermann Fischers wird in manchen Kreisen sicher Anstoß erregen, aber auch Denkanstöße auslösen, insbesondere bei denen, die in ihrem Christsein verunsichert sind. Denn es zeigt sich, dass Psychoanalyse auch im religiösen Bereich unhaltbar Wirklichkeitsfremdes zu zersetzen, einem kraftvollen – heilen – Geist, wie er uns in Jesus von Nazareth begegnet, aber nichts anzuhaben vermag.”

Gliederung des Buches (verlinkt)

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