Edgar Cayce – Reinkarnation, Karma und Erbsünde

Das universelle Gesetz, nach dem jede Handlung – physisch wie geistig – unweigerlich eine Folge hat, habe ich in dem Beitrag „Karma“ zu erläutern versucht; dabei kommen einige Hintergründe und der Gesamtzusammenhang etwas kurz.

Im christlichen Kontext wird die Frage nach dem Leid in der Welt unter anderem mit der „Erbsünde“ beantwortet, welche zugleich die Notwendigkeit der Erlösung durch Gott begründet.
Unter Ursünde oder Erbsünde versteht die christliche Tradition  seit Augustinus von Hippo den durch die Sündenfall begründeten Unheils-Zustand: Jeder Mensch sei als Nachkomme des ersten Menschenpaares (Adam und Eva) von Geburt an persönlich vorbelastet.
Nicht erst durch eigene, im Laufe seines Lebens begangene Verfehlungen werde der Mensch zum ‘Sünder’, sondern er kommt mit diesem Makel auf die Welt. Wir begegnen hier einer absonderlichen Vorstellung, nach der Gott uns alle in Sippenhaft nimmt und zeitlebens für eine Tat zu strafen droht, die wir nicht persönlich zu verantworten haben. Gemäß der Überlieferung im 1. Buch Mose hat Eva sich mit der Schlange abgegeben, Adam ist seiner Frau gefolgt – doch spätere Generationen waren in dieses Vergehen wohl nicht involviert. 

Diese These von der Erbsünde lieferte eine Grundlage dafür, dass Menschen sich als sündhaft, minderwertig und in hohem Maße von der Kirche abhängig betrachteten, ohne deren Mittlerfunktion eine Rückkehr in einen Heilszustand ohne Leid, Tod und Krankheit (das ist es, was mit Erlösung gemeint ist) nicht zu bewerkstelligen sei.

Das erste Kapitel des Buches „Du weißt wer Du bist“ von bzw. über Edgar Cayce bietet eine m.E. plausible Deutung der Ursache unserer empfundenen Trennung von Gott an, ohne die biblische Schilderung im Buch Genesis pauschal als unzutreffend abzutun.

  • Edgar Cayce (1877 -1945), auch der „schlafende Prophet“ genannt, war ein US-amerikanisches Medium. Er gab in Trance Antworten zu Themen wie Gesundheit & Medizin (und unterstützte so nachweislich die Diagnostik und Therapie vieler Kranker) und Reinkarnation, aber auch Astrologie, und Atlantis. Die Publikationen von Cayce, der anfangs als Buchhändler und Fotograf arbeitete, umfassen 300 Bände.
  • Pfarrer Johannes Greber (1874 – 1944),  verfasste das Buch “Vom Verkehr mit der Geisterwelt Gottes”. Dieses Werk besteht aus mehreren Teilen, von denen für mich weniger die spiritualistischen Anleitungen von Bedeutung sind als eine mit Cayce durchaus vergleichbare Sicht der Schöpfungs- und Menschheitsgeschichte.

Bisweilen etwas antiquiert anmutende Aussagen Johann Grebers finden ihre inhaltliche Fortsetzung und Ergänzung in den sog. Cayce-Readings. Diese „Gottes Verlangen nach Gesellschaft von Gefährten und nach Ausdruck“ als Grund für die Erschaffung der Menschen.
Weder bei Greber noch bei Cayce maße ich mir ein Urteil über die Art und Weise an, wie deren Ausführungen zustande kamen. Einerseits bin ich mit Techniken wie Channeln / Channeling u.ä. so gar nicht vertraut; ferner sehe ich keine Veranlassung, hilfreiches und weiterführendes Textmaterial zu ignorieren, nur weil ich seine Entstehung nicht verstehe.

Unsere Erschaffung ist Ausdruck von Liebe

Warum hat die ‚Schöpferische Kraft‘ (ein bei Cayce verwendeter, durchaus sympathischer Ausdruck für Gott) überhaupt bewusste Individuen wie den Menschen geschaffen?Nach Cayce verlangte es Gott danach, sich selbst Ausdruck zu verleihen. Wenn wir die Tatsache unserer Existenz als ein Ergebnis göttlichen Selbst-Ausdrucks betrachten, dann ist unser tiefstes Wesen eine Manifestation Gottes.
Was aber ist Gott? Kurz und einfach ausgedrückt:

„Gott ist Liebe.“

Somit waren unsere Leben von Anfang an und immer als Ausdruck der Liebe gedacht:
Wenn Gott unendlich ist, dann ist er folglich unendliche Liebe – und jeder von uns ist ein Objekt der unendlichen Liebe. Darin liege unsere Bestimmung und zugleich eine Verpflichtung:
Nach dem Plan des Schöpfers liegt die Intention unseres Seins darin, seiner Liebe in allem, was wir im Verlauf unserer Existenz tun, Ausdruck zu verleihen. Unsere gedachte Rolle als Gefährten der Schöpferischen Kräfte:

„jede Seele soll neben Gott ein Mitschöpfer sein.“

Keine Erbsünde, sondern Rebellion unserer Seelen

Doch muss etwa schief gelaufen sein, kurz nachdem der freie Wille ins Spiel kam: Geschichte und Gegenwart der Menschheit zeugen unverkennbar von einem Zustand der Unvollkommenheit. Unsere Existenz ist alles andere als ein vollkommener Ausdruck göttlicher Liebe, täglich sehen wir uns mit Lieblosigkeit und ihren Auswirkungen konfrontiert. Auch scheint Gott in unserer Alltagserfahrung manchmal völlig abwesend zu sein; für viele ist kaum wahrnehmbar, dass jeder von uns eine tiefe, persönliche Beziehung zu ihm hat.
Gott zwingt uns zu nichts, dies betonen auch die Cayce-Readings – in Ausübung unseres freien Willens können wir „in Einklang mit dem göttlichen Plan handeln und Seiner Liebe Ausdruck geben – oder aber Lieblosigkeit, das Ungöttliche, bezeugen: … „Der Wille kann eins werden mit Ihm oder nur dem Ich dienen…
(Das Problem scheint im ‚Entweder – Oder‘ zu begründet sein, auch wenn ich mir für meine derzeitige Entwicklungs- und Reifestufe ein ‚Sowohl als auch‘ wünschen würde.)

So trafen einige von uns lange vor ihrer Menschwerdung die Wahl, nicht in Übereinstimmung mit Gottes Plan zu handeln. Der ursprüngliche Akt der Rebellion fand nicht auf der Erde statt, denn er geschah, als es das stoffliche Universum noch nicht gab. Es handelte sich also um einen Akt spiritueller Rebellion, eine Entscheidung im Geist – für Dinge, die sich mit göttlicher Liebe nicht vereinbaren ließen.
Welche konkrete Form nahm nun unsere Rebellion an, worin genau hat sie bestanden? Glaubt man den Cayce-Readings, so entschieden wir uns dafür, unser persönliches Ego aufzubauen, es zu befriedigen und zu verherrlichen, anstatt an der universellen Liebe teilzuhaben. Ein ‚gesunder Egoismus‘ gilt heute als Normalität, wenn wir ehrlich sind – selbst wenn wir so einsichtsvoll sind, nicht in jeder sich bietenden Situation nach eignen Interessen zu handeln.

Die Ausübung des freien Willens unterliegt stets dem (in diesem Blog „ab und zu“ thematisierten) Prinzip (oder ‘Gesetz’)von Ursache und Wirkung – dies gilt für jede von uns getroffene Wahl, ob sie nun dem vom Schöpfer geplanten Weg entspricht oder in eine andere Richtung geht.
Die Konsequenzen unserer Entscheidung zur Rebellion tangieren zudem ein weiteres universelles Gesetz:

Gleiches wird von Gleichem erzeugt – wir ernten, was wir säen (und umgekehrt): „Weder wird eine liebende Entscheidung zu unharmonischen noch eine egoistische Entscheidung zu guten Resultaten führen.
Bei Cayce heißt es über diese spirituelle Rebellion:

„Wir wählten die Trennung und erfuhren in der Konsequenz ein Gefühl der Trennung von unserem Gott.“

Wie von J. Greber es in seinen Werken geschildert, dürfte sich die Mehrzahl der Seelen sich über den Umfang und die Konsequenzen ihres Ego-Trips kaum im Klaren gewesen sein – wie es noch heute oft der Fall ist. Dies deutet sich auch in der Bibel an, als Eva sich später von der Schlange täuschen lässt.
Resultierend traten Übel und Leid in unsere Erfahrungswelt; es kam zu Bedingungen und Erfahrungen, die nicht im Einklang mit der universellen Liebe standen, an der wir uns als Gefährten des Schöpfers eigentlich hätten erfreuen sollen.

Nach dieser spirituellen Trennung kamen einige von uns Seelen auf diese sich entwickelnde Erde, sie fühlten sich von ihr angezogen. Unsere Gedanken besaßen auch in der Materie schöpferische Kraft – sie wurden zur Realität, wir konnten sie zur Umgestaltung unserer physischen Umwelt einsetzen.
Laut Cayce projizierten sich einige von diesen Wesen (Greber spricht von Geistern, aber im Sinne von ‘Geist’ und nicht von ‘Gespenst’) in die Sphäre der sich entwickelnden Erde und beeinflussten ihre Evolution auf eine Weise, die so nicht in Einklang mit Gottes Plan stand … denn sie benutzten die Erde in einer Weise, die den Zielen des Egos statt Gottes Zielen diente.
Anders formuliert: sie setzten ihre Rebellion auf der Erde fort.

Die neuen Möglichkeiten in einem leiblichen Körper faszinierten und fesselten derart, dass einige von ihnen ihre wahre Natur als spirituelle Wesen und Geschöpfe Gottes vollständig vergaßen. So wuchs die Entfernung zu Gott immer mehr; die nun aus Körper und Geist bestehenden Wesen nahmen das Göttliche in sich nicht mehr wahr und verstrickten sich so tief in der Materie, dass sie sich nicht mehr daraus zu lösen vermochten.

Nicht alle von Gott geschaffenen Seelen wählten diesen Weg: wohl die große Mehrheit folgte weiterhin der Absicht ihres Schöpfers und lebte als seine Gefährten fort in dem Selbst-Bewusstsein als spirituelle Wesen.
Einige von ihnen entschieden sich, auf die Erde zu kommen und den Widerspenstigen beizustehen, sie an ihr Einssein mit Gott zu erinnern und ihnen zu zeigen, wie sie ihrer Verstrickung mit der Erde entkommen konnten. Unter diesen habe sich auch das Wesen befunden, das wir als Adam kennen. Die biblische Geschichte seiner Erschaffung aus dem Staub der Erde versinnbildlicht die Formung des Körpers, den seine Seele in der dreidimensionalen Welt bewohnen würde.

An dieser Stelle weicht das vorliegende Buch von der Darstellung bei J.Greber ab, der Adam als einen der ‚Fürsten der gefallenen Geister‘ bezeichnet. Vielleicht ist die Schilderung der Ereignisfolge aus den Cayce-Readings plausibler – auch im Hinblick auf die Gesinnungsunterschiede zwischen den meisten menschlichen Seelen und den ‚Anhängern Luzifers‘:

„Im Gegensatz zu den missgebildeten Gestalten, die die irre gegangenen Seelen erschaffen hatten, standen die Körper Adams und seiner Begleiter im Einklang mit dem göttlichen Plan. Sie bildeten taugliche Werkzeuge zur physischen Vervollkommnung der menschlichen Rasse und geeignete Vehikel zur Rückkehr zum Vater.

Mit der Zeit aber kam auch diese zweite Gruppe von Seelen vom Weg ab. Wiederum wurde die Beschäftigung mit den Dingen des Fleisches wichtiger als der Geist Gottes im Innern; auch ‚wir‘ verloren infolge falscher, egoistischer Entscheidungen die Tatsache aus dem Auge, dass wir Gefährten Gottes sind – und in uns entstand ein Gefühl der Trennung von Ihm. Bald waren auch unsere Seelen in der Stofflichkeit gefangen.”

Erst viel später habe Jesus gezeigt: auch das menschliche Leben kann ein vollkommener Ausdruck göttlicher Liebe sein. Nach Darstellung der Cayce-Readings handelte es sich bei Jesus um dieselbe Seele, die sich zuvor als Adam inkarniert hatte. Nach vielen Zeitaltern und vielen dazwischenliegenden Inkarnationen habe sie als Jesus die Vollkommenheit wiedererlangt. Diese Seele habe uns den Weg der Rückkehr zum Vater gezeigt und so die ursprüngliche Absicht erfüllt, mit der sie vor so langer Zeit zum ersten mal auf die Erde gekommen war.
Bei J.Greber nimmt Christus die herausragende Rolle eines ‚Erstlings‘ unter den Seelen ein, die zu keiner Zeit den direkten Draht zu ihrem Schöpfer verlieren – auch nicht, wenn sie freiwillig auf die Erde inkarnieren, um den Verirrten beizustehen.-

Greber und Cayce schildern die Erschaffung der Menschen als ursprünglich vollkommene Seelen, geschaffen als Gottes Abbild – die zur Erde kamen, um sie in einem physischen Körper zu bewohnen. Beide beschreiben auch, wie sich der Mensch schließlich von Gott abgewandt, seine Kräfte zu egoistischen Zwecken gebraucht und so Schmerz und Leid auf die Erde gebracht habe.

Hier liegt ein wesentlicher Unterschied zur biblischen Überlieferung im Buch Genesis:
Nach Cayce und Greber werden wir ausdrücklich nicht für den Fehltritt unserer Vorfahren bestraft. Es gibt keine Erb-Sünde: jeder Mensch lebt auf der Erde mit all ihrer Widersprüchlichkeit zwischen Gutem und Bösen, weil er sich als individuelle Seele für das Eintauchen in die Stofflichkeit entschied.
Sich von Gott abgeschnitten zu fühlen ist allein das Resultat der selbst getroffenen Wahl, das ursprüngliche Bewusstsein von der Gegenwart Gottes aufzugeben. Folglich erfahren wir ausschließlich die Konsequenzen des Missbrauchs unseres freien Willens – die Kausalität lässt grüßen.

Gottes immer währende Liebe gibt Anlass zur Hoffnung

Wie die überlieferten Worte Jesu enthalten auch die Cayce-Readings eine Botschaft der Hoffnung betont: die ausdrückliche Zusicherung, dass jeder von uns die Möglichkeit habe, das Verlorene zurück zu gewinnen.

„Wir haben die Fähigkeit, unser Bewusstsein vom göttlichen Geist im Innern wiederzuerwecken, Entscheidungen zu treffen, die unser Leben erneut in Einklang mit dem Plan Des Schöpfers bringen und uns wieder zu Gefährten und Mitschöpfern Gottes werden lassen.“

Ungeachtet gravierender Fehlentscheidungen, die uns weiter und weiter von Gott wegführten, bleibe seine Liebe zu uns unerschütterlich. Wir wären gar nicht in der Lage, diese Liebe zu zerstören oder in etwas anderes verwandeln, denn sie sei (von) Gott und somit ewig.

„Wie die Liebe des Schöpfers für uns, so ist auch Seine Gegenwart in uns ewig während… So wie Er am Anfang mit und in uns war, blieb Er weiterhin in uns und wird es bleiben in alle Ewigkeit“.

Diese Vorstellung des Gottesfunken in uns allen kannten schon die Gnostiker  – ein Funke, der einer kleinen Flamme gleicht, die zeitweise winzig und kaum mehr wahrzunehmen sein mag – die aber niemals erlischt.-

Die Empfindung des Getrenntseins von Gott sei subjektiver Natur, denn die vermeintliche Abkehr von Gott sei das fehlende Bewusstsein seiner Gegenwart:
Wenn wir uns ständig dazu entscheiden, seine Stimme zu ignorieren und dem persönlichen Ego zu folgen, büßen wir nach und nach die Fähigkeit ein, seine Gegenwart wahrzunehmen. Als natürliche Folge davon empfinden wir uns ab einem bestimmten Punkt als getrennt, geradezu abgeschnitten von jener Schöpferischen Kraft getrennt. Dennoch wohne sie weiterhin (als jener winziger, göttlicher Funke) in uns – ganz gleich, wie wenig davon noch in unserem Bewusstsein sein mag.

Offenbar lag eine große Versuchung darin, diese persönlich zu verantwortende Urschuld auf andere, Satan bzw. das erste Menschenpaar zu projizieren – daraus entstand die von der Kirche nach Kräften geförderte Legende von der Erbsünde.
Bei aller empfundenen spirituellen Vereinsamung sollte eine Tatsache uns trösten, hebt das Cayce-Material deutlich hervor: Wie weit wir auch immer vom Wege abgekommen sind, jederzeit können wir uns nach innen wenden und Gott in uns selbst finden. Keine Kirche vermag uns diesen schmerzhaften Erkenntnis- und Heilungsprozess abzunehmen; doch sie könnte wertvolle Hilfestellung geben – indem sie eine zentrale Wahrheit bezeugt:

Unsere persönliche Beziehung zu unserem Schöpfer kann nicht zerstört werden. Wir müssen diese nur wünschen und suchen und unser Leben auf eine Weise führen, die Gottes Liebe vereinbar ist:

„Mögt ihr auch weit entfernt sein, wenn ihr ruft, werde ich es hören – und antworten ohne Verzug.“

Die erhebende Vorstellung, dass ich Gott (auch) in meinem Inneren finden kann, ist für mich ungewohnt; sie birgt die Gefahr, missverstanden zu werden – als wäre Gott ein Produkt meiner Gedanken, kaum mehr als eine lebhafte Projektion.
Doch wie ist dieser Gottesfunke in jedem von uns beschaffen? Meine ‚innere Stimme‘ kann kaum gemeint sein, denn sie gibt mir bisweilen ausgesprochen un-göttliche Gedanken ein.

Sollte es mehrere innere Stimmen geben, die im Widerspruch zueinander stehen? Klingt ziemlich schizoid. Vielleicht liegt in den folgenden Worten ein möglicher, erster Schritt:

“Wenn du auf niemanden anderen hörst, du bist vollkommen taub, keine Stimme dringt in dein Inneres und du hast alle fremden Stimmen von innen nach draußen geworfen, wenn du all den Müll heraus geworfen hast, bist einfach nur still, zur Ruhe kommend – dann wirst du diese Stimme wahrnehmen. Sie ist schon immer da.”


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