Das Kirschbäumchen

(aus ‘Anastasia, Band 2: Die klingenden Zedern Russlands’ v. Wladimir Megre)

Die schöne, doch seltsame Einsiedlerin erzählt ihrem Liebsten von den Geheimnissen des Lebens – von der Liebe eines Kirschbäumchens:

Anastasia spricht mit Wladimir über dessen positive Erinnerungen…er hat eine von ihnen fast vergessen:

“…Ich ging von einem Verkaufsstand zum nächsten und kaufte schließlich drei junge Kirschbaumsetzlinge. Als ich sie in den Kofferraum legte, sagte der Fahrer, einer von ihnen werde nicht wachsen, weil seine Wurzeln zu stark gestutzt seien. Besser, ich würde ihn gleich wegwerfen. Ich behielt ihn jedoch, denn er war von besonders edlem Wuchs. Dann pflanzte ich die Setzlinge im Garten meines Landhauses. Für das Bäumchen mit den zu kurz abgeschnittenen Wurzeln hob ich eine grössere Setzgrube aus und gab mehr Humus, Torfkrumen und Dünger hinein.”

“Mit deinem Versuch ihm zu helfen, hast du noch zwei weitere Wurzeln des Bäumchens zerstört. Der Dünger hat sie verbrannt.” – “Aber es hat überlebt! Im Frühling, als überall die ersten Knospen sprossen, erwachten seine Zweige zu neuem Leben und brachten kleine Blätter hervor. Später dann bin ich auf Geschäftsreise gegangen.”

“Ja, aber zuvor bist du mehr als zwei Monate lang täglich zu deinem Landhaus gefahren und bist als erstes zu dem Kirschbäumchen gegangen. Manchmal hast du seine Zweige gestreichelt. Du freutest dich über seine Blätter und gabst ihm Wasser. Du triebst einen Pflock in die Erde und bandst seinen Stamm daran fest, damit der Wind dem Bäumchen nichts anhaben konnte. – Was denkst du, Wladimir, reagieren Pflanzen auf das Verhältnis der Menschen zu ihnen? Spüren sie, ob es gut oder schlecht ist?”

“Irgendwo habe ich gehört oder gelesen, dass Zimmerpflanzen und Blumen darauf reagieren. Sie können sogar verwelken, wenn derjenige, der sie pflegt, verreist. Auch weiß ich von wissenschaftlichen Experimenten, bei denen Pflanzen an Sensoren angeschlossen wurden. Die Zeiger der Geräte schlugen in die eine oder andere Richtung aus, je nachdem, ob sich ihnen ein Mensch mit aggressiven oder mit liebevollen Gefühlen näherte.”

“Dir ist also bekannt, dass Pflanzen auf menschliche Gefühle reagieren. Und gemäß dem Plan des Großen Schöpfers bemühen sie sich, alles für die Lebenserhaltung des Menschen zu tun: Einige bringen Früchte hervor, andere erwecken mit ihren schönen Blumen freudige Gefühle, und wieder andere reichern die Atemluft mit Sauerstoff an.

Die Pflanzen haben aber noch eine weitere, nicht minder wichtige Bestimmung. Jene Pflanzen, mit denen der Mensch einen Austausch pflegt, schaffen für ihn ein Umfeld wahrer Liebe. Ohne diese Liebe wäre das Leben auf Erden gar nicht möglich.

Viele Kleingärtner zieht es zu ihrem Garten hin, weil sie dort dieses Umfeld vorfinden. Auch das sibirische Kirschbäumchen, das du gepflanzt hattest und für das du sorgtest, war bestrebt, dieser seiner Bestimmung zu folgen. Und wenn jemand sich um eine genügend große Vielfalt von Pflanzen kümmert und sie in Liebe berührt, können sie für ihn ein derart mächtiges Umfeld der Liebe schaffen, dass es die Seele positiv beeinflussen und den Körper heilen kann. Dazu müssen aber viele Pflanzen zusammen wirken. Du jedoch sorgtest nur für eine einzige Pflanze. Deshalb war das sibirische Kirschbäumchen bemüht, ganz allein das zu tun, wozu normalerweise nur etliche Pflanzen zusammen in der Lage sind.

Sein Bestreben liegt in deiner besonderen Beziehung zu ihm begründet. Innerlich spürtest du, dass es außer diesem kleinen Kirschbaum niemand in deiner Umgebung gab, der nichts von dir wollte und dir nichts vormachte, sondern nur darauf bedacht war zu geben. Deshalb gingst du nach stressreichen Tagen ermüdet in deinen Garten, tratst vor das Kirschbäumchen und sahst es an, und das Bäumchen gab sich deinetwegen große Mühe. Bereits vor Sonnenaufgang suchten seine Blätter die Reflexion der ersten Sonnenstrahlen am Morgenhimmel zu erhaschen.

Und nach Sonnenuntergang machte es sich sogar das Licht des Abendsterns zunutze. Und all das klappte ganz gut. Seine Wurzeln vermieden die ätzenden Düngemittel und waren in der Lage, dem Boden die nötigen Nährstoffe zu entnehmen. Der Saft der Erde floss etwas schneller durch seine Adern, als es gewöhnlich der Fall ist. Eines Tages entdecktest du kleine Blüten an seinen Zweigen. Die anderen Setzlinge hatten keine Blüten, dein Lieblingsbaum aber hatte welche. Du hast dich sehr darüber gefreut und warst guter Laune, und dann … Erinnerst du dich, was du getan hast, als du die Blüten erblicktest, Wladimir?”

“Ich habe mich tatsächlich darüber gefreut. Aus irgendeinem Grund war ich plötzlich guter Dinge, und ich habe seine Zweige gestreichelt.”

“Ja, du hast seine Zweige zärtlich gestreichelt, und dann sagtest du: ‘Schau mal einer an, meine Schöne – du blühst ja!’ Bäume, Wladimir, bringen nicht nur Früchte hervor, sie bilden auch einen Raum der Liebe. Das Kirschbäumchen hatte den sehnlichen Wunsch, dass auch du von einer solchen Atmosphäre umgeben bist.

Doch woher sollte es die Kraft nehmen, dir all das zurückzugeben, was es von dir bekommen hatte? Es hatte ja bereits alles gegeben, was es konnte, und nun erhielt es noch diese besondere Zuwendung von dir. Daher wollte es noch mehr für dich tun – allein, wie es war!

Dann fuhrst du für lange Zeit auf Geschäftsreise. Nach deiner Rückkehr gingst du sofort in deinen Garten, um nach dem Kirschbäumchen zu schauen. Dabei aßest du Kirschen, die du auf dem Markt gekauft hattest. Bei deinem Bäumchen angekommen, sahst du, dass es ebenfalls Früchte trug – drei rote Kirschen hingen daran. Du standst also ermüdet vor dem Baum und spucktest die Kerne der auf dem Markt gekauften Kirschen aus. Dann nahmst du eine der Kirschen vom Baum und probiertest sie. Sie war ein wenig saurer als die Marktkirschen, und so ließt du die zwei übrigen hängen.”

“Ich hatte mich an den anderen Kirschen bereits satt gegessen. Außerdem war diese eine Kirsche wirklich saurer gewesen als die anderen.”

“Ach, Wladimir, wenn du wüsstest, wie viel Gutes, wie viel Energie und Liebe in diesen kleinen Früchten für dich enthalten war! Aus dem Innern der Erde und aus den Weiten des Kosmos hat das Kirschbäumchen alles für dich Nützliche gesammelt und diese drei Früchte damit versehen. Es ließ sogar einen seiner Zweige vertrocknen, nur damit diese drei Früchte reifen konnten. Du hast nur eine gegessen, die anderen hast du nicht angerührt.”

“Ich habe das alles ja nicht gewusst. Wie dem auch sei, jedenfalls freute ich mich darüber, dass dieser Baum Früchte trug.”

“Ja, das freute dich. Und dann … weißt du noch, was du dann getan hast?” – “Ich? Nun ja, ich habe noch einmal die Zweige des Bäumchens gestreichelt.”

“Nicht nur gestreichelt. Du hast dich gebückt und ein Blatt des Zweiges geküsst, der auf deiner Handfläche lag.” – “Ja, das habe ich. Ich war einfach guter Laune.”

“Und mit der Kirsche ist etwas Unglaubliches geschehen. Was konnte sie noch für dich tun, da du die von ihr hervorgebrachten Früchte noch nicht einmal angenommen hast? Was … ?

Sie erzitterte von dem KUSS eines Menschen, und in die lichten Weiten des Universums stiegen Gefühle und Gedanken auf, wie sie sonst nur einem Menschen eigen sind, aber es waren die Gefühle und Gedanken der kleinen sibirischen Kirsche, die all das zurückgeben wollte, was sie von dem Menschen erhalten hatte.

Sie wünschte sich so sehr, ihm ihren Liebeskuss zu schenken, ihn mit ihren lichten Gefühlen der Liebe zu erwärmen. Doch dieser Gedanke widersprach allen kosmischen Gesetzen, und so schwirrte er kreuz und quer durchs Weltall und kam nicht zur Verwirklichung. Die Erkenntnis der Unmöglichkeit, diesen Wunsch zu verwirklichen, bedeutete im Prinzip den Tod. Die lichten Mächte schickten den Gedanken an die Kirsche zurück, damit sie ihn in sich zerstören und selbst überleben konnte. Aber sie nahm den Gedanken nicht an. Ihr feuriger Wunsch blieb unverändert, und er war ungewöhnlich rein und ungestüm.

Die lichten Mächte wussten nicht, was sie tun sollten, denn der große Schöpfer ändert ja Seine Harmoniegesetze nicht. Die Kirsche aber blieb am Leben. Den Tod erlitt sie aus dem Grunde nicht, weil ihre Gefühle, Bestrebungen und Gedanken ungewöhnlich rein waren, und nach den kosmischen Gesetzen kann reine Liebe durch nichts zerstört werden. Nun schwebte also der liebende Geist der Kirsche über dir, um ihr Anliegen zu verwirklichen. Allein auf sich gestellt, war dieses Wesen bestrebt, für dich einen Raum der Liebe zu schaffen.

Ich kam auf euer Schiff, um zu versuchen, der Kirsche bei der Verwirklichung ihres Wunsches behilflich zu sein. Ich wusste aber nicht, auf wen sich dieser Wunsch bezog.”

“Dein Verhältnis zu mir entstand also aus deinem Wunsch heraus, dem Kirschbäumchen zu helfen?”

“Meine Beziehung zu dir, Wladimir, ist einzig und allein meine Beziehung. Schwer zu sagen, wer wem hilft: die Kirsche mir oder ich der Kirsche. Alles im Weltall ist miteinander vernetzt. Die Wirklichkeit muss jeder für sich selbst wahrnehmen. Würdest du mir aber jetzt erlauben, den Wunsch der Kirsche zu verwirklichen? Darf ich dich anstelle der Kirsche küssen?”

“Natürlich. Und wenn ich nach Hause komme, werde ich alle ihre Früchte essen.”

Anastasia schloss die Augen. Sie legte die Hände an ihre Brüste und flüsterte: “Liebe Kirsche, ich weiß, dass du es spürst. Ich werde jetzt das tun, was du immer tun wolltest. Es wird dein KUSS sein.”

Dann legte Anastasia schnell ihre Hände auf meine Schultern, und ohne die Augen zu öffnen, näherte sie sich mir, berührte mit ihren Lippen meine Wange und hielt inne. Ein seltsamer KUSS war das — eine bloße Lippenberührung. Dieser Kuss war so anders als all die Küsse, an die ich mich erinnern konnte. Er rief eine mir unbekannte, ungewöhnlich angenehme Empfindung in mir hervor. Beim Küssen spielt die Bewegung der Lippen, der Zunge oder des Körpers anscheinend gar keine Rolle. Vielmehr kommt es darauf an, was dabei im Innern des Menschen vorgeht.

Was geht wohl im Innern dieser Taiga-Eremitin vor? Woher nimmt sie ihr enormes Wissen und ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten, und was hat es mit ihren starken Gefühlen auf sich? Oder ist all das, was sie sagt, nur das Produkt ihrer Einbildungskraft? Doch wie wären dann die außerordentlich beglückenden, bezaubernden und erwärmenden Emotionen in mir zu erklären…?”

***

Seltsam…diese liebevolle Erzählung weckt eine Erinnerung an mein eigenes Kirschbäumchen (kein sibirisches, sondern ein ganz gewöhnliches), das mit 7 oder 8 Jahren ich im Vorgarten unserer Nachbarn pflanzte. Wie Kinder nun mal sind, war ich neugierig und dachte keine Sekunde an die Überlebenschancen eines Baumes an diesem recht unwirtlichen Ort…und überlegte auch nicht, was die Nachbarn wohl dazu sagen würden.

Meine Beziehung zu dem Keimling war nicht sonderlich romantisch, doch ich kümmerte mich um ihn, goss ihn im Sommer und entfernte das Unkraut in seiner Nähe. Baum und Mensch werden geprägt von ihrer Umwelt…so gesehen, war es erstaunlich, dass mein Kirchbäumchen (und auch ich selbst) zu relativ gesunden Vertretern ihrer Spezies heran wuchsen.

Einmal war mein Baum von Parasiten befallen, soweit ich mich erinnere, waren es Läuse. Ziemlich ratlos wurde ich, als mein Versuch, die winzigen Tiere einzeln zu entfernen, rasch scheiterte…Die Nachbarin hat sich bis dahin stets missbilligend über meine Ambitionen als Baumzüchter geäußert – doch sie hatte zur Kenntnis genommen, dass diese Pflanze mir irgendwie wichtig war. Ich befolgte ihre Ratschlägen und so starb der Baum nicht – doch er war arg mitgenommen, hatte kaum noch Blätter und sah zum Erbarmen aus. Viel tun konnte ich zu dieser Zeit nicht, außer regelmäßig nach ihm zu sehen.

Nein, ich habe nicht seine Zweige und Blätter gestreichelt…dergleichen wäre mir nie eingefallen. Habe ich zu ihm gesprochen? Nicht auszuschließen…aber falls dem so war, dann geschah es im beiläufigen Flüsterton und nach mehrmaligem Vergewissern, auch ja unbeobachtet zu sein. Doch ich habe oft an ihn gedacht und meine Mutter spielte mir den schönen Song von Alexandra vor – ‘Mein Freund der Baum…’

Ob ich jemals auch nur eine Kirsche würde ‘ernten’ können? ‘Mach dir da keine Hoffnungen, mein Junge’, kam die Antwort von jedem, den ich danach fragte. Ein Kirschbaum müsse veredelt werden etc.

Mit 12 oder 13 Jahren gerieten Vorgarten und Baum etwas in Vergessenheit, leider zogen wir um und ich hatte nur noch selten Gelegenheit, mein altes Revier zu besuchen. Da meine Mutter und die Nachbarin ab und zu noch telefonierten, erreichte mich zwei oder drei Jahre später die Nachricht, mein Kirschbäumchen ‘trage Früchte’…

Das war schon erstaunlich (und etwas übertrieben). Doch ich wollte es mit eigenen Augen sehen und fuhr mit dem Fahrrad in den Ort, wo wir zuvor gewohnt hatten…ein klein wenig aufgeregt war ich doch. Und dann sah ich es: Mehrere Zweige des Bäumchens (es war inzwischen wohl 1,80 m groß) hatten fast keine Blätter mehr – doch an einem gesunden Ast hing eine einzige Kirsche!

“Die hat es für dich wachsen lassen”, meinte die Nachbarin schmunzelnd und erinnerte an unsere gemeinsamen Anstrengungen, die Läuse loszuwerden. Ich genoss die Kirsche, obwohl sie überaus sauer war. ‘Siehste…’, grinste ich die Nachbarin an und sie lächelte zurück. Habe ich mich je bei meinem Bäumchen bedankt? Nein, jedenfalls nicht mit Worten.

Doch ich erinnere mich noch, wie tieftraurig ich wurde, als ich später nochmals in den Vorgarten blickte: Dort stand nur noch ein Stamm, den man in etwa einem Meter Höhe abgesägt hatte (wohl wegen erneutem Befall). Aber unterhalb der Schnittstelle trieben neue Äste, an denen ich einige, wenige Blüten sah…


Alexandra Mein Freund der Baum – MyVideo

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