Religion und Fanatismus

“Wir sind das, was wir tun.”

In seinem Statement “Wo die Wurzeln des Hasses schlummern” bezeichnete Michael Allgeier jeglichen Fanatismus als die dunkelste Seite der Religion. Mit dieser dunkelsten Seite werden wir heute keineswegs nur durch fundamentale, gewaltbereite Islamisten Moslems konfrontiert – auch wenn eine quantitative Medienanalyse diesen Eindruck begünstigt. “

… Kriegstreiber und Terroristen sprechen vom „Heiligen Krieg“ und „Gotteskriegern“, die letztlich nichts anderes als gemeine und feige Mörder sind…aber: Religiösen Fanatismus alleine der arabischen Welt zuzuschreiben wäre fatal.”

Der Großteil der gläubigen Moslems sei ebenso friedlich wie der größte Teil Christenheit – und beide Seiten (wenn man schon das Bild zweier in Konfrontation zueinander stehenden Konfliktparteien bemühen möchte) haben eine dunkle Vergangenheit.
Die geschichtliche Verantwortung für kirchliche Verbrechen im Zuge der Kreuzzüge sowie von Inquisition und Hexenverfolgung ist unbestreitbar. Die auf Expansion angelegten Kriegszüge des Islam lassen sich ebenso wenig leugnen.
Auf den ersten Blick etwas überraschend führt Allgeier auch Adolf Hitler als religiös motivierten Verbrecher an, denn sein Handeln und Propagandasystem habe ihn eindeutig als heilsbringender Erlöser für Deutschland ausweisen sollen und ‘im Namen der Vorsehung’ fast das ganze Volk der Juden, ausgerottet.

Doch auch der Antisemitismus begann lange vor dem Nationalsozialismus. Verfolgungen von Juden gab es bereits in größerem Maße im Mittelalter aus der religiösen und zugleich wahnhaften Überzeugung heraus, die Juden seien die Feinde der Christen. Juden wurden irrational zu Sündenböcken für Naturkatastrophen, Seuchen und anderes, damals unerklärliches Leid gemacht. Wenn religiöser Fanatismus letztlich in jeder (?) Religion auftauche, stelle sich die Frage nach seinen Wurzeln:

Bei Karl Marx funktioniert Religion als „Opium für das Volk“ – ein Instrument der ‘Lenker’ einer Gesellschaft, damit im Elend lebende Menschen ihr Leid aushalten und ihr gesamtes Leben auf einen Himmel im Jenseits zu fokussieren, in dem vorgeblich alles besser wird.
Marx’s zynische Auffassung ist im Kontext seiner Zeit und seiner Beobachtungen teilweise nachvollziehbar, greift aber zu kurz. Allein durch Instrumentalisierung lässt sich Religion nicht zutreffend erfassen.

Für religiöse Fanatiker aber könne die einhergehende Projektion “Im Himmel wird alles besser” aber ihre subjektive Berechtigung haben. Mit großen Lebensängsten und inneren Unsicherheiten suchen sie inneren Halt in religiösen Dogmen, schreibt Allgeier.
Er spricht von einem in sich geschlossenem Überzeugungssystem, das die Welt in Gut und Böse einteile. Dies scheint die Orientierung zu vereinfachen, alles wird überschaubar – man darf sich auf feste Überzeugungen verlassen und ist für die eigenen Taten scheinbar nicht mehr verantwortlich. Denn alles geschieht ja im Namen eines Gottes; schlimmste Verbrechen werden als ‘Wille Gottes’ positiv sanktioniert.

“Eine Persönlichkeitsauflösung ist die Folge, bei der die eigene innere Stimme keinen Platz mehr hat.”

Ferner sind religiöse Eiferer und Fanatikern überzeugt, von ihrer jeweiligen Gottheit auserwählt zu sein.

“Sie beanspruchen die Wahrheit und das Heil alleine für sich und lehnen alle anderen ab bzw. bedauern all jene, die anders leben und denken.”

Daraus entstehen starke, emotionale Vorbehalte gegen ‚andere‘ Menschen – eine unsichtbare, kaum zu durchdringende Mauer erstickt jede vorbehaltlose Kommunikation über Religionsgrenzen hinweg und unterbindet damit jedes Verstehen.
Nicht Grund und Intention einer Handlung stehen im Mittelpunkt der moralisch-theologischen Beurteilung, sondern eine Ansammlung von Dogmen über Sünde, Schuld und vermeintlich notwendige, weil gottgefällige Sühne. So werde beispielsweise nicht hinterfragt, warum sich ein Paar trennt – statt dessen werden beide als sündigen Ehebrecher verurteilt.

Im Extremfall gehen die Einbildung exklusiven Glaubens und Intoleranz so weit, dass alle übrigen Glaubensformen und selbst andere Konfessionen der gleichen Religion als Teufelswerk bzw. dem Bösen zugehörig verdammt werden. Für religiöse Fanatiker besteht kein Zweifel daran, dass nur in ihrem Glauben Rettung zu finden ist, während alle anderen nach ihrem Tod von Gott gestraft werden und oftmals auf ewig in der Höllen landen.
In diesem angsterzeugenden Dogmatismus liege eine Gefahr für schwache Menschen, die voller Lebens- und Jenseitsängste sind: Gerade sie treibe das Gerede von ewigen Höllenstrafen  noch stärker in die Hände dieser Fanatiker, bis sie sich schließlich selbst diese Überzeugung zueigen machen.

“Das Versprechen des Paradieses kann eine so starke Wirkung haben, dass manche dafür nicht nur sich selbst töten, sondern auch andere Menschen in den Tod mitreißen… Sie wollen sozusagen um jeden Preis zu den geretteten Seelen gehören…”

Religion hat stets auch mit der Suche nach Heil und Glückseligkeit zu tun, beides soll im Idealfall für immer anhalten. Doch religiöse Eiferer, selbst wenn sie sich noch auf der Vorstufe zum Fanatismus befinden, sind jeder lebendigen Spiritualität beraubt.
Ihnen fehlt fast immer die Offenheit für neue geistige Erfahrungen; folglich entwickelt oder reift ihr seelischer Zustand nicht mehr.

Der erklärte Anspruch, im Besitz des einzig selig machenden Glaubens zu sein, führt zu dem zwanghaften Bedürfnis, die ‘Reinheit’ dieser Lehre zu erhalten – wodurch Streitigkeiten um das richtige bzw. falsche Verständnis von Glaube, Heil, Sünde und um die richtige Auslegung der religiösen Urschriften sich zwangsläufig steigern und oft skurrile Formen annehmen.

“Sie haben den Zugang zu ihrer inneren Welt verloren. Es ist nicht mehr die Liebe, die diese Menschen bewegt und die den Blick für andere Standpunkte und Beweggründe offenhält und die letztlich die Basis für eine lebendige Religiosität bildet. Echte, nicht aufgesetzte Moral kann nur aus dem eigenen Inneren erwachsen. Sie braucht persönliche Erkenntnisse und Einsichten, die mit Liebe verbunden sein müssen.”

Liberalität statt Fanatismus

  • Schon Jesus habe die Gefahr religiösen Eiferns erkannt, das letztlich zum Fanatismus führe: Auf die Frage „Wer ist doch der Größte im Himmelsreich?“ erklärte er:

    “ Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Wer nun sich selbst erniedrigt und wird wie dies Kind, der ist der Größte im Himmelreich. Und wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf”.

Doch nicht nur im ursprünglichen und heutigen Christentum finden sich engagierte Vertreter einer liberalen Glaubenspraxis, die einen offenen und vor allem friedlichen Dialog aller Religionen als unumgänglich bezeichnen.

“Hauptopfer der Islamisten sind die Muslime selbst.”: Radikalisierte Islamisten, insbesondere auch angeblich muslimische Terroristen schaden gerade diesen aufgeklärten Muslimen, die einen liberalen Islam praktizieren und sich dabei weltweit um ein friedfertiges Miteinander von Religionen einsetzen. Nicht wenige dieser liberalen Muslime haben den gewaltlosen Kampf gegen Islamisten und Terroristen zu ihrer Lebensaufgabe gemacht.

    • In einem  ausführlichen Interview über das Thema “Integration von Muslimen” äußerte der an der Münchener Universität lehrende Soziologe Dr. Aydin Findikci den dringlichen Wunsch, den Koran zeitgemäß zu interpretieren – man müsse sich darüber klar werden, dass in der heutigen Zeit die Scharia keinen Platz mehr habe bzw. haben dürfe. (Leider ist der Mitschnitt des Videos nicht mehr öffentlich zugänglich)

      Siehe auch: “Veraltete Koran-Auslegung bremst die Integration” – Dr. Aydin Findikci über ein falsches Islamverständnis

Die deutsche Medienlandschaft scheint bevorzugt solche Beiträge zu veröffentlichen, die undifferenziert und pauschal Angst und Unbehagen vor ‘dem Islam’ fördern. Wie würde sich wohl ein aufgeklärter und liberaler Vertreter einer christlichen Konfession fühlen, wenn Presse und Medien zwischen ihm und fundamentalistisch-evangelikalen Strömungen keinerlei Unterschied machten? Auch der Islam setzt sich aus einem Spektrum unterschiedlicher Strömungen und Auffassungen zusammen, von denen einige überraschend aufgeklärte Positionen vertreten.
Wer dies nicht versteht oder ignoriert, darf sich über die sog. Islamophobie in unserem Land kaum wundern.

„Es geht nicht darum, der Religion abzuschwören, sondern einen Kompromiss zu finden“ ist auch eine der zentralen Aussagen des nachfolgenden Films.

Mohamed Sifaoui – „Der aufgeklärte Islam hat das Wort” (ARTE, 2009)


(Die ist nur der erste Teil des gesamten Themenabends, der wiederum den Extremismus anstelle theologischer und gesellschaftspolitischer Aussagen liberaler Muslime in den Vordergrund gestellt)

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Eine Antwort auf Religion und Fanatismus

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