Wiedergeburt, Auferstehung… oder das ewige Nichts?

Ich kenne unzählige Menschen, die nach dem ewigen Leben dürsten, aber mit einem verregneten Sonntagnachmittag nichts anzufangen wissen. J.Gross

‚Das einzig sichere ist der Tod – nach dem 40. oder 45. Geburtstag lässt sich eine Tatsache kaum mehr übersehen: die noch verbleibende Lebenszeit könnte deutlich kürzer sein als die Dauer des bisherigen Lebens. Dumpf ahnen wir, dass vor dem Tode noch eine hässliche Zeit des Alterns und der Krankheiten auf uns zukommen könnte.

“„Mit der Einstellung zum Tod ist die Einstellung zum Leben mitentschieden: Der Tod wird so zum Schlüssel für die Frage, was eigentlich der Mensch ist.” J.Ratzinger

Die Versuchung ist groß, diese wichtigen Aspekte unseres Daseins so lange zu verdrängen wie möglich. Doch zwei Fragen sind stets unterschwellig präsent:“Wie werde ich sterben?” und “Was geschieht mit mir nach meinem Tod?“

Derartige Gedanken tauchen in immer häufiger in meinem Bewusstsein auf und ich habe Grund zu der Annahme, dass jeder Mensch sich im Laufe seines Lebens mit solchen Fragen beschäftigt, wenn auch nur phasenweise und in unterschiedlichem Ausmaß.
Eine sichere Antwort auf derartige Fragen existiert meines Erachtens nicht; wir haben lediglich die Wahl, uns nach unserer Intuition (wozu ich auch den religiösen Glauben sowie Wissenschaftsgläubigkeit zähle) Würden wir uns wie gewohnt an unsere aus Beobachtung gewonnene Erfahrung halten, wäre der Fall klar:

“Nie kommt ein Toter zurück”.

Andererseits können oder wollen wir uns nicht vorstellen, dass nach einigen Jahrzehnten abrupt Schluss ist, denn damit wäre die individuelle Existenz ihrer Sinngebung (über den Aspekt der Reproduktion hinaus) beraubt. Also wurden gedankliche Konstrukte entwickelt, um den Wunschvorstellungen nach einem nicht endenden Dasein eine tradierbare Form zu geben.

Optionen für das Jenseits?

Antworten auf die Fragen nach dem Verbleib des Selbst – ob selbst entworfen, anerzogen oder erlernt – haben allesamt vorläufigen, bisweilen spekulativen Charakter; diesbezügliches Faktenwissen haben allerwenigsten. Sie lassen sich beispielsweise so gruppieren, wenn auch stark vereinfacht:

  • Mit dem Tod ist alles zu Ende: ‚Man ist einfach weg.‘ D.h. unsere Existenz – Körper, Geist, Bewusstsein und Erinnerungen – erlischt irreversibel. (vgl.Ganztodtheorie)
  • Nach dem Tod gelangen wir abhängig von unserem Verdienst in einen von zwei zeitlosen, sehr gegensätzlichen Zuständen – diese werden z.B. als Paradies/Himmel oder Hölle/ewige Verdammnis umschrieben. Zum Teil bestehen hier Übergangszustände (‘Fegefeuer’).
    Nicht nur bei Naturvölkern existiert die Anschauung, das Individuum ‘lebe’ durch Weitergabe seiner Gene an seine Nachkommen oder in der Erinnerung anderer weiter.
  • Nach dem Tod des Körpers wandert die Seele in bis sie einen neuen
    Körper gefunden hat, um wiedergeboren zu werden.-

Illustration der hinduistischen Reinkarnationslehre

Dass die menschliche Seele1) bzw. ein bewusstes Ich nach dem Tod des Körpers weiterlebt, ist einer der Aussageschwerpunkte (und die Existenzgrundlage) der meisten Religionen2).
Parallel existieren esoterische bzw. grenzwissenschaftliche Ansätze und Erklärungsversuche, interessierten Einsteigern in diese Materie empfehle ich als das Büchlein „Grenzwissen für Anfänger“ (PDF, kostenfrei).

Doch was bildet die Grundlage solcher Aussagen, dank welcher Herangehensweise kommen sie zustande? Keine der genannten Antworten kann allein mit wissenschaftlichen Methoden gewonnen werden, diese jedoch vollständig zu ignorieren, führt auch nicht weiter. Vermutlich liegt J.Ratzinger daher richtig, wenn er schreibt:

„Glaube und Vernunft sind die beiden Flügel, mit denen sich der Mensch zur Betrachtung der Wahrheit erhebt.“

Offensichtlich lässt sich mit nur einem dieser Flügel im Hinblick auf die großen Fragen der Menschheit wenig erreichen. Ratzinger schreibt in seinem Buch „Gott und die Welt“ weiter:

„Der ‚Flug‘ zur Betrachtung der Wahrheit muß versucht werden, weil der Mensch Wahrheit über das Wesentliche seines Seins braucht, wenn er recht leben und wenn er wahrhaft Frieden, ein rechtes Miteinander finden möchte.
Vielleicht gelingt der Flug gerade deshalb nicht mehr, weil man den einen Flügel, den Glauben, weggebrochen hat und der andere Flügel – die Vernunft – zwar viel erreichen, aber den Aufstieg zu den tragenden Erkenntnissen des Menschseins allein eben doch nicht bewirken kann.“

Erkenntnisgewinnung mit den Möglichkeiten der Vernunft reicht alleine nicht aus, um überhaupt eine Antwort auf die Frage nach dem Jenseits zu ‚finden‘. Es bedarf dazu notwendigerweise auch der Komponente des Glaubens – selbst wenn ein Atheist ‚glaubt‘, nach dem physischen Tod sei jede Form des Weiterlebens gänzlich ausgeschlossen. 

Die Existenz eines Schöpfers3) schränkt die Varianten der Beantwortung deutlich ein:

“Würde unser Ich mit dem Tod einfach ausgelöscht, wäre es sogar uninteressant, ob es einen Gott gibt oder nicht.” [J.E.Sigdell]

Für mehrere Glaubensvorstellungen geht die Seele nach dem physischen Tod in eine idealisierte (oder ideale?) Welt ein, wenn nach den jeweiligen Vorgaben gehandelt wurde – andernfalls wartet eine Form der Hölle auf sie.
Ebenso existiert die Vorstellung, dass nur die entsprechend der eigenen Dogmen die ‘guten’ bzw. hinreichend qualifizierten Seelen weiterleben, während die Abweichler vernichtet werden.
Doch der Glaube, dass die Seele des Menschen reinkarniert, ist bei etwa 70 % aller Menschen anzutreffen – und bei etwa 25-30 Prozent aller Personen des sog. westlichen Kulturraums. In unserer Zeit des religiösen Pluralismus glauben auch etliche Christen an die mehrmalige Wiedergeburt, wenngleich ihre Kirchen eine andere Lehre (s.u.) vorgeben.

Aus dem Glauben an Prinzipien wie Gerechtigkeit und Wiederherstellung einer intakten Schöpfung entwickelte sich die Vorstellung, dass das irdische Leben wiederholbar ist. Je nach moralischem Verlauf eines beendeten Erdenlebens wird ein Verstorbener in ein neues Leben hineingeboren. Den Bezeichnungen Wiedergeburt, Reinkarnation, Metempsychose oder Seelenwanderung kommt dabei eine leicht unterschiedliche Bedeutung zu.
Umstritten waren auch die möglichen Formen der Wiederverkörperung:  im Hinduismus etwa wird der Eintritt der Seele in den Körper eines Tieres als möglich angesehen – abhängig von der individuellen, ‘karmischen’ Vorbelastung der Seele.

Dieses Prinzip des „Karma”(Sanskrit: „Tat, Werk, Handlung“) bezeichnet eine kausale Kette von Auswirkungen der in vorherigen Existenzen begangener Taten – wir ernten was wir säen und wir haben selbst gesät, was wir heute ernten (müssen).

“Karma ist die gute oder böse Vergeltungskraft moralischer oder unmoralischer Handlungen, ein Prinzip allgemeiner Ursächlichkeit, das unser gegenwärtiges Schicksal aus den guten Taten oder Verfehlungen früherer Existenzen auf dieser Erde oder in der jenseitigen Welt herleitet.” (Schiebeler, s.u)

In Bezug auf das ‘Wie’ gehen die Auffassungen, Visionen und Dogmen freilich sehr weit auseinander.
Skeptiker stellen die Reinkarnation bisweilen als eine Art “Selbsterlösung ohne Gott” (Sigdell) dar – tatsächlich geht sich Reinkarnation letztlich mit einer ‘Eigenleistung’ einher: gemeint ist ein Fortschritt, welchen das Individuum aktiv vollzieht. Doch lässt sich die Existenz von unsterblichen Seelen kaum naturwissenschaftlich begründen. Insoweit wird von Befürwortern davon ausgegangen, dass die Seelen von einem Schöpfer erschaffen wurden, der auch die Prinzipien von Karma, Kausalität und seelischer Reifung über mehrere Lebensspannen bis hin zur Selbsterlösung installiert habe.

‘Christliche Reinkarnation’ 

  …ist kein Widerspruch in sich:
Die gnostischen Christen und später auch die Katharer vertraten abweichend von der kirchlichen Lehre die Ansicht, dass die Seele nicht erst bei der Zeugung entsteht, sondern schon lange vorher existiert (vgl. Präexistenz der Seele, u.a. bei Origenes). Demnach existieren wir als Seelen vom Anbeginn der Schöpfung an und werden so lange wieder wiederverkörpert, bis der vorgesehene Entwicklungs- und Lernprozess abgeschlossen ist.
Unsere Erinnerung an mögliche frühere Leben ist weitestgehend verblasst – was in vielen Fällen weniger einen Verlust als eine Gnade bedeutet. Wer könnte schon das Wissen verkraften, welche Schuld er/sie in früheren Lebensläufen auf sich geladen hat? Freilich könnten Regressionen in frühere Leben einen Hinweis auf diese Erinnerungen bilden, die ggf. nur unserem Zugriff entzogen, aber durchaus noch vorhanden sind.

Es  sind immer wieder Bemühungen zu beobachten, die Prinzipien von Karma und Wiedergeburt auch in der Bibel, speziell im NT zu verorten.
Eine besondere Rolle nahm hier der umstrittene ‘Kirchenvater’ Origenes (185 bis 254)

der nicht nur die Präexistenz der Seele nachweislich vertrat, sondern auch die Reinkarnationslehre befürwortet haben soll (Schiebeler, s.u.). Seine Gegenüberstellung mehrerer A.T. -Übersetzungen (Hexapla) sowie viele seiner Schriften sind heute nicht mehr erhalten. Daher ist eine Beurteilung der Stellung Origenes’ zur Wiedergeburt nur bedingt möglich. Ein fragliches Zitat deutet dies zumindest an:

„Jede Seele tritt in diese Welt entweder gestärkt durch die Siege oder geschwächt durch die Verfehlungen und Niederlagen ihres vorhergehenden Lebens. Ihre Stellung in der Welt […] ist durch ihre früheren Verdienste oder Verschuldungen bestimmt. Und ihr Wirken in der Welt heute bestimmt wiederum ihren Platz in dem Dasein, das diesem Dasein folgt.
Jeder von uns eilt der Vollkommenheit zu. Wir sind gebunden, stets neue und bessere Leben zu führen, sei es auf der Erde oder auf anderen Welten. Erst unsere völlige Hingabe an Gott, die uns von allem Niederen reinigt, bedeutet das Ende unserer Wiedergeburten.“

Von Gott abgefallenen Wesen sollte nach dieser Lehre die Möglichkeit der freiwilligen Rückkehr eröffnet werden. Daher wurden für sie in Gottes Auftrag Besserungs- und Aufstiegsstufen geschaffen, worunter sich auch die Erde befindet. Die in der materiellen Welt inkarnierten Menschen durchlaufen eine Bewährungsphase, an deren Ende eine erneute Prüfung steht, ob sie sich den Aufstieg in eine höhere Stufe verdient haben.

Hieraus ergibt sich jedoch eine Problematik, die m.E. eine entscheidende Schwäche der Reinkarnationslehre darstellt. Die Wiederverkörperung der Seelen verläuft nicht linear ‘nach oben’, nach dem Karmaprinzip führt jeder Verhaltensrückfall zunächst in die entgegengesetzte Richtung. Bis zur vollkommenen Reinigung und der endgültigen Rückkehr aller Seelen zu Gott werden gefühlt unendliche Zeiten vergehen, bis auch der Letzte nicht mehr wiedergeboren werden muss und das Ende der materiellen Welt(en) kommen könnte.

Das Konzept einer dem Christentum nahestehenden Reinkarnation wurde bereits hier aufgegriffen:


Auferstehung des Fleisches vs. Konfrontation mit der Wirklichkeit?

Bereits im A.T. ist eine allmähliche Entwicklung des Auferstehungsglaubens festzustellen. Die Propheten Hosea und Ezechiel (Hesekiel) drücken über das Bild der leiblichen Auferstehung die erwartete Befreiung Israels aus dem Zustand der Verbannung (bzw. der Sünde) aus. Daniel weissagt auch die Auferstehung ‘gottloser’ Menschen.
Leib und Seele sind für gläubige Christen nicht nur für einige Jahrzehnte verbunden, sondern Körper und Seele bilden eine dauerhafte Einheit. Der Theologe und Papst Josef Ratzinger fasst die kirchliche Lehre von der Auferstehung des Fleisches in zwei Hauptaussagen zusammen:

  1. Am Ende der Welt werden alle Toten, Gerechte und Ungerechte, auferstehen.
  2. Der Auferstehungsleib ist derselbe Leib wie derjenige, der der Seele im Erdenleben angehörte.

Die dualistische, ‘leibfeindliche’ Betrachtung, die unvergängliche Seele verlasse nach dem Tode ihr zerfallendes Gefängnis (den Körper), wird in der christlichen Tradition abgelehnt.

Ratzinger bezeichnet die Lehre vom griechisch-platonischen Dualismus zwischen Leib und Seele sowie von der Unsterblichkeit der Seele als eine “Phantasie von Theologen ohne Entsprechung in der Wirklichkeit”. Die römisch-katholische Lehre setzt also voraus, dass die Seele und Leib wesentliche Teile eines Ganzen bilden.

Wie die meisten Religionen, welche die wiederholte Reinkarnation ablehnen, betrachtet auch die Kirchenlehre die Seele in der Regel für nicht präexistent: Für sie hat die Seele hat nicht existiert, bevor sie in diesen Körper und dieses Leben eintrat; d.h. sie wurde erst bei der Zeugung geschaffen.

Dasselbe Fleisch?

Wiedergeburt als dogmatischer Begriff wird im Christentum als das einmalige Ereignis der Auferstehung betrachtet, bei der die Seele ihren ehemaligen Körper wiederbekommt. Nach dieser Lehre soll der Leib in voller Unversehrtheit auferstehen, frei von Missbildungen und Gebrechen. Doch wie genau soll dies geschehen? Aussagen wie ‘Irgendwie wird Gott dieses Wunder bewirken’ vermögen kaum nicht zufrieden zu stellen.
Auslegungen und Interpretationen hierzu sind (für mich) verwirrend und teilweise widersprüchlich.

“Die Identität ist nicht so aufzufassen, dass alle Stoffteile, die jemals oder zu einem bestimmten Zeitpunkt dem irdischen Leib angehörten, im Auferstehungsleib vorhanden sein werden. Wie der irdische Leib trotz des beständigen Stoffwechsels immer derselbe bleibt, so genügt es zur Wahrung der Identität, wenn ein verhältnismäßig geringer Teil der Stoffmenge des irdischen Leibes im Auferstehungsleib enthalten ist. 
Die Tatsache, dass dieselben Stoffteile der Reihe nach verschiedenen Leibern angehören können, bietet darum keine Schwierigkeit gegen den christlichen Auferstehungsglauben.” vgl. Kathpedia

Zur Identität des Auferstehungsleibes sei die Identität der Seele für sich allein hinreichend.

Viele Christen stellen sich allerdings nicht mehr vor, dass nicht der gealterte,  oft verbrauchte Körper ‘aus Fleisch’ wiederbelebt und ‘repariert’ wird. Angesichts irreversiblen Zellverfalls wird hier von einem „pneumatischen“ bzw. feinstofflichen Körper ausgegangen.
Wie dem auch sei, das Jenseits wird sicher auch ‘jenseits’ jeder materiellen Konzeption stattfinden. Raum und Zeit werden ‘dort’ ohne Bedeutung sein – zumindest nicht in der Weise erfahrbar sein, wie es hier der Fall ist.

Persönlich neige ich zu der Vostellung, dass wir über den Tod hinaus Individuen bleiben und unsere Identität im wesentlichen behalten. Insoweit werden wir kaum als ‘pure Energieform’ umhergeistern, sondern uns in einer neuen Form von Körperlichkeit wahrnehmen. 

Dazu gehört auch, dass wir die uns umgebende Welt weiterhin sinnlich wahrnehmen und mit ihr interagieren können. Zu fragen, wie dieser Körper dann aussehen und beschaffen sein wird, bleibt letztlich ergebnislos –  denn all dies geht über unser derzeitiges, von der materiellen Welt geprägten Vorstellungsvermögen hinausgeht.
Eine “Solidargemeinschaft der Lebenden und Verstorbenen” sowie das Fortbestehen irdischer Familien- und Gemeinschaftsbande im Jenseits ist bei einer einmaligen Wiedergeburt (=Auferstehung) plausibel – doch ist sie ausnahmslos zu wünschen? Belassen wir es dabei, dass auch keine Veranlassung zu der Annahme besteht, das nach dem Tode unsere Entscheidungsfreiheit eingeschränkt wird.

Auferstehen impliziert nicht zwingend den Himmel

Ein anderer Aspekt der Auferstehungsglaubens beschäftigt mich weit mehr – nämlich die Annahme, dass die Trennung der Schöpfung in Gut und Böse anhalten werde. Das angeblich “christliche” Prinzip der unausweichlichen Auferstehung – entweder im Paradies oder in einer ewigen Hölle –  basiert wesentlich auf der Rechtfertigungs-Behauptung, jeder Mensch habe die Freiheit, zwischen gottgefälligem Leben oder der Sünde zu wählen, Guten und dem Bösen zu wählen. Wählen wir das Böse, wählen wir danach automatisch auch die ewige Verdammnis. 

Doch wie frei ist der Mensch denn? Und wie viele Menschen realisieren überhaupt, dass sie eine Wahl haben?

Viele Menschen sind ‘Sklaven ihrer Gene’ und ihrer Biochemie; oder sie schlittern durch ungünstige Umstände und Zwänge von Kindheit an in Situationen, die sie keinesfalls selbst gewählt haben würden. Ob und wo sie eine Wahl haben, wird ihnen oftmals nicht einmal bewusst.
Kindheitserlebnisse prägen die Psyche nachhaltig und eröffnen eine fatale Kausalkette, in der von einer echten Wahlfreiheit kaum mehr die Rede sein kann. Chancengleichheit ist auch in spiritueller Hinsicht ein utopischer Mythos – kann daraus die Verurteilung zur ewigen Verdammnis durch einen als gerecht und gütig bezeichneten Gott erfolgen?

Quantitativ ergibt sich ein Ungleichgewicht zwischen dem paradiesischen und dem höllischen Endzustand – denn nach biblischen Maßstäben und wohl auch denen des Koran würde die Mehrzahl der Seelen vermutlich in der Hölle landen – wohingegen sich nur eine geringe Anzahl für den Himmel qualifizieren dürfte:

“Geht ein durch die enge Pforte! Denn die Pforte ist weit und der Weg ist breit, der ins Verderben führt; und viele sind es, die da hineingehen. Denn die Pforte ist eng und der Weg ist schmal, der zum Leben führt; und wenige sind es, die ihn finden.”
[Mt 7, 13-14]

Liegt darin Gottes Absicht für den Endzustand seiner Schöpfung?
Glaubt man dem, was die Bibel an Wahrheiten und Visionen anbietet, kommt man an den Phänomenen Gericht/Rechenschaft und Hölle nicht vorbei. Zumindest aber kann (hoffentlich) davon ausgegangen werden, dass dieser Zustand nicht als Retourkutsche eines zwar ‘göttlichen’, aber kleinlichen, verletzten Egos für menschliche Ablehnung und Unvollkommenheit aufzufassen:

“… ich hoffe tatsächlich, dass diese neue Wirklichkeit des Lebens von der Jesus spricht für uns alle bestimmt ist. Es gibt zwar das Sprechen von der Hölle. Und es gibt die Erfahrung vom Scheitern, von Schuld und von Sünde. Es gibt Menschen, die sich über weite Strecken ihres Lebens von Gott lossagen. Und nach allem, was uns die Schrift sagt, müssen wir dieses Sprechen von der Hölle sehr ernst nehmen.
Aber ich darf hoffen. 

Ich darf darauf hoffen, dass Gott am Ende jeden Menschen zu sich führt. Ich darf darauf hoffen, dass er jedem so viel Zeit einräumt, dass er am Ende den Weg zu Gott doch noch findet.
Ich muss von der Existenz einer Hölle wohl ausgehen, aber ich darf darauf hoffen, dass sie am Ende leer sein wird.”
J. Sieger (s. hier)

Diese Hoffnung steht freilich im Gegensatz zu dem, was manche Menschen erschreckender Weise unter Gerechtigkeit verstehen – den armselige, beinahe krankhafte Hoffnung, man werde dereinst erlöst vom Himmel herabsehen auf all die Bösen, die einem einmal Schaden zugefügt haben. Wenn Gott uneingeschränkt liebt, dürfte der finale Zustand anders ausschauen:

“Wenn wir darauf hoffen, dass die Hölle am Ende leer sein soll, dann müssen wir uns vorstellen können, mit allen Menschen zusammen – selbst mit denen, die uns in diesem Leben unermesslich weh getan haben – in diesen Himmel einzuziehen.” J. Sieger

Dennoch, die Frage nach einer letztgültigen Gerechtigkeit ist damit nicht aus der Welt: Es kann nicht sein, dass alle Menschen unabhängig von ihrer Gesinnung und ihren Handlungen übergangslos in einen paradiesischen Zustand überführt werden. Dies wäre gleichbedeutend mit moralischer Beliebigkeit und würde im Widerspruch zu der sowohl im AT als auch im NT vom Menschen geforderten Nächstenliebe stehen. Weder entsetzliche Qualen noch ein Spontantrip ins Paradies für Alle lösen diese Problematik.

Ein dritter, von christlichen Theologen diskutierter Ansatz sieht daher vor, dass alle ‚unverbesserlichen Sünder‘ ein schmerzloser, endgültiger Tod erwartet, der die Gnade und Barmherzigkeit Gottes bezeuge.
Also eine Form negativer Selektion? Alles Untaugliche wird irreversibel aus der Schöpfung ausgemerzt?

Das per kirchlichem Dogma für Katholiken eingeführte4)Fegefeuer’ – ein Prozess der erzwungenen Läuterung der Seele eines Verstorbenen “für gewisse leichte Sünden” – soll diesbezüglich als Abstufung und Korrektiv dienen, welches mit seiner ganzen Passivität (der noch unvollkommenen Seele) aus meiner Sicht aber nicht hilfreich ist. 

Aus meiner Sicht steht ‘Sünde’ für menschliche Unvollkommenheit, welche die Notwendigkeit begründet und die Chance erfordert, an den eigenen Defiziten zu arbeiten, Einsichten zu entwickeln und zu reifen. Wenn ‘dass Klassenziel’ des irdischen Lebens verfehlt wurde, liegt es anstatt einer von Gott verhängten Runderneuerung der Seele näher, dass diese ‘Klasse’ wiederholt werden muss – in einem weiteren Leben mit vergleichbaren Umständen und Aufgabenstellungen.

Auch diese Aussicht ist nicht eben verlockend (wenn auch die Notwendigkeit nicht von der Hand zu weisen ist). Doch erwächst aus ihr immerhin die Motivation, sich hier und jetzt aktiv um einen seelischen und moralischen Fortschritt zu bemühen – so schwer dies innerhalb der Alltagszwänge auch sein mag.
Doch diesbezüglich bleibt uns eine echte Wahl: wir können so weiterleben wie bisher und primär Sorge für das eigene Wohlbefinden tragen. Es liegt bei uns, ob wir unser Gewissen vernachlässigen – ob wir persönliches Wohlbefinden, Annerkanntsein und Vermeidung von Ärger dem überordnen, was sehr wohl als wahr, richtig und gut erkannt wird. Oder ob wir uns besinnen, was wirklich von Bedeutung ist – für dieses einzigartige Leben und darüber hinaus.-

Hans Küng über ’seinen‘ Auferstehungsglauben:

„Ich glaube nicht an die späteren legendarischen Ausgestaltungen der neutestamentlichen Auferstehungsbotschaft, wohl aber an ihren ursprünglichen Kern: Dass dieser Jesus von Nazaret nicht ins Nichts, sondern in Gott hinein gestorben ist. Im Vertrauen auf diese Botschaft hoffe also ich als Christ, wie viele Menschen auch in anderen Religionen, auf ein Sterben nicht in ein Nichts hinein, was mir höchst irrational und sinnlos vorkommt.
Vielmehr auf ein Sterben in die allererste-allerletzte Wirklichkeit, in Gott hinein, was – jenseits von Raum und Zeit in der verborgenen Realdimension Unendlich – alle menschliche Vernunft und Vorstellung übersteigt.

Dies ist meine aufgeklärte, begründete Hoffnung: Sterben ist Abschied nach innen, ist Einkehr und Heimkehr in der Welt Urgrund und Ursprung, unsere wahre Heimat:
ein Abschied – je nachdem – vielleicht nicht ohne Schmerz und Angst, aber hoffentlich
doch in Gefasstheit und Ergebenheit, jedenfalls ohne Gejammer und Wehklage, auch ohne Bitterkeit und Verzweiflung, vielmehr in hoffender Erwartung, stiller Gewissheit und (nachdem alles zu Regelnde geregelt ist) beschämter Dankbarkeit für all das Gute und weniger Gute, das nun endlich definitiv hinter uns liegt – Gott sei Dank.“

(H. Küng:  Der Anfang aller Dinge – Naturwissenschaft und Religion)

Eine rationale Abwägung zwischen Reinkarnations- und Auferstehungslehre kann es m.E. nicht geben; angeführte Indizienbeweise basieren in beiden Fällen auf dem jeweils zugrunde liegenden Glaubensmodell. Ebenso ist die Behauptung der Nichtexistenz einer (unsterblichen) Seele nicht mehr als subjektiver Glaube bzw. eine nicht-wissenschaftliche (weil nicht beweisbare) Spekulation.

Soweit ich selbst zu Karma und Reinkarnation tendiere, vermag ich nur in diesen Prinzipien eine nachvollziehbare Antwort auf die entscheidende Frage der Theodizee zu sehen – die ohne die argumentative Zuflucht zu  ‘Gottes unergründlichem Ratschluss’ auskommt.
Nur der Rückgriff auf kausal relevante, frühere Leben ermöglicht es, die Annahme eines uneingeschränkt liebenden Gottes in Einklang zu bringen mit ‚unverdientem‘ Leid, insbesondere von Kindern.

Lesenswert

Dem schwedischen Reinkarnations- bzw. Rückführungstherapeuten und Autor Jan Erik Sigdell vermag ich nicht in allen Belangen gedanklich zu folgen und stimme ihm auch nur in Teilen zu. Seine Ausführungen über Wesen und Hintergründe der Reinkarnation erachte ich dennoch  als lesenswerte Einführung in diese Thematik.

Anmerkungen

Zu den diversen Ratzinger-Zitaten: Erfordert häufiges Zitieren des amtierenden katholischen Kirchenoberhauptes eine Rechtfertigung? Kaum – auch wenn ich Prinzipien und Handlungsweise des Papsttums nicht sonderlich schätze, respektiere ich den glasklaren Verstand des Theologen Ratzinger. Nicht wenige Analysen und Einschätzungen Ratzingers haben sich als zutreffend erwiesen. (Um nur ein ein Beispiel zu nennen:“Wir sehen, daß das Selbstvertrauen der Neuzeit zusehends verfällt.“)
Auf die Frage, wie viele Wege zu Gott es gebe, antwortete er um 1996 im Gespräch mit dem Journalisten Peter Seewald: „So viele, wie es Menschen gibt.“

  1. Für den Begriff ‚Seele‘ wurden sehr unterschiedliche Definitionen vorgestellt. Einige von ihnen betonen, eine Seele sei nicht ein ‚etwas‘, sondern ein Prinzip, d. h. ein Wodurch. So wird die Seele oft als Prinzip der Identität aufgefasst.
  2. Der Raelismus bildet eine Ausnahme, denn diese “atheistische Religion” verfolgt ein Konzept der Lebensverlängerung durch Cloning und Bewusstseinsübertragung auf den Klon. Das technische Wissen hierzu soll von den “Elohim” kommen – Außerirdischen, welche die Menschen einst im Zuge genetischer Experimente erschufen.
  3. Auch wenn die meisten Menschen mit dem Schöpfer eine übernatürliche Entität, also Gott bzw. eine/mehrere Gottheit(en) assoziieren, liegt darin keine Zwangsläufigkeit. So glaubt die Sekte der Raelianer an die ‚Elohim‘ (die vom Himmel kamen) und versteht unter diesem biblischen Terminus eine Zivilisation Außerirdischer, die den Menschen und alle Lebewesen der Erde durch gentechnische Experimente geschaffen haben sollen. Vgl. SPIEGEL-“Interview mit dem Gründer der Klon-Sekte ‘Mein Bruder ist Jesus’
  4. Die Lehre vom Fegefeuer, bereits im 6. Jahrhundert formuliert, wurde auf dem Konzil von Florenz im Jahre 1439 als kirchliches Dogma verkündet. Sie beruht also auf kirchlicher Tradition, nicht aber auf den biblischen Schriften.

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2 Antworten auf Wiedergeburt, Auferstehung… oder das ewige Nichts?

  1. Pingback: Reinkarnation im frühen Christentum | Kern des Lebens

  2. Equilibrium sagt:

    Was zählt ist die wissenschaftliche Beobachtung.
    Alles andere ist haltlose Spekulation.

    Wer meint die Wissenschaft kann auch Liebe, Freundschaft usw. nicht erklären ist auf dem Holzweg . Botenstoffe, Hormone und so weiter

    Wenn wir tot sind wir tot.
    Da hilft auch kein Geheule im Wolkenkuckuckshem

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