Religionskritik: Projektion der Elternrolle auf Gott?

Oder: Was in aller Welt ist Trigono-Morphismus?

Mit Bezug auf die weiter unten eingebettete TV-Diskussion möchte ich zunächst kurz auf die Thesen von Ludwig Feuerbach eingehen, der m.E. von zutreffenden Beobachtungen ausgehend eine verkürzten Schlussfolgerung trifft.

Ludwig Feuerbach, 1804 in Landshut geboren, wuchs als Sohn eines bayrischen Hofrates in strenger Religiosität auf. Er war katholisch getauft, jedoch evangelisch erzogen worden und begann 1823 ein Studium der evangelischen Theologie, dass er nicht abschloss. Ein Philosophiestudium sowie einige Jahre Dozententätigkeit folgten.
Seine persönliche Einstellung zum Christentum bzw. zu Religionen schlechthin wurde immer kritischer. Nach seinem Tode (1872) wurden seine Thesen und Überlegungen von mehreren Geisteswissenschaftlern aufgegriffen, etwa von Friedrich Nietzsche, Sigmund Freud und Ernst Bloch.

Spekulative Religionsphilosophie

Feuerbach wandte sich gegen die Vorstellung von einem Weiterleben des Individuums nach dem biologischen Tod und interpretierte Religion pauschal als Projektion des Menschen („Das Wesen des Christentums“, 1841, Pdf)
Insbesondere kritisierte er die “kindisch-phantastische” christliche Mythologie, die sich jedes Ammenmärchen der Historie als Tatsache aufbinden lasse. Die Abwesenheit jeder Vernunft mache diese Religion zu einem Spielball der spekulativen Willkür.

Dem Unglauben nur sind die Glaubensgegenstände vernunftwidrig; aber wer sie einmal glaubt, der ist von ihrer Wahrheit überzeugt, dem gelten sie selbst für die höchste Vernunft.

Eine zentrale Kernaussage entwickelt Ludwig Feuerbach, indem er Worte der Bibel verdreht. Aus „Und Gott schuf den Mensch nach seinem Bild“ (vgl. 1.Mose 1,26) wird bei Feuerbach:

„Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde.“ 

In einem Buch von J.M.Simmel1) fand ich vor vielen Jahren den gleichen Grundgedanken vor: „Wenn Dreiecke einen Gott hätten, würden sie ihn mit drei Ecken ausstatten.“ (sinngemäß; ursprünglich stammt das Zitat wohl von Charles-Lois Baron de Montesquieu).
Bei Menschen wird dieses Phänomen allgemein als Anthropomorphismus (Vermenschlichung) bezeichnet: Menschliche Eigenschaften werden auf ‘nicht-menschliche’ Wesen übertragen bzw. ihnen zugesprochen. Bei Dreiecken würde man wohl von ‘Trigono-Morphismus sprechen;)

Beide Aussagen formulieren eine ernstzunehmende Kritik also an jeder Religion, die eine Vorstellung eines persönlichen Gottes vermittelt – und sie ist von einem positivischen, rationalen Standpunkt kaum durch Argumente und Fakten zu entkräften.
Die Summe aller menschlichen Wünsche, Ideale und Machtphantasien sowie eine idealiserte Elternrolle werde auf eine nicht zu ergründende Wesenheit namens ‘Gott’ projiziert. Alle Vorstellungen der Mensch über einen Gott als Person stellen aus Feuerbachs Sicht ein idealisiertes (Trug-)Bild der menschlichen Spezies dar.

Was er selbst nicht ist, aber zu sein wünscht, das stellt er sich in seinen Göttern als seiend vor. Phantasie und Gefühl reichen allein nicht. Hätte der Mensch keine Wünsche, hätte er keine Götter.“

Je mehr ich im Alten Testament lese, um so mehr glaube ich darin den von Feuerbach beschriebenen Mechanismus vorzufinden, zumindest in Teilen. Stellenweise werden die typische Unvollkommenheit menschlicher Emotionalität und Subjektivität diesem Gott angedichtet. Geschichtliche Elemente des AT berichten von Begegnungen mit dieser Entität, deren Potenzial dem der Menschen zwar weit überlegen ist, die aber erkennbar von typisch menschlichem (oder dem Menschen ähnlichen) Streben und Bedürfnis geprägt ist.

Nicht nur bei Jesaja begegnet der Bibelleser einem Gott, der ebenso in sich zerrissen wirkt und dessen z.T. widersprüchliches Handeln von eben den ambivalenten Gefühlen und Sehnsüchten zeugt, die viele Menschen von sich selbst kennen. Das geht so weit, das dieser Gott sogar Eifersucht auf andere Götter/Götzen zeigt seine ‘eigenen’ Gewaltakte (z.B. die Sintflut) in Nachhinein bereut.
Anders als Feuerbach empfinde ich wesentliche Inhalte des Neuen Testaments als Kontrast zu dieser Projektionsbildung im A.T. Erst Jesus setzt der menschlichen Moral des A.T. seine Ethik entgegen – den schwer erfüllbaren Anspruch bedingungsloser Liebe.

Von der biblischen Projektion menschlicher Rollenverständnisse (‘Elternrolle’) sowie persönlicher wie sozialer Erwartungen auf Gott lässt sich nicht grundsätzlich auf die Nichtexistenz Gottes schließen – sondern lediglich auf die Überlieferung eines mutmaßlich unzutreffenden oder mindestens unvollständigen Gottesbild im A.T.

Gestützt wird diese Annahme durch die historisch-kritische Bibelforschung, laut der ursprüngliche Texte der hebräischen Bibel nachträglich mehrfach redigiert, also umgeschrieben und ergänzt wurden. Solche Korrekturen erfolgten jeweils in Entsprechung zur Interessenlage einer machtbewussten Priesterschicht, die noch von der Desillusion im babylonischen Exil traumatisiert war.

Die Projektionsthese wird vordergründig durch den Umstand unterstützt, dass wir Gott für ‚unsichtbar‘ halten. Handelt es sich hier nicht eher um ein eingeschränktes ‚Sehvermögen‘? Man macht es sich wohl zu leicht, wenn man alles, was weder messbar noch mit einem auf ein kleines Lichtspektrum begrenzten Sehorgan wahrnehmbar ist, als Unsichtbares und Übersinnliches definiert. Hans-Peter Dürr spricht in diesem Kontext vom Netz des Physikers bzw. Naturwissenschaftlers.

Dass die meisten Menschen keine direkte Interaktion mit Gott erleben, erleichtert vielen, den Glauben an einen unsichtbaren Schöpfer als bloße Einbildung abzutun. Wo der Unterschied zwischen einer Unsichtbarkeit und einer Einbildung Gottes liegen soll, erweist sich aus der naturwissenschaftlich geprägten Perspektive als geradezu ‘unbeschreiblich’.

Der katholische Theologe Prof. Klaus v. Stosch („Einführung in die systematische Theologie“) kritisiert Feuerbachs Projektionsthese noch von einer anderen Warte:

  • Gott ist keine Projektion, sondern immer noch mal größer- dem sog. Grundsatz IQM („id quo maius cogitari non potest“) folgend: Gott sei etwas, worüber/über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann. 
  • Stosch verweist zudem auf Jesus Christus als Glaubensursprung, der sich auf ein „konkretes geschichtliches Ereignis“ zurückführen lasse, daher sein die Annahme einer Projektion unzutreffend!
  • Der ‚Geltungs-Fehlschluss‘ wurde bereits thematisiert: Feuerbachs Erklärungsversuch, wie Religion entsteht, kann aus dieser Perspektive heraus aber nicht die Wahrheit der Religion und erst recht nicht die Existenz Gottes in Frage stellen.

Der ‘Verlust des Himmels’ als persönliches Erlebnis

Dieser Aspekt hat für mich eine ganz persönliche Komponente – die Erinnerung an eine verstörende Phase, als das Fundament meiner kindlich-naiver Glaubenswelt – mit dem lieben Gott und einem gottähnlichen Papst in ihrem Zentrum – durch die nagende Frage “Beruht mein gesamter Glaube nur auf meiner Einbildung?” in kleinen, fiesen ‚Erkenntnisschritten‘ abgetragen wurde.
Ein erster Kontakt mit Feuerbachs Thesen beschleunigte diesen Vorgang noch:

“Das Wesen des Christentums ist nicht Offenbarung einer an sich bestehenden Realität, sondern geheimnisvolle Projektion von Realitäten innerhalb des menschlichen Wesens.

Mit dem Durchdenken dieser Projektionsthese wurde ich gleichsam aus einer heilen Welt gestoßen, welche auf der Zuversicht auf ein ewiges, zunehmend vollkommenes Leben sowie einem Beschütztsein durch Gott aufgebaut war. So plausibel wie zugleich entfaltete sich die Analyse, wie Menschen zur Kompensation ihrer selbst empfundenen Verlorenheit und Schwäche einen mächtigen, gütigen Gottvater herbei-phantasieren, der für ein omnipräsentes „Alles Wird Gut“ steht. Weil dieses Versprechen sich im diesseitigen Konkurrenzkampf der menschlichen Gesellschaften nicht umfassend realisieren ließ, werden die Gläubigen aufs Jenseits vertröstet.

Meine tiefe Unzufriedenheit relativierte sich erst, als ich mir bewusst machte:So plausibel sie auch klingt, der Kern dieser Projektionsthese (=die Nichtexistenz Gottes) ist im gleichen Maße ‚bewiesen‘ wie ein weißbärtiger Übervater irgendwo im wolkenverhangenen Himmel über uns, umgeben von hinreißend himmlischen Blondinen mit blütenweißen Flügelchen.

Engel, Deckenmalerei um 1420 (Stifts-kirche, Neustadt an der Weinstraße)

Wie Prof. Harald Lesch darlegt, vermag die Naturwissenschaft bestenfalls „die vorletzten, nicht aber die letzten Fragen zu beantworten“:
Unsere existenziellen Fragen  – nach dem Ursprung des Universums, der Entstehung des Lebens, dem Jenseits von Zeit und Raum usw. – sind nach wie vor unbeantwortet; daran wird sich auch so bald nichts ändern. (Soweit individuelle Antworten gegeben werden, sind diese bislang nicht konsensfähig für die Menschheit insgesamt.)

Für mich persönlich ist eine durch einen transzendenten Schöpfer erschaffenes Universum wahrscheinlicher und intuitiv erfassbarer als eine in ihrer Gesamtheit unwahrscheinliche Kette von Zufällen, die im Widerspruch zur Entropie steht – jener Naturgröße, die stets danach strebt das Chaos und den Zustand der ‘Energiearmut’ zu vergrößern. Auch können die in der DNA hinterlegte Erbanlagen als codierte Information aufgefasst werden – kann nach präzisen Regeln aufgebaute Information sich eigenständig generieren?
Dennoch, Feuerbachs Kernaussage über Projektion menschlicher Sehnsüchte und Ängste sowie die Vermenschlichung des Göttlichen ‘fühlte sich ebenfalls richtig an’. Und sie ist zu einleuchtend als kritische Analyse des überlieferten Schrifttums, als dass man sie leichtfertig beiseite schieben dürfte.

Die mögliche Auflösung dieser Gegensätzlichkeit liegt m.E. nicht im ‘Entweder-oder’, sondern im ‘Sowohl-als auch’:
Das Göttliche ist zunächst einmal verborgen – für Glaubende wie für jene, die es als eine Hypothese oder ein Hilfskonstrukt zur Überbrückung von Unwissen betrachten. Infolge der Begrenztheit unserer Wahrnehmung und unseres Vorstellungsvermögens ist wohl jeder Versuch, das Wesen des Göttlichen in allen Facetten zu ergründen, zum Scheitern verurteilt. Deshalb kann Glaube zwar zur persönlichen Gewissheit, aber niemals zu objektivem Wissen werden.

Wer nicht durch Tradition und erzieherische Vermittlung, sondern aus eigener Intuition oder Schlussfolgerung zu der ‘Ahnung’ gelangt, dass wir nicht allein sind, sondern von allem Anfang an durch eine machtvolle, schöpferische Wesenheit begleitet werden, wird zwangsläufig den Versuch unternehmen, mehr über das verborgene Wesen und die Eigenschaften des Göttlichen zu erfahren.
Auf eben diese aussichtslosen Versuche, Gott zu erkennen – mag die Vermutung von Feuerbach zutreffen: Ihr Unwissen in Bezug auf das Göttliche trachten die Menschen seit Jahrtausenden durch Übertragung menschlicher Attribute auf eine zwar idealisierte, aber dennoch vermenschlichte Gottheit zu kompensieren.
Dabei erhoben selbsternannte Vordenker ihre subjektive, vermeintlich erfolgreiche Erkenntnisfindung zur allgemein gültigen, obligatorischen Anschauung – wodurch die verschiedenen Ideologien entstanden. So schufen sie sich sie ihre Gottheit tatsächlich selbst und versahen diese mit scheinbar naheliegenden oder nützlichen Eigenschaften.

Hinsichtlich der anmaßenden Behauptung, Gott habe seit zweitausend Jahren nicht mehr mit Menschen kommuniziert, sollte ein Schlusspunkt gesetzt werden. (Falls Gott doch jemals kommunizieren sollte, würde er sich ohnehin nicht ausschließlich an die priesterliche Elite mit dem ‘einzig wahren’ Glauben wenden.)

Der Sinn des Bildnis-Verbotes2)

Ersatzobjekte und sog. Bildnisse zur ‚Veranschaulichung Gottes‘ wurden erfunden und dienen Befürwortern der Projektionsthese nachträglich als Beleg für die Richtigkeit ihrer Annahme. Die Bibel schildert im Exodus (2. Buch Mose, Kap.32) sehr drastisch einen solchen Versuch, ein Abbild des Gottes in Form eines goldenen Kalbs zu schaffen.

Weitere Bücher des AT berichten ebenfalls vom Scheitern der hebräischen Stämme in ihrem Bemühen, das Göttlich-Unendliche in ihren Denk- und Vorstellungskategorien zu erfassen, zu beschreiben oder wenigstens zu versinnbildlichen.
Ohne Christen nahe treten zu wollen, erscheint mir das Kreuzsymbol
kaum weniger unvollkommen als andere Bildnisse – die Schlachtbank Jesu als symbolhafter Bildverweis auf den unendlich liebenden Gottessohn?

Die diesem Bemühen, Gott sichtbar werden zu lassen, innewohnende Tragik wird bei Neale Donald Walsch (Gespräch mit Gott, Bd.1) deutlich:

“… Warum offenbarst du dich nicht, wenn es wirklich einen Gott gibt und du Gott bist, in einer Form, die uns allen begreifbar ist …in unwiderlegbarer Form,- eine, die nicht bestritten werden kann? Auf eine Art, die niemand leugnen könnte.

WIE WÜRDE DAS aussehen? In welcher Form oder Gestalt soll ich denn deinem Wunsch nach erscheinen?

„In der Form oder Gestalt, die du tatsächlich hast.“

DAS WÄRE UNMÖGLICH, denn ich habe keine Form oder Gestalt, wie du sie verstehst. Ich könnte eine Form oder Gestalt annehmen, die du verstehen könntest, aber dann würden alle meinen, daß das, was sie gesehen haben, die einzige und wahre Form und Gestalt Gottes sei, wo sie doch nur eine von vielen ist…

Die Menschen glauben, daß ich das bin, als was sie mich sehen, und nicht das, was sie nicht sehen. Aber ich bin das große Unsichtbare, nicht das, was ich in einem bestimmten Moment zu sein bewirke. In gewissem Sinn bin ich, was ich nicht bin. Aus diesem Nicht-Seienden komme ich, und zu ihm kehre ich stets zurück.(…)

„Aber wenn du etwas tätest, das über jeden Zweifel erhaben wäre und ohne jede Frage den Beweis dafür erbrächte, wer du bist …“

DANN GÄBE ES immer noch die, die sagen, daß dies Teufelswerk oder einfach Einbildung sei, oder irgend etwas anderes – jedenfalls nicht ich…”

Diesen kurzen Textauszug möchte ich abschließend als Argument dafür anführen, dass die Existenz des Göttlichen sehr wohl möglich ist – unabhängig von den erbärmlichen Resultaten menschlicher Bemühungen, durch gedankliche Projektion  oder bildgebende Verfahren eigene, unzulänglich ‚Gottes-Bilder‘ zu erzeugen.

Beweisen lässt sich in diesem Zusammenhang jedoch nichts – und das ist sicher gut so…

“Ist Gott nur eine Wahnvorstellung?”

Gespräch mit Michael Schmidt-Salomon (Nachtstudio)
Der Begriff ‘Wahnvorstellung’ erscheint mir reichlich deplatziert, denn er ist zu negativ besetzt und assoziiert den Glauben von Milliarden Menschen mit  Geisteskrankheit oder zumindest Neurosenbildung.
Diesen Zynismus (in der Wortwahl, nicht in Bezug auf Gedankengang an sich) überbietet noch, wer Gott als “fieses Kind mit Brennglas bezeichnet” und damit im Grunde eine ebenfalls atheistische Grundhaltung ausdrückt.

Anmerkungen

  1. Wenn ich mich recht erinnere, stammt das sinngemäß wiedergegebene Zitat aus „Niemand ist eine Insel”
  2. Das Bildnis- oder Abbildungsverbot untersagt aus religiösen Gründen bildliche Darstellungen. Es wendet sich gegen die Darstellung an sich und die damit verbundene Gefahr der Banalisierung oder götzenhafte Abwertung des Dargestellten.
    Diesbezügliche Vorschriften entspringen monotheistischen Religionen und sollen der polytheistischen Bilderverehrung entgegen wirken. (vgl. Wikipedia)
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