Samaan und der Satan

Eine Erzählung über die ‚Geschichte des Glaubens‘

Khalil Gibran (1883 – 1931) war ein libanesisch-amerikanischer Maler, Philosoph und Dichter.

Die Menschen im frühen Palästina betrachteten den guten Vater Samaan
als einen Führer in geistigen und theologischen Fragen. Er war eine große
Autorität und sein Geist war eine sichere Quelle nicht enden wollender
Auskünfte und Warnungen über lässliche und schwere Sünden und sehr
bewandert in den Geheimnissen der Hölle, des Paradieses und des
Fegefeuers.

Als nun seine Sendung ihn in den Nordlibanon führte, wanderte er dort von einem Orte zum anderen; er predigte ohne Unterlass und heilte die Menschen von der geistigen Krankheit der Sünde und errettete sie stets aufs neue aus den schrecklichen Fallen des Teufels. Die Fellachen verehrten und achteten diesen Gottesmann und waren stets bemüht, seinen Rat oder seine Gebete mit Gold und Silber zu bezahlen, und bei jeder Ernte gaben sie ihm von den besten ihrer Früchte ein gutes Teil.

An einem lauen Herbstabend, Vater Samaan wandelte gerade auf einem
verschlungenen Weg zu einem der einsamsten und verlassensten Dörfer
der Gegend, vernahm er einen schmerzerfüllten Schrei aus einem tiefen
Graben nahe des Weges. Als er sich dem Ursprungsort der gequälten
Laute näherte, wurde er eines unbekleideten Mannes gewahr, der am
Boden lag. Dunkles Blut floß in Strömen aus tiefen Wunden an seinem Kopf
und an seiner Brust. Sein Jammern und Stöhnen war mitleiderregend.

„Rettet mich! Helft mir! Erbarmt euch meiner, denn ich sterbe.“

Samaan blickte bestürzt auf den sich vor Schmerzen windenden jungen
Mann, und er sagte zu sich selber:’Der Mann muss ganz sicher ein Dieb
sein. Er hat wahrscheinlich versucht, Wanderer auszurauben und diese
haben es ihm gründlich vergällt. Ich fürchte, wenn er stirbt, werde ich noch
angeklagt, ihn umgebracht zu haben. So sei dies seine gerechte Strafe.‘
Nach dieser Überlegung wandte er sich, seinen Weg fortzusetzen. Aber der
Sterbende hielt ihn zurück: „Verlasst mich nicht, ich sterbe!

Daraufhin überdachte der gute Vater die Lage noch einmal, und sein
Gesicht wurde so blass wie das des Dahinscheidenden, als ihm bewußt
wurde, dass er, ein Mann Gottes, drauf und dran war, Hilfe zu verweigern.
Seine Lippen bebten, als er zu sich selbst sagte: ‚Er muß einer von diesen
Narren sein, die durch die Wildnis wandern. Der Anblick seiner grausigen
Wunden läßt mein Herz erzittern. Was soll ich nur tun? Ein Heilkundiger der
Seele kann wohl keine Wunden des Fleisches heilen.‘

Er tat einige zögerliche Schritte, als der Halbtote eine weitere,
schmerzerfüllte Klage ausstieß.

„Haltet ein und kommt näher zu mir! Denn wir waren lange Zeit Bundesgenossen. – Ihr seid Vater Samaan, der gute Hirte, und ich, der ich eurer Hilfe bedarf, bin weder ein Dieb, noch bin ich ein Narr. Kommt näher und laßt mich nicht an diesem verlassenen Orte sterben. Kommt, und ich will euch erzählen, wer ich bin.“

Vater Samaan war höchst erschrocken. Er eilte zu dem Sterbenden, kniete
bei ihm nieder und sah ihn aufmerksam an. Aber er erblickte ein ihm völlig
fremdes Gesicht mit zutiefst widersprüchlichen Zügen.
Er sah Intelligenz und Schläue, eine Häßlichkeit, die jedoch einer gewissen
Schönheit nicht entbehrte, er sah Bosheit und zugleich Milde. Der gute
Vater schreckte auf, tat einen Schritt zurück und rief aus:

„Wer bist du?“

Der Mann antwortete ihm mit mit vergehender Stimme. „Fürchtet mich nicht, Vater, denn wir waren lange gute Freunde. Helft mir aufzustehen und bringt mich hinüber zum nahen Bach. Reinigt meine Wunden mit eurem Leinen, damit mein Leben erhalten bleibe.“

Aber Samaan fragte weiter: „Sagt heraus, wer ihr seid! Denn ich kenne euch nicht, noch kann ich mich entsinnen, euch je gesehen zu haben!“ Der Mann antwortete gequält.

„Ihr wißt wohl, wer ich bin. Ihr habt mich tausende Male gesehen, und jeden Tag sprecht ihr aufs neue von mir. Ich bin euch näher, als euer eigenes Leben.“

Der Vater erwiderte: „Ihr seid voll der Lüge und des Betruges! Bedenket,
daß ein Sterbender nicht falsches Zeugnis ablegen sollte. Niemals in
meinem Leben habe ich euer von Bosheit erfülltes Gesicht gesehen. Sagt
mir endlich, wer ihr seid, oder bei Gott, ich werde zusehen, wie ihr elend
umkommt, ertränkt in eurem eigenen, entfliehenden Leben!“

Da bewegte sich der zum Tode verwundete und sah genau in Vater
Samaans Gesicht. Sein fester Blick ruhte in den Augen des Gottesmannes
und auf seinen Lippen lag ein düsteres, geheimnisvolles Lächeln. Mit
ruhiger, sanfter Stimme sagte er:

„Ich bin Satan.“

Als er das furchtbare Wort vernahm, stieß Vater Samaan einen gellenden
Schrei aus, der in den Weiten des fruchtlosen Tals tausendfach widerhallte.
Dann starrte er entsetzt auf den anderen, und bemerkte, daß dessen
grotesk verrenkter Leib einer Abbildung des Satans ähnlich sah, wie er sie
in den Schriften der Gelehrten gesehen hatte. Er erzitterte und rief aus:

„Gott der Herr hat mir dein höllisches Bild gezeigt und zu recht bewirkt, daß ich dich aus tiefstem Herzen hasse! Er führte mich in seiner Weisheit an den Ort deines Verderbens. Nun sei für immer verflucht, Niederträchtiger! Der gute Hirte muß das kranke Lamm schlachten, auf daß es die anderen nicht anstecke.“

Der Teufel fiel ihm barsch ins Wort. „Seid mir nicht so eilig, Vater Samaan.
Und nun komm, Freund, schließ meine Wunden, bevor das Leben aus
meinem Körper gewichen ist.“
Der Gottesmann hob die Arme und entgegnete entrüstet: „Diese Hände,
welche Gott täglich ein Opfer darbringen, diese Hände sollen nicht einen
Leib berühren, der der Ausfluss der Hölle ist! Du mußt sterben, verflucht von
allen Zungen durch die Jahrhunderte.“
„Fluchen sollen dir die Menschen, denn du bist der Feind der Menschheit,
und es ist dein erklärtes Ziel, alle Tugend zu zerstören. Dein Tod soll ein
Fest sein für die Gläubigen in der Welt.“

Der Teufel wand sich unter herzzerreißendem Geheul in seiner Qual,
stützte sich umständlich auf einen Ellenbogen und erwiderte: „Du weißt
nicht, was du sagst, noch begreifst du das Verbrechen, das du auf dich
nimmst. Sei auf der Hut, Vater Samaan, und schenke mir deine Aufmerksamkeit, denn ich will dir meine Geschichte erzählen:

Als ich heute in dieser Ödenei lustwandelte, stieg eine Gruppe Engel herab, und griff mich ohne Grund an. Sie stürzten sich auf mich und verletzten mich dabei schwer. Wenn nicht der eine dabeigewesen wäre, der mit dem Flammenschwert, ich hätte sie in die Flucht geschlagen. Dieser bewaffnete Engel war ein erfahrener Gladiator, und gegen sein Schwert besaß ich keine Macht. Hätte ich mich nicht in den Staub geworfen und vorgegeben, tot zu sein, er hätte mich bis zum grausamen Tode zerrissen.

Samaan versank -zum Himmel gewandt- in triumphales Gebet. „Gesegnet
sei der Engel des Herrn, Michael, der die Menschheit von diesem Bösen
Feind befreite! Ehre sei seinem Namen in der Höhe!“
Der Teufel jedoch protestierte heftig.

„Mein Menschenhaß, Vater Samaan, ist nicht größer, als deine eigene Geringschätzung. Du lobst einen Michael, der nie kam, dich zu retten. Du verfluchst mich in der Stunde meiner Niederlage, obschon ich stets der Quell deiner Ruhe und deines Glückes war. Du verweigerst mir den Segen und deine Gnade, dennoch lebst und gedeihst du nur im Schatten meiner Existenz. Mein Dasein liefert dir sowohl Rechtfertigung als auch Waffen für deinen Lebensweg, und meinen Namen nennst du als Grund für deine Taten.
Hat nicht meine Vergangenheit bewirkt, daß du mich jetzt und in Zukunft brauchst?

Hast du dein Ziel bereits erreicht im Ansammeln von Reichtümern? Hast du es am Ende unmöglich gefunden, noch mehr Gold und Silber von deinen Anhängern zu erhalten, indem du mein Reich als Drohung verwendest?
Hast du noch nicht begriffen, daß du verhungern müßtest, wenn ich tot wäre?
Welcher Berufung würdest du folgen, wenn mein Name auf immer
verschwunden wäre?

Jahrzehntelang bist du durch diese Dörfer gewandert und hast alle Menschen davor gewarnt, in meine Hände zu fallen. Sie haben deinen Rat teuer gekauft, mit all ihren Denaren, Diensten und den Früchten ihrer Felder. Was sollen sie für ihr teures Geld morgen bei dir erstehen, wenn sie begreifen, daß ihr böser Feind nicht mehr existiert?
Dein Beruf ginge mit dir dahin, wenn die Menschen in Zukunft vor der Sünde sicher wären. Du, als Priester, begreifst du nicht, daß nur die Existenz Satans seine Feindin, die Kirche, hat entstehen lassen?

Dies ist die geheime Hand, die das Gold und Silber aus den Taschen der Gläubigen zieht und es für immer in den Beuteln der Priester und Missionare verschwinden läßt.

Wie kannst du mich angesichts dessen hier einfach sterben lassen?“

Der Teufel verstummte einen Augenblick und blickte fest in die Augen
Samaans, dessen Blick längst nicht mehr so fest und zuversichtlich war,
wie noch kurz zuvor. Er fuhr fort.

„Vater Samaan, du bist stolz, aber unwissend. Komm ein wenig näher, und ich will dir die Geschichte des Glaubens enthüllen, in der du die Wahrheit finden sollst, die unser beider Wesen zusammenfügt und meine Existenz mit der deinen verbindet.

‚In der ersten Stunde, am Anbeginn der Zeiten der Zeit, stand der Mensch zum erstenmal vor dem Angesicht der Sonne, streckte ihr die Arme entgegen und rief:
Hinter dem Himmel ist ein großer, liebender, gütiger Gott. Dann wandte der Mensch dem großen Lichtkreis seinen Rücken zu, erblickte seinen Schatten auf der Erde und rief aus: In den Tiefen der Erde ist ein dunkler Teufel, der das Böse liebt.
Darauf ging der Mensch zu seiner Höhle und flüsterte vor sich hin: Ich stehe zwischen zwei mächtigen Kräften. Bei der einen muß ich Zuflucht nehmen, gegen die andere aber muß ich kämpfen.
Die Zeiten gingen ins Land, und der Mensch lebte zwischen den beiden Mächten.
Die eine segnete er, denn sie erhöhte ihn, die andere verfluchte er, denn sie verursachte ihm Furcht. Niemals jedoch begriff er den Sinn von Fluch und Segen.
Er stand zwischen beiden wie ein Baum zwischen dem Sommer, in dem er grünt,
und dem Winter, in dem er friert.

Als der Mensch die Zivilisation herauf dämmern sah, begann er, nach seinem menschlichen Verstande Familien zu gründen, welchen wiederum die Sippschaften folgten. Bereits in der Sippe wurden die Arbeiten nach den Fähigkeiten der Zugehörigen aufgeteilt. Einer bepflanzte das Land, ein anderer baute Wohnstätten, wieder andere fertigten Gewänder und Werkzeuge oder gingen auf die Jagd.
Dann erschien die Kunst des Wahrsagens auf der Erde, und dies war der erste Beruf des Menschen, der tatsächlich jeder wirklichen Notwendigkeit entbehrte.'“

Der Teufel hielt einen Moment inne in seiner Rede. Dann lachte er
schallend, und der Ausbruch seiner dämonischen Heiterkeit ließ das
gesamte Tal erbeben. Jedoch brachte sein Lachen ihm die Wunden in
schmerzliche Erinnerung. Er legte eine Hand auf seine Seite und litt unter
Schmerzen. Er stützte sich ab und fuhr in seiner Erzählung fort.

„‚Die Gabe der Weissagung erschien also auf der Erde und trieb seltsame Blüten. Im ersten Stamm gab es einen Mann, den sie LaWis nannten. Er war ein intelligentes Geschöpf, jedoch zutiefst faul, und Arbeit oder Ackerbau sowie jede andere Tätigkeit, die mit körperlicher Anstrengung verbunden war, widerte ihn an.
Weil man aber zu dieser Zeit Essen nur durch Arbeit bekommen konnte, musste LaWis viele Nächte mit leerem Magen schlafen.
An einem lauen Sommerabend saßen die Mitglieder des ersten Stammes wie so oft bei der Hütte des Ältesten, und besprachen die Ereignisse des vergangenen Tages.

Als nun die Nacht herannahte, sprang einer von ihnen plötzlich auf, deutete mit fuchtelnden Bewegungen auf den Mond und rief erschrocken aus: ´Seht den Gott der Nacht! Sein Angesicht ist dunkel, seine Schönheit verschwunden! Er verwandelt sich in einen schwarzen Stein, der an der Himmelskuppel hängt.´

Die Menge starrte den Mond an, stumm vor Ehrfurcht. Die Menschen wurden von Furcht geschüttelt, als ob die Krallen der Finsternis nach ihren Herzen gegriffen hätten; sie sahen, wie der Gott der Nacht sich langsam in einen dunklen Ball verwandelte, das helle Angesicht der Erde sich veränderte, und wie Hügel und Täler vor ihren Augen hinter einem schwarzen Schleier verschwanden.
In diesem Augenblick trat LaWis hervor. Er hatte bereits einmal eine
Mondfinsternis erlebt und wußte, welch simple Begründung es für die Erscheinung gab. Doch er war nicht dumm, und fest entschlossen, seine Chance zu nutzen.
Er stand in der Mitte der großen Schar, hob seine Hände zum Himmel und sprach mit lauter, fester Stimme:

‚Kniet nieder und betet! Der böse Gott der Finsternis liegt im Kampf mit dem hellen Gott der Nacht! Wenn der böse Gott die Oberhand gewinnt, werden wir alle elends sterben! Gewinnt jedoch der helle Gott der Nacht, so werden wir weiterleben. Betet mit Inbrunst…bedeckt eure Gesichter mit Erde…Schließt eure Augen und erhebt eure Gesichter nicht zum Himmel, denn wer Zeuge des Kampfes der Götter wird, soll Augenlicht und Verstand verlieren. Blindheit und Wahnsinn werden ihn begleiten ein Leben lang.

Neigt eure Köpfe tief auf die Erde, und mit eurem ganzen Herzen sollt ihr den Gott der Nacht unterstützen gegen seinen Todfeind, der auch der unsere ist.´

LaWis fuhr fort, auf diese Art zu sprechen und gebrauchte viele geheimnisvolle Worte, die er selbst erfunden und die niemand anderer je zuvor gehört hatte.
Nach diesem ausgeklügelten Betrug -der Mond war wieder so hell wie zuvor- erhob er seine Stimme, die einen triumphalen Beiklang bekommen hatte, erneut und sagte in eindrucksvollem Ton:

´Erhebt euch und blickt nun auf den Gott der Nacht, der über seinen bösen Feind triumphiert hat und euch das Leben bewahrte. Nun setzt er seinen Gang über den Sternenhimmel fort. Seid euch bewußt, daß ihr ihm durch euer Gebet geholfen habt, den Teufel der Finsternis zu überwinden. Darum scheint sein Licht nun heller, als je zuvor.´

Die Menge erhob sich und starrte geschlossen den Mond an, der nun wieder in großer Helligkeit erstrahlte. Ihre Angst verwandelte sich in Ruhe, und ihre Verwirrung wurde zu Freude. Sie begannen zu tanzen und zu singen, sie schlugen mit Stäben auf Metall und erfüllten das ganze Tal mit ihrem Gesang und Geschrei.
In dieser Nacht rief der Stammesälteste LaWis zu sich und sagte zu ihm:

´Du hast etwas getan, was noch keiner vor dir vollbrachte. Du hast gezeigt, daß du um verborgene Geheimnisse weißt, die keiner von uns versteht. Im Einklang mit dem Willen meiner Leute bestimme ich, daß du nach mir der Ranghöchste im Stamme sein sollst. Ich bin der Stärkste, du bist weise und gelehrt. Du bist der Mittler zwischen unseren Leuten und den Göttern, du sollst uns ihr Begehren und Verhalten deuten, und du wirst uns lehren, was wir tun müssen, um den Segen und
die Liebe der Götter zu bewahren.´

LaWis versicherte ihm in seiner durchtriebenen Art: ´Alles, was der Gott der Menschen mir in meinen überirdischen Träumen enthüllt, werde ich euch übermitteln im Zustand des Wachens, und ihr könnt versichert sein, daß ich als Mittler zwischen Gott und euch wirken werde.´
Der Älteste war es zufrieden, gab LaWis zwei Pferde, sieben Kälber, siebzig Schafe und siebzig junge Lämmer und sprach zu ihm:

´Die Männer des Stammes sollen für dich ein starkes Haus bauen, und von jeder Ernte werden sie dir einen Teil der Feldfrüchte abtreten, auf daß du als ehrenwerter und geachteter Meister leben kannst.

Doch nun, LaWis, sage mir: Wer und Was ist dieser eine, den du den Gott der Menschen nennst? Und wer ist dieser verwegene Gott, der mit dem glorreichen Gott der Nacht ringt? Wir haben nie über diesen nachgedacht.´

LaWis strich sich über die Stirne und gab zur Antwort:

‚Mein verehrter Meister. In alten Zeiten, vor der Erschaffung des Menschen, lebten alle Götter friedlich zusammen in einer Welt hinter der Weite der Sterne. Der Gott der Götter war ihr Vater, er wußte, was sie nicht wußten, und tat, was sie nicht zu tun vermochten.
Und er behielt die göttlichen Geheimnisse, die über allen Gesetzen waren. In der siebenten Periode des zwölften Zeitalters erhob sich der Geist Bahtaars, welcher den großen Gott haßte, gegen seinen Vater, und er sagte:

´Warum behältst du Macht und Autorität über alle Wesen für dich und verbirgst vor uns die Geheimnisse und Gesetze des Universums? Sind wir nicht deine Kinder, die an dich glauben und mit dir Verstehen und ewiges Sein teilen?‘

Der Gott der Götter entbrannte in großer Wut und erwiderte zornig: ‚Ich werde die oberste Gewalt, die höchste Machtbefugnis und die wesentlichen Geheimnisse für mich behalten, denn ich bin der Anfang und das Ende von allem.‘
Darauf entgegnete Bahtaar: ‚Wenn du nicht Macht und Stärke mit mir teilst, werden ich und meine Kinder und deren Kinder in Rebellion gegen dich aufstehen!‘

Da nun erhob sich der Gott der Götter von seinem Thron im hohen Himmel, er zog das Schwert, griff nach der Sonne als Schild, und mit einer Stimme die, die Ewigkeit erschütterte, rief er aus:

´Steige hinab, Bahtaar, du elender Rebell, in die traurige Unterwelt, wo Dunkelheit und Elend herrschen! Das soll dein Exil sein, bis daß die Sonne zu Asche wird und die Sterne sich in kleinen Teilchen versprühen.!´

In dieser Stunde sank Bahtaar von der oberen Welt in die untere, wo die bösen Geister hausen. Daraufhin schwor er beim Geheimnis des Lebens, daß er seinen Vater und seine Brüder bekämpfen und jede Seele, die sie liebte, in eine Falle locken wolle.´

Als der Älteste, der den Reden von LaWis aufmerksam folgte, dies vernahm, verdüsterte sich seine Stirn, und sein Gesicht wurde blaß. Er meinte vorsichtig: ´Dann ist also der Name des bösen Gottes … Bahtaar?´

LaWis gab zur Antwort:´Sein Name war Bahtaar, als er noch der oberen Welt zugehörig war. Als er jedoch die untere Welt betrat, nahm er der Reihe nach folgende Namen an: Baalzabul, Satanail, Balial, Zamiel, Ahriman, Mara, Abbadon, und schließlich SATAN, welcher der berühmteste von allen Namen ist.´

Der Älteste wiederholte das Wort Satan mehrere Male mit bebender Stimme, die klang, wie das Rascheln trockener Blätter, durch die der Wind fährt. Dann sagte er:´Warum haßt Satan Menschen und Götter gleichermaßen?´

LaWis antwortete eilfertig: ´Er haßt die Menschen, denn sie sind Nachkommen der Brüder und Schwestern Satans.´

Da rief der Älteste aus: ´Dann ist Satan ein direkter Verwandter des Menschen!´ Mit einer Stimme, in der Verwirrung und Ärger sich mischten, gab LaWis zurück:

´Ja, Meister. Aber er ist ihr großer Feind, der ihre Tage mit Elend erfüllt und ihre Nächte mit schrecklichen Träumen. Er ist die Macht, die den Sturm zu ihren Hütten lenkt, Trockenheit auf ihre Felder bringt und Krankheit über sie und ihre Tiere. Er ist ein böser und zugleich mächtiger Gott. Er ist gemein, er freut sich, wenn wir Kummer haben, und er trauert, wenn wir glücklich sind. Wir müssen ihn unter Zuhilfenahme meines Wissens genau beobachten, um seiner Bosheit zu entkommen. Wir müssen sein Wesen studieren, um nicht seinen mit Fallen versehenen Weg zu gehen

Der Älteste lehnte seinen Kopf an seinen dicken Stab und sagte flüsternd: ´Ich habe jetzt das Geheimnis der seltsamen Macht begriffen, die den Sturm auf unsere Hütten lenkt und Pest und Verderben über uns und unsere Herden bringt. Meine Leute sollen alles erfahren, was ich jetzt weiß. LaWis sei gesegnet, geehrt und verherrlicht dafür, daß er ihnen das Geheimnis ihres mächtigen Feindes enthüllt hat und sie von der Straße des Bösen wegführt.´

LaWis verließ den Stammesältesten und zog sich in seine Höhle zurück, glücklich über seinen Erfindungsreichtum und trunken vom Wein des Vergnügens und der Phantasie.
In dieser Nacht schliefen der Älteste und sein ganzer Stamm zum ersten Male einen Schlaf, der erfüllt war von schrecklichen Geistern, angst-erregenden Gespenstern und unruhigen Träumen. Mit Ausnahme von LaWis.'“

Der Teufel hielt einen Augenblick inne und Samaan sah ihn zutiefst verwirrt an. Auf den Lippen des guten Vaters erschien das krankhafte Lächeln des Todes und ließ ihn fahl werden. Der Teufel fuhr fort.

„Siehst du, mein Freund,“ sagte er, „so kam die Gabe
der Weissagung auf die Erde, und meine Existenz war der Grund für ihr Erscheinen. LaWis war der erste, der meine Grausamkeit zu seiner Berufung machte. Nach seinem Tode wurde der Beruf von seinen Kindern
weitergegeben und hörte nicht auf zu gedeihen, bis er ein ordentlicher und göttlicher Beruf war, der von jenen ergriffen wurde, deren Geist reich an Wissen ist, deren Seelen vornehm und deren Herzen rein sind, und -vor
allem- deren Phantasie keine Grenzen kennt.

In Babylon verneigten sich die Menschen siebenmal in Verehrung vor einem Priester, der mich mit seinen Gesängen bekämpfte. In Ninive betrachteten sie einen Mann, der vorgab, mein Geheimnis zu kennen, als
goldene Brücke zwischen Gott und den Menschen. In Tibet nannten sie jemanden, der mit mir stritt, Sohn der Sonne und des Mondes.
In Byblos,
Ephesus und Antiochia brachten sie die Leben ihrer Kinder meinen Widersachern zum Opfer. In Jerusalem und Rom legten sie ihr Leben in die Hände derer, die behaupteten, mich zu hassen, und sie bekämpften mich mit allen Mitteln.

In jeder Stadt unter der Sonne war mein Name der Mittelpunkt jedes Kreises, der sich mit Religion, Philosophie oder Kunst befaßte. Wäre ich nicht gewesen, es wären weder Tempel erbaut, noch Türme und Paläste errichtet worden. Ich stehe hinter dem Mut, der die Menschen zur Entscheidung treibt.

Ich bin Satan auf ewig!
Ich bin Satan, den die Menschen bekämpfen, um selbst am Leben zu
bleiben. Falls sie aufhören sollten, gegen mich zu streiten, wird Trägheit ihren Geist und ihre Seele ersticken. wie es die grausamen Strafen ihrer
eigenen Mythen bestimmen.
Ich bin der wütende und stumme Sturm, der Geist und Seele des Menschen beunruhigt. Aus Angst vor mir suchen sie eigene Orte des Gebetes auf, um mich zu verdammen, oder die Orte des Lasters, um mich durch ihre Unterwerfung zu beglücken.
Der Mönch, der in der Stille der Nacht betet, um mich von seinem Bette fernzuhalten, gleicht der Dirne, die mich in ihre Kammer einlädt.

Ich bin Satan auf ewig!
Ich bin Erbauer von Klöstern und Konventen auf den Grundmauern der
Angst. Ich errichte Schnapsbuden und Freudenhäuser auf den Grundmauern der Lust und Selbstgefälligkeit.
Wenn ich aufhöre zu existieren, werden Angst und Freude in der Welt
abgeschafft sein, und durch ihr Verschwinden werden Wünsche und Hoffnungen aufhören, des Menschen Herz zu bewegen. Das Leben wird leer und kalt sein, wie eine Harfe mit gerissenen Saiten. Ich bin Satan auf ewig!

Ich bin das Urbild von Falschheit, Verleumdung, Verrat, Betrug und Spott. Aber wenn diese Elemente aus der Welt geschafft würden, wäre die Menschheit auf Schlag verwandelt in ein leeres Feld, auf dem nichts
gedeiht, außer den Dornen der Tugend.

Ich bin Satan auf ewig!
Ich bin Vater und Mutter der Sünde. Aber wenn die Sünde verschwindet, verschwinden auch die Streiter wider die Sünde zusammen mit ihren Familien und Gemeinschaften vom Angesicht der Erde. Ich bin das Kernstück von allem Bösen.

Willst du wirklich, daß das menschliche Leben mit meinen Herzschlägen zum Stillstand kommt? Bist du bereit das Ergebnis hinzunehmen, wenn du die Ursache zerstört hast? Ich bin die Ursache!
Wirst du zulassen, daß ich in dieser verlassenen Wildnis verende? Willst du wirklich das Band durchtrennen, das uns zusammenhält? Antworte mir, GOTTESMANN ! „

Der Teufel streckte seine Arme aus, beugte seinen Kopf nach vorn und
atmete schwer. Sein Gesicht wurde grau, und er ähnelte den ägyptischen
Statuen, die, von den Zeiten der Zeit verwüstet, an den Ufern des Nils
verstreut liegen. Dann heftete er seine glitzernden Augen auf Samaans
Gesicht und sagte mit vergehender Stimme:

„Ich bin schwach und müde. Ich sehe, es war falsch, meine schwindenden Kräfte dafür zu verwenden, dir Dinge zu offenbaren, die du ohnehin schon wußtest. Du sollst nun tun, wie es dir beliebt. Du kannst mich nach Hause tragen und meine Wunden behandeln, oder mich hier dem sicheren Tod zu übereignen.“

Vater Samaan zitterte und rieb unruhig seine Hände. Mit leiser,
entschuldigender Stimme sagte er, zu dem Sterbenden gewandt:

„Ich weiß jetzt, was ich vor einer Stunde noch nicht wußte. Ich weiß, daß dein Vorhandensein in dieser Welt die Versuchung hervorbringt, und Versuchung ist ein Maß, mit dem Gott den Wert der menschlichen Seele
mißt.

Sie ist die Waage, die Gott braucht, um die Seelen zu wägen. Ich bin sicher, daß mit deinem Tode die Versuchung stirbt, und damit würde der Tod die beste Kraft zerstören, die die Menschen emporhebt und wachsam hält.
Du mußt leben, denn wenn du stirbst und die Menschen erfahren davon, wird ihre Angst vor der Hölle verschwinden, sie würden aufhören, Gott
anzubeten, weil es keine Sünde mehr gibt.

Du mußt leben, denn dein Leben bedeutet die Möglichkeit der Errettung der Menschen aus Laster und Sünde.“

Vater Samaan stand da und sah den sterbenden Satan an. Sein Blick war
getrübt von Zweifel und Mitleid, hätte er doch beinahe den vor ihm
liegenden Demiurgen einem gräßlichen Tode überlassen, der wohl die
ganze Welt ins Unglück gestürzt hätte.

„Was mich anlangt, so will ich meinen Haß für dich auf dem Altare meiner Liebe zu den Menschen zum Opfer bringen.“

Der Teufel stieß ein höllisches Lachen aus, das die Erde erschütterte. Er
sah zu Samaan auf und sagte:

„Was für ein kluger Mensch bist du doch, Vater. Welch hervorragendes Wissen besitzt du auf dem Gebiete der Theologie. Kraft deines Wissens hast du einen Grund für meine Existenz gefunden, den ich nie begriffen habe! Jetzt verstehen wir, daß wir einander brauchen, nicht wahr?“

Und, leiser werdend, fuhr er fort. „Komm näher zu mir, mein Bruder. Die
Dunkelheit senkt sich herab auf die Ebene. Die Hälfte meines Blutes ist
bereits in den Sand geflossen, und nichts ist von mir geblieben, als die
Reste eines zerstörten Körpers, den der Tod bald in Besitz nehmen wird, es sei denn, du leistest schnell Hilfe.“
Der gute Vater Samaan rollte die Ärmel seines Gewandes auf, hob den
verletzten Teufel auf den Rücken, und machte sich auf den Weg in
Richtung seines Heimes.

Und inmitten der libanesischen Täler, erfüllt von der grenzenlosen Stille der nahen Wüste und geschmückt im Schleier immer wiederkehrender
Dunkelheit, wanderte Vater Samaan seinem entfernten Ziele entgegen, den Rücken krumm gebeugt von der schweren Last. Sein schwarzes Gewand
und sein langer Bart waren blutbespritzt und Blut rann an ihm herunter.

Aber er ging immer weiter, während sich seine Lippen in inbrünstigem
Gebet bewegten, um das Leben des sterbenden Satans zu retten…

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