Die Sonnentempler: Tödlicher Irrweg

Als vor 2-3 Jahren der Hype um einen angeblichen Weltuntergang am 21.12.2012 losging, hat mich ein Umstand besonders befremdet: Die dunkle Seite, d.h. die schädlichen Wirkungen von Endzeit-Prophezeiungen wurden von radikalen Befürwortern gänzlich ignoriert.

Weder dem Phänomen der self fullfilling prophecy1) wurde hinreichend Beachtung geschenkt noch den erschreckenden Auswüchsen einer esoterisch verbrämten, okkulten Apokalyptik am Anfang der 1990er Jahre(2). So bestand in der Zeit vor dem 21. Dezember 2012 meine eigene Besorgnis nur hinsichtlich der Frage, inwieweit die Endzeit- Erwartungen mittelbar zu Kurzschluss-Handlungen oder gar Unruhen führen würden.-

Die Sonnentempler (O.T.S. – französisch: Ordre du Temple Solaire) waren eine radikale, weltablehnende international aktive Organisation in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, von der insgesamt 74 Mitglieder bei drei kollektiven Mord- und Selbstmord-Aktionen in den Jahren 1993, 1995 und 1997 ums Leben kamen.

Der Sonnentempler-Orden wurde wohl Mitte der 1950er Jahre von Joseph Di Mambro gegründet und hatte im Jahr 1994 noch 576 Mitglieder. Er wurde zu Abspaltungen des AMORC (eine sich auf die Rosenkreuzer berufende Vereinigung, die sich selbst eine durchgehende historische Kontinuität bis zur Zeit des ägyptischen Königs Echnaton unterstellt) gezählt. Allerdings hat sich der AMORC deutlich von den Attentaten und Selbstmord-Aktionen der Sonnentempler deutlich distanziert, auch findet sich in dessen Doktrin keinerlei Bezug zu deren apokalyptischen Sonderlehren und Radikalisierungen.

Der O.T.S. berief sich selbst auf den 1119 n.Chr. gegründeten Templerorden. 1314 wurden 54 Templer in Frankreich unter König Philipp dem Schönen als Ketzer verbrannt. Ideale sind Treue, Gehorsam und strikte Geheimhaltung. Die Sonnentempler blieben unauffällig und wurden in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen – anfänglich traf man sich zu kulturellen Anlässen und spirituellen Vorträgen.

Nach und nach weitete der Orden seine Tätigkeit aus, entfaltete eine rege Propaganda- und Vortragstätigkeit und wurde in Frankreich, der Schweiz und Kanada, den Benelux-Ländern und sogar Australien aktiv. Als Mitglieder wurden wohlhabende Künstler und Freiberufler ‚aus guten Kreisen‘ angeworben – der Mitgliedsbeitrag lag bei 200 Fragen wöchentlich; großzügige Spenden ermöglichten einen raschen Aufstieg in der internen Hierarchie.

Die beiden Großmeister gaben sich als ‚okkulte Übermenschen‘ aus: Luc Jouret und Joseph Di Mambro  beanspruchten eine „gottähnliche“ Position für sich. Um ihre Autorität und Macht im O.T.S zu festigen, bezeichneten sie sich als Wiedergeburt von Osiris, Moses und eines mittelalterlichen Rittermönches.

Die Sonnentempler entwickelten eine synkretistische Doktrin und bezogen ihre Weltanschauung aus verschiedenen esoterischen, religiösen und okkulten Quellen, wobei die moderne Theosophie der Helena Blavatsky im Vordergrund stand. Sie gaben sich einen elitären Anstrich behaupteten, im Besitz des ein exklusiven Wissens einer unsichtbaren,  geheimen „Weißen Bruderschaft“ zu sein.

Die zunehmend radikalisierte apokalyptischen Sonderlehren wurden zu einer Art mittelalterlichem Mysterienglauben geformt – mit einem NewAge-Anstrich und esoterischer Bezugnahme zur Cheops-Pyramide von Gizeh, zum Heiligen Gral, zur Artussage usw. Jedes Mitglied wurde als Reinkarnation einer historischen oder legendären Persönlichkeit definiert, die eine alte Schuld abzutragen hätte oder eine Funktion für die weitere Heilsgeschichte habe.

Eskalation in Weltverachtung und Verbrechen

Die apokalyptische Orientierung wurde verstärkt, je näher das Millennium kam. Hundert Familien wurden als ausreichend angesehen, um in besonderen Enklaven (Landgütern in Frankreich, Kanada oder Mauritius) den erwarteten Weltuntergang zu überstehen. Dabei diente die Lehre „Der Tod existiert nicht, er ist nur eine Illusion.“ als Glaubensgrundlage für eine menschenverachtende Strategie:

Infolge massiver Manipulation verinnerlichten die ‚Auserwählten‘ die Überzeugung, nach einem kollektiven Freitod würden sie im Sternensystem Sirius wiedergeboren werden, um dort eine neue Menschheit zu begründen.

Im Jahr 1994 folgte die Ankündigung, die ‚Sonnentempler-Rosenkreuzer‘ würden demnächst eine „Reise“ antreten – 10 Tage später wurden die Leichen von 53 Sonnentemplern in der Schweiz und in Kanada geborgen. Bis 1997 starben 74 O.T.S.-Mitglieder bei kollektiven Morden bzw. Selbstmord-Aktionen. Wie spätere Ermittlungen ergaben, wurden sie teils betäubt und erschossen oder vergiftet, teils begingen sie Selbstmord. Juristisch war eine Abgrenzung zwischen Mord, Tötung auf Verlangen und Selbsttötung vorzunehmen.

Wie war es möglich, dass nach der ersten Tötungs-Aktion 1994 nicht die gesamte Organisation von staatlicher Seite aufgelöst und verboten wurde – obwohl das ehemalige Mitglied Th. Huguenin vor weiteren Massakern bei den Sonnentemplern gewarnt hatte?
Zwar wurden in der Schweiz, Frankreich und Kanada Untersuchungen durchgeführt; es kam zu zahlreichen Verhaftungen – doch die meisten Sonnentempler wurden wieder freigelassen.
Lag dies an der weitverzweigten Organisation des O.T.S. über etliche Staaten oder in dem Umstand begründet, dass auch kollektiv begangener Suizid keine strafrechtliche Relevanz hatte? Zogen sich Ermittlungen und Beweisaufnahme zu lange hin? Die gerichtliche Aufarbeitung begann erst 2001 und war angesichts mehrerer Freisprüche nur bedingt erfolgreich.

Die Dokumentation ‚Die Sonnentempler – Eine Reise in den Tod‚ versucht, die Ereignisse und Hintergründe im Umfeld einer verbrecherischen Sekte zu beleuchten, deren einfache Mitglieder sich völlig ahnungslos in einer lebensbejahenden esoterischen Gemeinschaft wähnten:

Die Sonnentempler – Eine Reise in den Tod (3Sat)

Anmerkungen

  1. Die selbsterfüllende Prophezeiung (self-fulfilling prophecy) bezeichnet ein Phänomen, dass ein erwartetes Verhalten anderer Personen (Prophezeiung) bzw. ein Ereignis durch eigenes Verhalten bewirkt oder gar erzwungen wird.
    Analog steht die selbstzerstörende Prophezeiung (self-destroying prophecy) dafür, dass durch Vorhersagen und Prophezeiung ein bestimmtes Verhalten gerade nicht in Erfüllung geht.
  2. Der Vollständigkeit halber sei darauf hingewiesen, dass ich jede pauschale Verurteilung von Esoterikern strikt ablehne. Es ist stets der Einzelfall zu betrachten. Wenn ich rückblickend auf die kriminelle Sekte der Sonnentempler verweise, geschieht dies in der Absicht, die Risiken und Gefahren einer spirituellen Leichtgläubigkeit anhand eines konkreten Beispiels darzulegen.
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