Echnaton – Vorreiter des Monotheismus?

Eine These von Sigmund Freud zur Entstehung des Ein-Gott-Glaubens

Echnaton (Amenhotep IV.) war ein altägyptischer König (Pharao) der 18. Dynastie und Sohn von Amenophis III. und Königin Teje.
In seiner Regierungszeit (1351–1334 v. Chr.) setzte er auf eine streng nach innen gerichtete Politik, reformierte die Kunst und gründete seine neue Hauptstadt Achetaton (Horizont des Aton) in der Nähe des heutigen Amarna.

Echnaton

Vor allem aber unterband er die Verehrung der bis dahin selbstverständlichen Vielzahl von Göttern Ägyptens und erhob den Sonnengott Aton in Gestalt der Sonnenscheibe zum obersten und faktisch alleinigen Gott – wohl basierend auf der Erkenntnis, dass alles Leben von der „Energie“ der Sonne (Sonnenstrahlen, Sonnenlicht) abhängig.

Hinsichtlich der Intention Echnatons in Bezug auf diese politisch-religiösen Entscheidungen existieren mehrere Theorien :

  1. Echnaton wollte einen Monotheismus einführen – das Volk, die Priester und andere wehrten sich jedoch dagegen; deshalb die archäologischen Zeugnisse für andere Götter.
  2. Echnaton wollte lediglich eine Bevorzugung des Gottes Aton (Monolatrie)1).
  3. Echnaton wollte einen reinen Monotheismus, zog sich in seine Stadt Achet-Aton zurück und überließ das Land sich selbst; Achet-Aton war daher eine religiöse Enklave, das übrige Land war Echnaton egal.
  4. Echnaton wollte einen Henotheismus einführen, d.h. den Glauben an einen höchsten Gott, ohne jedoch die Verehrung anderer untergeordneter Götter nicht grundsätzlich auszuschließen.

Echnaton mit Familie in Anbetung von Aton

Das Volk und die durch Echnatons Umsturz ihrer Autorität und vieler Privilegien beraubte Priesterschaft tat sich damit allerdings schwer. Die anderen Götter wurden in einer Art Übergangsphase weiterhin geduldet. Die Religion kam nie über diese Übergangsphase hinaus, und nach Echnatons Tod setzten sich die Vertreter der alten Ordnung durch.

Echnatons religiöser Umsturz als stellte jedoch einen entscheidenden Einschnitt in den Polytheismus darstellte. J. Assmann vergleicht daher diesen Einschnitt als implizierten Monotheismus, der aber noch nicht die vollständige Definition des späteren Monotheismus erfülle.

Rückblickend wird Echnaton Herrschaft auch als „die schwarze Periode in der Geschichte Altägyptens“ bezeichnet – vor allem mit Blick auf die Destabilisierung der Gesellschaft (durch Verlust der religiösen Einheit) und die Auswirkungen zum Nachteil der Priesterschaft bis hin zu deren Verfolgung. Die Grundlagen des ägyptischen Polytheismus2) waren freilich zu keiner Zeit erschüttert, denn das Volk hatte nie aufgehört, die alten Götter (heimlich?) zu verehren. 

Siehe auch:

„Der tägliche Lauf der Sonne garantierte den Fortbestand der Welt und des Kosmos. Jeden Tag erneuerte so der Sonnengott sein Schöpfungswerk. Mehr noch: da er Nacht für Nacht in die Unterwelt hinabstieg, erweckte er auch die Toten wieder zum Leben.
Dort, in der Unterwelt, regenerierte er und überwand die Gefahren von Finsternis und Chaos, die durch ein riesiges Schlangenungeheuer, den Apophis, symbolisiert wurden. Bei dieser wichtigen Aufgabe standen ihm alle anderen Götter zur Seite…“

Waren nicht die Hebräer die ersten Monotheisten?

Dies muss zumindest als strittig bezeichnet werden; selbst im Alten Testament wird von der zeitweiligen Verehrung anderer Gottheiten neben JHWH berichtet (insoweit könnte man allenfalls von einer Monolatrie sprechen). Doch das A.T. enthält  zahlreiche Hinweise, dass im vorexilischen Israel (vor 597 v. Chr.) neben Jahwe andere, weibliche und männliche Götter verehrt wurden (Polytheismus). Orte der Verehrung waren meist den Göttern geweihte Kulthöhen;  angebetet wurden neben dem kanaanäischen Wettergott Baal auch weibliche Gottheiten, beispielsweise Aschera, die Gattin des ugaritischen Gottes El, und und Astarte.

Offenbar wurde zeitweilig auch dem Gott Jahwe eine Gemahlin angedichtet: in Kuntilet Ajrud in Juda wurden Inschriften aus dem 8./7. Jh. v. Chr. mit Segenssprüchen von „JHWH und seiner Gattin Aschera“ entdeckt.

Dass die überlieferten Texte der hebräischen Bibel den Polytheismus scharf verurteilen, ist Ergebnis einer späteren Entwicklung der jüdischen Religion zurück. Anlass für die Abkehr vom Polytheismus und für die Hinwendung zur Monolatrie war erst der Untergang des Staates Juda der theologisch als Strafe des JHWH für die Verehrung anderer Götter interpretiert wurde.

Diese neue Deutung wurde in die biblischen Bücher eingearbeitet, sodass darin jede Verehrung anderer Götter nun scharf verurteilt wird. Insbesondere das Deuteronomistische Geschichtswerk und der mit dem Deuteronomium (5. Buch Mose) abgeschlossene Pentateuch (Sammelbegriff für die fünf Bücher des Mose)  sind Ergebnisse dieser religiösen Neuorientierung.

Um den Alleinverehrungsanspruch JHWHs zu unterstreichen, wird im Deuteronomium das Gebot der Monolatrie in die legendäre Frühzeit verlegt und mit der Autorität des Mose verknüpft. (vgl. Wikipedia)

Freuds These zur Entstehung des Monotheismus

Auch Sigmund Freud setzte sich in seiner Studie Der Mann Moses und die monotheistische Religion“ (PDF, 4.3 MB) neben der ägyptischen Erziehung Moses“ auch intensiv mit der fraglichen Rolle Echnatons bei der Entstehung des abrahamitischen Monotheismus auseinander (→ Zusammenfassung auf WP).

Eingangs stellt Freud detailliert dar, dass bis zur Herrschaft Echnatons Ägypten von einer einflussreichen, konservativen Priesterschaft dominiert wurde, die dem Amun-Kult, der Vielgötterei und dem Jenseitsglauben anhing.
Aus seiner Erkenntnis über die Bedeutung der Sonne (s.o.) habe Echnaton gemeinsam mit seiner Gemahlin Nofretete die erste monotheistische Religion entwickelt, die erstmals Moral, aber kein Jenseits kannte.

Interessanterweise nimmt Freud an, Mose ein Anhänger, Gouverneur oder Priester des Echnaton, habe die neue Religion so sehr verinnerlicht, dass er sie als große Idee den hebräischen Stämmen, dem „auserwählten Volke“, nahebrachte.  Als nach dem Tode Echnatons das alte Priester-System wieder die Macht gewann, die ‚Aton-Ketzerei‘ abschaffte und deren Symbole und Bauwerke vernichtete, sei er mit seinem Volk aus Ägypten geflohen.

Wandmalerei ‚Auffindung des Mose‘, der Synagoge von Dura Europos

Auf der Sinai-Halbinsel ließen sie sich nieder und vermischten sich mit anderen hebräischen Stämmen, den Midianitern. Diese beteten den strengen Vulkangott JHWH an. In einer Art „Religionskrieg“, so spekuliert Freud, sei Moses ermordet worden.
Jedoch hätten dessen enge Vertrauten, die Leviten die Aton-Lehre lebendig gehalten, und so habe sich im Laufe von Generationen „das schlechte Gewissen über den Vatermord“ zu einer Form von kollektivem Trauma (Freud ist Psychologe…) und einer Moses-Verehrung gewandelt, die in den jüdischen Schriften – die Jahrhunderte später entstanden – ihren mystifizierten Ausdruck gefunden hätten.

Vor allem in der Zeit des babylonischen Exils der jüdischen Stämme hätten die Propheten „die alten Moses-Zeiten“ glorifiziert und den Glauben an den Messias (Erlöser) wach gehalten. Freud schreibt weiter:

„Es scheint, dass ein wachsendes Schuldbewusstsein sich des jüdischen Volkes, vielleicht der ganzen damaligen Kulturwelt bemächtigt hatte, als Vorläufer der Wiederkehr des verdrängten Inhalts. Bis dann einer aus dem jüdischen Volk in der Justifizierung eines politisch-religiösen Agitators den Anlass fand, mit dem eine neue, die christliche Religion sich vom Judentum ablöste.
Paulus, ein römischer Jude aus Tarsus, griff dieses Schuldbewusstsein auf und führte es richtig auf seine urgeschichtliche Quelle zurück.

Er nannte sie die „Erbsünde“, es war ein Verbrechen gegen Gott, das nur durch den Tod gesühnt werden konnte. Mit der „Erbsünde“ war der Tod in die Welt gekommen. Aber es wurde nicht an die Mordtat erinnert, sondern anstatt dessen ihre Sühnung phantasiert, und darum konnte diese Phantasie als Erlösungsbotschaft begrüßt werden.
Ein „Sohn Gottes“ hatte sich als Unschuldiger töten lassen und damit die Schuld aller auf sich genommen. Es musste ein Sohn sein, denn es war ja ein Mord am Vater gewesen. Wahrscheinlich hatten Traditionen aus orientalischen und griechischen Mysterien auf den Ausbau der Erlösungsphantasie Einfluss genommen.“

Die die Reue um den Mord an Moses bildete den Antrieb zur Wunschphantasie des Messias, vermutet Freud, der wiederkommen und seinem Volk die Erlösung und die versprochene ‚Weltherrschaft‘ bringen soll.

„Wenn Moses dieser erste Messias war, dann ist Christus sein Ersatzmann und Nachfolger geworden.“

Die Entstehung des Monotheismus wurde nach Freud durch ein großes Bedürfnis der meisten Menschen nach einer starken, überlegenen Autorität begünstigt:  Dies sei die Sehnsucht nach dem Vater, die jedem von seiner Kindheit her innewohne.

Übrigens zögerte Freud, ob er diese Studie überhaupt veröffentlicht werden sollte. Die Brisanz in etlichen seiner Überlegungen war im deutlich bewusst. So befürchtete er ernstlich, dass durch diesen ‚Angriff’ auf die christliche Religion die Ausübung der Psychoanalyse in Wien verboten werden und alle Psychoanalytiker erwerbslos werden könnten.

Dokumentation: Echnaton – Rebell auf dem Pharaonenthron

Anmerkung

  1. Monolatrie bezeichnet Verehrung nur eines einzigen Gottes an einem bestimmten Ort oder bei einem bestimmten Stamm oder Volk, ohne dass die Existenz anderer Götter verneint wird. Eine klare Abgrenzung zum Begriff des Henotheismus besteht offenbar nicht.
  2. Persönlich halte ich es unzutreffend, wenn den alten Ägyptern ein naiver Vielgötter-Glaube unterstellt wird: Zwar verehrten sie Götter in unzähligen Erscheinungsformen; doch wird in ihren Weisheitslehren oftmals auf einen alles beherrschenden Gott (‚Der Ewige, Der Eine, Der Unsichtbare) Bezug genommen.
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