Buchtipp: Gnosis und andere Seltsamkeiten

Irgendetwas finden, womit sich das eigene Gewissen im Hinblick auf eine als wahrscheinlich existentes Jenseits beruhigen lässt… viel differenzierter fällt die Motivation oftmals nicht aus, wenn Menschen sich nach einer spirituellen Heimat umsehen. Im Zuge fortschreitender Auflösung (oder Gesundschrumpfung, das bleibt abzuwarten) der großen Konfessionen hat sich ein vor 50-70 Jahren noch undenkbarer Marktplatz spiritueller Produkte gebildet, die auf unterschiedlichste Weise an den Mann gebracht werden wollen.

Diesen Markt, auf dem es allen Ernstes um bezahlte Güter geht, habe ich stets gemieden…jedenfalls habe ich mir eingebildet, ihn zu umgehen. Dass sich die Anzahl neuer Bücher sich auf völlige Unüberschaubarkeit vervielfacht hat, bedeutet nicht zwingend, dass wirklich neue Erkenntnisse auf dem ‚Markt Esoterik u. Spirituelles gefunden wurden.

Juliane Bobrowski, die Verfasserin des u.a. Buches formuliert ein vorläufiges Fazit ihrer  Beobachtungen:

Insgesamt kann man sagen, dass der etwas altväterliche Grundsatz: nur was teuer ist, ist auch wertvoll – auf dem spirituellen Sektor nicht unbedingt gilt.

Dies mag zutreffen, reicht aber als Orientierungshilfe kaum aus. Zudem gibt es zwar eine ‚Konfessionskunde‘ im Umfeld der größeren Anbieter, doch keines dieser Werke sei objektiv, vielmehr verfolgten sie alle die Absicht, die eigene Konfession auf Kosten aller übrigen als „einzig richtig“ darzulegen. Auch ‚Fachleute‘ sind auf diesem Sektor fast nie ohne Eigeninteresse tätig, sie betreiben den Verkauf ihrer schriftlichen Erzeugnisse oder wollen missionieren, mit mehr oder weniger offenem Visier.

Somit fehle auf dem Gebiet der Konfessionskunde eine „Verbraucherzentrale“, die nicht vom Ertrag der jeweils abzugebenden Gutachten lebt.

Die Autorin outet sich einerseits als bekennender Angehöriger der Gnosis (‚Erkenntnislehre‘) und unterstellt sich andererseits selbst, fremden Konfessionen gegenüber objektiv bleiben zu können. Ob ihr dies gelingt, bleibt den Lesern ihrer „unorthodoxen Konfessionskunde“ jeweils selbst einzuschätzen.

Ihr eigenes Feld, also die Gnosis, behandelt Frau Bobrowski gleich zu Beginn ihrer Konfessionskunde. Dabei bleibt manches Wesentliche (z.B. zu den überlieferten Grundlagen dieser Glaubensauffassung, etwa den gnostischen Evangelien von Nag Hammadi) ungesagt – die Autorin möchte den Eindruck zu vermeiden, sie wolle ‚ihrer‘ Gnosis nur „ein Siegerspalier durch einen pointierten Vergleich mit anderen Konfessionen errichten“.

Die Erkenntnislehre (Gnosis) bezeichnet sie als ihrem Wesen nach areligiös, auch wenn andere Religionen sich gnostischer Elemente bedienen. Sie habe aber in ihrer sechstausendjährigen Geschichte immer wieder Begriffe aus dem religiösen Bereich entliehen und sich bisher stets in einem religiös geprägten Spektrum behaupten müssen und kenne sie dieses Spektrum daher recht gründlich.

Sie habe vom religiösen Standpunkt aus keinerlei Eigeninteressen, denn es gehe es ihr nicht um Gottheiten, sondern um „das Schicksal des Lebens an und für sich und die Einordnung der menschlichen Existenz in dieses umfassende Phänomen“. Das ordne sie eher dem philosophischen als dem religiösen Spektrum zu.

Philosophie bediene sich verschiedener Begriffssysteme, insoweit seien die religiösen Begrifflichkeiten lediglich eines von mehreren Betätigungsfeldern, in denen sich auch die Erkenntnislehre bewegen könne, um besser verstanden zu werden.

Daraus resultiere ein wesentlicher Unterschied:

„Wenn sie [die Religionen] ihre religiösen Bezüge aufgeben, hören sie auf zu existieren. Wenn die Erkenntnislehre Gleiches tut, kommt sie zum Kern ihres Wesens.“

Aus meiner Sicht deutet sich hier eine gewisse Hybris an…betrachtet sich der ‚ausgebildete Gnostiker‘ heute als neutral ‚über den Religionen stehend? Es klingt fast so, wenn Bobrowski feststellt, religiöse Menschen verstünden die historischen und gegenwärtigen Modelle der Gnosis gemeinhin nicht – weil sie nicht über das eigene religiös-subjektive Begriffssystem hinaus blickten und damit schon anfangs in die Irre laufen würden. Zählt der Gnostiker, selbst wenn er den mit sehr speziellem Geschmack ausgestatteten Libertinisten angehört, insoweit nicht zu den religiösen Menschen?

Im Grunde vermittelt das gesamte Vorwort über die Gnosis den Eindruck, man müsse Gnostiker sein, um mit größtmöglicher Objektivität eine vergleichende Betrachtung von Religionen/Konfessionen und ihren Gottesbildern anstellen zu können:

„Der Religiöse wird immer den Primat der Religion beweisen wollen (zumeist seiner eigenen), der Atheist wird immer darlegen wollen, dass ein Objekt der Begierde in Wahrheit gar nicht existiert.“

Und so weiter: Der Agnostiker ist so was von schwammig; der Positivist sei außerstande, spirituelle Hintergründe zu erfassen.

Und der Gnostiker bzw. die Gnostikern sucht zu beweisen, dass sie dank unterstellter Objektivität und Neutralität eine überlegene Position gegenüber den übrigen Strömungen einzunehmen imstande ist…

Wie dem auch sei, das Argument der Subjektivität ist kaum von der Hand zu weisen: Wer den Interessen einer Religion verpflichtet ist, wird nur schwer zu einer objektiven Analyse anderer Strömungen imstande sein. Allerdings kann es hier nur um eine Abstufung relativer, positiver oder negativer Voreingenommenheit gehen, denke ich. Schließlich hat jeder Mensch eine gewisse Prägung von zuhause erfahren.

Das Buch von Juliane Bobrowski kann als Einstieg in die Religions- und Glaubensvielfalt hilfreich sein – und steht zudem als PDF-Download kostenfrei zur Verfügung:

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2 Antworten auf Buchtipp: Gnosis und andere Seltsamkeiten

  1. Juliane Bobrowski sagt:

    „Legolas Grünblatt: du lebtest bisher
    im Wald unter Bäumen: meide das Meer
    hast du einmal das Schreien der Möwen gehört
    ist der Friede der Wälder für dich zerstört“ J.R.R. Tolkien

    .. und jetzt hat eine Möwe geschrien

    • Legolas sagt:

      Vielen Dank, Juliane

      Als begeisterter Tolkin-Leser identifiziere ich mich ein wenig mit dem Elben Legolas. Freilich
      ist es in meinem Fall zu spät: das Meer kann ich längst nicht mehr meiden – weder im tatsächlichen noch im
      übertragenen Sinne 😉
      Inneren Frieden und Harmonie kann man mit einiger Mühe auch ‚am Meer‘ finden und sich erhalten – eine Frage
      persönlicher Veranlagung und etwas Glück gehört wohl auch dazu, denke ich.

      Ihnen viel Erfolg für eventuelle zukünftige Veröffentlichungen.

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