Moses und der Auszug aus Ägypten

Eine Dokumentation im Spannungsfeld zwischen Wunderglaube und Geschichtsforschung

Exodus – Auszug – ist auch die Bezeichnung des zweiten Mose-Buches im Alten Testament. Bibel auch genannt. Darin wird unter anderem die Wanderung der Israeliten unter der Führung von Mose durch die Wüste zum Schilfmeer. Ihr Gott JHWH oder Jahwe sei vor ihnen hergezogen -am Tage in Gestalt einer Wolken- und nächtens einer Feuersäule – und habe ihnen so den Weg zu gewiesen.

Der ägyptische Pharao, in jüngerer Literatur häufig als Ramses II identifiziert, widerrief  seine durch gottgesandte Plagen motivierte Entscheidung, das Volk ziehen zu lassen, und verfolgte Treck der Israeliten mit seinem Heer. Diese wähnten sich in einer ausweglosen Lage – vor sich das Schilfmeer und hinter sich das rasch anrückende Heer des Pharaos. Dank Jahwe’s Hilfe sei es Mose möglich gewesen, das Meer zu teilen, sodass die Flüchtigen hindurch wandern konnten und dem Heer entkamen. Als das ägyptische Heer ihnen folgte, habe sich das Schilfmeer geschlossen und so das Heer vernichtet.

Damit sind die Flucht der Israeliten und ihre Suche nach einer neuen Heimat, dem schon ihrem Stammvater Abraham verheißenen Land, noch lange nicht abgeschlossen.  Ständiges Murren und ein Rückfall in die Götzenanbetung (das goldene Kalb) führten dazu, dass Jahwe sie 40 Jahre lang durch die Wüste ziehen ließ, sie in dieser schwierigen Zeit jedoch schützte und mit Nahrung (‚Manna‘, Wachteln, Trinkwasser…) versorgte.

Kritische Bibelforschung und Geschichtswissenschaft sahen in dieser biblischen Darstellung eine über lange Zeit entstandene Zusammenstellung aus der jahwistischen (ca. 850 v. Chr.) der elohistischen (ca. 750 v.Chr.) und der priesterlichen (ca. 500 v.Chr.) Überlieferung sowie der ursprünglichen aus mosaischer Zeit stammenden Berichte. Das Buch wurde als ‚historisch unzuverlässig‘ eingestuft, nicht zuletzt wegen der enthaltenen Wunderberichte.

„Wir haben uns mittlerweile damit abgefunden, dass Mose weder der Verfasser des Pentateuchs, noch des Deuteronomiums, noch irgendwelcher Vorformen des Pentateuchs gewesen sein kann.“ schreibt Dr. Jörg Sieger in seiner Bibel-Einführung, wo er verschiedene Pentateuch-Hypothesen vorstellt.
Indessen sei es durchaus möglich, dass ein historischer Mose den Prozess der Formung ältester Pentateuch-Überlieferungen angestoßen hat, beispielsweise in Bezug auf das eingangs skizzierte Geschehens am Schilfmeer zum Beispiel.

Wenn die alttestamentlich-jüdische Überlieferung im Pentateuch ein Werk des Mose sieht und Mose sogar zu einem Äquivalent für den Pentateuch wird, dann hat sie im Kern zwar nicht historisch, aber möglicherweise doch der Sache nach durchaus nicht unrecht.

In unserer Zeit wird die Bibel selten gelesen, ohne die kritische Frage „Was davon ist denn nun historisch erwiesen?“ zu stellen. Die historische Ereignisfolge weist durchaus Parallelen zur biblischen Überlieferung auf, allerdings ist die außerbiblische Quellenlage recht dürftig:

  • Eine ägyptische Inschrift  berichte tum 1350 v. Chr. , dass eine Gruppe von Halbnomaden, „… die nicht wußte, wo sie leben sollte, kam, um ein Heim in dem Gebiet des Pharao zu erbitten.“
  • Um 1200 v. Chr. meldet ein ägyptischer Grenzbeamter seinen Vorgesetzten, dass er Beduinenstämme aus der Steppe die Grenzfestungen habe passieren lassen,um sie und ihre Herden vor dem sicheren Hungertod zu bewahren.

Archäologische Grabungsfunde und literarische Texte unterstützen die Auffassung, dass dass um 1350 v. Chr. prae-israelitische Gruppe in Ägypten festgehalten und zum Frondienst herangezogen wurde. 
In Bezug auf Mose wird inzwischen wieder davon ausgegangen,  dass eine historische  Führungs-Persönlichkeit mit diesem Namen in einem direkten Zusammenhang mit den Ereignissen in Ägypten gestanden hat. ‚Mose‘ ist die Kurzform eines zusammengesetzten ägyptischen Namens; sein Wortstamm hat wie ‚Ramses‘ einen Bezug zum altägyptischen Wort für „geboren“ bzw. „Sohn“.

Die ‚Aussetzung im Binsenkorb‘ und anschließende wundersame Errettung durch ein Mitglied des Köngshofes ist sicher kein historischer Bericht. Diese Geburtserzählung ist als Adaption der Geburtslegende des 2235-2180 v. Chr. herrschenden Sargon von Akkad einzuordnen – die Übereinstimmungen sind offensichtlich. Dieser altbekannte Topos wurde des öfteren in die Biographie wichtiger Persönlichkeiten eingebaut; er behandelt die wunderbare Errettung der späteren Rettergestalt.

Jener historische Mose gehörte wahrscheinlich zu einer Gruppe vorisraelitischer Wanderhirten, die sich in Ägypten aufgehalten haben. Die Überlieferung von der Flucht des Mose nach einem Konflikt zu den Midianitern wird als sehr alt und damit auch  zuverlässig eingestuft.

Möglicherweise lernte Moses den Gott Jahwe während seines Aufenthaltes bei den Midianitern kennen und verehren. Es existieren jedoch auch Hinweise, dass schon in der Zeit lange vor dem Sesshaftwerden der prae-israelitischer  Gruppen ein Gott mit Namen Jahwe von diesen verehrt wurden. Hierzu existieren unterschiedliche Auffassungen; als sehr wahrscheinlich gilt indessen, dass der Jahwe-Glaube nicht erstmalig und allein durch Mose vermittelt wurde, sondern dass die Anbetung des JHWH auf dem Gebiet der Sinai-Halbinsel deutlich älter als Mose ist.

Später, nachdem er sich mit einer Midianiterin verheiratet hatte, kehrte er nach Ägypten zurück und motivierte die Vorfahren der Israeliten im Namen des Gottes Jahwes auf, sich dem Frondienst und der ägyptischen Dominanz zu entziehen.

 Statue des Moses von Michelangelo (Bleistiftzeichnung; Peter Anton von Verschaffelt)

Mose konnte also auf einer älteren monotheistischen Tradition aufbauen; als nun die die im Namen dieses Gottes Jahwe vollzogene Flucht erfolgreich verlief und die Errettung am Schilfmeer in immer ausgeschmückteren Versionen Verbreitung fand, wird sich Jahweverehrung bei den vorisraelitischen Halbnomaden vermutlich gefestigt haben.

Mit eben dieser Frage befasst sich auch die nachstehende ZDF- Dokumentation – allerdings unter einem etwas anderen Fokus: Interessanter als die detektivische Suche nach Falschmeldungen im Alten Testament scheint die Zusammenstellung von Schnittmengen und Übereinstimmungen zwischen der geschichtlichen und der biblischen Darstellung zu sein…

Siehe auch:

– Dr. Jörg Sieger: Die Sesshaftwerdung Israels – Errettung aus Ägypten:

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