Gott und die Götter – Biblische Mythen

Der Orientalist und Religionshistoriker Prof.Dr. Walter Beltz stellt biblische Mythen (“Bilder aus dem Orient”) in originärer, nicht theologisch redigierten Gestalt vor und erläutert ihren historischen Hintergrund und mythologischen Sinn.

Die Vernichtung des Leviathan, Gravur von Gustave Doré (1865)

In seinem Buch “Gott und die Götter – Biblische Mythen” (PDF, 299 S.) stellt Beltz eine Beziehung zur Literatur des Vorderen Orients und der griechisch-römischen Antike her und skizziert die Entwicklung mythischer Bilder von der Nomadenzeit bis zu den Erlösungs- und Endzeitvorstellungen in den hellenistisch geprägten Staaten.
Dazu werden die Erzählungen des AT nüchtern als religiöse Literatur des Judentums betrachtet und wie Mythen aus anderen Kulturkreisen behandelt.

Dabei sind die damals relevanten Rahmenbedingungen einzubeziehen:

  • Land und Leute sind Eigentum der Götter; sie stehen damit in einer besonderen Abhängigkeit zu ihrer Priesterschaften und ihren Institutionen. Die Finanzierung der Tempelwirtschaft erfolgt durch feste Abgaben
  • Eine patriarchalische Ordnung („Privateigentum, Klassentrennung, Ausbeutung und entstehende Staatsgewalt“) ist fest etabliert. Der Einfluss der sumerischen, aber auch der kanaanitischen Kultur auf die biblischen Stämme und ihre Textaufzeichnungen ist unübersehbar.
  • Als einsickernde Nomaden und kulturell vergleichsweise Unterentwickeltere nehmen sie die Sitten, Gebräuche und häufig auch religiöse Vorstellungen sowie Rituale des Kulturlandes an. Im AT ist das Spannungsfeld zwischen der monolatrischen Jahwe-Verehrung und der Hinwendung zu poltheistischen Fruchtbarkeitskulten (Baal, Ashera) ein beständiges Konfliktthema.

Dennoch haben sich die nomadischen Stämme ein clangebundenes Selbstbewusstsein erhalten; ‚geeint‘ waren sie vielleicht nur durch ein gemeinsames Heiligtum (ursprünglich die Stiftshütte, die später durch den ersten Tempel in Jerusalem abgelöst wurde).

Modell der Stiftshütte im Timna Park, Israel

Beltz sieht das biblische Volk Israel als einen Interessenverband von zwölf Nomadenstämmen, die aus der arabischen Halbinsel zu Beginn der Eisenzeit in das ‚verheißene Land Kanaan‘ (das heutige Palästina) einwanderten. In friedlicher Koexistenz mit der kanaanäischen Bevölkerung haben sie an deren Wirtschaftsleben teilgenommen, deren traditionellen Ackerbaufeste gefeiert und sich auch deren alte kanaanäischen Kultstätten zu eigenen gemacht.

  • „Die ganze Vorgeschichte, die die Bibel der Inthronisation des ersten Königs Saul um 1000 v. u. Z. vorhergehen lässt, ist Mythos, ätiologische Sage und Legende.“

Diese Sichtweise bereitet mir insoweit einige Schwierigkeiten, als auch die gesamte Schöpfungs- und Urgeschichte als pure Legende charakterisiert wird. Wenngleich ich davon entfernt bin, ihr wörtliche Bedeutung beizumessen, steckt in den allegorischen Darstellungen für mein Empfinden mancher ‚Funke‘ Wahrheit – und nicht nur idealisierte Politik.

Ein weiteres Merkmal des ‚religiösen Kultes‘ ist die Befürchtung, die zunächst mündlich überlieferten Lehren könnten verwässert oder ausgehöhlt werden. Aus eben dieser Furcht wurde Jesus durch den Sanhedrin zum Tode verurteilt, bevor seine Predigten die Institutionen der Jerusalemer Kultgemeinde schädigen und das fragile politische Klima, die Beziehungen zur Besatzungsmacht Rom ernstlich stören konnte (so die Annahme).
Lt. Beltz sind die ältesten erhaltenen schriftlichen Belege für die alttestamentlichen Texte nicht älter als etwa 2000 Jahre – wobei er einräumt, dass die die Textinhalte durchaus älter sind als ihre Aufzeichnungen. Die ältesten bekannten Dokumente des NT stammen aus dem Anfang des 2. Jahrhunderts n.Chr.
Soweit es um Mythen aus der Zeit des AT geht, verdienen auch die Apokryphen einige Beachtung.

Redaktion durch die priesterliche Tradition

Nach Beltz wurde die Jahwe-Überlieferung insbesondere durch die priesterliche Tempeltradition von Jerusalem lebendig gehalten; diese habe insbesondere nach der Zentralisierung1) und Monopolisierung der liturgischen Rituale und Opferhandlungen die alttestamentliche Mythologie maßgeblich geformt. Die Rolle der alten lokalen Stammeszentren verliert dagegen im Laufe der 1000 Jahre zwischen Landnahme und babylonischen Exil nach und nach an Bedeutung. Aber:

“Mit der zunehmenden Machtkonzentration in Jerusalem wuchs der Widerstand der alten Stammeszentren, die ihren Einfluss … schwinden sahen. Im Namen eines Jahwe, der grundverschieden von dem der Jerusalemer Priester war, fochten die Propheten wie Amos, Jesaja und Jeremia für das Recht der Armen und der unterdrückten Landbevölkerung gegen die Priesterkaste, die die Ausbeutung duldete und schützte.”

Die Rolle der Priesterschaft wird von Beltz nicht sonderlich positiv gesehen, auch im Hinblick auf ihren Anteil an der Redaktion der AT-Texte:
Im babylonischen Exil habe das Umfeld der priesterliche Tradition Jerusalems die Geschichte Israels besonders die gesetzlichen Texte (um-)gestaltet. Dabei bestand die priesterliche Intention primär darin, die Bedeutung der Gesetze und des Gehorsams gegenüber Gott herauszustellen. Im subjektiven Erlebniskontext der Autoren wird diese Haltung nachvollziehbar: Die Ursache der Zerstörung Judäas und ihrer Deportation lag für sie allein im jahrhundertelangen Ungehorsam gegenüber dem strengen Jahwe, der keine anderen Götter und Götzen neben sich duldete!

So verfolgt dieser priesterliche Autorenkreis ein klares Schema:

“Zuerst wird von den Zeugungen der Erde erzählt, dann von den Menschen. Von den Menschen interessiert dann aber nur noch der Stammbaum Jakob-Israel, denn die Priester wollen nachweisen, daß lediglich Israel, die Söhne Jakobs, das wahre Gottesvolk ist.”

Die Abfassung des Pentateuch sollte vor allem die kultische Praxis der Priester in Jerusalem als allein im Einklang mit den göttlichen Gesetzen stehend beweisen und damit sowohl unwiderlegbar als auch einzigartig bzw. unersetzlich erscheinen zu lassen. Durch die Reformen im Nachexil sind nur die Priester befähigt und ermächtigt, Wort und Schrift Gottes zu deuten. Diese Strategie klerikaler Strukturen, das gläubige Laienvolk in Abhängigkeit zu halten, wurde von späteren Institutionen anderer Religionen übernommen.

Politischem Machtinteresse folgend werden die alten Mythen geschickt mit “theologischen Reflexionen durchsetzt und so den priesterlichen Intentionen dienstbar gemacht”.
Auf die von Walter Beltz recht ausführlich dargelegte, hypothetisch-textkritische Entstehungsgeschichte des Alten Testaments insgesamt gehe ich hier nicht im einzelnen ein.
Allein über die Frage, ob Mose nicht doch der Verfasser der fünf nach ihm benannten Bücher gewesen sei, haben etliche Theologen aus dem bibeltreuen wie auch dem bibelkritischen Lager ganze Bücher verfasst.

Vertiefende Informationen hierzu finden sich beispielsweise auf der ansprechend gestalteten Webpräsenz von Dr. Jörg Sieger (‘Die Bibel – Versuch einer Einführung’):

Ein streng am Bibeltext orientierte (‘bibeltreue’) Darstellung der biblischen Entstehungshistorie findet sich z.B. in den umfassenden Bibel-Kommentaren von Arno C. Gaebelein und William MacDonald (pdf, ca. 7 MB).

Vertreter beider Richtungen stimmen darin überein, dass die heutigen Überlieferungen alle eine vorliterarische Form hatten, deren absolute Anfangsdaten ebenso wie ihre Inhalte nicht mehr greifbar sind. Nur erfreut sich der Terminus ‘biblische Mythen’ nicht überall gleicher Beliebtheit…

Beltz beschreibt nachfolgend, wie aus einer unmittelbaren, wenn auch subjektiven Gotteswahrnehmung nach und nach ein Mythos entstand:

Nach Abschluss des 40 Jahre währenden Exodus aus Ägypten war Jahwe nicht länger sichtbar anwesend (etwa in Form einer Feuer- und Rauchsäule). Um seine Präsenz im Bewusstsein des Volkes zu erhalten, habe er durch den Mythos (“die Magie des Wortes”) beschworen werden müssen.
Gleichzeitig konstruierten Propheten und Priester aus der geschichtlichen, nationalen und politischen Bedeutungslosigkeit des Volkes Israels eine in der Zukunft liegende, um so größere Bedeutung dieses „von Gott erwählten“ Volkes gegenüber allen übrige Völkern – ganz nach dem Prinzip ‘die Letzten werden die Ersten sein’.
Hier setzt auch die alttestamentliche Prophetie eines jüdischen Messias an, der sein Volk erlösen und zu wahrhaftiger (sakraler) Größe führen werde.

Prof. Beltz geht so weit, alle historischen Bücher des A.T. – die fünf Bücher Mose, das Buch Josua, Richter, die Bücher Samuel, der Könige und die Chronik – als Poesie einzuordnen, weil die in ihnen überlieferten Stoffe weithin ‘dichterische Erfindungen’ seien. Soweit mir bekannt, kommen Archäologen nach jüngsten Ausgrabungsfunden in Israel zu einem anderen Ergebnis, wenngleich die biblische Darstellung stellenweise als sehr idealisiert angesehen werden könne.

“Es sind Mythen”, schreibt Beltz, “ insofern in diesen Erzählungen die Götter, z.B. Jahwe, Elohim, El Schaddai, Gott der Väter […] einen entscheidenden Anteil haben.”

Eine logische Beweisführung?  Eher scheint Beltz alles Übernatürliche pauschal ins Reich der Mythen und Legenden zu verbannen: “Bilder, die von der Erschaffung der Welt erzählen, von großen und kleinen Wundern, von Göttern, Engeln, Menschen, von Zeit und von Nach-Zeit, der ’Ewigkeit’.”

Aus der Sicht eines Historikers mag dies notwendig sein, doch würde es zur Aufarbeitung der Geschichte Israels ausreichen, sich allein auf die Darstellung ‚realer‘ Ereignissen zu fokussieren.
Ein Historiker ist auf ziemlich verlorenem Posten, wenn er Stellung zur Theologie bezieht, die Gewissheiten nun mal aus dem Glauben bezieht. (Den gleichen Fehler begehen m.E. jene Theologen, die unter Verweis auf den Bibeltext geschichtliches Wissen bestreiten, das durch einander bestätigende Quellen als vielfach gesichert anzusehen ist.)

Hierzu vertritt Beltz eine andere Auffassung:
Der Mythos ist dort zu Hause, wo die Welt nicht logisch erklärt wird.” Biblische Mythologie sei vorwiegend politisch-religiöse Geschichte, aber keine Theologie, die eine Gotteslehre aus den vielen Schriften des Alten und Neuen Testaments abstrahieren und erklären müsste, sondern die Darstellung der einzelnen Stadien und Stationen, in und auf denen Mythen entstanden sind.

Heute, so Beltz, können die Texte und Bilder aus einer gänzlich anderen Zeit ihre ursprüngliche religiöse Funktion nicht mehr ausüben, denn ihnen fehle der Bezug zu einem das in mehr als zweitausend Jahren vollzogenen kulturellen und geistig-moralischen Erkenntnisfortschritt. In Bezug auf Allegorien wie die von Adam, Eva und der Alten Schlange trifft dies wohl zu – doch ist beispielsweise die abendländische Sozialethik eng verbunden mit dem Dekalog. (dessen Offenbarungsgeschichte ebenfalls mit Mythen angereichert ist).-

Werfen wir noch einen kurzen Blick auf das durchaus vielschichtige Gottesbild, wie es sich in Erzählungen des AT ausdrückt. Dessen Verschiedenheiten sind abhängig von der gesellschaftlichen Entwicklung der Gruppen, die hinter den Texten stehen:

Beltz: “So sehen wir heute einen Hirtengott gleichberechtigt neben dem Kriegsgott, einen Fruchtbarkeitsgott neben dem Gesetzgebergott, einen Nationalgott neben einem Weltgott.”

Dem gütigen Schöpfer Elohim stehe der eifersüchtige Kriegsgott Jahwe gegenüber (auch wenn ‘beide Gottheiten’ zumindest aus heutiger Sicht zu ‘dem einen Gott’ verschmelzen).

“Die neubegonnene Herrschaftszeit Jahwes nach der Flut, als Israel nach der Meerwanderung Kanaan erobert hat, bleibt nicht lange friedlich, denn Jahwe rächt sich an seinen abtrünnigen Kindern.“

Ziemlich viel Vorbereitung auf den Haupttext des Buches – und doch nur ein Bruchteil der durchweg interessanten, aber einseitigen Ausführungen von Professor Beltz. Er wolle erst gar nicht den Versuch unternehmen, eine schöne mythologische Welt der Bibel zu erfinden, denn außerhalb der Dichtung habe es eine solche Mythologie nie gegeben.

Der priesterliche Schöpfungsbericht als Beispiel des biblischen Mythos

Anhand des priesterlichen Schöpfungsberichts im Buch Genesis [1 Mose 1,1-2,3]2) möchte ich exemplarisch aufzeigen, wie Beltz die biblische Überlieferung aufgreift und kommentiert.

“Elohim schuf zuerst den Himmel und die Erde. Die Welt aber war wüst und leer, und Finsternis lag über dem Urmeer. Aber der Geist Elohims wehte über den Wassern. Und Elohim sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Elohim sah, daß das Licht seinen Zweck erfüllte. …
Da sagte Elohim: Wir wollen Menschen machen, nach unserem Bilde, uns ähnlich; sie sollen über die Fische im Meer herrschen, über die Vögel am Himmel, über das Vieh und die Tiere der Erde, über alle Kriechtiere auf der Erde. Und Elohim schuf den Menschen nach seinem Bilde, er schuf ihn nach dem Bilde Elohims.
Er schuf einen Mann und eine Frau. Und da segnete Elohim sie; Elohim sagte zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch und bevölkert die Erde, erobert sie und herrscht über die Fische des Meeres, die Vögel des Himmels und alle Lebewesen, die sich auf der Erde tummeln.”

Der Text dieses Mythos sei aus Jerusalemer Priestertradition hervor gegangen und liege erst seit dem  5. Jahrhundert v.u.Z. in dieser Form vor.
Seine Einzelbestandteile sind deutlich älter und werden nicht nur von Professor Beltz der gemeinorientalischen Mythologie zugeordnet, wie wir sie beispielsweise aus dem babylonischen Schöpfungsmythos Enuma Elisch (“Im Anfang…”, vgl. den vollständigen Text der 12 Tafeln, soweit erhalten) kennen.

Aber die biblische Textfassung wurde in bewusstem Gegensatz zu dem babylonischen Text konzipiert:

  • Im AT hat Elohim zuerst den Himmel und die Erde geschaffen, auf die Entstehung oder Erschaffung des Schöpfers wird nicht eingegangen (nach jüdisch –christlicher Vorstellung ist der Schöpfergott ewig, d.h. ohne Anfang und ohne Ende).
  • Danach wird analog zum babylonischen Epos fortgefahren: die Welt war wüst und leer und Finsternis lag über dem Urmeer.
  • Der eigentliche Bericht über die Schöpfungshandlung Elohims beginnt erst mit der Erschaffung des Lichtes. Sein Schöpfungshandeln ist also keine creatio ex nihilo, keine Schöpfung aus dem Nichts, sondern die ‘Urmasse Welt’ ist schon vorhanden.

Also nicht nur geklaut, sondern auch noch absichtlich verfremdet? Bibeltreue Verfasser von AT-Kommentaren wie MacDonald (s.o.) widersprechen dieser Auffassung heftig. Über ihre Begründung mag jeder von uns sich ein eigenes Urteil bilden – doch scheint festzustehen, dass der babylonische Text älter ist (und dass die Wurzeln der biblische Väter, sprich Abrahams, auch laut Bibel in Chaldäa (Mesopotamien) liegen. Andererseits: wie groß sind die Parallelen und wie beträchtlich die Unterschiede?
Eine umfassendere Darstellung zum Inhalt der Enuma Elish sowie des Gligamesch-Epos habe ich wiederum bei Dr. Sieger 3) gefunden.

  • Eine weitere Besonderheit des priesterlichen Textes im Buch Genesis liege in der Anwendung des Wochenschemas auf die Schöpfung, womit der Sabbat ursächlich begründet werde: Am siebenten Wochentag sollten die Israeliten von der Arbeit ruhen. Dieser Tag sollte geheiligt werden, weil auch Elohim an ihm geruht hatte.
    Der Autor richtet sein Augenmerk besonders auf diesen Aspekt, der mir im Zusammenhang mit der Weltentstehung eher zweitrangig erschienen war: Die starke Zentralgewalt des Königtums, welche die Macht der Priester garantierte, war zum Zeitpunkt der abschließenden redaktionellen Bearbeitung (also kurz nach dem babylonischen Exil) endgültig gebrochen.

    “Die Priester können ihren Einfluß nur retten, wenn es ihnen gelingt, die Leute bei sich zu haben. Deshalb ist die Einführung des Sabbatgebotes in diesen Mythos von Bedeutung. Der Mensch soll von der Sklavenarbeit ruhen und sich mit dem Worte Gottes beschäftigen, das die Schöpfung ja bewirkt hat.
    Das Wort Gottes aber bewahren sie, die Priester. Von ihnen und den Gelehrten ihrer Schulen allein kann man es lernen.”

    Durch die Priesterschaft sei also ein von Mythos der Weltentstehung geformt worden, welcher mit höchster Autorität verlangt, dass der Mensch einen Tag jeder Woche den Priestern widmet. Darin offenbare sich einerseits der Machtanspruch der Tempelpriesterschaft. Ferner opponiere sie damit indirekt gegen die politische Abhängigkeit von Babylon und Persien.

Elohim / Jahwe

  • Richtig spannend wird es in Bezug auf die Verwendung des Plurals Elohim als Gottesbegriff. Es gibt heute wohl hunderte populärwissenschaftliche Darlegungen, in denen wg. dieser Pluralverwendung kurz und knapp gefolgert wird, auch die Bibel gehe ‘in Wahrheit’ von mehreren Schöpfern aus. Schnell wird daraus ein ganzes Pantheon wie im griechischen, römischen und auch dem babylonischen Polytheismus.

    Für Walter Beltz ist Elohim eher als Personenname und nicht als Gattungsbegriff (Götter/Gottheiten … oder Astronauten wie bei Sitchin und Däniken) aufzufassen. Bei dem biblischen Autors werde aus dem abstrakten Plural nach und nach allmählich ein absoluter Singular; die späteren programmatischen Inhalte und das Gesetz verweisen klar auf den monotheistischen Ansatz.

Doch lasse Elohims Ankündigung  „Wir wollen Menschen machen“, klar den Plural und damit die Göttergemeinschaft erkennen, in der sich Elohim befindet. Für die frühesten Erzähler selbstverständlich vor der sei Elohim ist ursprünglich hier nur der Gott bzw. einer der Götter, der die Welt bewohnbar macht.

Mir erscheint eine dritte Betrachtung ebenfalls nicht abwegig (wenn auch spekulativ und weit entfernt von allem, was etablierten Theologen dazu einfällt):
Im Hebräischen lautet 1.Mos 1,1 etwa so: „Breshit bara elohim et haschamajim wet haaretz”. Der Plural lässt den ersten Blick folgende Übersetzung zu: „Am Anfang erschufen die Götter den Himmel und die Erde“, doch liegt das Verb bara’ liege im Singular vor und könne nur auf ein göttliches Subjekt folgen, wie u.a. Jan E. Sigdell betont.
Das Wort bereshit bedeutet nicht nur „am Anfang“, sondern auch „der Erste (seiner Art), der Anfängliche“. Somit rückt eine weitere Lösung in den Fokus: Etwas „Der Erste / der Anfängliche erschuf die Götter, den Himmel und die Erde.
Als Erster kann ein Urschöpfer oder eine Ur-Göttin angenommen worden. Zumindest mit der babylonischen Schöpfungslehre ist diese Lesart offenbar vereinbar, denn sie betrachtet Apsu (das Ur-Meer / die Sonne?) als Urmutter allen Lebens, auch der übrigen Götter. (Vgl. Sigdell, Polytheismus und Christentum, )

Elohim gibt der Welt und den Menschen eine göttliche Ordnung von erstaunlicher Detailtreue: Er regelt verbindlich das Leben auf der Erde, ordnet die Arbeitszeit und schreibt vor, dass Menschen und Tiere sich von Bäumen und Pflanzen ernähren sollen.
Im Verlauf des Pentatetuch nimmt diese Präzision des göttlichen Gesetzes in geradezu verblüffender Weise zu: Nicht nur die Sklavenhaltung wird exakt vorgegeben [2 Mose 21,2], sondern es wird auch genau festgelegt, was mit Besitzer und Tier zu geschehen hat, wenn ein bekanntermaßen ‘stößiger Ochse’ eine Person oder einen Sklaven verletzt [2 Mose 21,28-32].

Diese priesterliche Lehre von den ‘göttlichen Ordnungen’ wird aus den Notwendigkeiten einer Nomadengemeinschaft erklärbar. Später, nach verlorenen Kriegen, Deportationen und in einem Dasein in politischer Abhängigkeit wurde eine wenigstens kulturelle Einheit und Reinheit als lebensnotwendig erachtet – und natürlich der Machterhalt der Priesterschaft (s.o.). Dagegen haben spätere Generationen den ursprünglichen Anlass für die Entstehung dieses Mythos vergessen und ihn als Bericht von der wunderbaren Erschaffung der Welt verstanden.

Rückblickend erweise sich dieser Bericht über die Erschaffung der Welt als nicht zu leugnenden Bezugnahme auf die Weltentstehungsmythen des Alten Orients, welche die priesterliche Tradition für ihre eigenen Zwecke und Absichten aber bewusst umformuliert habe.-
Die Erzählung von der Erschaffung des Menschen [1 Mose 2,4–3,24] lasse diesbezüglich eine Entwicklung erkennen:

“Als Jahwe Elohim Erde und Himmel gemacht hatte, bildete er, noch bevor es Feldsträucher auf der Erde gab und Kräuter auf dem Felde wuchsen, denn Jahwe Elohim hatte es auf Erden noch nicht regnen lassen, und es waren keine Menschen da, den Ackerboden zu bearbeiten, und nur Quellen sprudelten aus der Erde und bewässerten das Land – vor den Feldsträuchern und Kräutern also bildete Jahwe Elohim den Adam, das ist: Erde vom Ackerboden, und blies ihm Lebensodem in die Nase, so wurde der Adam ein lebendiges Wesen.”

Der ursprüngliche Gottesname sei sicher Elohim gewesen, doch später sei dieser Gattungsbegriff umgedeutet worden, indem sie den Gottesnamen Jahwe angefügt. So entsteht ein Ausdruck wie ‘Gott Jahwe’. Dass in dieser noch recht frühen Phase des AT die beiden Gottesnamen nebeneinander stehen, zeige die Entwicklungsphasen, welche ein Mythos durchlaufen könne.
Aus den unterschiedlichen Namensgebungen entstand in der Bibelforschung die sog. Quellentheorie (präziser Quellenscheidungstheorie, u.a. Wellhausen, 1876–1878) in Bezug auf die Verfasserschaft des Pentateuchs (s. Übersicht). Diese seien aus unterschiedlichen Quellen verschiedenen Alters zusammengestellt worden und anhand der verwendeten Gottesnamen unterscheidbar. Dieser Ansatz ist lediglich einer von mehreren bibelkritischen Interpretationen und gilt heute vielfach als veraltet. (Vgl. Neuere Pentateuch-Hypothesen)

Übersicht: Pentateuch / Tora (die 5 Bücher Mose, Quelle: Wikipedia)

Deutsch Hebräisch Hebräische Ableitung Griechisch/Lateinisch Abkürzg. Bedeutung
Bereschit (בְּרֵאשִׁית) Im Anfang schuf …
Genesis
Gen
Schöpfung, Ursprung
Schemot (שְׁמוֹת)
Dies sind die Namen
Exodus
Ex
Auszug
Wajikra
(וַיִּקְרָא)
Und es rief JHWH …
Levitikon/Leviticus
Lev
Levitische Gesetzgebung
Bemidbar (בְּמִדְבַּר)
Und es redete JHWH in der Wüste
Arithmoi/Numeri
Num
Zahlen der Israeliten
Dewarim (דְּבָרִים)
Dies sind die Worte
Deuteronomion/
Deuteronomium
 
Dtn
Zweites Gesetz

Mit einem gewissen Interesse für Religionsgeschichte und das Umfeld der Entstehung des AT lohnt es sich, auch den die folgenden Kapiteln des unentgeltlich im Web verfügbaren Buches von Professor Beltz zu lesen. Darin werden weitere bildhafte Erzählungen sowie literarische Gattungen des AT anhand eines Rasters von Kriterien und Fragestellungen untersucht. Vielfach stellt Beltz einen Bezug zu anderen altorientalischen Überlieferungen her.

Aus seiner Sicht werden in den einzelnen, aus unterschiedlichen biblischen Quellen stammenden Mythen offensichtlich verschiedene Gottheiten beschrieben. Den Schöpfergott haben wir bereits kennengelernt, andere Texte sollen auf den Kriegsgott Jahwe oder einen Wettergott usw. verweisen.
Hier zeigt sich m.E., dass es ganz ohne theologische Interpretation doch sehr schwer ist, die Intention von Verfassern solcher Erzählungen schlüssig darzulegen. Allein aus Lebensumständen der Bevölkerung und den Interessen einer ‘machtbesessenen Priesterschaft’ erschließt sich kaum, ob in diesen Mythen (mehr und mehr erhält dieses Wort einen wertenden, negativen und etwas faden Beigeschmack) nicht doch eine tiefere Bedeutung enthalten ist – sozusagen unterhalb der von Beltz fraglos zutreffend analysierten soziokulturellen Oberfläche.

Theologische Kommentare, welche den Bibeltext bzw. Bücher der Bibel auch als geschlossenes Einheit wahrnehmen, gehen davon mit einiger Selbstverständlichkeit aus. Doch auch sie sind sich im Detail selten wirklich einig über den Bedeutungskern der Erzählungen des AT.

“Sie kamen vom Himmel – sie mussten Götter sein”

Nicht Gott ist meiner Ansicht nach die Wesenheit, welche den Nomaden Israels vorschrieb, wie sie mit ihren Haustieren umzugehen hatten. Es bleibt offen, ob subjektive Wahrnehmung ‚göttlichen‘ Handels auf unterschiedliche Aspekte des ‚wirklichen‘ Gottes schließen lässt.

Fraglos hat es Begegnungen mit ‘mehreren’ Gottheiten in der frühen Menschheitsgeschichte gegeben – doch waren diese dann von derselben Qualität wie das Erstaunen lateinamerikanischer Ureinwohner bei der Landung von Cortez oder Kolumbus. (Und weil wir deren Berichte ebenso kennen wie sog. Cargo-Kulte (siehe u.a. Video) im Umfeld des 2.Weltkrieges4), vermag ich mich den prä-astronautischen Thesen ebenfalls nicht ganz zu verschießen – doch was haben diese Überlegungen mit ‘dem einen Gott’ zu tun?

Anmerkungen:

1) Nur in Jerusalem durften Tieropfer vollzogen werden; dazu musste die gesamte Bevölkerung sich mindestens einmal im Jahr nach Jerusalem begeben, um dort die Vergehen gegen das Gesetz  Jahwes zu sühnen und Vergebung zu erlangen.

2)  In der verlinkten PDF –Ausgabe des Buches wird ein übersetzte Text auf den Seiten 38/39 zitiert. Eine Paralleldarstellung Hebräisch-Englisch findet sich ansonsten hier.
Tatsächlich bestehen hier im Detail Unterschiede zu den gängigen AT-Übersetzungen, etwa in Bezug auf den im Originaltext verwendeten Gottesnamen Elohim (Plural von semitisch El: Gott). Einen vergleichenden Überblick der verschiedenen Bibel-Übersetzungen bietet u.a. Bibelwissenschaft.de an.

3) Siehe:

4) Ein kleiner Teil dieser Kulte ist bis heute lebendig; damit zeigt sich klar die mögliche Langlebigkeit ähnlicher, ebenfalls auf einer Fehlannahme von Göttlichkeit beruhenden Überlieferungen und Kulthandlungen.

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