Klaus Kinski: „nicht lebendig verfaulen… Jesus Christus Erlöser“

„Wenn der Heiland spricht, halten seine Jünger die Schnauze“

„Gesucht wird Jesus Christus“, sagt er und lässt einen Steckbrief folgen: „Angeklagt wegen Verführung, anarchistischer Tendenzen, Verschwörungen gegen die Staatsgewalt. Besondere Kennzeichen: Narben an Händen und Füßen …“

Am 20. November 1971 möchte Klaus Kinski die „erregendste Geschichte der Menschheit“ erzählen – das Leben von Jesus Christus. Doch er kommt nicht dazu: die Premiere wird durch Zwischenrufe unterbrochen – von einem Publikum, das keine Predigt hören will, sondern diskutieren und einbezogen werden möchte…

Ich spreche von dem Abenteurer,
dem furchtlosesten modernsten aller Menschen,
der sich lieber massakrieren lässt,
als lebendig mit den andern zu verfaulen.

Zu sehen ist ein tumultartiger Auftritt mit lautstarken Zwischenrufen und wechselseitigen Beschimpfungen, die aus einem Theaterabend ein lebendig-kontroverses Happening werden lassen. Und wiederum das Scheitern eines Versuchs, die Welt zu verbessern.
Waren die ‚Tumulte‘ ein geplanter Teil der Inszenierung waren? Wohl nicht, im  Film „Mein liebster Feind“ wirft Werner Herzog dem Publikum vor, es habe kein Interesse an einer reibungslosen Aufführung gehabt, sondern habe Kinski provoziert, um „ihn toben sehen zu wollen“.
Kinski stellt offenbar einen Bezug zu anarchistischen Strömungen der 68er Zeit her, die (zumindest da besteht eine Parallele zum Leben Jesu) ebenfalls in Konflikt mit der etablierten Hierarchie gerieten, der sie Heuchelei und Bigotterie zum Vorwurf machten. So arbeitet er die sozialkritische Intention Jesu heraus, die 2000 Jahre später immer noch ins Schwarze trifft.

Schreiende Mütter in Vietnam, Hippies, Gammler, Kiffer, Fixer…“ – bisweilen wirkt das Bemühen, zum Wirken Jesu einen Gegenwartsbezug herzustellen, übertrieben und verkrampft.

Er trägt keine Uniform und hat nie eine große Schnauze“ ist zugleich eine Reaktion auf die Zwischenrufe. Die verstören Kinski zunehmend – denn sie dehnen diese Sozialkritik auf ihn, den Großen Vortragenden, aus. Sowas aber auch.-

Erlösung bedeutet für Kinski nicht (nur) das, was die Kirche darunter versteht – eine diffuse Auferstehung des Fleisches, wegen der man im Diesseits alles Unrecht der Obrigkeit stumm ertragen soll. Vielmehr zeigt er auf, wie ein Befolgen der ‚Goldenen Regel‘ schon im Diesseits ein erfülltes Leben bewirken kann – vielleicht auch eine Form von Erlösung.
28 Jahre später charakterisiert Tobias Becker im SPIEGEL den denkwürdigen Abend:

Wenn der Heiland spricht, halten seine Jünger die Schnauze: So oder so ähnlich muss Klaus Kinski sich das vorgestellt haben, als er 1971 mit seinem Messias-Monolog auf eine Berliner Bühne trat. Doch dann kam alles ganz anders.“

Beeindruckend ist Kinskis Vorstellung auch heute noch, jedenfalls für mich.
Wenn ich den u.a. Mitschnitt sehe, fällt mir spontan der Teil von der Bergpredigt ein, auch die Passage, in der von Perlen und Säuen die Rede ist. Die meisten Zwischenrufe sind mir unverständlich, sofern ich keinen inhaltlichen Bezug erkenne.

„Jesus ist da!“ – oder ist es nur Kinski?

Das Bühnenprogramm „Jesus Christus Erlöser“ sollte die Geschichte von einem der „furchtlosesten, freiesten, modernsten aller Menschen erzählen, der sich lieber massakrieren lässt, als lebendig mit den anderen zu verfaulen„.
Vermittelt wird eine Zusammenstellung freier Bibelzitate und der modernen Interpretation Kinskis, die sich vom kirchlich sanktionierten Bild Jesu klar distanziert und ihn stattdessen als Sozialrevolutionär und zornigen Aufrührer beschwört. Offensichtlich will Kinski (auf der Bühne) in die Rolle ’seines‘ Jesus‘ schlüpfen und steigert sich ziemlich in diese Rolle hinein. Da stören Zwischenrufe dann doch erheblich.

Doch waren Publikumsbeschimpfungen in den 70ern nichts außergewöhnliches, habe ich mir sagen lassen… auch Jesus- und Selbstdarsteller Kinski fällt aus seiner Rolle, ob nun beabsichtigt oder ungewollt:

Kinski ignoriert die Widerreden nicht etwa, sondern schlägt zusätzliche Funken aus ihnen; die sogenannte vierte Wand, die Bühne und Zuschauersaal sonst so sauber trennt, bricht zusammen. Und so werden die Momente des Scheiterns zu den Momenten des größten Gelingens – wie so häufig, wenn in der Live-Kunst Theater etwas aus dem Ruder läuft.“ (SPIEGEL online)

Was mag vor über 40 Jahren in Kinski vorgegangen sein, als er den Priestern vorwarf, zu ‚fressen ohne zu hungern‘ – und ein Zwischenruf folgte mit den Worten „Du doch auch“…? Jedenfalls hatte er nach diesem Premiereabend die Nase ziemlich voll: die Vortragstournee mit 100 geplanten Vorstellungen wurde zusammen-gestrichen auf 2 Abende, wobei die zweite Vorstellung in Düsseldorf ungestört verlief.

Was hatte er sich erhofft? Eine Art Jesus-Revival, mit ihm selbst in der Hauptrolle – aber bitte ohne das hässliche Ende mit Geißeln und Annageln? Einen höheren Grad des Verstehens, als es vor 2000 Jahren der Fall war?
Kritisch darf man auch fragen: Ging es Kinski bei dieser Aufführung um Jesus und dessen Botschaft – oder sollte diese ihm selbst nur als Vehikel zur Selbstinszenierung dienen? Vermutlich ein wenig von beidem.

Kinski habe sich in seine Rollen hineinstilisiert, erklärte W. Herzog gegenüber dem Spiegel: „Die Jesus-Rolle hat er so angenommen, dass er tatsächlich Jesus war für einen Teil seines Lebens. Als wir mit dem Drehen von „Aguirre“ anfingen, hatte er die Jesus-Tournee gerade abgebrochen, und er antwortete mir in Jesus-Worten. Er war der verkannte, verhöhnte Heiland, der litt.“

Nach diesem Abend wird Klaus Kinski um eine Erfahrung reicher gewesen sein: Zwischen guter Schauspielerei und echtem Charisma besteht dann doch ein Unterschied, der sich jedenfalls nicht durch Beleidigen eines kritischen Publikums überwinden lässt…

„Jesus Christus Erlöser“ (1971/2008)

  • Man muss leiden, um irgendwas zu kapieren.“ – Interview mit Klaus Kinski über Jesus, die Jesus-Tournee und die Identifikation des Schauspielers mit einer Rolle (1971). Kam Jesus damals in Mode‘, wie es in diesem Gespräch thematisiert wurde? Das Musical „Jesus Christ Superstar“ wurde im Oktober desselben Jahres uraufgeführt, war aber im Jahr zuvor bereits auf Schallplatte vertrieben worden.
    Als berufsmäßiger Interviewer hat man es aber auch schwer…stets auf eine intelligente oder wenigstens intelligent klingende Frage zu kommen, wobei Kinski den Unterschied sogleich durchschaut und sich über ’substanzloses Gequatsche‘ beschwert. Seine Gesprächspartner zu desavouieren, sogar 1985 die niedlich-fragile Desiree Nosbusch („Wie kann man nur fragen was Freiheit ist – wenn man die Freiheit selber nicht spürt?)

„Diese Vergötterung wird immer schlimmer.“

Die jüngsten Veröffentlichungen von Kinskis Tochter Pola (Januar 2013:Er leistete sich ein kleines Sexualobjekt, das er auf Seidenkissen bettete.“) stimmen nachdenklich, sie lassen auch diese Jesus-Show in einem anderen Licht erscheinen: Offensichtlich fällt es auch Exzentrikern und “Ausnahme-persönlichkeiten“ deutlich leichter, den Balken im ‚Auge der Gesellschaft‘ („Wehe euch Reichen!„) zu sehen als Selbstkritik zu üben.
Pola habe die ständige Helden-Verehrung ihres Vaters auch nicht mehr mit ansehen können: „Seit er tot ist, wird diese Vergötterung immer schlimmer.“

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