Ur-Christentum als neues Weltbild – eine Synthese von Claus Speer

Was wir bergen in den Särgen, ist das Erdenkleid.
Was wir lieben, ist geblieben, bleibt in Ewigkeit.
(Goethe)

Ausgangssituation

Eine ‚katholische Erziehung‘ prägt einen Menschen zeitlebens, die Denkkategorie „Schuld“ wird man niemals ganz ablegen. Der unauflösliche Konflikt zwischen Erlösungsbotschaft / göttlicher Liebe und der Androhung ewiger (zeitloser) Höllenqual – ist durchaus geeignet, das Verhältnis des Individuums zu jeglicher Form von Spiritualität zu vergiften. Diese Widersprüchlichkeiten aufzulösen ist kein einfacher Prozess, zumal Zweifel an den Lehraussagen und am Verhaltensbild der römisch-katholischen Kirche (RKK) als Tabu und ‚Fahrkarte in die Hölle‘ verinnerlicht wurden.

  • Wie ist das christliche Liebesgebot (Liebe deinen Nächsten wie dich selbst) vereinbar mit der Predigt ewiger Rache1) Gottes/Jesu an Apostaten und „Ungläubigen“? Braucht es jahrelangen Beratungen des Vatikans, um 2007 zu beschließen, dass ungetaufte Kinder (und „Opfer von Abtreibungen“) doch ins Paradies dürfen?
  • Worin liegt der Sinn einer Schöpfung, deren göttlicher Urheber die überwältigende Mehrheit seiner Geschöpfe vom Heils- und Erlösungsplan ausschließt?
    Nach welchem Verständnis von Gerechtigkeit könnte ein ’sündiger‘ Mensch in letzter Minute durch sein Bekenntnis zu Gott bzw. Jesus und ehrliche Reue himmlische Vergebung und so ewigen Frieden erlangen – sofern ein Agnostiker trotz altruistischer Lebensführung für immer in der Hölle brennt?
  • Bedeutet Glaube, dass wir uns zu Gott bekennen müssen, bevor wir seine Existenz unwiderlegbar zur Kenntnis nehmen dürfen, was jede Chance auf eine anschließende Umbesinnung ausschließt?

Die verinnerlichten starren Schemata verlieren in dem Maße an Bedeutung, wie eine zentrale Erkenntnis zugelassen wird: die Mittlerschaft menschlicher (=fehlbarer) Autorität mit ihren jeweils am Zeitgeist ausgerichteten Lehraussagen ist für mein persönliches Verständnis von Gott nicht zwingend verbindlich.
Ein Ersatz für mein bisheriges Weltbild, ein neues brauchbares Konzept war so schnell nicht in Sicht. Weder evangelikalen Umfeld, noch im Islam oder bei den Gnostikern bzw. den Katharern fand ich eine als Ganzes annehmbare Alternative. Mein nerviges ‚Ja, aber‘-Denken stand einer
kohärenten Gesamtsicht im Wege, allenfalls Teilwahrheiten und Facetten erschienen mir rational und intuitiv plausibel.-

Der neue Weg aus alten Wurzeln

Der Nebel lichtete sich, als ich Arbeiten des Autors Claus Speer vom ‚Arbeitskreis Origenes‘ (→Webadresse) las. Das von Speer vorgestellte ’neue Weltbild‘ setzt zwei Grundannahmen voraus:

  • die Existenz eines transzendenten Schöpfers,
  • Nach dem Tode des Menschen stirbt zwar der Körper, doch ‚etwas in uns‘ existiert weiter.

Die Erläuterungen zu diesem Modell der geistigen Welt enthalten Aspekte, die zu akzeptieren mir nicht immer leicht fällt: Beispielsweise werden ‚mystische Erlebnisse‘ thematisiert – Nahtoderlebnisse und spiritualistische Kontaktaufnahmen zu Gott über ein menschliches Medium – ein Erkenntnisweg, dem ich eher distanziert gegenüber stehe.
Diesen jedoch ungeprüft abzulehnen, käme der klassischen Mutmaßung nahe, dass Gott seit Ende der biblischen Aufzeichnungen nicht mehr mit uns kommuniziert. Mein Ziel ist, den Inhalt solcher Offenbarungen aus einer kritischen Distanz heraus vorurteilsfrei zu prüfen.

Der „fragmentarische Einblick und Verständnis in die spirituelle Quelle“ sei zu einer Zeit entstanden, als man Menschen mit mystischen Erlebnissen noch geduldig zuhörte. Das vorgestellte Weltbild lasse sich unschwer mit traditionellen christlichen Glaubenslehren integrieren, denn es sei weder etwas gänzlich Neues noch stehe es im Widerspruch zur ursprünglichen christlichen Leere:
Wesentliche Elemente lehrte bereits der griechische Gelehrte und Kirchenführer Origenes (186- 254 n. Chr.), nur ein Jahrhundert nach Niederschrift der kanonischen Evangelien.

„Weiter wird erkennbar werden, wie auch die Fakten der Naturwissenschaften und anderer Religionen, wie der Buddhismus, in diesem Bild ihren Platz haben.

Den Einstieg bildet ein Schaubild, das den Werdegang eines Menschen bzw. einer Seele über mehrere Inkarnationen hinweg zeigt und m.E. die Überschrift ‚Reifeprozess der Seele‘ 2) tragen könnte:Schaubild v. Claus Speer – ‚Das neue Weltbild‘ (Seite 3 des PDF-Dokuments)

Der Autor entwickelt – u.a. aus Berichten über Nahtoderfahrungen – die Vorstellung eines sog. ‚Seelenkörpers‘: unsere Geschichte, sämtliche Erinnerungen, Vorlieben und Abneigungen seien in diesem Seelenkörper für immer eingeprägt – getrennt von unserem vergänglichen materiellen Körper.
Zur begrifflichen Unterscheidung: unsere Seele entwickelt sich kontinuierlich weiter, während der Geist als ‚tiefster Kern unseres Ich‘ (Bewusstsein des Gesamtselbst?) unveränderlich ist. Der ‚Seelenkörper‘ unterliegt in diesem Modell dem freien Willen und damit unserer Verantwortung.

Inkarnation

Das Durchlaufen mehrerer Inkarnationen (Wiederverkörperungen) ist ein zentraler Baustein zu einem plausiblen Verständnis der Sinngebung von irdischem Leben, Tod und Seelenfrieden als Endzustand.
Unser individueller Lebensplan sei so angelegt, dass wir bei dessen Einhaltung am Ende des irdischen Lebens ein etwas anderer Mensch geworden sind: Die Lebenserfahrung hat uns in der Regel weiser gemacht. Endet unser Leben, erhalten wir Gelegenheit, den Verlauf des gelebten Lebens in einer umfassenden Rückschau mit diesem Plan zu vergleichen.

Die Abfolge mehrerer Inkarnationen diene der „Vervollkommnung der Seele beim Durchschreiten mehrerer menschlicher Leben“. Alle Lebensumstände beim Eintritt in ein neues Leben, wie Geschlecht, soziales Umfeld, Eltern, Geschwister u.s.w. sind dabei optimal angelegt, um die Lernsituation zu bieten, welche die Seele individuell zu ihrer Entwicklung braucht.
Ebenso sei vorgesehen, dass diese Seele mit ihren Eigenarten, Stärken und Schwächen auch andere Individuen in deren Entwicklungsprozess unterstütze.

Erfahrenes Leid und ‚Böses‘ nicht als blindes (vom Zufall bestimmtes) Schicksal, sondern als  liebende Führung Gottes aufzufassen – obgleich wir dies mit unserer derzeit begrenzten Wahrnehmung nicht erfassen können. Nach dem Prinzip von Ursache und Wirkung erfahren wir nur dann Leid durch andere, wenn wir es selbst schon verursacht und meist genau diesen Seelen angetan haben.

Wir lernen dabei, oft unter Schmerzen, wie sich das anfühlt, was wir anderen angetan haben. Es ist nicht ein Lernen mit dem Intellekt, sondern durch Erfahrung, also durch eine Prägung unserer Seele. Dies (…) ereilt uns dann, wenn wir uneinsichtig gegenüber unserem Tun sind.

Aber auch wenn wir uneinsichtig sind, fügt es die Gnade Gottes, dass wir nur das Leid erfahren, das unumgänglich notwendig ist.
Wir verändern diesen Schicksalsweg sofort, wenn wir schlechte Eigenschaften in uns rechtzeitig erkennen und uns bemühen, diese abzulegen.

(Demnach würde das uns widerfahrene Leid zwar nicht mittelbar von Gott kommen, sondern durch ihn in dem jeweils erforderlichen Maße zugelassen…liegt es in Gottes Wesen, Leid zu dulden? Oder trifft eher die dualistische Sicht der Gnostiker von einem Guten Gott und einem Bösen Satan zu?

Speers Darstellung von Inkarnation und Kausalität eröffnet erstmals eine (wenn auch in ihren Details noch nicht verstandene) Vorstellung, worin denn ein Zweck von all dem Leid auf unserer Welt bestehen könnte. Das Leiden von Kindern und Unschuldigen lässt wohl nur dann einer Sinn- oder Zielgebung zuordnen, wenn im Dasein dieser Seelen vor ihrer leiblichen Geburt, also in früheren Leben, eine kausale Kette in Gang gesetzt wurde, welche das gegenwärtige Leiden begründet.)

Die Reinkarnationslehre ermöglicht also ein kausales Verständnis von Leid und Gerechtigkeit: Wenn jungen Menschen Schlimmes widerfährt, müsste die Ursache dafür von ihnen selbst in einem früheren Leben gelegt worden sein (Karma-Prinzip).

Unser Bemühen und das Maß unserer Einsicht sei nach unserem Tod ein wesentlicher Faktor, wenn der Plan für unser nächstes Menschenleben entworfen werde. Dieser Läuterungsweg über mehrere Inkarnationen kann analog zum Purgatorium (Fegefeuer) der traditionellen Theologie gesehen werden. Allerdings sieht die bisherige christliche Theologie nicht die Möglichkeit, dass auch zusätzliche Leben auf der Erde ein Teil des Fegefeuers sein können.

(Bis zu diesem Punkt ist das angebotene Weltbild mit meiner eigenen Vorstellungswelt kompatibel. Zum nächsten Abschnitt fehlt mir noch(?) der Zugang).

Eine unsichtbare geistige Umgebung mit ‚mächtigen Lichtwesen‘

Speer geht auch auf Berichte von Mystikern ein, dass wir von „mächtigen Lichtwesen“ umgeben seien:

Sie gestalten alle äußeren und inneren Begegnungen unseres Lebens. Sie sind der Garant für die Erfüllung des Lebensplanes, den Gott mit uns vorhat. Es ist kein starrer, sondern ein äußerst dynamischer Plan und sehr sensibel abhängig von unserem Verhalten sowohl in inneren als auch äußeren Lebenssituationen.

Wäre es dann nicht einfacher, wenn diese Wesen für uns sichtbar wären?
Nein, sagt Speer. Denn:

Die Unsichtbarkeit dieses Seelenführers bewahrt dem geführten Menschen seine geistige Freiheit,inneren Strebungen nachzugehen oder auch nicht zu folgen.

Das Leben ist also weniger ein Spiel als ein fortwährender, dynamischer Test, bei dem unser Verhalten den weiteren Verlauf mitbestimmt. Ob wir nun durch Lichtwesen / dunkle Wesen oder/und unser sog. Unterbewusstsein beeinflusst werden – den aufsteigenden Wünschen, Bedürfnissen, Ängsten liegt ein dynamisches Gleichgewicht zugrunde:

Es ist wie eine Waage, auf deren linken und rechten Waagschale die Einflüsse aus den lichten bzw. dunklen Bereichen gleich stark einwirken. Je nachdem, welchen inneren Einflüssen wir Gehör schenken, indem wir die Gedanken und Gefühle aufgreifen, verschieben wir selbst die Achse der Waage. 

Wenn wir beständig den Einflüsterungen von dunklen Mächten Gehör schenken, wird deren Kraft, Macht und Recht, uns zu beeinflussen, immer größer. Umgekehrt gilt dasselbe. Hören wir immer auf die Impulse der himmlischen Mächte, werden wir sie immer besser vernehmen und der Einfluss dunkler Mächte wird geringer.

Wo bleiben physiologische Einflussfaktoren und Triebe? Wie steht es mit dem freien Wille bzw. unserer Handlungsfreiheit? Können wir eigenständige Entscheidungen treffen, wenn unser gesamtes Dasein zwischen derart machtvollen Mühlsteinen stattfindet?

Der Mensch soll und muss sich frei entscheiden, welchen inneren Impulsen er folgt. So obliegt ihm ständig eine Beurteilung und er steht täglich vor neuen Weichenstellungen seines Lebens, ob er sich dessen bewusst ist oder nicht.

Sündenfall/Erbsünde

Die traditionelle christliche Theologie der Erbsünde lehrt, dass wir eine Suppe auslöffeln müssen, die andere (Adam und Eva bzw. die ersten Menschen-Generationen) eingebrockt haben. Moderne Anschauungen gehen eher davon aus, dass unser bisheriges geistiges Erbe – die Tradition von Werten, Lehren und Erziehungsmustern, die im Widerspruch zu göttlichen Schöpfungsprinzipien stehen –  die Ursache für unsere ‚Entfernung von Gott‘ bildet.

Speer korrigiert diese Auffassung dahingehend, dass jeder von uns auf ganz individuelle Weise dazu beigetragen habe, dass das Schmerz, Leid und Gemeinheit im Universum entstanden sind:

Wir tragen die Folgen der von uns selbst begangenen Erbsünde.

Wir ernten also, was wir selbst einst gesät haben. Lange vor unserem derzeitigen Leben habe das Selbst realisiert, dass es vom Schöpfungsplan Gottes abgewichen ist: Man habe nicht nur Anderen Schlimmes angetan, sondern auch die eigene Seele in ein unfähiges Instrument verwandelt. Ohne Hilfe war eine Rückkehr in die Lichtwelten nicht mehr möglich.

Akzeptiert man, dass Denken und Erschaffen/Schöpfung einander bedingen, wird das Resultat erklärlich: Unvollkommenheit und Disharmonie der Geistseelen bewirkten insoweit unvollkommene und nicht ausbalancierte Schöpfungen (die materielle Welt). Dieser Effekt sei durch das universelle Gesetz der Anziehung, wonach Gleiches sich gegenseitig anziehe, noch unheilvoll verstärkt und beschleunigt worden. (Vgl. Resonanzgesetz)

Als Ergebnis dieser unvollkommenen Schöpfung entstanden also dunkle Welten – mit den Defiziten derer, die sie hervorgebracht hatten. In der bisherigen Theologie entspricht dieser Vorgang dem Abfall Luzifers von Gott und der Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies. Luzifer war demnach einer derjenigen, die als erste den Gedanken hatten, etwas hervorzubringen, das im Widerspruch zu Gottes Schöpfung stand.

‚Denken als schöpferisches Prinzip‘ ist nachvollziehbar; dass Gedanken eine Materialisierung bewirken, verstehe ich nur zum Teil: Einer bewussten Handlung geht stets ein Gedanke voraus – insoweit bewirken Gedanken mittelbar die ‚Verformung‘ von Materie und die Umwandlung von Energie, wobei die Handlung (Interaktion mit der Materie) einen unverzichtbaren(?) Zwischenschritt bildet.
In der Abhandlung von Claus Speer ist nach meinem Verständnis aber etwas anderes gemeint, nämlich das Hervorbringen von Materie aus dem ‚Nichts’…d.h. der Geist erschafft physische Materie…

Der Heilsplan Gottes – ‚keiner geht verloren‘

Offenbar hat Gott von ‚Anfang an‘ geplant, jedem Ich die Rückkehr zu ihm in die ‚Lichtwelten‘ zu ermöglichen – damit steht der letztendliche Ausgang des Kreislaufs von Tod und Leben (Inkarnation) schon fest: „Alles endet im Licht„.

Wann jedes Ich sich zu dieser Rückkehr entschließt, obliegt seiner eigenen Entscheidung. Gerade unangenehme, leidvolle Erfahrungen können den Anstoß geben, diese Rückkehr anzutreten.
Auch die Psychologie kennt die Beobachtung, dass erst hoher Leidensdruck einen seelisch Kranken zur Einsicht veranlasst, Hilfe anzunehmen und durch Veränderung seiner Lebensumstände die seelische Genesung anzustreben.

Der Autor zitiert dazu Goethes Faust, wo Mephisto sagt:

Ich bin ein Teil von jener Kraft ,
die stets das Böse will
und stets das Gute schafft
…. denn alles, was entsteht,
ist wert, das es zugrunde geht….“

Hölle/Unterwelt

Noch längst sind nicht alle ‚Geister‘ zur Rückkehr in Gottes Nähe entschlossen, d.h. die ‚dunkle Seite‘ hält noch an ihrer Idee von einer abweichenden Schöpfung fest und ist stets bemüht, labile Seelen in eine Abhängigkeit zu sich zu bringen und möglichst lange in diesem Zustand zu halten.

Den Grund dafür beschreibt C.Speer so:

Diese Wesen aus den dunklen Bereichen, Bewohner der Unterwelt, sind das eigentliche Problem im Heilsplan:
Sie haben um sich herum ein raffiniertes System mit Abhängigen geschaffen, die ihnen die Lebensenergie aus den noch etwas helleren Bereichen beschaffen, selbst unfähig geworden, diese aus der eigenen inneren göttlichen Urquelle zu transformieren. Würden sich immer mehr Wesen den Versuchungen der Unterwelt entziehen können, dann verlören diese ihre Beschaffer von Lebensenergie und vollständige Lethargie wäre die Folge.“

Der Heilsplan Gottes und die Rolle Jesu darin

Eine Vielzahl ‚armer Sünder‘ hatte sich durch ihre Interaktion mit der dunklen Seite beinahe hoffnungslos in eine Abhängigkeit verstrickt, aus der sie sich kaum noch aus eigener Kraft lösen konnten. Der Entschluss des Geistwesen Jesus zum Eingreifen habe erfordert, selbst als menschliches Wesen zu inkarnieren.

Während seines Leidensweges seien die dunklen Wesen an ihm schuldig geworden, hätten ihn versucht (dass Jesus ihnen mit Hass und Verachtung zu begegne):

Er ließ alles an Hass, an Depression, Zerstörungswut u.s.w. an sich heran, aber er war in der Lage, allem mit Zuneigung und Verständnis zu begegnen, obwohl er sich mit einem einzigen Gedankenimpuls dem Zugriff hätte entziehen können. Hätte Jesus dieser Versuchung nicht standgehalten, wäre er ‚einer der ihren geworden‘.

Indem er seinen ‚Sieg am Kreuz‘ vollendete, habe Jesus das Recht erworben, die Gesetzmäßigkeit für die Seelen zu ändern, welche zu Gott zurückkehren wollen:

„Jeder, der den Rückweg antreten möchte, muss vorläufig freigegeben werden.“

D.h. jede Seele wird von ihrer eigenen geistigen Erbsünde befreit. 
‚Vorläufig‘ bedeutet dabei: Der eingeschlagene Weg der Läuterung und seelischen Reifung kann nur aus aus freiem Entschluss begonnen und nur ohne die Belastung durch äußere Verstrickungen fortgesetzt werden. Ein Ausgleich der Schuld, die wir in einem unserer Leben selbst begründet haben, muss weiterhin erfolgen.

Speer vergleicht den Eingriff Jesu Christi mit der Einrichtung einer ‚Schuldnerberatungsstelle‘ und dem Privatinsolvenz-Recht: Sobald wir uns an diese Stelle wenden, erhalten wir ihre Unterstützung. Sie tritt gegenüber den Gläubigern auf, erwirkt eine Stundung unserer Schulden und einen Ratenzahlungsplan. Sofern wir ernsthaft beabsichtigen und beginnen, unsere Schuld zu begleichen, besteht nach Ablauf einer ‚Wohlverhaltensperiode‘ die Möglichkeit, dass uns ein großer Teil der Schulden erlassen wird – wenn wir auf diesem Weg bleiben und keine nennenswerten neuen Schulden anhäufen.

Von einer Beliebigkeit kann beim Wegfall der Möglichkeit einer ewig währenden Strafe keine Rede sein – im Gegenteil: Nach Speer könnten wir uns viel Leid ersparen, indem wir Jesus und seinen Geboten (Selbst- und Nächstenliebe) Folge leisten. Denn die Hölle existiere tatsächlich, wenn auch nicht als ewige Verdammnis. Sie ist kein raum-zeitlicher Ort, an dem ‚es brennt‘, sondern vielmehr ein sehr unangenehmer, leidvoller Zustand der Seele.

So tröstlich dies auch klingt, die als einzigartig bezeichnete Schlüsselrolle Jesu bei der Erlösung der Seelen beschäftigt mich weiterhin: Was ist mit den Menschen, die infolge ihrer Zugehörigkeit zu einem nicht-christlichen Kulturkreis nur am Rande von Jesus hören – und denen, die sich auf ein anderes spirituelles Konzept einlassen?
Wie steht es um ihre Chancen auf ewigen Seelenfrieden und Rückkehr zu Gott – sofern sie Nächstenliebe und Integrität auf eigene Weise leben? Vielleicht liegt die Antwort auf diese Frage im Prinzip der Reinkarnation: Wenn auch nicht in der gegenwärtigen Lebensperiode, so wird doch jede Seele ‚irgendwann‘ Jesus begegnen? Die Befreiung von der Erbsünde träfe insoweit wirklich auf alle Seelen zu.

Auferstehung der Toten / Rückkehr zu Gott

„Wer einmal erfasst hat, wie uns der Heilsplan Gottes auf dem kürzest möglichen Weg in den Bereich des göttlichen Lichtes zurückführen möchte, der wird sich der Führung Jesu Christi anvertrauen.“

Jeder Mensch werde ab einem bestimmten Reifegrad seiner Seele erkennen, dass die ‚Schule des Menschseins‘ notwendig war für die Reifung unserer Seele – die in Wahrheit eine Rückkehr zum Ausgangszustand3) bedeutet. Diese positive Entwicklung der Seele zeichnet sich auch dadurch aus, dass wir von Inkarnation zu Inkarnation zusätzliche, positive Bewusstseins- und Verhaltenselemente verinnerlichen. Durch diese wachsende Verinnerlichung wird die in uns vorhandene ‚Lichtquelle‘ (der ‚Gottesfunke‘ der Gnostiker?) mehr und mehr erschlossen und entfaltet auch eine positive Wirkung nach außen.

Somit profitieren auch andere Seelen von unserer positiven Entwicklung. Wir reagieren anders auf Leid, Hass und Gemeinheiten als in früheren Lebensperioden, insbesondere verurteilen wir andere nicht mehr. Es ist selbstverständlich für uns geworden, jedes Leben zu achten und ihm liebevoll zu begegnen. Ausblick:

Wenn wir dann die Erde zum letzten Mal verlassen, wird ein geistiger Betrachter uns als helles Licht wahrnehmen. Unsere Seele hat nun wieder die Reinheit und Klarheit erlangt, die sie einst hatte, aber sie ist eine andere geworden, größer, erfahrener, stabiler

Nun können wir mühelos in den Bereich des göttlichen Lichtes eintreten, den wir vor Äonen verlassen haben und der uns seither nicht mehr zugänglich war. Auch unsere Erinnerung an alles, was wir je erlebt haben, wird lückenlos sein. Wir erfassen die Bedeutung des Augenblickes: Das ist die Auferstehung.

Die Kernaussagen des von Claus Speer aufgezeigten Weltbildes erscheinen mir plausibel und intuitiv glaubhaft.
Speer formuliert eine mögliche Synthese aus verschiedenen Glaubensansichten, welche den wichtigen Aspekt der Aussöhnung enthält. Ferner verzichtet sie auf die religions-typische Haltung der Exklusivität (‚Unsere Überzeugung ist die einzig zutreffende und deshalb für jedermann verbindlich‘) – welche unterstellt, alle übrigen Religionen seien im Unrecht und völlig untauglich als Weg zur Erlösung aus der empfundenen Trennung von Gott.

Im Epilog verleiht Claus Speer seiner Zuversicht Ausdruck, dieses Weltbild skizziere die Religiosität des angebrochenen Jahrtausends:

„Die Erlösungstat Christi […] bedarf nicht mehr der Anklänge an die archaische [aus der Vorgeschichte stammenden] Erklärung eines Schlachtopfers zur Versöhnung mit einem zürnenden Gott.“

Diese optimistische Einschätzung teile ich nur bedingt. Die abendländischen (sowie auch die islamischen) Gesellschaften basieren zu einem erheblichen Anteil auf der Instrumentalisierung des Bildes vom strafenden Rächergott.

Wie Speer und auch Hans Dienstknecht in ihren Werken verdeutlichen, befinden die Menschen sich auf unterschiedlichen Stufen des seelischen Bewusstseins. Menschen mit einem anerzogenen autoritären Gottesbild werden dieses kaum zugunsten einer freiheitlichen, Trost versprechenden Konzeption ‚vorschnell‘ aufgeben.
Dies ist auch gar nicht notwendig: Wenn die skizzierte Reifung der Seele wirklich stattfindet dann wird jeder Mensch zu dem für ihn optimalen Zeitpunkt mit dieser Anschauung konfrontiert werden und sie potenziell als wahr(scheinlich) akzeptieren – und zwar genau dann, wenn die Zeit für ihn reif ist.

Literaturhinweise:

Anmerkungen

1) Natürlich wurde mir nicht wortwörtlich gedroht, Jesus werde Rache an mir üben. Dieser Terminus ist hier dennoch nicht leichtfertig gewählt: Eine Sanktion oder Strafe verfolgt stets auch erzieherische oder ausgleichende Ziele, anstatt dem Schuldigen nur zu schaden. Doch bei einer niemals endenden Qual kommt dergleichen nicht in Betracht.

2) Der früher verwendeten Begriff der ’seelischen Evolution‘ scheint irreführend, denn von naturwissenschaftlich beschriebenen Evolutions-Mechanismen unterscheidet sich dieser spirituelle Entwicklungsweg  der menschlichen Seele erheblich.

3) Vergleiche die Parallelen zu E. Cayce:

Letzte Bearbeitung: 28.Jan.2015

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4 Antworten auf Ur-Christentum als neues Weltbild – eine Synthese von Claus Speer

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  2. Cornelia sagt:

    Nun ja,

    das ist alles sehr, sehr schwer zu verstehen und man muss sich wohl sehr viel Zeit nehmen zu ergründen, was im Detail ausgesagt werden soll.

    Grüße
    Cornelia

    • Legolas sagt:

      Hallo Cornelia,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Einfach ist die Thematik bestimmt nicht, auch ich habe recht viel Zeit aufgewendet, mich mit den Überlegungen von Claus Speer (dessen Text im Betrag auch verlinkt ist) auseinander zu setzen. Ich finde aber, die Zeit ist sinnvoll investiert.
      Lieben Gruß
      George

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