Eine unfertige, noch unvollkommene Welt?

In Bezug auf vorhergehende Überlegungen zur Theodizee1) möchte ich hier einige Gedanken von Pierre Teilhard de Chardin und Dr. Jörg Sieger nachtragen:

In Bezug auf einen fraglichen Anfangszustand der Schöpfung betont Dr.Sieger:

…dies sieht ganz anders aus, wenn wir nicht davon ausgehen müssen, daß die Welt einmal gut gewesen ist.
Wer sagt uns denn, daß die Welt wirklich schon fertig ist? Wer sagt uns denn, daß der Zustand schon erreicht ist, zu dem Gott sagen wird, daß alles gut geworden ist? Was für Gott schon erreicht ist, das muß für uns ja noch lange nicht der Fall sein. Wir sind schließlich in der Zeit gefangen, Gott aber übersteigt unsere Zeit.“

Hm, wir denken uns Gott als transzendent, d.h. Gott steht über der für unser Realitätsempfinden so wesentlichen Raumzeit. Ich stelle mir dies mangels besserer Ideen ein wenig so vor wie Dr. Quantum in Flachland – in der Weise, dass Gott mit einer raum- und zeitlosen Dimension zu assoziieren sei:

(Die Unzulänglichkeit dieses Konstrukts in Bezug auf Gott, der Alles ist, mag der Grund sein, weshalb die Religionen uns von solchen bildhaften Vorstellungsversuchen ‚abraten‘.)

„Gott ist in unserem Raum und unserer Zeit anwesend. Er durchdringt sie. Aber er übersteigt sie eben. Und er entzieht sich dadurch von vorneherein dem Zugriff unseres Denkens.

Weil Gott unsere vier Wirklichkeits-Dimensionen übersteigt, haben Zeit und die zeitliche Abfolge von Ereignissen (innerhalb der Raumzeit) für ihn keine Bedeutung. Deshalb ist Gott nicht kompatibel mit dem winzigen Ausschnitt, welchen der Mensch von der gesamten Realität erfasst: wir sind außerstande uns ein System zu erdenken, in welches Gott ‚hinein passt‘.
Doch vermitteln uns schon die Naturwissenschaften – beispielsweise die kosmische und die biologische Evolution2) – einen Eindruck davon, dass unsere ‚kleine Welt‘ wie auch das gesamte Universum noch nicht fertig sind, sondern sich in einem stetigen (zyklischen oder zielgerichteten?) Veränderungsprozess befinden.

Pierre Teilhard de Chardin

Pierre Teilhard de Chardin

Auch Pierre Teilhard de Chardin (1881-1955) forderte dazu auf, die Evolutionslehre der Biologie auch in anderen wissenschaftlichen Fachgebieten anzuwenden. Seine evolutive Weltschau versucht, das christliche Weltbild aus seiner vermeintlichen Gegensätzlichkeit zu den Naturwissenschaften zu lösen und so auf eine zukunftsweisende Basis zu stellen.
Diese Sichtweise umfasst, ähnlich wie bei Hans P. Dürr, sowohl Glauben als auch Wissenschaft und überbrückt gewissermaßen die Dualität von Materie und Geist.

Teilhards Ansichten stehen in einem Kontrast sowohl zu biblischem Fundamentalismus als auch zu einer dogmatischen, positivistischen Wissenschaftsgläubigkeit mit ihrer zweiwertigen Eins-oder-Null-Logik. Doch gerade in diesem Querdenken, dem Überwinden scheinbarer Gegensätze, liegt meines Erachtens der mögliche Weg aus unserer erkenntnis-theoretischen Sackgasse.
Die ‘Einigung der Welt’ durch Gott mittels Jesus im Zuge der Evolution beschreibt er so:

Auf welche Weise eint er [Gott] sie? Indem er […] die Führung und den Plan dessen übernimmt, was wir heute Evolution nennen. Als Prinzip universeller Lebenskraft hat Christus, indem er als Mensch unter Menschen erstanden ist, seine Stellung eingenommen, und er ist seit je dabei, den allgemeinen Aufstieg des Bewusstseins, in den er sich hineingestellt hat, unter sich zu beugen, zu reinigen, zu leiten, und aufs höchste zu beseelen.“Teilhard de Chardin: Der Mensch im Kosmos. 1959, Seite 305.

Von Teilhard stammt die entscheidende Mahnung, die göttliche Schöpfung sei nicht als abgeschlossen anzusehen, sondern als einen bis ans Ende der Zeit fortdauernden Prozess mit noch ungeahnten Ergebnissen. Dieser Prozess wirke sowohl in der physikalisch-biologischen Welt als auch in der geistigen Welt – weshalb nachvollziehbar wird, weshalb die Physik nicht ohne die Theologie bzw. den Glauben auskommt und umgekehrt.
Die vermeintlichen Gegensätze zwischen Schöpfung und Evolution lösen sich endlich auf, ohnehin existierten sie nur in unzulänglichen Sichtweisen der Menschen.

Nach der Evolutionslehre ist der Mensch in seiner gegenwärtigen Konstitution keineswegs die Krone der Schöpfung, aber doch etwas besonderes, ja einzigartiges. Die Evolution hat hat nur ein Lebewesen hervorgebracht, das nach seinem Ursprung fragt und z.T. in der Lage ist, die Regularien und Abläufe der Natur zu verändern.
Der Mensch allein erforscht die Welt, versucht sie zu verstehen und staunt doch über ihre Schönheit.

Werfen wir einen kurzen Blick auf die biblischen Schöpfungserzählungen:

  • Im 1. Schöpfungsbericht des AT, gleichsam ein Vorausblick, erschuf und vollendete Gott die Welt in sieben Tagen und stellte fest: „Alles ist gut.
  • Aber: Es schließt sich ein zweiter Bericht an, beginnend mit dem 6. Schöpfungstag – eine Rückblende in die in die Zeit noch nicht alles zur Vollendung gelangt ist: vieles ist noch nicht gut!
    Nirgendwo werde (außer in dem 1. Bericht, den man quasi als Vorspann betrachten könne…ähnlich wie in einem Film, der das Resultat der erst noch folgenden Handlung vorwegnimmt) davon berichtet, dass dieser Tag schon zu Ende ist.

Für Gott ist alles Werden schon vollendet, denn steht über der Zeit und hat das gesamte Geschehen seiner Schöpfung auf einmal im Blick – im Gegensatz zu uns:
Wir Menschen unterliegen der zeitlichen Abfolge und befinden uns offenbar noch im sechsten Schöpfungstag. Somit ist die Welt noch längst nicht fertig – von unserer Warte betrachtet. In ‚unserer‘ Welt existiert immer noch Unfertiges, Reste der einstigen Unordnung (‚Irrsal und Wirrsal‘, wie M. Buber schreibt) vom Anfang.
Dieses Chaos äußert sich im Kampf der Naturgewalten, den wir als Katastrophen wie Vulkanausbrüche, Erdbeben, Fluten und Klimaveränderungen erleben, die zu Leid und Tod führen.

Nach dieser Sichtweise entsteht Leid, weil für uns ‚in der Zeit Reisende‘ diese Schöpfung noch nicht vollendet und das Chaos ’noch nicht ganz‘ beseitigt ist.
Hm…jedoch scheint im Makrokosmos alles einen Zustand größtmöglicher Unordnung anzustreben, Ordnung ist kaum in Sicht. Es kommt wohl darauf an, wie Ordnung definiert wird – zudem können wir wiederum nur einen Ausschnitt des gesamten Prozesses erkennen, und das auch nur in Teilen.

„Die Welt will erst noch vollendet werden. Gott muß sie erst noch fertigstellen. Und die Bibel schildert es so: Wir müssen sie erst noch fertigstellen, denn Gott will sie anscheinend mit uns zusammen zur Vollendung bringen.“, so Dr. Sieger.

Gott mache den Menschen zum zum „Mitschöpfer“, denn er beabsichtige, die Welt mit uns zusammen fertig bauen. Dies impliziert zweierlei – Verantwortung und gestalterische Freiheiten. Nun darf man sich Fragen, ob die gegenwärtige Menschheit diesem Anspruch gerecht werden kann. In Einzelfällen ist dies sicherlich der Fall.
Die meisten Menschen müssten wohl noch vieles lernen und verinnerlichen, bevor sie dem Erschaffen und Erhalten einen größeren Wert beimessen als dem Zerstören bzw. Konsumieren. Auch wir sind noch ’nicht fertig‘ – nichts anderes entnehmen wir auch der Evolutionslehre.
Sollte dereinst ein Bewusstsein eintreten, in dem alle Menschen realisieren, dass sie an der gesamten Schöpfung aktiv teilhaben, dann würden sie den Wert dieses Geschenks auch zu schätzen wissen.
Liegt darin Gottes Absicht, dass der Mensch den mühevollen Prozess, die Schöpfung zur Vollendung mit „Schweiß, mit Ächzen und Stöhnen“ durchläuft, um zu wachsen?

„Leid gehört dazu, wenn Unfertiges fertig gestellt wird.“

Das können wir uns gegenwärtig noch nicht vorstellen, weshalb auch der Gedanke an Sterben und Tod mit Angst erfüllt:

Versucht man, das an sich unverständliche Leid von Menschen als Teil eines Wachstums- und Entwicklungsvorgangs begreifen, könnte sich ein Sinn daraus ergeben – unter einer Voraussetzung: Am Ende dieses Prozesses muss für alle bewussten Individuen eine positive Vollendung gewiss sein. Wenn auch nur ein ‚Ich‘ verloren ginge oder gar durch Gott einer zeitlosen Verdammnis ausgesetzt würde, wäre dessen Leiden vergeblich gewesen und die Sinngebung käme somit abhanden.
Wie lassen sich diese Überlegungen konkretisieren? Ist es möglich, daraus Handlungs-alternativen für unser eigenes, oft von Alltäglichkeit geprägtes Leben abzuleiten?

Nun ja – wenn es stimmt, dass unsere Welt keineswegs schon vollendet ist, so sollte für jeden von uns daraus die Intention erwachsen, an diesem Prozess in positiver Weise mitzuwirken…einen Beitrag zu leisten:

“Die  Zukunft  gehört denen, die der nachfolgenden Generation Grund zur Hoffnung geben!”

Siehe auch
Sich intensiver mit den Thesen Teilhards zu beschäftigen, der hier nur kurz erwähnt ist, lohnt sich. Es wird schnell deutlich, dass zu seinen Lebzeiten noch ein anderer Zeitgeist vorherrschte als heute; um seine Konflikte aus der Veröffentlichung seiner Erkenntnisse und Gedanken zwischen Glaube und Wissenschaft ist er nicht zu beneiden…

Anmerkung

  1. Fragestellung, wie Leid und Tod mit dem Glauben an einen guten, allwissenden und allmächtigen Gott vereinbar sein können.
  2. Begrenzt man die Evolutionstheorie nicht nur auf die biologische Phase der Evolution, sondern stellt ihr die kosmologische Evolution noch voran, hält sie intellektuellen Zweifeln eher stand. Offensichtlich kennzeichnet den langen Weg vom Urknall bis zum Menschen eine Entwicklung – d.h. ein evolutionärer Prozess, welcher zu einer höheren Komplexitä€t führt.
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