Theodizee: Gott und das Leid vieler Menschen

 
„Wenn diese Welt das Werk eines intelligenten Schöpfers ist,
dann sollte uns dieser Schöpfer all das einmal erklären.”

Wer in diesem Beitrag (oder generell auf den Seiten dieses Blogs) eine hinreichende Antwort auf die Frage „WARUM?“ sucht, wird leider enttäuscht werden.
Wie sollte mir etwas gelingen, was kaum ein Priester oder Psychologe zuwege bringt, der mit unverstandenem menschlichen Leid konfrontiert wird...

In der Begegnung mit Freunden, denen kürzlich ein großes Leid widerfahren ist, verzichte ich meist auf scheinbar tröstende Worte und folge dem Ratschlag ‚einfach mal die Klappe halten‘. Was könnte ich auch sagen oder tun – von einer Umarmung einmal abgesehen?

Die Kernfrage: Wie kann Gott das Leiden und Sterben von Kindern zulassen, sogar von Säuglingen?

Verschiedene Erklärungsansätze betonen stets, Gott selbst habe das Böse weder erschaffen noch gewollt hat und natürlich seien Ereignisse, wie der Tod von unschuldigen Kindern nicht Gottes Wille.

Doch wir Menschen waren Gott ungehorsam (Sündenfall), wollten unser eigener Herr sein und nicht auf Gottes Rat hören. Durch uns Menschen kam die Sünde in diese Welt.

Durch uns Menschen sei es erst möglich geworden, dass solche schrecklichen Momente überhaupt erst existieren konnten. Folglich liege die Verantwortung allein bei – auch die Schuld am Tod von unschuldigen Menschen.

Weiter komme ich in solchen Texten nicht, weil mir sonst die Hutschnur reißen würde. Ein „Wir“ kann es bei der Frage nach Schuld nicht geben (Ausnahme: gemeinschaftlich begangene Verbrechen). Die Lehre von Erbsünde und nahezu unendlicher Sippen-/Spezies-Haft ist für mich inakzeptabel. Ansichten, wonach Gott den Einzelnen für dessen persönliche Schuld straft, halte ich ebenfalls für unzutreffend – doch  immerhin vom Gedankengang für nachvollziehbar. Nur, auf kleine Kinder sind die Begrifflichkeiten von Schuld und Sünde noch nicht anwendbar.

Leider existiert eine kollektive Dimension von Versagen. Dass beispielsweise noch immer Menschen verhungern, ist nachweislich ein Resultat menschlichen Versagens: Lediglich 10 Prozent der jährlichen Militärausgaben (= 85 Milliarden € und mehr) weltweit würden ausreichen, jeder Person auf diesem Planeten ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen (mit Nahrung, sauberem Wasser, Kleidung und medizinischer Grundversorgung). Im Westen, im Osten sowie in Asien setzen die politischen Führer andere Prioritäten – ebenso wie wir als Wähler in einem demokratischen Staat: Eigener Wohlstand sowie das Gefühl von „Sicherheit“ gehen offensichtlich vor. Kurzum, Not und Krankheit gehen zu einem beträchtlichen Teil auf unser Versagen zurück.  Warum also Gott als „Lückenbüßer“ instrumentalisieren?

Sobald wir persönlich betroffen sind, wird der Tod oder das Leiden eines geliebten Menschen zur Tragödie. Die aufkeimenden Fragen nach dem Sinn von Leid, Tod und Krankheit vermag ich nicht beantworten – weshalb muss ein geliebter Mensch ‚zu früh‘ sterben? Wieso wird das Leben einer Familie auf einen Schlag radikal verändert? Warum wird ein Familienvater lange Zeit seines Lebens nicht mehr froh, nachdem ihm zuerst zwei Kinder und dann noch die Frau entrissen wurde?

Verallgemeinernd versucht Dr. Michael Schmidt-Salomon sich dieser Fragestellung zu nähern („Anatomie des erhobenen Zeigefingers„):

Er verweist zunächst auf eine TV-Dokumentation zu dem Terroranschlag auf das WTC in NewYork am 11.9.2001…darin wurde ein Feuerwehrmann gezeigt, …

‚…der, nachdem er tagelang nach Überlebenden gesucht und doch nur zerfetzte Leichenteile gefunden hatte, zu später Stunde seine Erfahrungen im Alkohol ertränkte und sich den Frust von der Seele redete.
Look around, man, just look around!…I tell you: There’s no fucking god, no fucking god anywhere!‚ “
Wie es schien, war für diesen Mann mit dem Zusammensturz des World Trade Center auch sein bisheriges Weltbild zusammengebrochen.

Viele Theologen und gläubige Personen würden statt dessen nach Begründungen suchen, warum ein gütiger, allmächtiger Gott (auch) dieses Desaster zugelassen habe. Denn für sie stelle die Existenz des Leidens kein plausibles Argument dar, das die Existenz Gottes in Frage stellen könnte.

„Im Gegenteil! Gerade die unleugbare Präsenz des Übels wird als bester Beleg für die allumfassende Güte und Weisheit Gottes gedeutet.“

So gesehen war es nur konsequent, wenn amerikanische Fernsehprediger nach dem 11. September 2001 schnelle Erklärungen zu zur Hand hatten – Gott habe ’seine schützende Hand von Amerika genommen‘ …die Gründe für die Strafaktion: zu viel Sex und zu wenig Frömmigkeit. Einer dieser TV-Prediger war der  baptistisch-fundamentalistische Pastor Jerry Falwell:

‚Falwell ging da mehr ins Detail. Er entdeckte die Schuldigen für die Katastrophe in der Bürgerrechtsbewegung, bei den Abtreibungsbefürwortern, den Schwulen und Atheisten. Falwell wörtlich: „Alle, die ihr mit geholfen habt, Amerika zu verweltlichen, ich zeige mit dem Finger direkt in euer Gesicht und sage: Ihr habt mit geholfen, dass das passiert!“ ‚

Das Problem an derart haarsträubenden Interpretationen: Es trifft auch die vermeintlich ‚falschen‘: Frömmigkeit war noch nie eine Garantie dafür, unbeschadet durchs Leben gehen zu dürfen!

In manchen Augenblicken verstehe ich die beklemmenden Zweifel an der Existenz Gottes – wer sich nicht mit derart vorschnellen Erklärungen zufrieden gibt, wird weiterhin Überlegungen anstellen: Unter welche Umständen bzw. Voraussetzungen kann eine plausible Einordnung von Tod, Krankheit und Leid zustande kommen? Ist dies jenseits idealisierter Exempel überhaupt denkbar?

Die Suche nach Erklärungen

Etliche theologische Modelle wollen die Tatsache unverschuldeten Leids vereinbar machen mit der Vorstellung eines gütigen, lebendigen Gottes. Stets spielt der freie Wille eine entscheidende Rolle bei solchen Überlegungen, warum eine von Gott geschaffene Welt ’so sei‘.
Dass
subjektive Bewertungskategorien wie ‘Gut’ und ‘Böse’ vom Menschen geschaffen wurden, ist ohne weiteres einsehbar – zumal die subjektive Bewertung eines konkreten Ereignisses stets im Kontext mit dem entstandenen Schaden für einen selbst oder andere gesehen wird.

Doch wie lassen sich schmerzhafte, entsetzlichen Ereignisse, oft zum Nachteil von Geschöpfen, die wir als ‘unschuldig’ betrachten, mit dem liebenden Gott vereinbaren, der sich nach christlicher Lehre selbst in der Bibel offenbart hat?

Die Gnostiker zogen sich auf einen Dualismus zurück, der sowohl einen Guten Gott als auch den Satan als dessen boshaften Gegenspieler und Ursache von allem Leid kennt. Für die Mehrzahl der Christen aber ist jener Satan auch ein Geschöpf Gottes. Ist folglich Gott nicht nur Urheber des Guten, sondern letztlich auch für alles Böse in der Welt verantwortlich?

Dieter Brand, der die Entstehung von Gottesglaube und Religionen als ‚größten Irrtum der Menschheit‚ beschreibt, hält das Abschieben der Verantwortung auf eine Gottheit für unzulässig:

„Klingt es nicht etwas abwegig, einem ewigen, allmächtigen, allwissenden Wesen, das alles erschaffen hat, eine Mitschuld am menschlichen Leid zuweisen zu wollen?Oder auch eine Hoffnung, dass es reparierend eingreifen soll, gar im Einzelfall?“

Auch abseits der Religionen

Selbstverständlich ist die Frage nach den Gründen für Schlechtes in dieser Welt nicht nur für jene Leute relevant, die einem bestimmten Glauben anhängen und viel über Gott nachdenken.
Wer annimmt, Leben und alles Geschehen beruhe nur auf Zufallsereignissen, kann und muss sich achselzuckend mit allem abfinden, was ihm außerhalb kausal erklärbarer Zusammenhänge widerfährt: ‚Das ist halt so. Da kann man nichts machen.‘ Wozu gegen das Unbeeinflussbare aufbegehren…

Kommt jedoch eine Gottheit oder ein übergeordnetes Prinzip ins Spiel, dann hat der Zufall als nichts sagende Erklärung für Alles ausgedient. Dann wird alles Geschehen – zumindest die Ereignisse, deren tiefere Ursache wir nicht erkennen – in einen Zusammenhang zu dieser übergeordneten Kraft gestellt.
So entsteht die Erwartung gemäß dem eingangs gewählten Zitat: „…dann sollte uns dieser Schöpfer all das einmal erklären.“

Tut er aber nicht – es sei denn, man wertet die religiösen Schriften als unantastbares Wort Gottes und akzeptiert sie als Erklärung. Mir persönlich will dies nicht gelingen.

 

Die Theodizee-Frage: Muss Gott sich rechtfertigen?

Der Begriff Theodizee („Rechtfertigung Gottes“) bezieht sich auf das Unverständnis darüber, wie Gott das in unserer Welt anzutreffende Übel und Leid zulassen könne.
Allgemein lässt sich das Theodizee-Problem so formulieren: Wenn es einen allwissenden, allmächtigen und moralisch perfekten Gott gibt, der die Welt erschaffen hat – wie kann es in dieser Welt dann Leid geben?

  • Wenn Gott allwissend ist, dann weiß er von allem Leid und ebenso, wie er es verhindern könnte,
  • wenn er allmächtig ist, dann könnte er alles Leid unterbinden oder wäre in der Lage, es in seiner Schöpfung erst gar nicht entstehen lassen,
  • wenn er moralisch perfekt ist, dann will er es auch verhindern.

„Wenn es Gott gibt, woher kommt das Böse? Doch woher kommt das Gute, wenn es ihn nicht gibt.“ Boethius

Stimmen diese Voraussetzungen, so scheint die faktische Präsenz von Leid mit der Existenz (eines gütigen) Gottes logisch unvereinbar zu sein. Gerade die christliche Religion stellt in höherem Maße als Islam und Mosaismus auf die Güte Gottes ab – impliziert die Eigenart der materiellen Schöpfung womöglich Umstände, dass in ihr ebenso Böses wie Gutes in einem Geflecht von Ursachen und Wirkungen eintreten kann?

Der Begriff der Theodizee geht auf den Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz zurück, wenngleich die Fragestellung schon bei den Sumerern (→ Atraḫasis-Epos) und in der Antike (→ Epikurs Dilemma1) existierte. Siehe auch: „Babylonische Theodizee – ein Streitgespräch über die Gerechtigkeit einer Gottheit“

Leibniz unterscheidet in seinem mehr als 840 Seiten umfassenden Werk „Abhandlungen zur Rechtfertigung (Théodicée) Gottes, über die Güte Gottes, die Freiheit des Menschen und den Ursprung des Übels“ drei Arten des Übels:

  • malum metaphysicum,
    das metaphysische Übel: das Geschaffene ist notwendig unvollkommen, da es sonst mit Gott identisch wäre,
  • malum physicum,
    das physische Übel: Schmerz und Leid sind notwendig, da sie vom Schädlichen abhalten und zum Nützlichen drängen
  • malum moraledas,
    moralische Übel: die zur Abwendung von Gott führende Sünde.

Leibniz‘ Lösung der Theodizeefrage

Leibniz bietet eine philosophische Lösung für die von ihm aufgeworfene Fragestellung an, die letztlich unterstellt, Gott habe aus der unendlichen Anzahl denkbarer Universen ‚aus gutem Grund‘ jenes Universum erwählt, welches er aus Vernunft als die beste Alternative erkannt hat (Prinzip vom zureichenden Grund):

„Unsere Schlüsse gründen sich auf zwei große Prinzipien: Das erste ist das Prinzip des Widerspruchs […]. Das zweite ist das Prinzip des zureichenden Grundes, in Kraft dessen wir der Ansicht sind, dass keine Tatsache wirklich oder existierend und auch keine Aussage wahr sein könne, ohne dass es einen zureichenden Grund dafür gäbe, dass jene so und nicht anders seien.“ (Monadologie, § 31 f.)

Kurz gesagt:

  • Es gibt unendlich viele mögliche Welten (Universen a).
  • Es ist nur dann möglich, dass Gott eine von diesen möglichen Welten zur Wirklichkeit verhilft, wenn es einen zureichenden Grund für ihn gibt, genau diese Welt zu wählen.
  • Gott hat „mit Notwendigkeit die beste Welt erwählt […], da er nichts ohne die höchste Vernunft tut“.

Diese existente Welt müsste also die beste aller möglichen Welten sein. Das widerspricht allerdings dem offensichtlichen Anschein: „Die Welt hätte ohne Sünde und Leiden sein können“. Dem hält Leibniz sinngemäß entgegen: Das ist vielleicht richtig, aber sie wäre dann nicht besser gewesen!
Hierbei finden mehrere Aspekte Beachtung:

  • Jede Veränderung hat (für uns oft unabsehbare) Konsequenzen für den ganzen Rest der Welt, d.h.: wenn irgendwo etwas verbessert wird, kann es sein, dass sich woanders Dinge verschlechtern; allein Gott könne alle Implikationen und Wechselwirkungen überschauen bzw. vorhersehen.
  • Es mag überraschen, doch nach Leibniz ist die Glückseligkeit der vernunftbegabten Individuen nicht Gottes einziges Ziel, nicht einmal sein höchstes.
  • Anders als wir Menschen mit unserer oft egoistischen Zielorientierung habe Gott die „Schönheit und Ordnung des Ganzen“ im Sinn – diese Ganzheit kann unsereins nur erahnen, wenn wir „auf irgendein in sich vollendetes Ganzes“ wie eine Pflanze, ein Tier oder einen Menschen blicken.

Der Anschein, dass die Welt hätte besser sein können, sei lediglich Ausdruck aus unserer sehr begrenzten (und stets subjektiven) Sichtweise – uns fehlt der ‚Überblick‘.

Zufriedenstellend ist dies kaum für uns Menschen, deren Ich doch meist für uns im Vordergrund steht. Dann geht es also nicht um uns als Individuen mit all unseren selbstbezogenen Ängsten und Sehnsüchten?

Die Theodizeefrage, wie Leibniz sie behandelt, lässt wichtige Aspekte unberücksichtigt – insbesondere Kausalität und Dynamik – sowie die Entscheidungsfreiheit vernunftbegabter Wesen. Wenn Gott als Schöpfer dem Menschen einen ‚freien Willen‘ verliehen hat, entsteht dadurch auch die Fähigkeit zu schädlichen Handlungen mit negativen Konsequenzen. Nach Leibniz gibt „Gott dem Menschen Vernunft; begleitweise geschieht dadurch Unheil“.
Gott beziehe hierbei die Zwecke des gesamten Universums mit ein; er erschaffe Vernunftwesen, wenn die Welt insgesamt dadurch besser wird, selbst wenn die Vernunft unter den Menschen mehr Übel anrichtet. Die Verantwortung für die Folgen seiner Handlungen liegt jedoch beim Menschen (als Individuum oder Gruppe) selbst – auch wenn diese Auswirkungen und Resultate nicht absehbar waren.

Vernunft kann missbraucht werden – doch könne Gott kann kein Vorwurf gemacht werden, dass er Vernunftwesen geschaffen hat; wohl aber den Menschen, die ihre Vernunft missbrauchen.
Eine Unfähigkeit zur Sünde (→ Thomas Mann, Doktor Faustus2) wäre mit der von Gott beabsichtigten uneingeschränkten Handlungs- und Entscheidungsfreiheit unvereinbar. Doch wie wäre es mit der (anzustrebenden, aber erreichbaren) Fähigkeit, ein integres, nicht schädigendes Verhalten konsequent zu leben?
Thomas Mann sieht eine gewisse „Unvollkommenheit der Allmacht und Allgüte Gottes“, der nicht alle wünschenswerten Eigenschaften im menschlichen Charakter habe integrieren können.

Zu hinterfragen ist, ob unsere uneingeschränkte Handlungsfreiheit überhaupt vorausgesetzt werden kann, schon im Hinblick auf unsere biochemische und seelische Natur.
Aus christlich-theologischer Sicht hätte Gott durch einen einfachen Entzug der Willensfreiheit das Übel aus der Welt schaffen können, dadurch aber die Menschen zu bloßen Marionetten seines Willens degradiert. Statt dessen erhalte der Mensch immerhin Gottes Unterstützung bei der Gestaltung seines Daseins. Durch Warnungen und Gebote bietet der Schöpfer ein Verhaltenskonzept an, dessen Beachtung die schädlichen Handlungsfolgen wenigstens begrenzt werden können.
Freilich kommen drakonische Verhaltenskorrekturen (wie z.B. die Sintflut) vor, welche es erschweren, das Konzept göttlicher Gerechtigkeit wirklich zu verstehen.

 

Leid in der Überlieferung des A.T.

Im Alten Testament wird die Anschauung verdeutlicht, dass ‘Tun und Ergehen’ (menschliches Handeln und alles, was einer Person oder Gruppe als Folge davon widerfährt) der Menschen einander entsprechen:

  • Wer nicht gerecht, integer, gemeinschafts- und natürlich gottestreu handelt, errichtet um sich eine unsichtbare ‚Unheilssphäre‘, die einst auf ihren Urheber negativ zurückwirken wird.
  • Umgekehrt ist jemand, der Gutes tut, auch mit einer ‚guten Heilssphäre‘ ausgestattet, die ebenfalls ihre Wirkung entfaltet. Damit wird in biblischer Überlieferung Leiden häufig (aber nicht immer) als notwendige Folge eigener Verschuldungen dargestellt, die sich mit oder ohne Einwirken Gottes negativ auswirken können.

Dieses Verständnis erreichte bei den Chronisten des A.T. seinen Höhepunkt mit der allgemein akzeptierten Deutung der Zerstörung Jerusalems und des Exils als „gerechte“ Strafe für Israels Abfall vom in den mosaischen Gesetzen gebotenen Monotheismus.
Ausnahmen von diesem Regelmechanismus existieren auch im biblischen Kontext: Leid kann dem Menschen auch dann (mit Gottes ausdrücklicher Billigung) widerfahren, wenn dieser sich nach Gottes Geboten richtet und auch sonst kein schädliches Verhalten an den Tag legt:

Man denke nur an die Erzählung von Hiob, der ein gerechter und wohlhabender Mann war, bevor er zum Gegenstand einer bizarren Wette zwischen Gott und dem Satan wurde. Als Gott sich erfreut über die Frömmigkeit Hiobs zeigt, wendet der Satan ein, diese sei ja angesichts dessen materiellen Wohlstands billig erkauft – eine These, die es zu überprüfen gilt. Hiob verliert seinen gesamten Besitz und alle seine Söhne und Töchter finden den durch Krieg und Naturkatastrophen den Tod (→Hiob 1,16-17), aber er hält seinem Gott weiterhin uneingeschränkt die Treue:

„Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen,
der Name des Herrn sei gepriesen.” Hiob 1,21

Satan hatte im Verlauf seiner Wette mit Gott bezweifelt, ob Hiobs Glauben und Gottestreue bestehen bleibe, wenn seine körperliche Unversehrtheit angetastet werde.

Selbst als Hiob schwer erkrankt und mit schmerzhaften Geschwüre am ganzen Körper heimgesucht wird, lässt er sich nicht vom Glauben an Gottes Macht und Größe abbringen – seine Frau bedrängt ihn vergeblich, Gott abzuschwören.
Seine Freunde folgen starr der Sicht von Ursache und Wirkung (gerechter Strafe Gottes) und unterstellen indirekt, Hiob werde wohl schwere Schuld auf sich geladen und sich die harte Bestrafung eingehandelt haben.
Hiob reagiert enttäuscht und gekränkt: stets habe er seinem Gott die Treue gehalten und dessen Gebote befolgt. Doch er ist am Ende seiner Kraft, sein Lebensmut schwindet in dem Maße, wie er die Nichtigkeit des Menschen realisiert. Nur einen schnellen Tod wünscht er sich noch:

„Noch hatte ich nicht Frieden, noch nicht Ruhe, noch keine Rast, da kam schon wieder Ruhelosigkeit.“ Hiob 3,26

Schließlich wendet Hiob sich verzweifelt und verbittertem Unverständnis in Gebeten und Fragen an Jahwe. Nun endlich spricht Gott zu ihm, lehrt ihm die göttliche Größe und Allmacht und enthebt ihn des Fluchs. Hiob wird mit einem langen Leben gesegnet, bekommt noch einmal zehn Kinder und erhält seinen weltlichen Besitz doppelt zurück.
Von Satan ist zum Ende des Buches Hiob nicht mehr die Rede – man könnte fast meinen, er kommt mit einem ‘Unentschieden’ davon.

Von Jahwe wird in dieser Erzählung kein sehr souveränes Bild vermittelt – er wird dargestellt als eitler Despot, der sich am bedingungslosen Gehorsam seines ‚Knechts‘ berauscht.
Zwar wird Hiob materiell entschädigt – aber seine seine erste Familie ist verstorben – wegen einer Wette.

Theologen interpretieren Hiobs Schicksal nicht selten als Vorbild und Aufruf zur von Demut vor Gottes unergründlichem Ratsschluss. Anstatt angesichts ärgster, unverdienter Schicksalsschläge zu verzweifeln, solle man stets an Gott und seine Gerechtigkeit glauben.

Der leidende Mensch werde durch Gott geprüft, dies mache ihn zu etwas Besonderem gegenüber jenen, denen derartige Prüfung erspart bleiben. Das bis hierhin unbefriedigende Fazit: „Erst aus dem Leiden entsteht wahre Größe.“
Vor diesem Hintergrund wird das Leiden Hiobs werden als eine Vorstufe im A.T zur Leidensgeschichte und Auferstehung Jesu angesehen.

Zwingt Gott uns, aufzubegehren?

In seinem Buch „Der Dämon und Fräulein Prym“ (das m.E. die Frage der Theodizee zum Hauptgegenstand hat) stellt Paulo Coelho folgende Fragestellung in den Raum (→ Inhaltsangabe s.u.):
Hiob sehe sich vor eine Macht gestellt, die er nicht mehr versteht, nachdem er sie zuvor für die absolute Gerechtigkeit gehalten hat. Jetzt nimmt sie ihm aber das Vieh, tötet seine Kinder und verunstaltet seinen Körper mit Geschwüren.

Erst als Hiob, nachdem er entsetzlich gelitten hat, gegen Gott aufbegehrt, gibt dieser ihm zurück, was er ihm genommen hat.
Straft Gott etwa jene Menschen, die alles ohne Murren und Widerspruch hinnehmen ohne aufzubegehren? Verdienen die ‚braven Schafe‘ es geradezu, alles zu verlieren, was ihnen lieb ist? Will Gott uns zwingen, gegen manche Lebensumstände aufzubegehren – so wie er Hiob zur Auflehnung gezwungen hat?

„Warum hat Gott Hiob gezwungen, dies zu tun? Um zu beweisen, daß er von Natur aus schlecht war und daß er alles nur aus göttlicher Gnade und nicht aufgrund seines guten Verhaltens bekommen hatte. […]
‚Niemand ist gut‘, sagt der Herr. Niemand. Wir sollten aufhören, eine Güte vorzuspielen, die Gott beleidigt, und sollten unsere Fehler akzeptieren. Wenn es eines Tages notwendig sein sollte, mit dem Dämon eine Wette einzugehen, sollten wir uns daran erinnern, dass unser Gott im Himmel dies getan hat, um die Seele seines Knechtes Hiob zu retten.

„Wie im richtigen Leben“

Abweichend zur theologischen Betrachtungsweise zeigt Hiobs Geschichte eine ernüchternde Parallele zum Leben vieler Menschen auf – denen Übles widerfährt, obwohl sie sich korrekt und integer verhalten.
Wir müssen wohl oder übel hinnehmen, dass sich ‘Tun und Ergehen’ einander nicht 1:1 entsprechen und dass wir schon die kausalen Zusammenhänge nicht treffend beschreiben können.
Das Gesetz der Kausalität wird dadurch nicht widerlegt – im Gegenteil. Die weitläufige Komplexität verschiedenster Ursachen und Wirkungen kann nicht auf eine überschaubare Anzahl von transparenten Abhängigkeiten reduziert werden – und schon gar nicht auf die Erlebniswelt eines einzelnen Individuums in einer einzigen Lebensspanne.

Aus der Interaktion von Umständen und Personen unseres Umfelds entsteht ein Gefüge von Ursachen, die sich zeitlich und sachlich unvorhersehbar auf unser Leben auswirken.

Freilich bildet unser eigenes Verhalten (das Ausüben von Optionen) einen wichtigen Teil dieses Gefüges und erlangt erhebliche Bedeutung auf alles, was uns früher oder später widerfährt.
Ungesunde Ernährung und Bewegungsarmut erhöhen die Wahrscheinlichkeit von Krankheiten und vermindern auf lange Sicht die Lebenserwartung. Es wäre pure Selbsttäuschung, wollten wir auch dafür Gott verantwortlich machen.

Weitere Konsequenzen entstehen aus unserem Verhalten als Gemeinschaft sowie als biologische Spezies – auch diese sollten wir nicht Gott in die Schuhe schieben wollen. Spannender ist m.E. die Frage, ob und wie Gott uns zur Seite steht – trotz unseres unverbesserlichen (?) Naturells. Wenn er uns als von Anfang an vollkommene Engel gewollt hätte, dann hätte er uns als solche erschaffen…

***

Ergänzungen/Anmerkungen

a) Auf dieser Grundidee, dass eine Vielzahl (‚zehn hoch 500‘) möglicher Universen existiert, von denen wir das für uns im am besten geeigneten Universum entwickelt haben, basiert auch Stephen Hawkings Buch ‚Der große Entwurf‚. Der Physiker kommt bei der Darstellung seiner ‚M-Theorie‘ freilich ohne Gott aus..

1) Epikurs Dilemma:

Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht, oder er kann es nicht und will es nicht, oder er kann es und will es. Wenn er nun will und nicht kann, so ist er schwach, was auf Gott nicht zutrifft. Wenn er kann und nicht will, dann ist er missgünstig, was ebenfalls Gott fremd ist. Wenn er nicht will und nicht kann, dann ist er sowohl missgünstig wie auch schwach und dann auch nicht Gott. Wenn er aber will und kann, was allein sich für Gott geziemt, woher kommen dann die Übel und warum nimmt er sie nicht weg?

2) Thomas Mann (im Doktor Faustus)

„Das Böse, der Böse [war] selbst ein notwendiger Ausfluss und ein unvermeidliches Zubehör der heiligen Existenz Gottes selbst; wie denn auch das Laster nicht aus sich selbst bestand, sondern seine Lust aus der Besudelung der Tugend zog, ohne welches es wurzellos gewesen wäre; anders gesagt: es bestand in dem Genuss der Freiheit, d.h. der Möglichkeit, zu sündigen, die dem Schöpfungsakt selbst inhärent war.
Hierin drückt sich eine gewisse logische Unvollkommenheit der Allmacht und Allgüte Gottes aus, denn was er nicht gekonnt hatte, war, der Kreatur, also dem, was er aus sich entließ, und was nun außer ihm war, die Unfähigkeit der Sünde anzuschaffen. Dies hätte geheißen, dem Geschaffenen den freien Willen vorzuenthalten, sich von Gott abzukehren, – was eine unvollkommene, ja überhaupt keine Schöpfung und Entäußerung Gottes gewesen wäre.“

Siehe auch

Dieser Beitrag wurde unter Bibel, Christentum, Glaube, Religionen abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten auf Theodizee: Gott und das Leid vieler Menschen

  1. Pingback: Stichwort: Prozesstheologie | Kern des Lebens

  2. Pingback: War die Kreuzigung Jesu notwendig? | Kern des Lebens

  3. Pingback: Eine unfertige, noch unvollkommene Welt? | Seltsam ist der Mensch, wenn er seine Götter sucht

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.