Theodizee: Gott und das Leid vieler Menschen

«Der Tod kommt immer zu früh oder zu spät.»
Sobald wir persönlich betroffen sind, werden der Tod oder das Leiden eines geliebten Menschen zur Tragödie. Weshalb wird das Leben einer Familie auf einen Schlag radikal verändert? Warum muss es ‚vorzeitige Tode‘ geben, während manch ein/e schwerstkranke Greis/in nur noch dankbar für eine erlösende Abberufung wäre?
Derartige Fragen nach dem Sinn von Leid, Krankheit und Tod lassen sich erörtern, aber nur sehr schwer abschließend beantworten – w
er in diesem Beitrag (oder generell auf den Seiten dieses Blogs) eine rundum zufriedenstellende Antwort auf die Frage „Warum lässt Gott all das Leid zu?“ sucht, wird leider enttäuscht werden.


Die Kernfrage: Wie kann Gott das Leiden und Sterben von Kindern zulassen, sogar von Säuglingen?

Für Atheisten liegt die Antwort auf der Hand: Für sie existiert dieser Gott nicht, die Verweise auf ‹unergründliche Ratsschlüsse› eines Schöpfers betrachten sie als billige, weil naturgemäß unbeweisbare Ausflüchte von Theisten. Also sei die Ursache für Leid ausschließlich in der naturgesetzlich vorgegebenen Kausalität zu suchen:

  • Eine tödliche Infektion wird durch Viren/Bakterien verursacht und durch ein geschwächtes Immunsystem zusätzlich begünstigt.
  • Ein genetischer Defekt resultiert aus einem Rekombinationsfehler in der DNA oder durch äußere Einwirkungen wie Umweltgifte oder Strahlung,
  • und ein schwerer Verkehrsunfall entsteht aus menschlichem Versagen oder ggf. einen Materialfehler.

So lasse sich die Frage nach den Gründen und Ursachen für unerfreuliche Ereignisse abschließend beantworten – Punkt.

Damit wird nicht zufrieden geben, wer an einen allmächtigen, gütigen und allwissenden Gott glaubt oder dessen Existenz immerhin für wahrscheinlich erachtet. Apologetisch angelegte Erklärungsversuche (→ Beispiel) betonen gerne, Gott selbst habe das Böse weder erschaffen noch gewollt und natürlich seien Ereignisse, wie der Tod von unschuldigen Kindern nicht Gottes Wille.

Doch wir Menschen waren Gott ungehorsam (Sündenfall), wollten unser eigener Herr sein und nicht auf Gottes Rat hören. Durch uns Menschen kam die Sünde in diese Welt.

Durch ‚unser‘ Verschulden sei es erst möglich geworden, dass solche schrecklichen Momente überhaupt erst existieren konnten. Folglich liege die Verantwortung allein bei – auch die Schuld am Tod von unschuldigen Menschen.

Viel weiter komme ich in solchen Texten nicht, weil mir sonst die Hutschnur reißen würde. Ein „Wir“ kann es bei der Frage nach Schuld nicht geben (Ausnahme: gemeinschaftlich begangene Verbrechen). Die Lehre von der Erbsünde und nahezu unendlicher Sippen-/Spezies-Haft ist für mich bei wortgetreuer Auslegung inakzeptabel – wenngleich sich eine Art ‚anthropologischer Sündenfall‚ durch die Sesshaftwerdung des Menschen durchaus konstruieren lässt.
Die Auffassung, Gott bestrafe den Einzelnen für dessen persönliche Vergehen und Versäumnisse, halte ich ebenfalls für unzutreffend – doch vom Gedankengang
immerhin für nachvollziehbar. In keinem Fall sind die Begrifflichkeiten von Schuld und Sühne sind auf kleine Kinder anwendbar – viele von ihnen sind dennoch unaussprechlichem Leid ausgesetzt.

Leider existiert jedoch eine kollektive Dimension von Versagen. Noch immer verhungern Menschen – mit lediglich 10 Prozent der jährlichen Militärausgaben weltweit (= 85 Milliarden € und mehr) ließe sich jeder Person auf diesem Planeten ein menschenwürdiges Leben ermöglichen (mit Nahrung, sauberem Wasser, Kleidung und medizinischer Grundversorgung). Politische FührerInnen setzen erkennbar andere Prioritäten – ebenso wie wir als Wähler in demokratischen Staaten: Eigener Wohlstand sowie das Gefühl von militärischer „Sicherheit“ gehen offensichtlich vor. ⇒ Not und Krankheiten gehen zu einem beträchtlichen Teil auf unser Versagen als Spezies zurück. Warum also Gott als „Lückenbüßer“ instrumentalisieren?


Gottes schützende Hand? Wer wird geschützt – und wer nicht?

Verallgemeinernd versucht Dr. Michael Schmidt-Salomon sich dieser Fragestellung zu nähern (→ «Anatomie des erhobenen Zeigefingers  – Wie man Gott entschuldigt und die Menschen an sich bindet»):
Er verweist zunächst auf eine TV-Dokumentation zu dem Terroranschlag auf das WTC in New York am 11.9.2001: Feuerwehrmann […] ‹der, nachdem er tagelang nach Überlebenden gesucht und doch nur zerfetzte Leichenteile gefunden hatte, zu später Stunde seine Erfahrungen im Alkohol ertränkte und sich den Frust von der Seele redete.

«Look around, man, just look around!…I tell you: There’s no fucking god, no fucking god anywhere!»› Wie es schien, war für diesen Mann mit dem Zusammensturz des World Trade Center auch sein bisheriges Weltbild zusammengebrochen.

Auch nach 9/11 taugte die Existenz des Leidens für manche Theologen nicht als Argument, um die Existenz Gottes in Frage zu stellen: «Im Gegenteil! Gerade die unleugbare Präsenz des Übels wird als bester Beleg für die allumfassende Güte und Weisheit Gottes gedeutet.»

Auf reichlich verdrehte Weise war es nur konsequent, als amerikanische Fernsehprediger nach dem 11. September 2001 rasch mit der ‹Leid-als-Strafe›-These bei der Hand – Gott habe ’seine schützende Hand von Amerika genommen‘ …wegen zu viel Sex und zu wenig Frömmigkeit. Einer dieser TV-Prediger war der baptistisch-fundamentalistische Pastor Jerry Falwell:

«…Falwell ging da mehr ins Detail. Er entdeckte die Schuldigen für die Katastrophe in der Bürgerrechtsbewegung, bei den Abtreibungsbefürwortern, den Schwulen und Atheisten. Falwell wörtlich: ‹Alle, die ihr mit geholfen habt, Amerika zu verweltlichen, ich zeige mit dem Finger direkt in euer Gesicht und sage: Ihr habt mit geholfen, dass das passiert!›»

Wenn ich so etwas lese, fasse ich mir an den Kopf. Derart haarsträubende Interpretationen wecken bestenfalls Zweifel an Gottes Gerechtigkeit → Es trifft auch die vermeintlich ‚falschen‘: Frömmigkeit war noch nie eine Garantie dafür, unbeschadet durchs Leben gehen zu dürfen!

«Wenn diese Welt das Werk eines intelligenten Schöpfers ist,
dann sollte uns dieser Schöpfer all das einmal erklären.»

Beklemmende Zweifel an der Existenz Gottes sind – gerade im Angesicht von Leid und Tod – gut nachzuvollziehen. Wer sich nicht mit vorschnellen Erklärungen wie Falwell’s Strafszenario zufrieden gibt, wird weitergehende Überlegungen anstellen: Unter welchen Umständen bzw. Voraussetzungen kann eine plausible Einordnung von Tod, Krankheit und Leid überhaupt gedacht werden?

Die Suche nach Erklärungen

In Vorstellungen von einem gütigen, lebendigen Gott spielt vielfach die Freiheit – des menschlichen Willens und auch der gesamten Schöpfung – eine wichtige Rolle bei Überlegungen, warum eine von Gott geschaffene Welt ’so sei‘. Die Tatsache unverschuldeten Leids erwachse aus den von Gott uneingeschränkt zugestandenen Freiheitsgraden. Aus dem Ge- bzw. Missbrauch der Freiheit mag so manches Übel erwachsen, doch wie lassen sich schmerzliche Ereignisse mit dem liebenden Gott der Christen vereinbaren, welche über ‚unschuldige‘ Geschöpfe hereinbrechen?

Die Gnostiker zogen sich auf einen Dualismus zurück, der sowohl einen Guten Gott als auch den Satan als dessen boshaften Gegenspieler und Ursache von allem Leid kennt. Für die Mehrzahl der Christen aber ist jener Satan auch ein Geschöpf Gottes. Ist folglich Gott nicht nur Urheber des Guten, sondern letztlich auch für alles Böse in der Welt verantwortlich?

Dieter Brand, der die Entstehung von Gottesglaube und Religionen als ‚größten Irrtum der Menschheit‚ beschreibt, hält jedes Abschieben der Verantwortung auf eine Gottheit für unzulässig:

„Klingt es nicht etwas abwegig, einem ewigen, allmächtigen, allwissenden Wesen, das alles erschaffen hat, eine Mitschuld am menschlichen Leid zuweisen zu wollen? Oder auch eine Hoffnung, dass es reparierend eingreifen soll, gar im Einzelfall?“

Auch abseits der Religionen

Selbstverständlich ist die Frage nach den Gründen für Schlechtes in dieser Welt nicht nur für jene Leute relevant, die einem bestimmten Glauben anhängen und/oder viel über Gott nachdenken.
Kommt jedoch eine Gottheit oder ein übergeordnetes Prinzip ins Spiel, so wird anstelle des Zufalls als letztgültige Erklärung alles Geschehen in einen Bedeutungszusammenhang mit dieser übergeordneten Kraft gestellt.

So entsteht die Erwartung „…dann sollte uns dieser Schöpfer all das einmal erklären.“ – Tut er aber nicht – es sei denn, man wertet die religiösen Schriften als unantastbares Wort Gottes und akzeptiert sie als Erklärung. Mir persönlich will dies nicht gelingen.

 

Die Theodizee-Frage: Muss Gott sich rechtfertigen?

Theodizee (‹Gerechtigkeit Gottes› oder ‹Rechtfertigung Gottes›) umfasst verschiedene Antwortversuche auf die Frage: Wenn es einen allwissenden, allmächtigen und moralisch perfekten Gott gibt, der die Welt erschaffen hat – wie kann es in dieser Welt dann Leid geben?  Im christlichen Kontext kann zudem die gegenwärtige Positionierung Jesu Christi in Bezug auf solches Leid hinterfragt werden.

  • Ist Gott allwissend, so weiß er von allem Leid und ebenso, wie er es verhindern könnte,
  • wenn er allmächtig ist, dann könnte er alles Leid unterbinden oder wäre in der Lage, es in seiner Schöpfung erst gar nicht entstehen lassen,
  • Ist er moralisch perfekt (natürlich nach menschlichem Maßstab), dann will er es auch verhindern.

«Wenn es Gott gibt, woher kommt das Böse?
Doch woher kommt das Gute, wenn es ihn nicht gibt?» (Boethius)

Stimmen diese Voraussetzungen, so scheint die faktische Präsenz von Leid mit der Existenz (eines gütigen) Gottes logisch unvereinbar zu sein. Gerade die christliche Religion stellt in höherem Maße als Islam und Mosaismus auf die Güte Gottes ab – impliziert die Eigenart der materiellen Schöpfung womöglich Umstände, dass in ihr ebenso Böses wie Gutes in einem Geflecht von Ursachen und Wirkungen eintreten kann?

Der Begriff der Theodizee geht auf den Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz zurück, wenngleich die Fragestellung schon bei den Sumerern (→ Atraḫasis-Epos) und in der Antike (→ Epikurs Dilemma1) existierte. Siehe auch: „Babylonische Theodizee – ein Streitgespräch über die Gerechtigkeit einer Gottheit“

Leibniz unterscheidet in seinem mehr als 840 Seiten umfassenden Werk «Abhandlungen zur Rechtfertigung (Théodicée) Gottes, über die Güte Gottes, die Freiheit des Menschen und den Ursprung des Übels» drei Arten des Übels:

  • malum metaphysicum,
    das metaphysische Übel: das Geschaffene ist notwendig unvollkommen, da es sonst mit Gott identisch wäre,
  • malum physicum,
    das physische Übel: Schmerz und Leid sind notwendig, da sie vom Schädlichen abhalten und zum Nützlichen drängen
  • malum moraledas,
    moralische Übel: die zur Abwendung von Gott führende Sünde.

Leibniz‘ Lösung der Theodizeefrage

Leibniz bietet eine philosophische Lösung für die von ihm aufgeworfene Fragestellung an, die letztlich unterstellt, Gott habe aus der unendlichen Anzahl denkbarer Universen ‚aus gutem Grund‘ jenes Universum erwählt, welches er aus Vernunft als die beste Alternative erkannt hat (Prinzip vom zureichenden Grund):

«Unsere Schlüsse gründen sich auf zwei große Prinzipien: Das erste ist das Prinzip des Widerspruchs […]. Das zweite ist das Prinzip des zureichenden Grundes, in Kraft dessen wir der Ansicht sind, dass keine Tatsache wirklich oder existierend und auch keine Aussage wahr sein könne, ohne dass es einen zureichenden Grund dafür gäbe, dass jene so und nicht anders seien.» (Monadologie, § 31 f.)

Kurz gesagt:

  • Es gibt unendlich viele mögliche Welten (Universena).
  • Es ist nur dann möglich, dass Gott eine von diesen möglichen Welten zur Wirklichkeit verhilft, wenn es einen zureichenden Grund für ihn gibt, genau diese Welt zu wählen.
  • Gott hat „mit Notwendigkeit die beste Welt erwählt […], da er nichts ohne die höchste Vernunft tut“.

Diese existente Welt müsste also die beste aller möglichen Welten sein. Das widerspricht allerdings dem offensichtlichen Anschein: „Die Welt hätte ohne Sünde und Leiden sein können“. Dem hält Leibniz sinngemäß entgegen: Das ist vielleicht richtig, aber sie wäre dann nicht besser gewesen!
Hierbei finden mehrere Aspekte Beachtung:

  • Jede Veränderung hat (für uns oft unabsehbare) Konsequenzen für den ganzen Rest der Welt, d.h.: wenn irgendwo etwas verbessert wird, kann es sein, dass sich woanders Dinge verschlechtern; allein Gott könne alle Implikationen und Wechselwirkungen überschauen bzw. vorhersehen.
  • Es mag überraschen, doch nach Leibniz ist die Glückseligkeit der vernunftbegabten Individuen nicht Gottes einziges Ziel, nicht einmal sein höchstes.
  • Anders als wir Menschen mit unserer oft egoistischen Zielorientierung habe Gott die „Schönheit und Ordnung des Ganzen“ im Sinn – diese Ganzheit kann unsereins nur erahnen, wenn wir „auf irgendein in sich vollendetes Ganzes“ wie eine Pflanze, ein Tier oder einen Menschen blicken.

Der Anschein, dass die Welt hätte besser sein können, sei lediglich Ausdruck aus unserer sehr begrenzten (und stets subjektiven) Sichtweise – uns fehlt der ‚Überblick‘.

Zufriedenstellend ist dies kaum für uns Menschen, deren Ich doch meist für uns im Vordergrund steht. Dann geht es also nicht um uns als Individuen mit all unseren selbstbezogenen Ängsten und Sehnsüchten?

Die Theodizeefrage, wie Leibniz sie behandelt, lässt wichtige Aspekte unberücksichtigt – insbesondere Kausalität und Dynamik – sowie die Entscheidungsfreiheit vernunftbegabter Wesen. Wenn Gott als Schöpfer dem Menschen einen ‚freien Willen‘ verliehen hat, entsteht dadurch auch die Fähigkeit zu schädlichen Handlungen mit negativen Konsequenzen. Nach Leibniz gibt „Gott dem Menschen Vernunft; begleitweise geschieht dadurch Unheil“.
Gott beziehe hierbei die Zwecke des gesamten Universums mit ein; er erschaffe Vernunftwesen, wenn die Welt insgesamt dadurch besser wird, selbst wenn die Vernunft unter den Menschen mehr Übel anrichtet. Die Verantwortung für die Folgen seiner Handlungen liegt jedoch beim Menschen (als Individuum oder Gruppe) selbst – auch wenn diese Auswirkungen und Resultate nicht absehbar waren.

Vernunft kann missbraucht (und missachtet) werden – doch könne Gott dann kein Vorwurf gemacht werden, dass er Vernunftwesen geschaffen hat; wohl aber den Menschen, die ihre Vernunft missbrauchen.
Eine Unfähigkeit zur Sünde (→ Thomas Mann, Doktor Faustus2) wäre mit der von Gott beabsichtigten uneingeschränkten Handlungs- und Entscheidungsfreiheit unvereinbar. Doch wie wäre es mit der (anzustrebenden, aber erreichbaren) Fähigkeit, ein integres, nicht schädigendes Verhalten konsequent zu leben? In diesem Punkt versagen wir doch alle, in unterschiedlichem Ausmaß.
Thomas Mann sieht eine gewisse „Unvollkommenheit der Allmacht und Allgüte Gottes“, der nicht alle wünschenswerten Eigenschaften im menschlichen Charakter habe integrieren können.

Zu hinterfragen ist, ob unsere uneingeschränkte Handlungsfreiheit überhaupt vorausgesetzt werden kann, schon im Hinblick auf unsere biochemische und seelische Natur.
Aus christlich-theologischer Sicht hätte Gott durch einen einfachen Entzug der Willensfreiheit das Übel aus der Welt schaffen können, dadurch aber die Menschen zu bloßen Marionetten seines Willens degradiert. Statt dessen erhalte der Mensch immerhin Gottes Unterstützung bei der Gestaltung seines Daseins. Durch Warnungen und Gebote bietet der Schöpfer ein Verhaltenskonzept an, dessen Beachtung die schädlichen Handlungsfolgen wenigstens begrenzt werden können.
Freilich kommen drakonische Verhaltenskorrekturen (wie z.B. die Sintflut) vor, welche es erschweren, das Konzept göttlicher Gerechtigkeit wirklich zu verstehen.

 

Leid in der Überlieferung des A.T.

Im Alten Testament wird die Anschauung verdeutlicht, dass ‘Tun und Ergehen’ (menschliches Handeln und alles, was einer Person oder Gruppe als Folge davon widerfährt) der Menschen einander entsprechen:

  • Wer nicht gerecht, integer, gemeinschafts- und natürlich gottestreu handelt, errichtet um sich eine unsichtbare ‚Unheilssphäre‘, die einst auf ihren Urheber negativ zurückwirken wird.
  • Umgekehrt ist jemand, der Gutes tut, auch mit einer ‚guten Heilssphäre‘ ausgestattet, die ebenfalls ihre Wirkung entfaltet. Damit wird in biblischer Überlieferung Leiden häufig (aber nicht immer) als notwendige Folge eigener Verschuldungen dargestellt, die sich mit oder ohne Einwirken Gottes negativ auswirken können. So langsam wird klar, woher J. Falwell (s.o.) seine fragwürdigen Leid-ist-Strafe-Vorstellungen beziehen könnte.

Dieses Verständnis erreichte bei den Chronisten des A.T. seinen Höhepunkt mit der allgemein akzeptierten Deutung der Zerstörung Jerusalems und des Exils als „gerechte“ Strafe für Israels Abfall vom in den mosaischen Gesetzen gebotenen Monotheismus.
Ausnahmen von diesem Regelmechanismus existieren im biblischen Kontext ebenfalls: Leid kann dem Menschen auch dann (mit Gottes ausdrücklicher Billigung) widerfahren, obwohl dieser sich nach Gottes Geboten richtet und auch sonst kein schädliches Verhalten an den Tag legt:

Man denke nur an die Erzählung von Hiob, der ein gerechter und wohlhabender Mann war, bevor er zum Gegenstand einer bizarren Wette zwischen Gott und dem Satan wurde. Als Gott sich erfreut über die Frömmigkeit Hiobs zeigt, wendet der Satan ein, diese sei ja angesichts dessen materiellen Wohlstands billig erkauft – eine These, die es zu überprüfen gilt. Hiob verliert seinen gesamten Besitz und alle seine Söhne und Töchter finden den durch Krieg und Naturkatastrophen den Tod (→Hiob 1,16-17), aber er hält seinem Gott weiterhin uneingeschränkt die Treue:

«Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen,
der Name des Herrn sei gepriesen.» [Hiob 1,21]

Satan hatte im Verlauf seiner Wette mit Gott bezweifelt, ob Hiobs Glauben und Gottestreue bestehen bleibe, wenn seine körperliche Unversehrtheit angetastet werde.

Selbst als Hiob schwer erkrankt und mit schmerzhaften Geschwüre am ganzen Körper heimgesucht wird, lässt er sich nicht vom Glauben an Gottes Macht und Größe abbringen – seine Frau bedrängt ihn vergeblich, Gott abzuschwören.
Seine Freunde folgen starr der Sicht von Ursache und Wirkung (gerechter Strafe Gottes) und unterstellen indirekt, Hiob werde wohl schwere Schuld auf sich geladen und sich die harte Bestrafung eingehandelt haben.
Hiob reagiert enttäuscht und gekränkt: stets habe er seinem Gott die Treue gehalten und dessen Gebote befolgt. Doch er ist am Ende seiner Kraft, sein Lebensmut schwindet in dem Maße, wie er die Nichtigkeit des Menschen realisiert. Nur einen schnellen Tod wünscht er sich noch:

«Noch hatte ich nicht Frieden, noch nicht Ruhe, noch keine Rast, da kam schon wieder Ruhelosigkeit.» [Hiob 3,26]

Schließlich wendet Hiob sich verzweifelt und verbittertem Unverständnis in Gebeten und Fragen an Jahwe. Nun endlich spricht Gott zu ihm, lehrt ihm die göttliche Größe und Allmacht und enthebt ihn des Fluchs. Hiob wird mit einem langen Leben gesegnet, bekommt noch einmal zehn Kinder und erhält seinen weltlichen Besitz doppelt zurück.
Von Satan ist zum Ende des Buches Hiob nicht mehr die Rede – man könnte fast meinen, er kommt mit einem ‘Unentschieden’ davon.

Von Jahwe wird in dieser Erzählung kein sehr souveränes Bild vermittelt – er wird dargestellt als eitler Despot, der sich am bedingungslosen Gehorsam seines ‚Knechts‘ berauscht.
Zwar wird Hiob materiell entschädigt – aber seine seine erste Familie ist und bleibt verstorben – wegen einer Wette.

Theologen interpretieren Hiobs Schicksal nicht selten als Vorbild und Aufruf zur Demut vor Gottes unergründlichem Ratsschluss. Anstatt angesichts ärgster, unverdienter Schicksalsschläge zu verzweifeln, solle man stets an Gott und seine Gerechtigkeit glauben.
Der leidende Mensch werde durch Gott geprüft, dies mache ihn zu etwas Besonderem gegenüber jenen, denen derartige Prüfung erspart bleiben. Das bis hierhin unbefriedigende Fazit: «Erst aus dem Leiden entsteht wahre Größe.»

Vor diesem Hintergrund wird das Leiden Hiobs als eine Vorstufe im A.T zur Leidensgeschichte und Auferstehung Jesu angesehen.

Dem vermag ich ganz und gar nicht zu folgen. Gerade das Buch Hiob zeichnet ein Bild des Menschen, der trotz gottgefälliger Lebensbilanz und Gesinnung auf grausamste Weise zum Unterhaltungsobjekt machtvoller, überirdischer Spieler wird und ohne jede kausale Begründung großes Leid erfahren muss. Als ‚Lehre‘ aus Schicksal Hiobs kann nur eine sehr bittere Konsequenz gezogen werden: Ob wir Leid erfahren, hängt eben nicht ausschließlich von unserem Verhalten und eigenen Entscheidungen ab – es existieren Kräfte und Prinzipien, welche wir weder verstehen noch beeinflussen können. Auf ein Happy End innerhalb unseres irdischen Daseins dürfen wir zwar hoffen, uns auch dafür einsetzen…doch erzwingen lässt sich nichts.

Zwingt Gott uns, aufzubegehren?

In seinem Buch „Der Dämon und Fräulein Prym“ (das m.E. die Frage der Theodizee zum Hauptgegenstand hat) stellt Paulo Coelho folgende Fragestellung in den Raum (→ Inhaltsangabe s.u.):
Hiob sehe sich vor eine Macht gestellt, die er nicht mehr versteht, nachdem er sie zuvor für die absolute Gerechtigkeit gehalten hat. Jetzt nimmt sie ihm aber das Vieh, tötet seine Kinder und verunstaltet seinen Körper mit Geschwüren.

Erst als Hiob unter dem Eindruck entsetzlichen, nicht zu begreifenden Leids gegen Gott aufbegehrt, gibt dieser ihm einen Teil dessen zurück, was er ihm genommen hat. (Seine Frau und seine Kinder erhält er nicht zurück, denn sie sind als Objekt einer Wette zum Tod verurteilt worden. Statt dessen wird ‚Ersatz‘ geliefert… diese Wette ist ein typisch menschlicher ‚dramaturgischer‘ Einfall – dennoch, finden christliche und jüdische Theologen das nicht schäbig?)
Straft Gott etwa jene Menschen, die alles ohne Murren und Widerspruch hinnehmen ohne aufzubegehren? Verdienen die ‚braven Schafe‘ (oder Grönemeyers Kühe) es geradezu, alles zu verlieren, was ihnen lieb ist? Will Gott uns zwingen, gegen manche Lebensumstände aufzubegehren – so wie er Hiob zur Auflehnung gezwungen hat?

«Warum hat Gott Hiob gezwungen, dies zu tun? Um zu beweisen, dass er von Natur aus schlecht war und dass er alles nur aus göttlicher Gnade und nicht aufgrund seines guten Verhaltens bekommen hatte. […]
‚Niemand ist gut‘, sagt der Herr. Niemand. Wir sollten aufhören, eine Güte vorzuspielen, die Gott beleidigt, und sollten unsere Fehler akzeptieren. Wenn es eines Tages notwendig sein sollte, mit dem Dämon eine Wette einzugehen, sollten wir uns daran erinnern, dass unser Gott im Himmel dies getan hat, um die Seele seines Knechtes Hiob zu retten.»

Demnach wäre jedes Bemühen um Güte, Integrität und Liebe in ihren vielfältigen Formen bereits im Ansatz verfehlt? Auch damit mag ich mich nicht abfinden. Wahr ist indessen: Ein bloßes Vorspielen von Tugend, so zu tun als wäre man eine gütige Person – solange jemand hinschaut, führt auf einen Irrweg.

„Wie im richtigen Leben“

Konträr zur theologischen Kommentierung zeigt Hiobs Geschichte jene ernüchternde Parallele zum Leben vieler Menschen auf: Vielen widerfährt Übles, obwohl sie sich korrekt und integer verhalten.
‚Tun und Ergehen‘ entsprechen einander nicht annähernd und die kausalen Zusammenhänge erkennen wir nur, soweit sie offensichtlich sind.
Das Gesetz der Kausalität wird dadurch nicht widerlegt – im Gegenteil. Die weitläufige Komplexität verschiedenster Ursachen und Wirkungen kann nicht auf eine überschaubare Anzahl von transparenten Abhängigkeiten reduziert werden – und schon gar nicht auf die Erlebniswelt eines einzelnen Individuums in einer einzigen Lebensspanne. Vielmehr besteht ein Gefüge von Ursachen, die sich unvorhersehbar auf unser Leben auswirken.

Freilich bildet unser eigenes Verhalten (das Ausüben von Optionen) einen wichtigen Teil dieses Gefüges und erlangt erhebliche Bedeutung auf alles, was uns früher oder später widerfährt.
Ungesunde Ernährung und Bewegungsarmut erhöhen die Wahrscheinlichkeit von Krankheiten und vermindern auf lange Sicht die Lebenserwartung. Es wäre pure Selbsttäuschung, wollten wir auch dafür Gott verantwortlich machen.

Weitere Konsequenzen entstehen aus unserem Verhalten als Gemeinschaft sowie als biologische Spezies – auch diese sollten wir nicht Gott in die Schuhe schieben wollen. Spannender ist m.E. die Frage, ob und wie Gott uns zur Seite steht – trotz unseres unverbesserlichen (?) Naturells. Wenn er uns als von Anfang an vollkommene Engel gewollt hätte, dann hätte er uns als solche erschaffen…

***

Ergänzungen/Anmerkungen

a) Auf dieser Grundidee, dass eine Vielzahl (‚zehn hoch 500‘) möglicher Universen existiert, von denen wir das für uns im am besten geeigneten Universum entwickelt haben, basiert auch Stephen Hawkings Buch ‚Der große Entwurf‚. Der Physiker kommt bei der Darstellung seiner ‚M-Theorie‘ freilich ohne Gott aus..

1) Epikurs Dilemma:

«Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht, oder er kann es nicht und will es nicht, oder er kann es und will es. Wenn er nun will und nicht kann, so ist er schwach, was auf Gott nicht zutrifft. Wenn er kann und nicht will, dann ist er missgünstig, was ebenfalls Gott fremd ist. Wenn er nicht will und nicht kann, dann ist er sowohl missgünstig wie auch schwach und dann auch nicht Gott. Wenn er aber will und kann, was allein sich für Gott geziemt, woher kommen dann die Übel und warum nimmt er sie nicht weg?»

2) Thomas Mann (im Doktor Faustus)

«Das Böse, der Böse [war] selbst ein notwendiger Ausfluss und ein unvermeidliches Zubehör der heiligen Existenz Gottes selbst; wie denn auch das Laster nicht aus sich selbst bestand, sondern seine Lust aus der Besudelung der Tugend zog, ohne welches es wurzellos gewesen wäre; anders gesagt: es bestand in dem Genuss der Freiheit, d.h. der Möglichkeit, zu sündigen, die dem Schöpfungsakt selbst inhärent war.
Hierin drückt sich eine gewisse logische Unvollkommenheit der Allmacht und Allgüte Gottes aus, denn was er nicht gekonnt hatte, war, der Kreatur, also dem, was er aus sich entließ, und was nun außer ihm war, die Unfähigkeit der Sünde anzuschaffen. Dies hätte geheißen, dem Geschaffenen den freien Willen vorzuenthalten, sich von Gott abzukehren, – was eine unvollkommene, ja überhaupt keine Schöpfung und Entäußerung Gottes gewesen wäre.»

Siehe auch

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