Drewermann: Jesus wollte diese Kirche nicht

Interview mit Eugen Drewermann (1991)

Der Philosoph Friedrich Nietzsche kritisierte Christentum und Kirche gewissermaßen von außen: „Die Kirche ist exakt das, wogegen Jesus gepredigt hat.“ Dass der katholische Theologe, Psychoanalytiker und suspendierte Priester1) Eugen Drewermann sich sehr ähnlich äußerte, mag überraschen. Er nahm bereits 1991 in einem Spiegel-Interview Stellung zu Mythen der Bibel – und ermunterte die Theologie, sich auf das ‚wesentliche‘ zu fokussieren – nämlich das Leben und Wirken Jesu.

In einer Zeit, wo dem früheren Glaubenswächter und jetzigen Papst Joseph Ratzinger angesichts seines mutigen Rücktritts in Teilen durchaus berechtigtes Lob und Anerkennung gezollt wird, sei auch daran erinnert, dass auf seine Veranlassung Sanktionen gegen einen Priester verhängt wurden, dessen Thesen und Überlegungen zumindest Beachtung verdienen. Ich hätte mir statt dessen eine ‚innerkirchliche‘ Auseinandersetzung mit  Drewermann gewünscht.

Einige Auszüge aus dem ‚kritischen‘ Interview:

SPIEGEL: Jesus hat also einen leiblichen Vater gehabt?

DREWERMANN: Ja. Jesus ist als Mensch gezeugt und geboren wie jeder andere Mensch auch. Ungewöhnlich war nicht seine Geburt, sondern sein Leben. Um dies zu deuten, haben die ersten Christen die Bilder von der Jungfrauengeburt benutzt, die auf altorientalische Königsvorstellungen zurückgehen. Die Geburtsgeschichten Jesu bei Matthäus und Lukas sind mythennahe Legenden, keine historischen Berichte.
[…]

SPIEGEL: War das Grab Jesu leer, ist Jesus am dritten Tag nach seinem Tode leiblich auferstanden? Das wird ja Ostern gefeiert.

DREWERMANN: Wenn ich sage, die Ostergeschichten seien Legenden, wird mancher sagen, also stimme auch das nicht. Doch das ist zu simpel gedacht, auch Legenden haben ihren eigenen Wert. Aber man kommt um die Erkenntnis der Exegese, also der neutestamentlichen Forschung, nicht herum: Die Ostergeschichten haben den Glauben an die Auferstehung nicht begründen, sondern ihn nur auslegen wollen. Sie sollen in Bildern verkünden: Die Geschichte Jesu ist mit seinem Tod am Kreuz nicht zu Ende.
[…]

DREWERMANN: Jeder sollte das Recht haben, in der Form zu glauben, die ihm hilft, sein Leben zu leben, mit seinen Ängsten fertig zu werden. Mir liegt nicht an Verketzerungen. Das möchte ich bei aller Kritik an Fundamentalisten […] doch sagen.
[…]

SPIEGEL: Nach katholischer Lehre hat Jesus alle sieben Sakramente der Kirche eingesetzt: Taufe, Eucharistie oder Abendmahl, Firmung, Priesterweihe, Krankensalbung, Beichte und Ehe.

DREWERMANN: Jesus hat mit Sicherheit kein einziges Sakrament eingesetzt, wie heute ziemlich alle Theologen wissen.
[…]

SPIEGEL: Welchen Sinn sah Jesus in seinem Tod, wenn nicht den eines Opfers?

DREWERMANN: Er sah in seinem Tod überhaupt keinen Sinn. Er wollte nicht sterben. Als sich die Auseinandersetzung verschärfte, wird er sich gesagt haben: Laßt sie machen, was sie wollen, sie werden nur beweisen, daß sie nichts über den Tod hinaus können. Angst läßt sich überwinden durch Vertrauen auf Gott, komme, was da wolle. So und nur so, durch sein Gottvertrauen, hat sein Sterben einen Sinn gehabt.
[…]

SPIEGEL: Ihr Buch „Kleriker“ ist die schärfste, umfassendste und kenntnisreichste Kritik an der katholischen Kirche, die es in den letzten Jahrzehnten gegeben hat. Ist Ihre Kirche in einem so desolaten Zustand wie zur Zeit Luthers?

DREWERMANN: In gewissem Sinn ist sie in einem schlimmeren Zustand, und so, wie sie heute ist, hat Jesus sie nicht gewollt. Sie hat 450 Jahre lang versucht, Luther und die Reformation zu widerlegen, und ist dabei immer einseitiger, immer enger, immer starrer geworden. Seit dem Konzil von Trient Mitte des 16. Jahrhunderts hat sie Zuflucht genommen zu der Behauptung, ihre Bischöfe könnten objektive Wahrheiten garantieren und kraft Amtes weiterreichen durch die Jahrhunderte. Daß ich dies in Frage stelle, hat die Bischöfe gegen mich aufgebracht.

Ähnlich bzw. ergänzend äußerte sich Dewermann 2012 im nachfolgenden Interview:

Anmerkung

  1. Der zu dieser Zeit für die Kongregation für die Glaubenslehre zuständige Kurienkardinal Joseph Ratzinger drückte 1986 in einem Schreiben an den Paderborner Erzbischof, Johannes Joachim Degenhardt, „große Besorgnis“ über Drewermanns öffentliche Äußerungen aus und wies den Erzbischof an, „Maßnahmen“ gegen Drewermann einzuleiten. Als Drewermann 1991 im o.a. SPIEGEL-Interview die Jungfrauengeburt als biologische Tatsache anzweifelte, kam es zum Entzug der Lehr- und Predigtbefugnis.
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