Glaube an Reinkarnation im frühen Christentum? (Teil 1)

»Die organisierten staatlichen und religiösen Gemeinschaften unserer Zeit sind darauf aus, den Einzelnen dahin zu bringen,
dass er seine Überzeugung nicht aus eigenem Denken gewinnt, sondern sich die zu eigen macht, die sie für ihn bereithalten.« (Albert Schweitzer)

Eben dieser Umstand macht es Laien wie mir reichlich schwer, schon in Bezug auf eine theologisch-historische Frage die ›Wahrheit‹ herauszufinden – oder zumindest ein sicheres Gespür zu erlangen: Wie war das vor 1.500 und mehr Jahren? Glaubte die damalige Christenheit in ihrer anfänglich noch geduldeten Pluralität an die Vorstellung der Reinkarnation?


Fast alle spirituellen Konzepte enthalten konkrete Aussagen über ein Weiterexistieren von ›etwas‹ (d.h. eines nicht immer exakt umrissenen Teils des menschlichen Selbst) über den physiologischen Tod hinaus. Dieses Etwas, das »den Menschen belebende Prinzip« (Till A. Mohr2) wird unterschiedlich als Seele oder Geist bezeichnet. Exakte Definitionen beider Begriffe sucht man meist vergebens, doch wird Geist eher mit den intellektuellen Fähigkeiten assoziiert, während Seele mehr auf Emotionalität und Empfindung bezogen ist.
Das biblisch-christliche Menschenbild betrachtet Geist und Seele in jedem Fall als untrennbare Einheit (»Geistesleib« bei Paulus, vgl. 1 Kor 15,44). Mohr betont: »Die Seele entsteht nicht mit dem irdischen Leib, sondern kommt letztlich von Gott.«2
Dieser ›Gottesfunke‹, wie ihn die Gnostiker zu nennen pflegten, berge in sich »das unteilbare Ich, die Individualität jedes lebendigen Wesens«. Zwar werde die Seele von Gott gegeben und nach Ablauf der irdischen Lebenszeit auch wieder genommen, aber:

»So wenig wie der göttliche Odem im Menschen mit dem materiellen Körper entsteht, so wenig vergeht er auch im Sterben.«

Bis hierhin würden nicht wenige religiöse Strömungen wohl zustimmen können, doch die entscheidende Frage zum Verständnis von Leben, Tod und Jenseits lautet nun:

  1. Wird dieser allem Leben auf Erden innewohnende Odem bzw. die Seele nur einmal oder mehrmals verkörpert?
  2. Wo und worin erfolgt die Wiederverkörperung: Lediglich auf dem Planeten Erde oder auf einer unübersehbaren Vielzahl von habitablen Umgebungen, verteilt im gesamten Universum (»Planetenwanderung«)?
    Wird der Mensch ausschließlich als ein Mensch wiederverkörpert? Oder erfolgt eine ›Seelenwanderung‹ im weitesten denkbaren Sinne, d.h. auch in die Körper von Tieren, Pflanzen (und möglicherweise außerirdischen Lebensformen)?
  • Lediglich die Zeugen Jehovas lehnen die Existenz einer ›unsterbliche Seele‹ gänzlich ab. Sie vertreten einen annihilationistischen Standpunkt, d.h. sie erwarten die vollständige Vernichtung (lat.: annihilatio) der ›Gottlosen‹. Sie verwerfen den traditionellen Glauben an eine Hölle ein Ort nie endender Qual bzw. der ewigen Trennung von Gott und negieren damit ein ewiges Leben aller Seelen. Zugleich vertreten die Zeugen Jehovas eine doppelte Erlösungslehre: Sie glauben, dass ein (elitärer) Teil der von Gott als »treu« befundenen Menschen nach dem Tod unsterbliches Leben im Himmel erhalten wird, die anderen würden nach Armageddon auf der Erde zu ewigem Leben wiedererweckt.
  • Sogar die Raelisten haben ein eigenwilliges System (der Weitergabe des Bewusstseins an geklonte Ersatz-Körper) formuliert, obwohl sie die Existenz eines Gottes verneinen. Statt von einem transzendenten Schöpfer wurden die Menschen auf der Erde durch außerirdische Besucher erschaffen, die ihre Erschaffung wiederum auf andere Aliens zurückführen. Eine Verlagerung der Kernfrage: Wer hat dann die ›ersten‹ Aliens erschaffen?

Nachdem der unbarmherzige Zugriff der Kirchen auf unser Denken und Glauben unfreiwillig gelockert wurde, etablierten sich die unterschiedlichen Reinkarnationsvorstellungen in der westlichen Kultur und können heute sogar »als Leitmotiv der Religiosität in der Moderne angesehen werden« (Mohr2). Nur, die christlichen Kirchen wollen davon nichts wissen – weshalb Menschen mit der Überzeugung, nicht zum ersten Mal auf der Erde zu leben, sich in der Kirche »nicht verstanden, nicht akzeptiert, nicht daheim« fühlen.

»Seelenwanderung vs. Auferstehung«?

Wenn mittlerweile mindestens zwanzig Prozent der Menschen in Europa und Nordamerika sich gut vorstellen können, dass wir in der einen oder anderen Weise mehrere Erdenleben hinter uns bringen, löst dies Fragen aus, klar – gerade weil sich die christlichen Kirchen so deutlich gegen die Idee der Reinkarnation verwahrt haben.

Doch scheint mir die Fragestellung »Seelenwanderung vs. Auferstehung« unzutreffend. Denn wer sich mit den Grundlagen der christlichen Lehre(n) ernsthaft befasst hat, dürfte zumindest eines behalten haben:

Der Weg ins Himmelreich ist furchtbar schmal und schwer zu finden:
»Geht hinein durch die enge Pforte! Denn weit ist die Pforte und breit der Weg, der zum Verderben führt, und viele sind, die auf ihm hineingehen. Denn eng ist die Pforte und schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind, die ihn finden
[Matthäus 7,13-14]

Lautet die offensichtliche Alternative für selbstkritische Zeitgenossen somit nicht eher: ›Wiederholte Inkarnationen mit der Chance zur langsamen Besserung vs. Fege-/ewiges Höllenfeuer‹??. Wer ehrlich zu sich selbst ist, dem dürften zumindest gehörige Zweifel kommen, ob ausgerechnet der eigene Lebenswandel denn für den schmalen Pfad qualifiziere.

Und wer von fachlicher Seite die »Merkwürdigkeiten der Reinkarnationsvorstellungen« auflistet, sollte schon um der Fairness und zu besseren Informiertheit der Leserschaft die Merkwürdigkeiten der Auferstehungslehren gleich gegenüberstellen:

  • Die römisch-katholische Kirche (RKK) lehrt die ewige Hölle sowie das sog. Fegefeuer. Sie spricht unverdrossen von der Auferstehung des Fleisches und meint damit, dass der geläuterte Mensch als Einheit aus (seinem irdischen) Körper, Geist und Seele exakt wiederhergestellt werde. Weil der Körper des Menschen nach dem Tod verwest, in kleinste Bausteine zerlegt wird und diese Bausteine in anderen Systemen (z.B. weiteren menschlichen Organismen) reorganisiert werden, ist auch diese Konzeption nicht für alle Menschen gleichermaßen glaubhaft.
    Eine wahrhaft ketzerische Überlegung: Was müsste geschehen, falls ein Molekül zuerst im Körper des gläubigen, untadeligen und zeitlebens papst- und kirchentreuen Katholik A beheimatet war  – und Jahrzehnte nach dessen Tod zum unverzichtbaren Bestandteil des im Körper des gläubigen, untadeligen und zeitlebens papst- und kirchentreuen Katholik B wurde…? Oder, um dies auf die Spitze zu treiben: was, wenn das benötigte Molekül zuerst im Körper von Papst A und Jahrhunderte später dann in Papst W beheimatet gewesen wäre… die beide erfolgreich heiliggesprochen wurden?

Das Prinzip der Reinkarnation (»Seelenwanderung« oder Wiederverkörperung, wiederholte Menschwerdung eines Geistes in der materiellen Welt) könnte diese biochemische Problematik wie auch die großen Fragen nach Sinngebung und Leid (vgl. Theodizee) umgehen. Wurde es in gesamten Christenheit schon immer abgelehnt? Steht der ursprüngliche christliche Glaube womöglich nicht in einem Gegensatz zur Reinkarnation?
Anhand von zwei Textgrundlagen möchte ich diesen Fragen nachgehen:

  • »Reinkarnation«  von Ronald Zürrer (Auszug via archive.org),
  • »Kehret zurück ihr Menschenkinder – Die Grundlegung der christlichen Reinkarnationslehre«  von Till A. Mohr (→Auszug:  Pdf auf der Webseite des AK Origenes, meiner Ansicht nach lohnt es sich, das Buch vollständig zu lesen, ISBN: 3-89427-275-9).

Zürrer legt dar, das Wissen um Karma und Reinkarnation – zur Zeit Jesu noch selbstverständliches Gedankengut – habe mit hoher Wahrscheinlichkeit auch zu den frühchristlichen Glaubensinhalten gezählt. Falls dies zutrifft – wie kam es dazu, dass dieses ursprüngliche Wissen den Christen später verloren ging?

Mohr sieht die christlichen Kirchen gegenwärtig in einer ernsten Krise, aus welcher die (Re-)Integration des Glaubens an wiederholte Erdenleben einen soliden Ausweg eröffnen könne. Hierzu könne keinesfalls das Prinzip der Beliebigkeit (in Bezug auf die Vielfältigkeit der Reinkarnationsvorstellungen) Anwendung finden; vielmehr müssten diese anhand geeigneter Kriterien harmonisch mit dem christlichen Glauben verbunden werden …ein absehbar langwieriger Prozess.

A. Reinhold Zürrer

Rückblick – Ausgangslage

  • Das sehr frühe Christentum kannte die Vielfalt, aber noch keine festen Dogmen. Glaubensgrundlage bildeten neben mündlichen Überlieferungen vor allem die Handschriften des späteren Neuen Testaments. Noch gab es keine systematische Aufstellung einzelner Lehren und Grundsätze, sondern lediglich diese fragmentarische Erzählungen. Die wenig älteren Schriften der ersten Kirchenlehrer behandelten ein breites Spektrum unterschiedlichster Themen – in Teilen sogar widersprüchlich.
  • Die ersten Christen hatten noch keine festen Institutionen gebildet, sondern strebten in kleinen Gemeinschaften danach, die Botschaft Jesu zu verstehen und nach ihr zu leben.
  • Solange im frühen Christentum noch keine Trennung zwischen einer griechischen und einer römischen Kirche bestand, gaben die ersten Kirchenlehrer der entstehenden christlichen Lehre eine eher griechische Prägung, sofern sie diesem Kulturkreis entstammten.

Theologische Lehrsätze wurden in speziellen Kirchenversammlungen festgelegt. Mit dem Wandel des Christentums in eine einheitliche, wirtschaftlich und politisch agierende sowie zentral geführte Weltreligion gingen viele der einstigen Grundgedanken verloren – nicht selten zugunsten pragmatischer, weltlicher Überlegungen. Vor diesem Hintergrund stellt Zürrer fest:

»Die ersten Christen waren … nicht nur zeitlich näher bei Christus«.

Origenes von Alexandria

Diese Nähe zu Christus lässt sich am Beispiel des Kirchenlehrers Origenes von Alexandria (185-254) aufzeigen, einer der einflussreichsten Persönlichkeiten im frühen Christentum.

Origenes war Universalgelehrter, Wissenschaftler und zugleich Theologe; als einziger stellte er die Lehre des Christentums auch literarisch in Form eines geschlossenen philosophischen Systems dar. Seine Lehraussagen stützte er auf eine selbst erstellte Textausgabe des Alten Testaments (»Hexapla»). Neben der hebräischen und der griechischen Sprache erlernte er auch die Muttersprache Jesu, Aramäisch, um frühe Originaltexte derer lesen zu können, die Jesus persönlich gekannt und sein Leben und seine Lehren schriftlich festgehalten hatten.

Origenes, Illustration v. André Thévet

Als Leiter der berühmten Katechetenschule von Alexandria hatte er zudem Zugang zur grössten Bibliothek des Altertums und der umfangreichsten Schriftensammlung der damaligen Welt – die leider (wohl um 389) in einem Feuer zerstört wurde, was die historische Forschung bis heute erschwert. Jedenfalls besaß Origenes einzigartige Voraussetzungen für seine wissenschaftliche Arbeit wie beispielsweise direkten Zugang zu allen verfügbaren Originaldokumenten des Christentums, den Schriften des Judentums und den so genannten Apokryphen.

Schon zu seinen Lebzeiten, insbesondere aber in den folgenden Jahrhunderten, wurden die Lehren des Origenes (s.u.) als Häresie (Ketzerei) abgelehnt, wenngleich mehrere führende Theologen auch nach seinem Tod weiterhin seine Ansichten vertraten.

Im Jahre 542 übergaben einige Origenes-Gegner dem päpstlichen Gesandten Pelagius eine Klageschrift an den in Byzanz herrschenden Kaiser Justinian I. In der Folge wurden die Lehren des Origenes schrittweise aus der aufstrebenden christlichen Kirche verbannt.
Worin aber bestanden die »ketzerischen Ansichten« des großen Kirchenlehrers, die sogar zu tödlichen Auseinandersetzungen in der frühchristlichen Geschichte führten?

Lehre des Origenes

Die meisten seiner ungefähr 2000 Schriften wurden später zerstört. Die wenigen überlieferten Werke lagen lange nur in der lateinischen Übersetzung vor. Deren Verfasser Rufinus von Aquileja erklärt, er sei bei der Übertragung ins Lateinische zu ›gewissen Korrekturen im Sinne der kirchlichen Dogmen‹ gezwungen gewesen. Die in Ägypten gefundenen Originalmanuskripte unterscheiden sich an wichtigen Stellen deutlich von Rufinus‘ Übersetzung.

Grundzüge seiner Lehre:

  • Unter den Wissenschaften gebe es eine Rangordnung; an ihrer Spitze stehe nicht länger die Philosophie, sondern vielmehr die Theologie als Wissenschaft über Gott. Folglich habe ein Theologe sämtliche verfügbare philosophischen und wissenschaftlichen Schriften zu kennen und gerecht zu bewerten.
  • Origenes nimmt eine (aus kirchlicher Sicht viel zu weit gehende) Verschmelzung von christlichen mit neuplatonischen Gedanken vor. Wie die Neuplatoniker vergleicht er in »De principiis« (Link s.o.), das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen (d.h. den Seelen) mit der Sonne und dem Glanz, der von ihr ausstrahlt. Jesus stehe dabei als Gottes Sohn in gleichem Abstand von beiden zwischen Gott und den Menschen als Vermittler (Er war also kein Vertreter der Trinität in ihrer später für verbindlich erklärten Form, sondern lehrte einen Subordinationismus, wonach eine gewisse Unterordnung des Sohnes unter dem Vater bestehe).
  • Die gesamte Schöpfung – sowohl die unvergängliche spirituelle als auch die zeitlich begrenzte materielle Welt – wurde von Gott geschaffen; es existiere »kein Wesen, das nicht von Ihm sein Dasein erhalten hätte.«
    Alle vernunftsbegabte Wesen gehen ewig aus Gott hervor und sind folglich selbst auch ewig. Im Urzustand waren sie alle nichtmaterielle Wesen und gaben sich der »unmittelbaren Schau ihres gemeinsamen Vaters« hin.
    Das zusammenhängende Welt-, Gottes- und Menschenbild des Origenes vergleicht Zürrer mit korrespondierenden Aussagen der vedischen Bhagavad Gita1).
  • Individuellen Unterschiede zwischen den »himmlischen, irdischen oder unterirdischen Wesen« seien erst durch deren Abfall von Gott, entstanden. Die Ursache dieses Falles liegt demnach nicht bei Gott, sondern in den Lebewesen selbst!
    (Klar, dass solche Aussagen der Amtskirche bis heute nicht ins Konzept passen, denn sie stellen die  Lehre von Erbsünde und Urschuld unter völlig anderen Vorzeichen dar)
  • Nach Origenes wird der Ort (Zustand), an dem sich ein Vernunftwesen aufgrund seiner »eigenen Bewegung« befindet, durch dessen eigenen, freien Wille bestimmt – der ihm auch ermögliche, sich für oder gegen Gott zu entscheiden:
    »Denn der Schöpfer gewährte den Intelligenzen, die er schuf, willensbestimmte, freie Bewegungen, damit in ihnen eigenes Gut entstehe, da sie es mit ihrem eigenen Willen bewahrten. Doch Trägheit, Überdruss an der Mühe, das Gute zu bewahren, und Abwendung und Nachlässigkeit gegenüber dem Besseren gaben den Anstoß zur Entfernung vom Guten3

Konsens über die Präexistenz der Seele

Neben Origenes vertraten nicht wenige bedeutende frühchristliche Theologen und Philosophen [u.a Justinus der Märtyrer (100-165), Tatian (2. Jhd.), Clemens von Alexandria (150-214) der Hl. Augustinus (354-430) die Ansicht, dass die Seelen der Menschen schon vor der Entstehung der materiellen Welt vorhanden waren:
Diese frühen Kirchenlehrer waren von der Präexistenz der Seele2) überzeugt (= Annahme, dass die Seelen der Menschen oder auch anderer Lebewesen schon vor der Entstehung ihrer Körper existieren und in die Körper eintreten) – ebenso wie Plato, der ebenfalls die Auffassung vertrat, dass die Seele lange vor dem Körper entstanden sei.
Diese Annahme ist eine wesentliche Voraussetzung für die Reinkarnationslehre.

Die Präexistenz werde, so Reinhold Zürrer, auch durch die Bibel bestätigt: »Das Wort des Herrn erging an mich: Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt, zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt.« (Jer 1,4-5)

Auch bei Hieronymus (347-419) vereinigen sich klassisch-griechische und biblische Aussagen. Er bezeichnet die Reinkarnationslehre als unter den ersten Christen geheime, den Laien nicht offenbarte Überlieferung, die nur einem eingeweihten Kreis erklärt wurde.2)

Dem Kern dieser Auffassung begegnen wir im Laufe der Kirchengeschichte immer wieder, wenngleich ihre Vertreter (Gnostiker, Katharer, in neuerer Zeit Funcke, Greber u.v.a.) stets als Ketzer und nicht selten auch ›dem Satan zugehörig‹ gebrandmarkt werden.

Seine Aussagen in »De principiis« (Auszüge) lassen Origenes als Vertreter des Prinzips der Präexistenz der Seele, möglicherweise auch von Karma und Reinkarnation erscheinen:

  • »Wenn man wissen will, weshalb die menschliche Seele das eine Mal dem Guten gehorcht, das andere Mal dem Bösen, so hat man die Ursache in einem Leben zu suchen, das dem jetzigen Leben voranging. Jeder von uns eilt der Vollkommenheit durch eine Aufeinanderfolge von Lebensläufen zu. Wir sind gebunden, stets neue und stets bessere Lebensläufe zu führen, sei es auf Erden, sei es in anderen Welten. Unsere Hingabe an Gott, die uns von allem Übel reinigt, bedeutet das Ende unserer Wiedergeburt.«
  • »Aufgrund einer Anziehung an das Böse nehmen bestimmte Seelen Körper an, zunächst einen menschlichen. Nachdem ihre Lebensspanne als Mensch dann abgelaufen ist, wechseln sie aufgrund irrationaler Begierden in einen Tierkörper über, von wo sie auf die Ebene von Pflanzen sinken. Aus diesem Zustand erheben sie sich wieder, indem sie die gleichen Stufen durchlaufen, und kehren zu ihren himmlischen Orten zurück.«

Auch für Origenes liegt also letztlich der Sinn allen Lebens innerhalb der Materie darin, dass sich die Seelen durch viele Inkarnationen hindurch eine Reinigung und Reifung, bis alle schließlich durch Befolgen der göttlichen Gebote sowie durch Liebe zu Gott, in die Gemeinschaft mit Gott zurückkehren:

»Gott lenkt die Seelen nicht nur im Hinblick auf die, sagen wir, fünfzig oder sechzig Jahre dieses irdischen Lebens, sondern auf die unendliche Ewigkeit; denn Er hat die geistige Substanz unvergänglich gemacht und Ihm selbst verwandt, und die vernünftige Seele ist nicht von der Heilung ausgeschlossen, als wäre sie auf das Leben hier auf Erden beschränkt…

Diese Rückkehr erfolge nicht plötzlich in einem einmaligen Akt, sondern  stufenweise und über unzählige Leben in einem Besserungsprozess, der sich in sehr langen Zeiträumen vollziehe und eine Seele nach der anderen erfasse.«Z1

Dass im Widerspruch zur Kirchenlehre stehende Zeugnisse von Origenes und anderen frühen Theologen doch noch in diesem Maße vorhanden sind, war mir bis dato unbekannt. Noch überraschender ist für mich die Aussage katholischer Geistlicher, weder Präexistenz- noch Reinkarnationslehre seien jemals Bestandteile des christlichen Glaubens gewesen!

 

Die Beseitigung des Wissens um die Reinkarnation (?)

Zürrer bezeichnet die frühchristlichen Zeugnisse des Wissens um Karma und Reinkarnation als so zahlreich, dass es erstaunlich sei, wie diese wichtigen Grundprinzipien in der katholischen Kirche bis heute als bedeutungslos dargestellt werden konnten.
Damit habe die institutionalisierte Kirche das Christentum um Teile des grundlegenden Wissens über die Zusammenhänge beraubt, welche den Unterweisungen Jesu erst Sinn geben. Die entfernten Elemente dieses Fundaments seien dann notdürftig durch ›blinde Dogmen‹ ersetzt wurden.

Eine exakte Untersuchung dieser Sachverhalte durch Historiker wird dadurch erschwert, dass historische Zeugnisse oftmals bedenkenlos vernichtet wurden, um unliebsame ›Irrlehren‹ der Nachwelt vorzuenthalten. Wie die weltliche Geschichte werde damit auch die Kirchen- und Theologiegeschichte in großen teilen nur von den ›Siegern geschrieben, die ihre Anschauung meist als die allein gültige Wahrheit zu verkündeten.

Spätestens nach dem Konzil zu Nicäa (325) habe die systematische Abänderung störender oder unverstandener Passagen des Neuen Testaments begonnen, schreibt Zürrer. Sog. Correctores hätten die Schrifttexte im Sinne der Machthaber »korrigiert«. Im Zuge dessen sei die Entfernung zahlreiche Textstellen des N.T. über die Reinkarnationslehre wahrscheinlich.

Hier frage ich mich, wie das praktisch abgelaufen sein soll. Schließlich existieren bis heute tausende Manuskripte und Fragmente älterer Datierung als 325; wie sollte es möglich sein, diese allesamt ›unbemerkt‹ zu verändern? Dass die lateinische Bibelübersetzung (Vulgata) inhaltliche Veränderungen erfahren hat, ist eine Tatsache – aber die ursprünglichen Handschriften?
In einer Zeit, zu der flächendeckender Analphabetismus gegeben war, mag das geklappt haben – außerhalb des kirchentreuen Klerus besaßen nur wenige Personen die notwendige Bildung, um mutwillige Verfälschungen der biblischen Texte aufzuspüren – heute hingegen ließe sich dies kaum durchhalten(?)

Ungeachtet der Beschlüsse auf den folgenden drei ökumenischen Konzilien [Konstantinopel (381), Ephesus (431) und Chalcedon (451)] wurde Jesus Christus zunehmend als einziger Erlöser unseres Zeitalters stilisiert. Den Gläubigen wurde als ihrer Erlösung (unmittelbar nach dem Tode) in Aussicht gestellt – wenn sie Christus und seine Kirche in Gehorsam annähmen.

Dadurch wurde die Lehre der Reinkarnation zusehends verdrängt, die den »wahren« Gläubigen nicht mehr wünschenswert war (wenn sie doch viel einfacher erlöst werden konnten) – bis sie schließlich auf dem Zweiten Konzil v. Konstantinopel im Jahre 553 endgültig abgeschafft worden sei. Diese Auffassung muss als zumindest als strittig bezeichnet werden:

»Eine angebliche Verurteilung der Reinkarnation und die damit verbundene Streichung entsprechender Stellen in der Bibel durch das Konzil … werden in den lateinischen Akten nicht erwähnt. Zudem kennen auch die zahlreichen erhaltenen Manuskripte der neutestamentlichen Schriften aus der Zeit vor dem Konzil keinerlei Hinweise auf Reinkarnation; das Gleiche gilt auch für das Alte Testament.
Die griechischen Akten des Konzils wurden 681 vernichtet, da man sie irrtümlich für eine Fälschung hielt.« [vgl. Wikipedia]

[Anmerkungen, ergänzende Zitate und Quellenangaben befinden sich am Ende von Teil 2.]

Weiter mit Teil 2

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