Glaube an Reinkarnation im frühen Christentum?

Die organisierten staatlichen und religiösen Gemeinschaften unserer Zeit
sind darauf aus, den Einzelnen dahin zu bringen,
dass er seine Überzeugung nicht aus eigenem Denken gewinnt,
sondern sich die zu eigen macht, die sie für ihn bereithalten.
“ (Albert Schweitzer)

Fast alle spirituellen Konzepte enthalten konkrete Aussagen über ein Weiterexistieren von ‚etwas‘ (d.h. eines nicht immer exakt umrissenen Teils des menschlichen Selbst) über den physiologischen Tod hinaus. Dieses Etwas, das „den Menschen belebende Prinzip“ (Till A. Mohr2) wird unterschiedlich als Seele oder Geist bezeichnet. Exakte Definitionen beider Begriffe sucht man meist vergebens, doch wird Geist eher mit den intellektuellen Fähigkeiten assoziiert, während Seele mehr auf Emotionalität und Empfindung bezogen ist.
Das biblisch-christliche Menschenbild betrachtet Geist und Seele in jedem Fall als untrennbare Einheit („Geistesleib“ bei Paulus, vgl. 1 Kor 15,44). Mohr betont: „Die Seele entsteht nicht mit dem irdischen Leib, sondern kommt letztlich von Gott.“2
Dieser ‚Gottesfunke‘, wie ihn die Gnostiker zu nennen pflegten, berge in sich „das unteilbare Ich, die Individualität jedes lebendigen Wesens“. Zwar werde die Seele von Gott gegeben und nach Ablauf der irdischen Lebenszeit auch wieder genommen, aber:
So wenig wie der göttliche Odem im Menschen mit dem materiellen Körper entsteht, so wenig vergeht er auch im Sterben.

Bis hierhin würden nicht wenige religiöse Strömungen wohl zustimmen können, doch die entscheidende Frage für unser Verständnis von Leben, Tod und Jenseits lautet nun:

  1. Wird dieser allem Leben auf Erden innewohnende Odem bzw. die Seele nur einmal oder mehrmals verkörpert?
  2. Wo und worin erfolgt die Wiederverkörperung: Lediglich auf dem Planeten Erde oder auf einer unübersehbaren Vielzahl von habitablen Umgebungen, verteilt im gesamten Universum („Planetenwanderung“)?
    Wird der Mensch ausschließlich als ein Mensch wiederverkörpert? Oder erfolgt eine ‚Seelenwanderung‘ im weitesten denkbaren Sinne, d.h. auch in die Körper von Tieren, Pflanzen (und möglicherweise außerirdischen Lebensformen)?
  • Lediglich die Zeugen Jehovas lehnen die Existenz einer ‚unsterbliche Seele‘ gänzlich ab. Sie vertreten einen annihilationistischen Standpunkt, d.h. sie erwarten die vollständige Vernichtung (lat.: annihilatio) der ‚Gottlosen‘. Sie verwerfen den traditionellen Glauben an eine Hölle ein Ort nie endender Qual bzw. der ewigen Trennung von Gott und negieren damit ein ewiges Leben aller Seelen. Zugleich vertreten die Zeugen Jehovas eine doppelte Erlösungslehre: Sie glauben, dass ein (elitärer) Teil der von Gott als „treu“ befundenen Menschen nach dem Tod unsterbliches Leben im Himmel erhalten wird, die anderen würden nach Armageddon auf der Erde zu ewigem Leben wiedererweckt.
  • Sogar die Raelisten haben ein eigenwilliges System (der Weitergabe des Bewusstseins an geklonte Ersatz-Körper) formuliert, obwohl sie die Existenz eines Gottes verneinen. Statt von einem transzendenten Schöpfer wurden die Menschen auf der Erde durch außerirdische Besucher erschaffen, die ihre Erschaffung wiederum auf andere Aliens zurückführen. Eine Verlagerung der Kernfrage: Wer hat dann die “ersten‘ Aliens erschaffen?

Nachdem der unbarmherzige Zugriff der Kirchen auf unser Denken und Glauben unfreiwillig gelockert wurde, etablierten sich die unterschiedlichen Reinkarnationsvorstellungen in der westlichen Kultur und können heute sogar „als Leitmotiv der Religiosität in der Moderne angesehen werden“ (Mohr2). Nur, die christlichen Kirchen wollen davon nichts wissen – weshalb Menschen mit der Überzeugung, nicht zum ersten Mal auf der Erde zu leben, sich in der Kirche „nicht verstanden, nicht akzeptiert, nicht daheim“ fühlen.

  • Die römisch-katholische Kirche (RKK) lehrt die ewige Hölle sowie das sog. Fegefeuer. Sie spricht unverdrossen von der Auferstehung des Fleisches und meint damit, dass der geläuterte Mensch als Einheit aus (seinem irdischen) Körper, Geist und Seele exakt wiederhergestellt werde. Weil der Körper des Menschen nach dem Tod verwest, in kleinste Bausteine zerlegt wird und diese Bausteine in anderen Systemen (z.B. weiteren menschlichen Organismen) reorganisiert werden, ist diese Konzeption nicht für alle Menschen gleichermaßen glaubhaft. Was müsste geschehen, falls ein Molekül zuerst im Körper des gläubigen, untadeligen und jederzeit papst- und kirchentreuen Katholik A beheimatet war  – und Jahrzehnte nach dessen Tod zum unverzichtbaren Bestandteil des im Körper des gläubigen, untadeligen und jederzeit papst- und kirchentreuen Katholik B wurde…?

Das Prinzip der Reinkarnation („Seelenwanderung“ o. Wiederverkörperung, wiederholte Menschwerdung eines Geistes in der materiellen Welt) könnte diese biochemische Problematik wie auch die großen Fragen nach Sinngebung und Leid (vgl. Theodizee) umgehen. Wurde es in gesamten Christenheit schon immer abgelehnt? Steht der ursprüngliche christliche Glaube womöglich nicht in einem Gegensatz zur Reinkarnation?
Anhand von zwei Textgrundlagen
möchte ich diesen Fragen nachgehen:

  • Buch „Reinkarnation“ von Ronald Zürrer (Auszug via archive.org),
  • Buch „Kehret zurück ihr Menschenkinder -Die Grundlegung der christlichen Reinkarnationslehre“ von Till A. Mohr (→Auszug:  Pdf auf der Webseite des AK Origenes, meiner Ansicht nach lohnt es sich, das Buch vollständig zu lesen, ISBN: 3-89427-275-9).

Zürrer legt dar, das Wissen um Karma und Reinkarnation – zur Zeit Jesu noch selbstverständliches Gedankengut – habe mit hoher Wahrscheinlichkeit auch zu den frühchristlichen Glaubensinhalten gezählt. Falls dies zutrifft – wie kam es dazu, dass dieses ursprüngliche Wissen den Christen später verloren ging?

Mohr sieht die christlichen Kirchen gegenwärtig in einer ernsten Krise, aus welcher die (Re-)Integration des Glaubens an wiederholte Erdenleben einen soliden Ausweg eröffnen könne. Hierzu könne keinesfalls das Prinzip der Beliebigkeit (in Bezug auf die Vielfältigkeit der Reinkarnationsvorstellungen) Anwendung finden; vielmehr müssten diese anhand geeigneter Kriterien harmonisch mit dem christlichen Glauben verbunden werden …ein absehbar langwieriger Prozess.

A. Reinhold Zürrer

Rückblick – Ausgangslage

  • Das sehr frühe Christentum kannte noch keine festen Dogmen. Glaubensgrundlage bildeten neben mündlichen Überlieferungen vor allem die Handschriften des späteren Neuen Testaments. Noch gab es keine systematische Aufstellung einzelner Lehren und Grundsätze, sondern lediglich diese fragmentarische Erzählungen. Die wenig älteren Schriften der ersten Kirchenlehrer behandelten ein breites Spektrum unterschiedlichster Themen – in Teilen sogar widersprüchlich.
  • Die ersten Christen hatten noch keine festen Institutionen gebildet, sondern strebten in kleinen Gemeinschaften danach, die Botschaft Jesu zu verstehen und nach ihr zu leben.
  • Solange im frühen Christentum noch keine Trennung zwischen einer griechischen und einer römischen Kirche bestand, gaben die ersten Kirchenlehrer der entstehenden christlichen Lehre eine eher griechische Prägung, sofern sie diesem Kulturkreis entstammten.

Theologische Lehrsätze wurden in speziellen Kirchenversammlungen festgelegt. Mit dem Wandel des Christentums in eine einheitliche, wirtschaftlich und politisch agierende sowie zentral geführte Weltreligion gingen viele der einstigen Grundgedanken verloren – nicht selten zugunsten pragmatischer, weltlicher Überlegungen. Vor diesem Hintergrund stellt Zürrer fest: „Die ersten Christen waren … nicht nur zeitlich näher bei Christus„.

Origenes von Alexandria

Dieser Sachverhalt wird am Beispiel des Kirchenlehrers Origenes von Alexandria (185-254) erläutert, einer der einflussreichsten Persönlichkeiten im frühen Christentum.

Origenes war Universalgelehrter, Wissenschaftler und zugleich Theologe; als einziger stellte er die Lehre des Christentums auch literarisch in Form eines geschlossenen philosophischen Systems dar. Seine Lehraussagen stützte er auf eine selbst erstellte Textausgabe des Alten Testaments („Hexapla„). Neben der hebräischen und der griechischen Sprache erlernte er auch die Muttersprache Jesu, Aramäisch, um frühe Originaltexte derer lesen zu können, die Jesus persönlich gekannt und sein Leben und seine Lehren schriftlich festgehalten hatten.

Origenes, Illustration v. „Les Vrais Portraits Et Vies Des Hommes Illustres“, André Thévet

Als Leiter der berühmten Katechetenschule von Alexandria hatte er zudem Zugang zur grössten Bibliothek des Altertums und der umfangreichsten Schriftensammlung der damaligen Welt – die leider (wohl um 389) in einem Feuer zerstört wurde, was die historische Forschung bis heute erschwert. Jedenfalls besaß Origenes einzigartige Voraussetzungen für seine wissenschaftliche Arbeit wie beispielsweise direkten Zugang zu allen verfügbaren Originaldokumenten des Christentums, den Schriften des Judentums und den so genannten Apokryphen.

Schon zu seinen Lebzeiten, insbesondere aber in den folgenden Jahrhunderten, wurden die Lehren des Origenes (s.u.) als Häresie (Ketzerei) abgelehnt, wenngleich mehrere führende Theologen auch nach seinem Tod weiterhin seine Ansichten vertraten.

Im Jahre 542 übergaben einige Origenes-Gegner dem päpstlichen Gesandten Pelagius eine Klageschrift an den in Byzanz herrschenden Kaiser Justinian I. In der Folge wurden die Lehren des Origenes schrittweise aus der aufstrebenden christlichen Kirche verbannt.
Worin aber bestanden die „ketzerischen“ Ansichten des großen Kirchenlehrers, die sogar zu tödlichen Auseinandersetzungen in der frühchristlichen Geschichte führten?

Lehre des Origenes

Die meisten seiner ungefähr 2000 Schriften wurden später zerstört. Die wenigen überlieferten Werke lagen lange nur in der lateinischen Übersetzung vor. Deren Verfasser Rufinus von Aquileja erklärt, er sei bei der Übertragung ins Lateinische zu ‚gewissen Korrekturen im Sinne der kirchlichen Dogmen‘ gezwungen gewesen. Die in Ägypten gefundenen Original-manuskripte unterscheiden sich an wichtigen Stellen deutlich von Rufinus‘ Übersetzung.

Grundzüge seiner Lehre:

  • Unter den Wissenschaften gebe es eine Rangordnung; an ihrer Spitze stehe nicht länger die Philosophie, sondern vielmehr die Theologie als Wissenschaft über Gott. Folglich habe ein Theologe sämtliche verfügbare philosophischen und wissenschaftlichen Schriften zu kennen und gerecht zu bewerten.
  • Origenes nimmt eine (aus kirchlicher Sicht viel zu weit gehende) Verschmelzung von christlichen mit neuplatonischen Gedanken vor. Wie die Neuplatoniker vergleicht er in „De principiis“ (Link s.o.), das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen (d.h. den Seelen) mit der Sonne und dem Glanz, der von ihr ausstrahlt. Jesus stehe dabei als Gottes Sohn in gleichem Abstand von beiden zwischen Gott und den Menschen als Vermittler (Er war also kein Vertreter der Trinität in ihrer später für verbindlich erklärten Form, sondern lehrte einen Subordinationismus, wonach eine gewisse Unterordnung des Sohnes unter dem Vater bestehe).
  • Die gesamte Schöpfung – sowohl die unvergängliche spirituelle als auch die zeitlich begrenzte materielle Welt – wurde von Gott geschaffen; es existiere „kein Wesen, das nicht von Ihm sein Dasein erhalten hätte“. Alle vernunftsbegabte Wesen gehen ewig aus Gott hervor und sind folglich selbst auch ewig. Im Urzustand waren sie alle nichtmaterielle Wesen und gaben sich der „unmittelbaren Schau ihres gemeinsamen Vaters“ hin.
    Das zusammenhängende Welt-, Gottes- und Menschenbild des Origenes vergleicht Zürrer mit korrespondierenden Aussagen der vedischen Bhagavad Gita, vergleichen1).
  • Individuellen Unterschiede zwischen den „himmlischen, irdischen oder unterirdischen Wesen“ seien erst durch deren Abfall  von Gott, entstanden. Die Ursache dieses Falles liegt demnach nicht bei Gott, sondern in den Lebewesen selbst!
    (Klar, dass solche Aussagen der Amtskirche bis heute nicht ins Konzept passen, denn sie stellen die  Lehre von Erbsünde und Urschuld unter völlig anderen Vorzeichen dar)
  • Nach Origenes wird der Ort (Zustand), an dem sich ein Vernunftwesen aufgrund seiner „eigenen Bewegung“ befindet, durch dessen eigenen, freien Wille bestimmt – der ihm auch ermögliche, sich für oder gegen Gott zu entscheiden:
    Denn der Schöpfer gewährte den Intelligenzen, die er schuf, willensbestimmte, freie Bewegungen, damit in ihnen eigenes Gut entstehe, da sie es mit ihrem eigenen Willen bewahrten. Doch Trägheit, Überdruss an der Mühe, das Gute zu bewahren, und Abwendung und Nachlässigkeit gegenüber dem Besseren gaben den Anstoß zur Entfernung vom Guten.“3

Konsens über die Präexistenz der Seele

Neben Origenes vertraten weitere bedeutende frühchristliche Theologen und Philosophen [u.a Justinus der Märtyrer (100-165), Tatian (2. Jhd.), Clemens von Alexandria (150-214), Gregorios von Nyssa (334-395), Synesios von Kyrene (370 413) oder auch der Hl. Augustinus (354-430) und der Bischof Nemesios von Emesa (um 400-450)] die Ansicht, dass die Seelen der Menschen schon vor der Entstehung der materiellen Welt vorhanden waren:
Diese frühen Kirchenlehrer waren von der Präexistenz der Seele2)
überzeugt (= Annahme, dass die Seelen der Menschen oder auch anderer Lebewesen schon vor der Entstehung ihrer Körper existieren und in die Körper eintreten) – ebenso wie Plato, der ebenfalls die Auffassung vertrat, dass die Seele lange vor dem Körper entstanden sei.
Diese Annahme ist eine wesentliche Voraussetzung für die Reinkarnationslehre.

Die Präexistenz werde, so Reinhold Zürrer, auch durch die Bibel bestätigt: „Das Wort des Herrn erging an mich: Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt, zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt.“ (Jer 1,4-5)

Auch bei Hieronymus (347-419) vereinigen sich klassisch-griechische und biblische Aussagen. Er bezeichnet die Reinkarnationslehre als unter den ersten Christen geheime, den Laien nicht offenbarte Überlieferung, die nur einem eingeweihten Kreis erklärt wurde2).

Dem Kern dieser Auffassung begegnen wir im Laufe der Kirchengeschichte immer wieder, wenngleich ihre Vertreter (Gnostiker, Katharer, in neuerer Zeit Funcke, Greber u.v.a.) stets als Ketzer und nicht selten auch ‚dem Satan zugehörig‘ gebrandmarkt werden.

Seine Aussagen in „De principiis“ (Auszüge) lassen Origenes als Vertreter des Prinzips der Präexistenz der Seele, möglicherweise auch von Karma und Reinkarnation erscheinen:

  • „Wenn man wissen will, weshalb die menschliche Seele das eine Mal dem Guten gehorcht, das andere Mal dem Bösen, so hat man die Ursache in einem Leben zu suchen, das dem jetzigen Leben voranging. Jeder von uns eilt der Vollkommenheit durch eine Aufeinanderfolge von Lebensläufen zu. Wir sind gebunden, stets neue und stets bessere Lebensläufe zu führen, sei es auf Erden, sei es in anderen Welten. Unsere Hingabe an Gott, die uns von allem Übel reinigt, bedeutet das Ende unserer Wiedergeburt.“
  • „Aufgrund einer Anziehung an das Böse nehmen bestimmte Seelen Körper an, zunächst einen menschlichen. Nachdem ihre Lebensspanne als Mensch dann abgelaufen ist, wechseln sie aufgrund irrationaler Begierden in einen Tierkörper über, von wo sie auf die Ebene von Pflanzen sinken. Aus diesem Zustand erheben sie sich wieder, indem sie die gleichen Stufen durchlaufen, und kehren zu ihren himmlischen Orten zurück.“

Auch für Origenes liegt also letztlich der Sinn allen Lebens innerhalb der Materie darin, dass sich die Seelen durch viele Inkarnationen hindurch eine Reinigung und Reifung, bis alle schließlich durch Befolgen der göttlichen Gebote sowie durch Liebe zu Gott, in die Gemeinschaft mit Gott zurückkehren:

„Gott lenkt die Seelen nicht nur im Hinblick auf die, sagen wir, fünfzig oder sechzig Jahre dieses irdischen Lebens, sondern auf die unendliche Ewigkeit; denn Er hat die geistige Substanz unvergänglich gemacht und Ihm selbst verwandt, und die vernünftige Seele ist nicht von der Heilung ausgeschlossen, als wäre sie auf das Leben hier auf Erden beschränkt…

Diese Rückkehr erfolge nicht plötzlich in einem einmaligen Akt, sondern  stufenweise und über unzählige Leben in einem Besserungsprozess, der sich in sehr langen Zeiträumen vollziehe und eine Seele nach der anderen erfasse.

Dass Zeugnisse von Origenes und anderen frühen Theologen doch in diesem Maße vorhanden sind, war mir bis dato unbekannt. Noch überraschender ist für mich die Aussage katholischer Geistlicher, weder Präexistenz- noch Reinkarnationslehre seien jemals Bestandteile des christlichen Glaubens gewesen!

 

Die Beseitigung des Wissens um die Reinkarnation (?)

Zürrer bezeichnet die frühchristlichen Zeugnisse des Wissens um Karma und Reinkarnation als so zahlreich, dass es erstaunlich sei, wie diese wichtigen Grundprinzipien in der katholischen Kirche bis heute als bedeutungslos dargestellt werden konnten.
Damit habe die institutionalisierte Kirche das Christentum um Teile des grundlegenden Wissens über die Zusammenhänge beraubt, welche den Unterweisungen Jesu erst Sinn geben. Die entfernten Elemente dieses Fundaments seien dann notdürftig durch ‚blinde Dogmen‘ ersetzt wurden.

Eine exakte Untersuchung dieser Sachverhalte durch Historiker wird dadurch erschwert, dass zahlreiche  historische Zeugnisse oftmals bedenkenlos vernichtet wurden, um unliebsame ‚Irrlehren‘ der Nachwelt vorzuenthalten. Wie die weltliche Geschichte werde damit auch die Kirchen- und Theologiegeschichte in großen teilen nur von den ‚Siegern geschrieben, die ihre Anschauung meist als die allein gültige Wahrheit zu verkündeten.

Spätestens nach dem Konzil zu Nicäa (325) habe die systematische Abänderung störender oder unverstandener Passagen des Neuen Testaments begonnen, schreibt Zürrer. Sog. Correctores hätten die Schrifttexte im Sinne der Machthaber zu „korrigiert“. Im Zuge dessen sei die Entfernung zahlreiche Textstellen des N.T. über die Reinkarnationslehre wahrscheinlich.

Hier frage ich mich, wie das funktioniert haben soll. Schließlich existieren bis heute tausende Manuskripte und Fragmente älterer Datierung als 325; wie sollte es möglich sein, diese allesamt ‚unbemerkt‘ zu verändern? Dass die lateinische Bibelübersetzung (Vulgata) inhaltliche Veränderungen erfahren hat, ist eine Tatsache – aber die ursprünglichen Handschriften?
In einer Zeit, zu der flächendeckender Analphabetismus gegeben war, mag das geklappt haben – außerhalb des kirchentreuen Klerus besaßen nur wenige Personen die notwendige Bildung, um mutwillige Verfälschungen der biblischen Texte aufzuspüren – heute hingegen ließe sich dies kaum durchhalten(?)

Ungeachtet der Beschlüsse auf den folgenden drei ökumenischen Konzilien [Konstantinopel (381), Ephesus (431) und Chalcedon (451)] wurde Jesus Christus zunehmend als einziger Erlöser unseres Zeitalters stilisiert. Den Gläubigen wurde als ihrer Erlösung (unmittelbar nach dem Tode) in Aussicht gestellt – wenn sie Christus und seine Kirche in Gehorsam annähmen.

Dadurch wurde die Lehre der Reinkarnation zusehends verdrängt, die den „wahren“ Gläubigen nicht mehr wünschenswert war (wenn sie doch viel einfacher erlöst werden konnten) – bis sie schließlich auf dem Zweiten Konzil v. Konstantinopel im Jahre 553 endgültig abgeschafft worden sei. Diese Auffassung muss als zumindest als strittig bezeichnet werden:

Eine angebliche Verurteilung der Reinkarnation und die damit verbundene Streichung entsprechender Stellen in der Bibel durch das Konzil … werden in den lateinischen Akten nicht erwähnt. Zudem kennen auch die zahlreichen erhaltenen Manuskripte der neutestamentlichen Schriften aus der Zeit vor dem Konzil keinerlei Hinweise auf Reinkarnation; das Gleiche gilt auch für das Alte Testament.
Die griechischen Akten des Konzils wurden 681 vernichtet, da man sie irrtümlich für eine Fälschung hielt.“ [vgl. Wikipedia]

Tja, für den interessierten Normalbürger ist es fast aussichtslos, durch vergleichende Recherche zu ermitteln, welche von abweichenden Schilderungen lange zurückliegender Ereignisse der Wahrheit entspricht.

Die Konzilien waren vielfach von heftigen Auseinandersetzungen über den ‚rechten Glauben‘ begleitet, in denen es weniger um Inhalte der Religion ging als um die Führungsrolle und den Einfluss in der Kirche. Folglich wurden auch politisch motivierte Entscheidungen zugunsten einer Auffassung getroffen, weshalb Zürrer davon ausgeht, dass in den diesbezüglichen Dogmen primär eigennützige kirchliche Interessen durchgesetzt werden sollten.

Notwendig ist eine sorgfältige und differenzierte Betrachtung jedes Einzelfalls. Allerdings erscheint es mir in Bezug auf die Streitigkeiten über Origenes‘ Lehren (insbesondere die Reinkarnation) mit Blick auf die geschichtlichen Ereignisse naheliegend und glaubhaft, dass die primäre machtpolitisch orientierte  Staatskirche alles unternahm, um ihre Autorität zu festigen. Dazu mag auch die Beseitigung/ Unterdrückung einer theologischen Konzeption zählen, welcher die Notwendigkeit einer universalen, exklusiven Kirche als Mittler zwischen Gott und den Menschen eher zweifelhaft erscheinen ließ.

Die Synode zu Konstantinopel sollte 543 die theologischen Differenzen um die Lehren des Origenes endgültig beenden. Diese Lehren wurden ohne Rücksicht auf die Haltung des damaligen römischen Papstes Vigilius, durch die Synode mit neun Anathemata (Bannflüchen) belegt, insbesondere auch die Lehren über Seelenpräexistenz und Reinkarnation.
Ebenso wurde verflucht, wer nicht glaubte, dass es eine ewige Bestrafung der Dämonen und gottlosen Menschen gebe. All diese Bannflüche folgten einer persönlich motivierten Anweisung von Kaiser Justinian I., der sich selbst als Oberherrn der Kirche verstand.

Ein wenig Tratsch, der bei aller Fragwürdigkeit manche Beweggründe veranschaulichen könnte: Justinians ehrgeizige Frau Theodora hatte ihren Aufstieg zur Herrscherin des Reiches als Kurtisane begonnen. Weil sie unsterblich werden wollte, anstatt nach dem Karmagesetz  in späteren Leben für ihre Taten büßen zu müssen, habe sie beim Kaiser einfach die Abschaffung der Wiedergeburtslehre erwirkt. Offensichtlich war sie von der Wirksamkeit dieser Aufhebung überzeugt – ein weiterer Beleg für die weit verbreitete Annahme, dass der Glaube der Menschen die Wirklichkeit insgesamt verändern könne…

Auf dem Konzil zu Konstantinopel (553) wurden Origenes‘ Lehren von der Präexistenz und der Reinkarnation nochmals verurteilt und offiziell als „heidnischen Irrlehre“ abgeschafft.
Dieser Beschluss wirkt bis in unsere Zeit nach: bis heute ist es jedem kirchentreuen Katholiken untersagt, an die Reinkarnation zu glauben.

Man kann es drehen wie man will: letztlich fiel das urchristliche Wissen um die Reinkarnation im Jahre 553 dem fatalen Betreiben eines Machtpolitikers und seiner Gattin mit ihrem damals fragwürdigen Lebenslauf zum Opfer.

Das Konzil zu Konstantinopel war praktisch eine ganz persönliche Versammlung Kaiser Justinians, auf dem er mit seinen von ihm abhängigen Vasallen (gegen den Protest des Papstes und der römischen Bischöfe) die Lehre von der Vorexistenz der Seele willkürlich mit Fluch und Bann belegte und damit der ursprünglich christlichen Lehre der Reinkarnation die Grundlage entzog.“

Dr. Robert Kehl fordert in seiner Schrift „Ein sonderbarer Heiliger Geist“ von den Kirchen, „wenn sie wieder glaubwürdig werden wollen“, eine klare Distanzierung von jenen Konzilien und den dort (vor dem Hintergrund von Terror und Intrigen) gefassten Beschlüssen.

Ist der Reinkarnationsglaube unchristlich?

Bei aller Sympathie, die ich für ein Modell der seelischen Reifung im Laufe mehrerer Reinkarnationen aufbringe – in der hier kurz angerissenen Abhandlung von R. Zürrer behagt mir das Ausmaß an Spekulation nicht.

Sind die benannten Verfälschungen biblischer Texte in Bezug auf die Reinkarnation wirklich offensichtlich und kaum zu widerlegen? Einen Beweis  vorsätzlicher Manipulation legt Zürrer nicht vor, anstelle eines nachprüfbaren Quellenvergleichs werden lediglich Indizien konstruiert. Mit zunehmendem Ausmaß einer Fälschung würde es problematischer, diese auf sämtliche im Umlauf befindlichen Schriften auszudehnen.
Die erwiesenen Fakten:

  • Der Glaube des Origenes an eine vorgeburtliche Existenz der menschlichen Seele wurde per Konzilsbeschluss verurteilt. Ob damit eine Überarbeitung biblischer Texte einher ging, ist nicht bewiesen.
  • Der Bannfluch Kaiser Justinians gegen die Lehre des Origenes ist von der Kirche bis heute offiziell nicht revidiert worden. Vielmehr wurde und wird an diesem Anathema seitens der Kirche als einem Teil der gültigen Konzilsbeschlüsse festgehalten.
  • Als Gründe einer fortgesetzte Ablehnung wird angeführt, der Reinkarnationsgedanke stehe im Widerspruch zu verschiedenen christlichen Dogmen der Eschatologie (Lehre von den letzten Dingen) – etwa von der Auferstehung des Leibes oder zur Grundlehre, dass sich in diesem einen Leben das Heil oder Unheil des Menschen entscheide und dass die Seele unmittelbar nach diesem einen Erdenleben in den ewigen Himmel oder in die ewige Hölle gehe. Außerdem beinhalte sie von der Kirche verurteilte Meinungen wie die der anima separata (vom Leib unabhängige Seele) oder der Präexistenz der Seele.

Welche Relevanz einem kirchlichen Verbot des Reinkarnationsglaubens zukommt, hängt von der persönlichen Positionierung ab.
Hierzulande sind wir endlich im religiösen Pluralismus angekommen – inwieweit wir der Kirche gehorchen, dürfen bzw. müssen wir selbst entscheiden. Das persönliche Denken und intuitive Empfinden kann sie jedenfalls nicht abstellen.
Freilich kann und darf nicht vergessen werden, wie viele Menschen für ihre Glaubensüberzeugung eingeschüchtert, benachteiligt, diskriminiert und sogar gefoltert und getötet wurden. Derartiges Vorgehen ist strikt zu verurteilen (ganz gleich, durch wen Zwang im Glauben ausgeübt wird) – seligmachend kann ein Glaube nur sein, wenn er freiwillig gelebt wird!

Gerade vor dem historischen Hintergrund weiß ich unsere heutigen Freiheiten zu schätzen: Jeder religionsmündigen Person ist selbst überlassen, ob er/sie an Wiederverkörperung oder die Auferstehung des Fleisches glauben möchte – oder daran, dass mit dem Ende dieses einen Lebens sowieso alles vorbei sei!

Was bleibt, ist die persönliche Gewissens-Verantwortung. Und das ist auch gut so.-

B. Die Betrachtung von Till A. Mohr

  • Bezug: „Kehret zurück ihr Menschenkinder –Die Grundlegung der christlichen Reinkarnationslehre“ (Auszug)

Während Zürrer als klarer Befürworter der Reinkarnationslehre als Bestandteil früh-christlichen Glaubens wesentlich an Aussagen des Origenes festmacht, findet der evangelische Theologe Till A. Mohr deutliche Anhaltspunkte, wonach der Kirchenlehrer die Wiederverkörperung einer menschlichen Seele in einem Tierkörper klar ablehnte. Weniger eindeutig lasse sich beantworten, ob Origenes die Reinkarnation einer menschlichen Seele in einen neuen menschlichen Leib ablehnte oder nicht:

  • Sein Hauptargument liegt in der urchristlichen Eschatologie – wer mit dem baldigen Ende der materiellen Welt rechnet, erwartet keine Reinkarnation (was  Wiederverkörperungen in der Vergangenheit nicht ausschließt). Die sichtbare, geschaffene Welt hatte für Origenes einen Anfang und ebenso ein Ende, das er schon bald erwartete.
  • Auch die Origenes heute manchmal zugeschriebene Rolle eines innerkirchlichen Revolutionärs passt nicht recht zu seiner Aussage, dass man nur das als Wahrheit glauben dürfe, „was in nichts von der kirchlichen und apostolischen Überlieferung abweicht.“
    Zu dieser kirchlichen Überlieferung gehörte auch der Glaube an die leibliche Auferstehung, die Origenes so erklärt: „… dass im Tod nur eine Umwandlung des Fleisches geschieht, seine Substanz aber, das steht fest, bleibt und wird durch den Willen seines Schöpfers zu einer bestimmten Zeit wieder ins Leben gerufen, und dann geschieht eine neue Umwandlung.“
    (Ein durchaus fortschrittlicher Gedanke, der zumindest auf atomarer Ebene zutreffend sein dürfte – doch würden die atomaren Bausteine eines verwesenden Leichnams in den Kreislauf der Natur (d.h. in andere Lebewesen) eingehen und daher kaum für eine Auferstehung eines früheren Körpers zur Verfügung stehen, in welchem sich die Atome zuvor befanden)

Aber:

„Wenn er heute, nach 1750 Jahren, was einem Zeitraum etwa von Abraham bis Jesus entspricht, das Ende der sichtbaren Welt bedenken würde, sähe er [Origenes] es wohl in einem anderen Licht, nämlich weniger in dem des Endes als vielmehr der Vollendung der materiellen Schöpfung im Sinne des Übergangs, der Verwandlung und Vergeistigung in eine unsichtbare und ewige Wirklichkeit neuer, höherer Welten.

Die Vollendung jedes Menschen sowie der ganzen sichtbaren Welt sei mit Blick auf die endgültige Apokatastasis panton (Wiederherstellung aller Dinge = Allversöhnung) zu verstehen – eine Sicht, die bei Origenes eine wesentliche Rolle spielte.

Dass Origenes die Präexistenz der menschlichen  Seele lehrte, sei nicht zu bestreiten. Doch bedeute Präexistenz nicht unbedingt auch Reinkarnation.

Mohr erklärt diesen Zusammenhang so:

 „Der Gedanke von der Präexistenz der Seelen ist also antihäretisch (=keine Irrlehre) und im Sinne der Theodizee  zu verstehen. Durch den Missbrauch der Willensfreiheit haben sich die ursprünglich körperlosen, geistigen Wesen von Gott entfernt (Abfall von Gott s.o.). Dadurch wurden die ursprünglich körperlosen Geistwesen zu Seelen und je nach ihrer Verschuldung oder ihrem Verdienst zu Engeln, Dämonen oder auch Menschen und Tieren mit einem entsprechend mehr oder weniger verdichteten, lichten oder dunklen bzw. materiellen Leib – ein „Kerker von Fleisch und Blut„.

Im übrigen habe Origenes praktisch nicht mehr mit einem erneuten Fall freier Geistwesen gerechnet – Denn die Wiederherstellung im Sinne der Vollendung werde den Anfang übertreffen, „weil die Geschöpfe dann die Erfahrung der Liebe Gottes gemacht haben und dadurch selbst in der Liebe gefestigt sind“.

Warum aber wird Origenes immer wieder unterstellt, er habe an Reinkarnation geglaubt? Es hat (für mich) den Anschein, als habe seine Auffassung sich im Laufe seines Lebens als theologischer Forscher und Denker zumindest in einzelnen Akzenten verschoben.

  • Die innere Logik der Präexistenzlehre legte den Gedanken sehr nahe, dass auch eine Form von Reinkarnation existiert. Beides hätte sich leicht integrieren lassen, wenn Origenes nicht an der leiblichen Auferstehung festgehalten hätte, mit der er sich ohnehin schwer tat:
    Mit Vollendung der Wiederherstellung von Allem sollten die ursprünglich körperlosen Geistwesen wiederum eine körperlose Erscheinungsform erhalten und somit dem Anfang der Schöpfung wieder entsprechen. Folglich wäre ein auch unsterblicher Auferstehungsleib überflüssig und stünde im Widerspruch zum Prinzip von der Wiederherstellung  des anfänglichen Zustandes.

Ein Körper war aus Origenes Sicht alles andere als wünschenswert, denn er galt als etwas Unvollkommenes, das ein völlige Einswerden mit dem unkörperlichen Gott eher behindern würde. Als Endzustand war eine körperliche Existenz daher kaum denkbar.

  • Origenes benennt für das körperliche Sein der Vernunftwesen mehrere Phasen (zeitliche Abstände) und spricht von einer Mehrzahl von Körpern, sodass der Gedanke der Reinkarnation offenbar vorliegt.
  • An anderer Stelle beschreibt der Kirchenlehrer die Möglichkeit, dass die den Hades verlassenden Menschenseelen auf Erden inkarniert werden, wenn sie einen weiteren Aufenthalt verdient haben.
    Genau das besagt das Reinkarnationsprinzip (mit der Einschränkung auf menschliche Körper).
  • Das werde bestätigt durch Origenes‘ weitere Aussage über als Menschen verkörperte Seelen gibt, die einerseits aus „dem oberen Himmel in unsere Stätten“ kommen, und andererseits Seelen, die aus dem Hades kommend „wieder nach oben gelangen und einen menschlichen Leib annehmen“.
  • Diesen Gedanken führt Origenes fort: so könne „ein Israelit, welcher der Lehre des guten Hirten nicht folgt und nach dem Tod in den Hades gelangt, bei der erneuten Menschwerdung unter die Skythen fallen und umgekehrt ein Ägypter nach Judäa hinab gelangen…“ –
    Auch für ein solches heilsgeschichtliches Pozenzial, welches auch jede Form von Rassismus und Nationalismus ad absurdum führt, muss eine Form von Reinkarnation wohl vorausgesetzt werden.
  • Vehement argumentiert Origenes gegen die Auffassung der Gnostiker, dass JHWH der Gott des Alten Testaments eine strenge, unbarmherzige Gerechtigkeit verkörpert und gelegentlich sogar böse Züge tragen kann, während der von Jesus im Neuen Testament offenbarte Gott ein anderer, gütiger und liebevoller Gott ist. Schließlich kommen unterschiedlich leidvoll Schicksale der Menschen nicht von Gott, sondern haben ihre Ursachen im schuldhaften Verhalten der Geistwesen mit ihrem freien Willen.
    Am Beispiel der Zwillinge Jakob und Esau (1 Mose 25 – 26) erläutert Origenes nun, dass Jakob „auf Grund von Verdiensten eines früheren Lebens von Gott mit Recht geliebt wurde, so dass er auch nach Verdienst dem Bruder vorgezogen wurde. „Erwarb Jakob diese Verdienste im Himmel oder auf Erden in einem früheren Menschenleben? „Wenn er sie im Himmel erworben hätte, dann wäre er durch sie erhöht worden, d.h. als Engel erhöht worden und gerade nicht zum Menschsein erniedrigt worden. Folglich hat er sich die Verdienste in einem früheren Menschenleben erworben,… – und das bedeutet Reinkarnation.

Man dürfe davon ausgehen, schlussfolgert Mohr, dass Origenes sich primär durch das kirchliche Dogma von der ‚Auferstehung des Fleisches‘ daran gehindert sah, die Wiederverkörperung mit voller Überzeugung öffentlich zu lehren. Es ist bemerkenswert, dass ein evangelischer Theologe somit die inhaltliche Nähe des Kirchenvaters Origenes zur Reinkarnation konzediert.

Tatsache ist aber: Weder mit kirchlichen Dogmen noch mit Kontroversen über eine mutmaßlich ‚frühchristliche Reinkarnation‘ kommt man einer Erkenntnis, ‚wie die Dinge denn nun wirklich vor und nach dem Tode liegen‘, wirklich näher.
Wie Sokrates und sehr viel später Goethe bekennt auch Origenes freimütig, dass wir manches nicht wissen und auch nicht wissen können.

Es bleibt nur der Versuch, eine möglichst treffende Vorstellung über die Prinzipien von Leben, Tod und Jenseits zu entwickeln – und dabei sind Denkverbote sicher nicht hilfreich.

Quellenangaben

  1. „Reinkarnation“ von Ronald Zürrer (Auszug via archive.org)
  2. „Kehret zurück ihr Menschenkinder -Die Grundlegung der christlichen Reinkarnationslehre“ von Till A. Mohr (→Auszug:  Pdf auf der Webseite des AK Origenes, ISBN: 3-89427-275-9).
  3. Über die Grundlehren der Glaubenswissenschaft“ (De principiis), Origenes‘, Bibliothek der Kirchenväter (BKV) /
    Ausgewählte Auszüge aus De principiis auf der Webseite des AK Origenes

Anmerkungen

  1. Hier nur ein kurzer Auszug: „Gott sprach: Ich bin der Ursprung sowohl der spirituellen als auch der materiellen Welt. Alles geht von Mir aus. Die Weisen, die dies vollkommen verstanden haben, beschäftigen sich in Meinem hingebungsvollen Dienst und verehren Mich von ganzem Herzen. (Bg. 10.8)
    Alle Lebensformen werden durch Geburt in der materiellen Natur ermöglicht, und Ich bin der samengebende Vater. (Bg. 14.4)“
  2. Die Präexistenz -Lehre basiert auf der  Annahme, dass die Seelen der Menschen oder auch anderer Lebewesen schon vor der Entstehung ihrer Körper existieren und in die Körper eintreten)
  3. In seiner Schrift „gegen Johannes von Jerusalem“ zitierte er Origenes mit Hinweisen, die folgende Textrekonstruktion ermöglicht:„…Die Engel und Throne und Herrschaften, die Gewalten und Herrscher der Welt und der Finsternis und „jeder Name, der genannt werden mag, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen“ (vgl. Eph. l, 21) sind Seelen von solchen Körpern, die sie entweder aus Verlangen oder zum Dienste angenommen haben.
    Alle körperlosen und unsichtbaren vernünftigen Geschöpfe gleiten, wenn sie in Nachlässigkeit verfallen, allmählich auf niedere Stufen herab und nehmen Körper an je nach der Art der Orte, zu denen sie herabsinken: z. B. erst aus Äther, dann aus Luft, und wenn sie in die Nähe der Erde kommen, umgeben sie sich mit noch dichteren Körpern, um schließlich an menschliches Fleisch gefesselt zu werden.
    Auf der Leiter Jakobs (vgl. Gen. 28, 12) steigen die vernunftbegabten Geschöpfe allmählich bis zur untersten Stufe herab, d. h. bis zu Fleisch und Blut. Es ist unmöglich, daß einer mit einem Male vom hundertsten zum ersten Rang herabstürzt; er gelangt vielmehr durch die einzelnen Ränge wie auf den Stufen einer Leiter bis zum untersten Rang. Dabei wechselt er seinen Körper ebensooft, wie er seinen Wohnsitz beim Abstieg vom Himmel zur Erde wechselt.
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