Gotteswille und Kirchenwille nach Vergewaltigungen?

In der Debatte um den Umgang mit Vergewaltigungsopfern in katholischen Krankenhäusern werden die Fakten seitens der Medien mitunter verzerrt dargestellt, als Folge kommt es sogar zu pauschalen Negativurteilen gegenüber katholisch geführten Kliniken. Damit ist aber niemandem geholfen.

Die spanische Nachrichtenagentur „Efe“ verbreitete sogar, Papst Benedikt XVI. habe „den Gebrauch der ‚Pille danach‘ in Deutschland autorisiert“ – völliger Blödsinn, wie sich später herausstellte. Zutreffend ist lediglich, dass der Kölner Kardinals Joachim Meisner eine Erklärung (→Wortlaut) abgegeben hat, dass im Falle einer Vergewaltigung solche Präparate ethisch vertretbar seien, die eine Befruchtung verhindern. Weiterhin inakzeptabel seien allerdings Medikamente, die eine abtreibende Wirkung hätten. (Problematisch daran: manche dieser Wirkstoffe sollen eine ‚potenziell‘ abtreibende Wirkung haben, wohl abhängig vom Zeitpunkt des Eisprungs, s.u.)
Diese Erklärung wurde zwar mit dem Päpstlichen Akademie für das Leben und der Glaubenskongregation abgestimmt; der Papst selbst hat sie erst nach Veröffentlichung zur Kenntnis genommen.

Bekanntlich lehnt die katholische Morallehre eine Abtreibung auch bei Schwangerschaften nach einer Vergewaltigung kategorisch ab; jede Beteiligung daran wegen des ’nicht wieder gutzumachenden Schadens‘ steht unter der Strafe der Exkommunikation. Jedes werdende Leben sei unter allen Umständen zu schützen – auch nach einer Vergewaltigung sei mit der Empfängnis das neue Leben entstanden, das einen Anspruch auf uneingeschränkten Schutz habe.
Die als starr empfundene Haltung der katholischen Kirchenleitung gerade zu Abtreibung in schwierigen und komplexen Situationen weckt heftige Emotionen, denn sie scheint die Lage der Not leidenden Frauen nicht hinreichend zu würdigen.

Papst Johannes Paul II. stellte diesbezüglich in „Evangelium vitae“ fest:

„Gewiss nimmt der Entschluss zur Abtreibung für die Mutter sehr oft einen dramatischen und schmerzlichen Charakter an, wenn die Entscheidung, sich der Frucht der Empfängnis zu entledigen, nicht aus rein egoistischen und Bequemlichkeitsgründen gefasst wurde, sondern weil manche wichtigen Güter, wie die eigene Gesundheit oder ein anständiges Lebensniveau für die anderen Mitglieder der Familie gewahrt werden sollten. Manchmal sind für das Ungeborene Existenzbedingungen zu befürchten, die den Gedanken aufkommen lassen, es wäre für dieses besser nicht geboren zu werden.
Niemals jedoch können diese und ähnliche Gründe, mögen sie noch so ernst und dramatisch sein, die vorsätzliche Vernichtung eines unschuldigen Menschen rechtfertigen

Selbst in extremen Situationen, wie nach Massenvergewaltigungen im Bosnien-Krieg oder im Falle eines 9-jährigen Mädchens in Brasilien war die katholische Führung nicht zu Konzessionen im Sinne einer Ausnahmeregelung bereit.( vgl. Abtreibung bei Neunjähriger – Mutter und Ärzte exkommuniziert1))

Dieser Position schließt sich bisweilen auch ein weltliches Gericht an, wie hier in Argentinien. Schließlich sei es nicht möglich, „ein Unrecht wieder gutzumachen, indem man ein noch schwereres und nicht umkehrbares Unrecht begeht“.

Bei aller verständlichen Kritik an ihrer Position dürfe man nicht übersehen, warum die Kirche an der Heiligkeit und Schutzwürdigkeit jedes menschlichen Lebens, egal zu welchem Zeitpunkt festhalte, betont Sophia Kuby:

„Allerdings, und das ist der entscheidende Punkt, tut die Kirche dies nicht aus Herzlosigkeit gegenüber dem schlimmen Leid einer Vergewaltigung, sondern aus einer entschiedenen und bedingungslos lebensbejahenden Haltung.“–

Wer entscheidet? Wer darf entscheiden?

Das grundsätzliche Pro und Contra zur Abtreibung und der Pille danach möchte ich hier nicht im Detail erörtern – ich finde es nur ’spannend‘, wo immer Männer über eine Problemstellung befinden und entscheiden wollen, die zuallererst Frauen betrifft (wobei ein Mann, gerade als potenzieller Vater, sich keinesfalls als unbeteiligt betrachten sollte).

Ein ethischer Grenzfall, meine ich. Um diesen in seiner Tragweite zu erfassen, bedarf es der Akzeptanz, dass auch heute noch viele Millionen Menschen die katholische Kirche als oberste Autorität in moralischen Fragen betrachten und dass für diese Gläubigen die Strafe der Exkommunikation als gleichbedeutend mit Höllenstrafe und ewiger Verdammnis gelten kann. Nur vor diesem Hintergrund lässt sich die Gewissensnot einer katholischen Frau erfassen – die Opfer einer Vergewaltigung ist, nun eine Schwangerschaft befürchten muss und sich zusätzlich zu einer der schwersten ethisch-moralischen Entscheidungen überhaupt gezwungen sieht.

Selbstverständlich steht jede nicht katholische (bzw. nicht muslimische) Frau ebenso vor dieser Entscheidung – die immer bewusst und niemals leichtfertig getroffen werden soll. Insoweit könnte man Ratschläge, auch Mahnungen bezüglich der ethischen Dimension für hilfreich erachten, denn es ist wahrlich keine einfache Abwägung, die hier zu treffen ist. Wie Strafandrohungen und Zwang sich helfend, liebend und barmherzig zeigen sollen, vermag ich jedoch nicht zu sehen.

Eine Abtreibung ohne zwingende medizinische Indikation halte ich persönlich für für eine Verfehlung, besonders da, wo sie der Bequemlichkeit bzw. der ‚Beseitigung unerwünschter Folgen‘ nach einvernehmlichem, ungeschützten Geschlechtsverkehr dienen soll. Oft wird sich dabei leichtfertig(?) der Verantwortung entzogen, die mit sexuellen Handlungen nun mal einhergeht. Doch hier geht es um einen Sonderfall, da einer Frau ohne jegliches Verschulden ihrerseits schweres Leid zugefügt wurde.
Auf keinem Fall darf die betroffene Frau durch Androhung von weltlichen Sanktionen oder Kirchenstrafen in ihrer ohnehin schweren Entscheidung zusätzlich belastet werden. Das ist offenkundig nicht der geeignete Weg.

Wenn eine Frau als Vergewaltigungsopfer sich trotz allem dazu entschließt, ein durch ein Verbrechen empfangenes Kind auszutragen – ob sie es selbst aufziehen oder zur Adoption freigeben will – hat sie meinen vollen Respekt. Dergleichen jedoch von ihr zu verlangen, ist in meinen Augen eine unzulässige Zumutung, die ihr Leiden noch vergrößert.

Die ‚Pille danach‘ kann einen wichtigen Ausweg aus diesem Gewissensdilemma darstellen, nach allem was ich weiß, wirkt sie nicht, falls bereits eine Schwangerschaft eingetreten ist (so sah mein bisheriger Kenntnisstand aus, der nachfolgend relativiert wird).

Dass diese Hilfestellung ebenfalls aus kirchlicher Sicht ein ethisches Problem darstellen soll bzw. kann, hat mich überrascht.-

Die kirchliche Ablehnung von Abtreibung und weshalb auch die ‚Pille danach‘ aus katholischer Sicht kritisch gesehen werden kann, erläuterte der Freiburger Moraltheologe Prof. Eberhard Schockenhoff. Er stellte klar, dass auch kirchliche Kliniken im Falle einer Vergewaltigung ein spezielles Medikament anbieten könnten, bei der nicht die Einnistung des Embryos, sondern bereits der Eisprung verhindert wird.

Nachfolgend eine Zusammenfassung:

Die katholische Morallehre berücksichtigt die zwei verschiedenen Wirkungsweisen der Pille danach: Ob eine Abtreibung nun auf dem chirurgischen Weg oder auf pharmakologischen Weg erfolgt, macht für die moralische Bewertung keinen Unterschied.

  • Eine Variante hat eine frühabortive Wirkung und wird wie ein späterer Schwangerschaftsabbruch gewertet, denn sie hindert eine bereits befruchtete Eizelle (d.h. einen Embryo im anfänglichen Stadium) an der Weiterentwicklung und an der Einnistung in der Gebärmutter.
  • Die zweite Variante verzögert oder verhindert den Eisprung – eine Wirkungsweise, die im Zusammenhang mit einer Vergewaltigung moralisch vertretbar sei. Aber: Hat die Empfängnis schon stattgefunden, bleibt diese Pille ohne Wirkung.

Schockenhoff benannt die Schwierigkeit für eine traumatisierte Frau, noch im Schockzustand eine weitreichende ethische Abwägung vorzunehmen. Dies habe allerdings zur Folge, dass die Position des Kindes nicht beachtet wird (weil vornherein feststeht, eine mögliche Schwangerschaft beenden zu wollen).

Tatsächlich ist zu bedenken, dass die geschädigte Frau später auch mit den seelischen Folgen eines Schwangerschaftsabbruchs (wenn dieser Begriff in einem so frühen Stadium überhaupt angemessen ist) leben muss. Der Moraltheologe plädiert im Interesse von Frau und ‚Kind‘ dafür, „alles zu versuchen, um eine ruhige Entscheidung erst aus einer gewissen zeitlichen Distanz zu fällen„.
Dies sei medizinisch auch möglich, da der Der zeitliche Wirkradius der Pille danach bei etwa 120 Stunden liege.

Entscheidend sind also eine gute Betreuung und umfassende Aufklärung. Doch bin ich mir im Unklaren, ob sich viele Opfer darauf überhaupt einlassen können und wollen, ‚in Ruhe‘ nachzudenken – oder ob sie die möglichen Folgen dessen, was ihnen angetan wurde, so sicher wie möglich beseitigen wollen.

Die Position des ‚Kindes‘ berücksichtigen zu wollen, ist rational zu verstehen. Im Vordergrund steht dabei doch wohl die Sichtweise, jedes ungeborene Leben sei ein Geschenk Gottes (auch des Lebens an das neue Geschöpf), das durch menschliche Willkür keinesfalls zurückgewiesen werden dürfe.
Mitunter hört man auch, ein solches Kind könne eine von Gott gestellte Prüfung aufzufassen sein – aber da hört dann alles auf: Will man einem gütigen Gott allen Ernstes unterstellen, er habe in gewisser Weise an einem schweren Verbrechen teil und erzwinge so die Schaffung eines neuen Lebens?
Ob das Gebot ‚Du sollst nicht töten‘ in Bezug auf früheste Embryonalstadien Anwendung finden kann, erachte ich zumindest für fraglich. Zugegeben, mit einer juristischen Definition kommt man hier nicht weiter.

Richtig ist sicher, dass ab der Empfängnis ein neues Leben entsteht (‚entstand ist‘, sagt die katholische Lehre), das es zu schützen gilt. Dieser Schutz ist aber gegen das moralische Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit der ebenfalls schutzwürdige Frau abzuwägen, die Opfer eines Verbrechens wurde.
Was es bedeutet, ein werdendes Leben 9 Monate in sich zu tragen und täglich, ja stündlich, an die Momente der Vergewaltigung erinnert zu werden, kann ein Mann kaum jemals ermessen! Die notwendige Gewissensentscheidung kann deshalb nur die Betroffene vor ihrem Gewissen und vor Gott fällen und dabei verdient sie jede erdenkliche Hilfe.

Schockenhoff will aus medizinischer Sicht auch die seelische Verfassung des Opfers berücksichtigt wissen: falls ihre psychische Not der Frau einen eindeutigen Krankheitswert habe, dann könne dies unter die Ausnahmesituation einer erweiterten medizinischen Indikation fallen.

So wie ich seine Ausführungen auffasse, liegt für Professor Schockenhoff die Priorität klar bei einer Gewissensentscheidung der Betroffenen:

„Die einzige moralisch einwandfreie Auflösung dieses tödlichen Konflikts, bei dem zwei unschuldige Menschenleben gegenüberstehen, wäre es, wenn die Frau von sich aus in einem Akt hochherziger Liebe sagen könnte, ja ich nehme das Kind an, obwohl ich selber einen schrecklichen Akt der Gewalt erlitten habe. Das ist aber viel mehr, als man unter Verweis auf Recht und Moral von der Frau erwarten könnte.

[…]  Wenn die Frau etwa erklärt, dass sie das Kind immer an das Trauma der Vergewaltigung erinnern würde, dann wird man ihre Entscheidung akzeptieren müssen. Sie handelt dann aus ihrer Notsituation heraus entschuldigt. Die Schuld am Abbruch fällt hier auf den Vergewaltiger zurück, der dann zwei Leben auf seinem Gewissen hat.

Siehe auch

Anmerkung:

  1. Aus diesbezüglichen Zeitungs- und Nachrichtenartikeln ergibt sich folgender Sachverhalt:
    „Gegen den erbitterten Widerstand der katholischen Kirche haben brasilianische Ärzte bei einem erst neunjährigen Mädchen in Recife Zwillinge abgetrieben. Der örtliche Erzbischof José Gomes Sobrinho teilte anschließend mit, die beteiligten Ärzte sowie die Mutter des Mädchens seien exkommuniziert. Das Mädchen war von seinem Stiefvater vergewaltigt worden und in der 15. Woche schwanger. Das Leben des Kindes sei in Gefahr gewesen, sagte der Direktor des Gesundheitszentrums Amaury de Medeiros …
    …Die katholische Kirche Brasiliens hatte gefordert, das Mädchen solle die Zwillinge austragen. Der Rechtsanwalt der als besonders konservativ geltenden Erzdiözese von Olinda und Recife, Marcio Miranda, sagte: „Wir halten das für Mord. Das Gesetz Gottes lautet: Du sollst nicht töten.“ Nach Worten von Sobrinho bedeutet die Exkommunizierung, dass die Betroffenen nicht mehr am Abendmahl teilnehmen und keine Sakramente empfangen dürften. In die Hölle kämen sie aber nicht automatisch, wenn sie „rechtzeitig bereuen und um Vergebung bitten“, sagte der Erzbischof.“Sorry für meine Polemik, aber wird ein katholischer Priester nach begangenem Mißbrauch eines Kindes auch exkommuniziert, wenn der erlittene seelische Schaden zum Tode des Geschädigten führt?
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