Liberaler Islam – kein Widerspruch in sich

“Der Islam gehört zu Deutschland” – welcher Islam?

Es wird höchste Zeit, dass wir unseren Sinn für die Realität schärfen und diese Wirklichkeit von unserem Wunschdenken sowie unserer selektiven, von Vor-Urteilen durchsetzten Wahrnehmung unterscheiden lernen.
Wulffs Formulierung, dass die Muslime zu Deutschland gehören, ziehe ich als Beschreibung der sichtbaren Realität vor. Denn inzwischen sollte jeder verstanden haben, dass es weder den Islam noch die Christenheit gibt. Ebenso wenig selbstverständlich repräsentieren rechtsextreme Splittergruppen die Deutschen. Kaum zu glauben, dass selbst diese durch Beobachtung erfahrbare Tatsache mühsam vermittelt werden muss.

Religionen sind kein homogener Block, der eine einheitliche theologische Position vertritt. Gleiches gilt für deren Vorgehen: Eine Gewaltbereitschaft in Teilen der gegenwärtigen muslimischen Welt ist weder zu übersehen noch zu bestreiten. Ersetze muslimisch durch christlich, westlich usw. – und die Aussage trifft weiterhin zu. Das war zu allen Zeiten so, doch heute sind wir besser vernetzt und bekommen mehr davon mit. 9/11 hat vorhandene Konflikte sichtbar werden lassen, evtl. auch deren Eskalation beschleunigt, aber nicht ausgelöst.
In Deutschland finden wir ein breites Spektrum von Muslimen, Christen wie auch von Naturalisten und Darwinisten usw. vertreten – von tolerant bis intolerant, von gewalttätig über latent gewaltbereit bis pazifistisch. Sie alle ‘gehören’ zu Deutschland, sobald sie diese Staatsangehörigkeit besitzen – unabhängig davon, ob uns das passt oder mit Unbehagen oder Wut erfüllt.

Mit dieser Vielfältigkeit wird jede pauschale Aussage über eine Religion oder eine Nation in ihrer Gesamtheit zu einer unzutreffenden Verallgemeinerung.
Um ein realistisches Bild vom Islam allgemein und den in Deutschland lebenden Muslimen zu gewinnen, ist eine differenzierte Betrachtungsweise notwendig – anstatt von journalistischer Seite einseitig quotenbringende Gewaltakte,  ‘Hasspredigten’ und das Wutgeheul von Minderheiten auf allen Seiten der Konfliktparteien aneinander zu reihen.

Das medial vermittelte Bild von Muslimen in Deutschland

Wer Beispiele für einseitige Berichterstattung sucht, findet diese in sog. Dokumentationen wie ‘Im Netz von Salafisten – Islam in Deutschland’ (SWR). Der hier vermittelte Eindruck beruht sicherlich auf Fakten, doch es wird ein völlig einseitiges Bild der Muslime in Deutschland bzw. Europa erzeugt. Die ultra-konservative Strömung des Salafismus stellt eine kleine Minderheit innerhalb der Muslime dar – sowohl weltweit als auch hierzulande.
Nicht einmal der so viel Aufmerksamkeit heischende und erhaltende Salafismus stellt sich dar als einheitlich erstarrter Block aus mittelalterlich denkenden Betonschädeln: Auch unter ihnen finden sich unterschiedlich konservative Ausprägungen, von denen einige sich liberaleren Standpunkte annähern – jedenfalls solange “diese nicht einzelne Rechtsquellen und Dogmen ignorieren oder umgehen”.

Wie der sich als gemäßigt bezeichnende Abdurrahman Malik beschreibt, gibt es in der salafistischen Szene einen ideologischen Bruch zwischen Moderaten und Radikal-Militanten, die Gewalt gegen Muslime wie Nichtmuslime legitimieren und mit Al-Kaida sympathisieren.
So spricht sich auch der Ex-Boxer und heutige dem Salafismus nahestehende Islam-Prediger Pierre Vogel bei vielen Gelegenheiten (u.a. hier und hier) öffentlich gegen jede Form der Gewalt aus. Sein Hauptargument lautet, man könne den Islam nicht an den Muslimen messen – und ebenso wenig lasse sich das Christentum aus dem Verhalten von Christen bewerten.

Auch Guido Steinberg, Experte für islamistischen Terrorismus, plädiert für genaues Hinsehen: “Salafismus ist nicht Dschihadismus„.
Nicht nur die ARD widmet radikalisierten Minderheiten und deren Missionierungsversuchen erstaunlich viel Sendezeit. Daran gäbe es nichts auszusetzen, wenn dies nicht der Schwerpunkt einer im Ergebnis einseitigen, auf Emotionen abgestellte Berichterstattung wäre.
Freilich wurde auch über christlich-patriarchalische Fundamentalisten berichtet (vgl. Die Hardliner Des Herrn – Christliche Fundamentalisten in Deutschland, 2007) – doch über das christliche Spektrum weiß man in Deutschland etwas besser Bescheid als über den Islam, deshalb schüren evangelikale Extrempositionen deutlich weniger Ängste als der schlagwortartige Gebrauch von Begriffen wie Salafismus, Taliban und Al Quaida in einem Atemzug.

Da’wa – systematische Islamisierung oder harmlose ‚Einladung?‘

Ich verhehle nicht, dass mir ein anderer Aspekt weit mehr Sorge macht als das Agieren religiöser Minderheiten: Nicht nur sunnitisch-orthodoxe Muslime befürworten und betreiben die sog. Da’wa d.h. Öffentlichkeitsarbeit und offensives Missionieren zugunsten des Islam in Deutschland.
Ich empfehle ausdrücklich, das “Strategiepapier für die Einladung der Menschen in Deutschland zu ihrem Schöpfer(pdf) des Deutschen Informationsdienst über den Islam e.V. (DIDI) zu lesen.
Danach sieht man klarer – Ängste vor Gewaltkampagnen und der Abschaffung des Grundgesetzes sind bis auf weiteres zwar unangebracht. Aber ich kann durchaus nachvollziehen, wenn von einer langfristig angelegten Strategie islamischer Unterwanderung gesprochen wird (wobei ich vergeblich nach einem passenderen, nicht negativ besetzten Terminus gesucht habe).

Zusammenfassung: Die Einladung zum Islam soll heimisch gemacht werden in Deutschland. D.h. der Islam soll nicht mehr als etwas Fremdes gelten, sondern als eine normale mögliche Religionswahl eines Deutschen. Diesem Heimischwerden der Dawa stehen einige Hürden entgegen, die abgebaut werden müssen. […] werden konkrete Arbeitspakete definiert, um diese zu beseitigen.

Auch das sehr langfristige Ziel einer “Weltherrschaft” von Scharia und Islam wird nicht direkt abgestritten. Fraglos gebietet die letztlich doch auch für Europa angestrebte Scharia die Bevorzugung einer Religion und beansprucht zudem Weltgeltung, das wird sehr deutlich. Nochmals: Es wird in diesem Papier kein gewaltsamer, abrupter Systemwechsel vorgezeichnet – wohl aber friedliches und zugleich subtiles Vorgehen in einem ‘geistigen Wettbewerb der Werte und Überzeugungen.
Nicht das evangelikale Christen anders vorgehen würden…religiös-fundamental orientierte Gruppierungen wünschen allgemein die Verbindung von Staat und (ihrer) Religion, damit die Lebensweise der Menschen direkt beeinflusst werden kann.
Würde im Falle eines ‘Sieges’ des Islam in Deutschland eine dann christliche oder agnostische Minderheit noch respektiert und in Ruhe gelassen? Das ‘Strategiepapier’ widerspricht:

Somit muss der nichtmuslimischen Bevölkerung klar gemacht werden, dass sie ihre Kultur nicht aufgeben müssten, falls sie den Islam annehmen sollten bzw. falls die Muslime durch das große Wachstum der muslimischen Minderheit mehr Einfluss bekommen würden. […]
Da die Muslime heute die Aufgabe der Gesandten Gottes haben, nämlich Seine Botschaft den Menschen zu überbringen, müssen sie die Menschen auch als ihre Brüder betrachten.

Albrecht Hauser vom evangelisch orientierten Institut für Islamfragen ifi machte  2010 ebenfalls auf „Systematische Strategien zur weltweiten Islamisierung“ aufmerksam. Bei der Da’wa gehe um offensive islamische Missionierung, sondern auch um eine mehrstufige Strategie, mit der islamischen Rechtsvorstellungen zunehmend Einfluss verschafft und deren Verankerung in der Gesellschaft erwirkt werden solle. Zwei genannte Punkte dieser Strategie von zumeist aus Saudi-Arabien finanzierten Islamverbänden und -institutionen  lassen zumindest aufhorchen:

  • Gesetzliche Ächtung jeglicher Islamkritik als Gefährdung des Weltfriedens
    Muslime betrachten den Islam als die natürliche und vernünftige Urreligion der Menschheit und zugleich als die Lösung für alle politischen, sozialen und wirtschaftlichen Probleme. Wer den Islam kritisiert oder sich gegen die weltweite Durchsetzung seiner Bestimmungen ausspricht, gefährde folglich Frieden und Gerechtigkeit in der Welt.
    Die Organisation islamischer Staaten (OIC) übe daher auf ihre Mitgliedsstaaten sowie westliche Regierungen gezielt Druck aus, dass diese jegliche Kritik am Islam durch gesetzliche Androhung empfindlicher Strafen unterbinden. Im UNO-Menschenrechtsrat habe sie mithilfe von Resolutionen durchgesetzt, dass Menschenrechtsverletzungen im Namen der Scharia nicht mehr thematisiert werden. „Wer vom Islam abfällt oder einzelne seiner Prinzipien kritisiert oder verletzt, soll sich nach den Plänen der OIC künftig nicht mehr auf Menschenrechte wie die Religions- oder Meinungsfreiheit berufen können.
  • Prozess der Islamisierung: Von der beherrschten Minderheit zur herrschenden Mehrheit
    Islamische Missionare und Meinungsbildner haben längst  die Notwendigkeit erkannt, ihre Botschaft im Westen zu „kontextualisieren“, um vermeintliche Vorurteile  zu entkräften und ein positiveres Bild ihrer Religion zu entwerfen. „Das heißt: Der Inhalt bleibt, die Präsentation wird angepasst.“

    So werde nicht mehr von einem islamischen (Gottes-)Staat gesprochen, sondern die Schaffung einer gerechten Weltordnung gefordert – welche soll freilich auf die Unterwerfung unter den einen Gott und den Gehorsam gegenüber seinen Gesandten stützen solle.
    Hinsichtlich sensibler Aspekte wie  Toleranz und Gewalt im Islam werde gezielt auf die milden Koranverse aus der (früheren) mekkanischen Lebensphase Muhammads verwiesen. „Die eindeutigen Aufrufe zum gewaltsamen Kampf gegen die Ungläubigen aus der medinensischen Zeit Muhammads als politischen und militärischen Führers bleiben in diesem Kontext meist unerwähnt.
    Das bedeute jedoch nicht, dass man sich auch von diesem politischen Erbe des Islam lösen wolle. Letztlich bleibe die Zielsetzung der Muslime bestehen, Europa zunächst friedlich mit den Mitteln der Predigt und Ideologie zu erobern. Langfristig werde der unveränderten Anspruch weiterverfolgt, Staat und Religion unter dem Dach der Scharia zu vereinen.

Angenommen, diese Feststellungen treffen zu und es gibt eine weltweite Missionierungsstrategie – gerade dann sind ein selbstbewusst geführter Dialog und zugleich aufmerksames Beobachten (nicht durch den Verfassungsschutz… ich meine die Aufmerksamkeit und Dialogbereitschaft des einzelnen) angesagt, auch in Bezug auf die zahlenmäßige Entwicklung der verschiedenen Bevölkerungsanteile in unserer multikulturellen Gesellschaft. Auf dass sie multikulturell bleibe..

Wenn Heranwachsende, die sich bislang kein Stück für Theologie und Philosophie interessiert haben, sich in wachsender Zahl ohne Betrachtung von Alternativen einer strengen islamischen Rechtleitung unterwerfen, muss die Frage erlaubt sein, ob die Gesellschaft abendländischer Prägung gegenüber diesen jungen Menschen versagt hat! Das Einnehmen einer Opferhaltung hilft weder Einzelpersonen noch einer Gesellschaft dabei, Probleme sachlich zu identifizieren und anschließend eine angemessene Lösung zu finden.
‘Vorschriften machen’ statt ‘Alternativen aufzeigen’ lehne ich in Bezug auf die Religionsausübung klar ab, weshalb ich jeder freiheitlich-toleranten Gesinnung den Vorzug vor dogmatischer Religion gebe.

Allerdings ertappe ich mich manchmal dabei, wie ich mir ein Verbot islamistischer Kundgebungen auf öffentlichen Plätzen wünsche, das oftmals laute Geschrei und mitunter Konflikte mit rechten und rechtsextremen Initiativen wirken auf mich schlicht bedrohlich. Soviel zum Thema Toleranz – das Verbot eines Kirchentages kam mir noch nie in den Sinn, obwohl es da auch laut (aber meist konflikt- bzw. gewaltfrei) zugeht…

Liberale Muslime – die ‘schweigende Mehrheit’

Denis Diderot widmete 1765 in seiner Enzyklopädie dem Phänomen der Intoleranz erstmals ein eigenes Stichwort und definierte sie als die „wilde Leidenschaft“, zu hassen und zu verfolgen, wer sich im Irrtum befinde. [Vgl. ‘Durch göttliche Güte erwürgt’, Die ZEIT, 2001]
Diese Kriterien werden von ultra-konservativen Muslimen ebenso unangenehm erfüllt wie von ‘Christen’, die sich in ihrer gegenseitigen Ablehnung weit von den Wurzeln ihres eigenen Glaubens entfernt haben.
Um so wichtiger ist dagegen der Einsatz weltoffener Muslime anderer Richtungen für eine moderne, aufgeklärte und pluralistische Gesellschaft. Nur ist dieser Einsatz kaum wahrnehmbar, weil in den Medien völlig unterrepräsentiert.
Dabei gäbe es durchaus Erfreuliches zu berichten (wenn man moderate und vor allem friedlich agierende Religionsausübung erfreulich findet) – hier nur einige, wenige Beispiele:

  • Das „Forum am Freitag“ (www.forumamfreitag.zdf.de) gibt Muslimen die Möglichkeit, ihre spezielle Sicht des Zusammenlebens in Deutschland in das gesellschaftliche Gespräch einzubringen. Den hier geäußerten Meinungen und Gedanken wird man nicht zwangsläufig zustimmen, doch sie heben sich durch ihr Niveau wohltuend ab von den hochemotionalen Predigten aus dem Umfeld des Salafismus.

„Forum am Freitag“ wird zwar vom ZDF regelmäßig ausgestrahlt – offenbar nur auf dem Infokanal und zu einer wahrhaft attraktiven Sendetermin (freitags um 1.50 h).
Bei Inhalten, die eher negative Assoziationen und Angst vor dem Islam erzeugen können, ist dagegen dafür gesorgt, dass möglichst viele Zuschauer etwas davon abbekommen.

  • In Duisburg haben liberale Muslime einen neuen Verein gegründet, der eine dogmenfreie Auslegung des Koran fordert.
    Der Liberal-Islamische Bund (LIB e.V.) bezeichnet sich als offen „für einander widersprechende Blickwinkel“ und wolle der schweigenden Mehrheit der Muslime eine Stimme geben, die keine fundamentalistischen Positionen, sondern das Motto ‘Leben und leben lassen’ vertreten, erklärte die 32-jährige Islamwissenschaftlerin aus dem westfälischen Münster.
  • Wussten Sie, dass der Zentralrat der Muslime positiv zu Rechten von Homosexuellen steht? Im Mai 2012 hatte Generalsekretär Aiman Mazyek sogar einen Diskriminierungsschutz für Schwule und Lesben im Grundgesetz gefordert – eine kleine Sensation, wenn man bedenkt, dass die katholische Piusbruderschaft zeitgleich vor homosexueller „Unterwanderung“ warnt…

Über solche Entwicklungen findet man zwar vereinzelte Medienberichte, wenn man danach sucht – doch der Fokus liegt klar auf den Ereignissen, die beunruhigen.
In aller Deutlichkeit: Berichterstattung, welche den Islam bzw. das Verhalten einzelner Muslime kritisch beleuchtet, ist richtig, wichtig und sollte beibehalten werden – wobei Übertreibungen und Polemik keinen Platz haben. Aber: Verantwortungsvoller Journalismus hat unbedingt die Aufgabe, auf Ausgewogenheit zu achten, d.h. ein differenziertes und vollständiges Bild eines Sachverhaltes zu zeichnen.
In Bezug auf die Muslime bedeutet dies, auch die mehrheitliche ‘Normalität’ sowie erfreuliche Entwicklungen zu betrachten.

Was bedeutet ‘Liberal-islamisch’ eigentlich?

Die theologische Basis für einen liberalen Islam bilde die Schahâda – das islamische Glaubensbekenntnis, welches den Glauben an den Einen Gott sowie den Glauben an Muhammad als Gesandten Gottes bezeuge.
“Bei allem, was über diesen Kern hinausgeht, darf dogmatische und kulturelle Einheit weder Ziel noch Voraussetzung sein.”
Schahada als kalligrafischer Schriftzug
(Wasir-Khan-Moschee in Lahore)

Liberale Muslime betonen individuelle Interpretation und Ethik (‘Toleranz und Gewaltlosigkeit’) deutlich stärker als den Wortlaut der Schrift; aus dieser Haltung haben sich mehrere Glaubenssätze entwickelt:

  • Die Autonomie des Individuums beim Interpretieren des Korans und der Hadithe sei entscheidend: Muslime sollen den Koran und die Sunna frei von Angst, nach eigenem Gewissen und offen interpretieren dürfen.
  • Das Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit stellt eine nicht verhandelbare Voraussetzung dar. Ebenso wird eine vollständige Gleichberechtigung der Geschlechter in allen Aspekten, inklusive des rituellen Gebets und Observanz, gefordert.
  • Religiöse Texte sollten kritischer untersucht werden. Zusätzlich zur Anwendung von Ijtihad (Neuinterpretation von Schriften) wird die Anwendung des islamischen Konzepts der Fitra oder des natürlichen Sinns für Richtig und Falsch befürwortet.

Der Liberal-Islamische Bund (s.o) konkretisiert hierzu weitere Schwerpunkte:

  • Vernunftoffene Gläubigkeit erachtet den Verstand als ein göttliches Geschenk.
  • Respekt und Wertschätzung verdienen andere Religionen und abweichende Positionen innerhalb des Islam – unter Berücksichtigung historischer, kultureller, biographischer und soziale Kontexte.
  • Jedweder Absolutheitsanspruch sei zu reflektieren, zu relativieren oder gar darauf zu verzichten – ohne sich in eine konturenlose Beliebigkeit zu begeben (‘nicht nach der Form, sondern nach dem Sinn fragen ‘).
  • Akzeptanz von gesellschaftlicher Dynamik, Entwicklung und Wandel – etwa durch Gleichbehandlung unterschiedlicher und selbstbestimmter Lebensgestaltungen entlang der Vereinbarkeit mit dem Grundgesetz
  • Eintreten für eine freie und selbstbestimmte Lebensgestaltung in Verantwortung vor dem Schöpfer
  • Entmythologisierung als Hilfestellung zur Unterscheidung von Wesentlichem und Unwesentlichem

…und dankenswerter Weise kein einziges Wort davon, die Scharia in Deutschland einführen zu wollen”!
Diese liberal-islamischen Grundsätze sind (mir) sympathisch, weil sie klaren Abstand von jener systematischen Angstpädagogik (“Ungläubige werden auf ewig in der Hölle gequält”) einnehmen, auf den streng-konservative, christliche wie islamische Dogmatiker augenscheinlich nicht zu verzichten bereit sind.
Erst nachdem Einigkeit über die Grundsätze wie absoluten Gewaltverzicht, Freiwilligkeit im Glauben und wechselseitige Akzeptanz der persönlichen Autonomie der Menschen untereinander- besteht, wird man sich halbwegs entspannt über ‘das eigentliche Thema’, Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Islam und Christentum, austauschen.

Unbehelligt von Drohungen und abwertenden Äußerungen über ihre Lebensweise können auch im Westen leben Menschen verstehen lernen, weshalb Muslime den klaren Monotheismus des Islam für glaubwürdiger erachten als die christliche Trinitätslehre.

  • Müssten nicht alle Institutionen und Personen, die sich als Muslime zu solchen freiheitlichen Grundsätzen bekennen und diese leben, von der Medienwelt als Multiplikatoren deutlich in den Vordergrund gestellt werden? Statt dessen werden positive Entwicklungen und Tendenzen erstaunlich oft in einer alibihaften Randnotiz abgehandelt.
  • Müssten nicht, allen vergleichenden Werturteilen vorangehend, zunächst elementare Wissenslücken geschlossen werden?
    Ausser vielleicht ARTE und Phönix macht sich meines Wissens aber kein TV-Sender die Mühe, etwaige Grundlagen wenigstens ansatzweise zu vermitteln.

Es ist bedauerlich, aber wenig verwunderlich, wenn eine wachsende Anzahl von Westeuropäern den Islam pauschal für reform-unfähig halten. Gerade die Deutschen sollten sich eingedenk eigener Erfahrungen über die Defizite und Risiken jedweder Verallgemeinerung bewusst sein.

Kritische Überlegungen

Wie klar umrissen sind die Konturen eines liberalen Islam? Handelt es sich um eine eigenständige Strömung mit theologischem Fundament oder eher um eine größere Gruppe, die ‘nur’ eine Vermittlungsfunktion ausübt?
Selbst als Laie verstehe ich, dass liberales, undogmatisches Islamverständnis dem Eindruck zu begegnen sucht, wie ihn etwa der konvertierte Barino Barsoum formuliert hat:

„Die ausschließliche Beschäftigung mit dem Koran und den Schriften über die Taten des Propheten Mohammed führt automatisch zur Radikalisierung und zur Legitimation von Gewalt.” 1)

Allein für ihre de-eskalativen Vermittlungsbemühungen verdienen liberale Muslime Unterstützung und Respekt. Und doch ist unübersehbar, dass sie sich in einem krassen Gegensatz zu den fundamental ausgerichteten Hardlinern befinden, welche einem liberalen, weltoffenen Islam jede Existenzberechtigung absprechen.
Um sich in diesem Konflikt dauerhaft zu behaupten und nicht selbst der Häresie bezichtigt zu werden, wird es unerlässlich sein, liberale Positionen innerhalb des Islam im Kontext von Koran, Sunna und Hadithen zu begründen.
Soziale und theologische Kompetenz werden einander ergänzen müssen, damit ein modernes, weltoffenes und zugleich von den Schriften getragenes Islamverständnis nicht vom wütenden Geschrei der Fundamentalisten und Radikalen plattgewalzt wird.

Fazit

In der momentan aufgeheizten Stimmungslage hilft es wenig, Fragen wie ‘Ist der Islam eine Religion des Friedens?’ mit einem klaren Ja oder Nein beantworten zu wollen – ‘Beweise’ findet man immer da, wo man sie sucht. Geköpfte Christen in Tunesien sind ebenso entsetzliche Realität wie getötete Muslime nach US-Drohnenangriffen. Ideologisch motiviert und verwerflich sind beide Handlungen.
Christen und allgemein ‘der Westen’ sind indessen gut beraten, auf ihre eigene Geschichte zurück zu blicken. Menschenrechte und eine friedliche Koexistenz sind Errungenschaften der Neuzeit und keineswegs Selbstverständlichkeiten.
In Deutschland lebten 2010 etwas mehr als 4,1 Millionen Muslime, ohne die unser Staatswesen zusammenbrechen würde. Sämtliche braunen Überfremdungs-Szenarien sind also dummes Zeug und schüren weitgehend unbegründete Ängste. Das o.a. ‘Strategiepapier’ enthält eine treffende Feststellung:

“Gerade die Unterdrückung, die den Muslimen von Seiten von einigen Nichtmuslimen angetan wird, bringt viele andere Nichtmuslime dazu, mit den Muslimen zu sympathisieren und ihnen auch das „Gruppenzugehörigkeitshemmnis“ nimmt, auf die Einladung zum Islam positiv zu reagieren.”

Wie dieser Mechanismus wirkt, wurde durch Bush und seine willigen Helfer zehn Jahre lang eindrucksvoll demonstriert. Hüten wir uns nicht nur deshalb, sondern hoffentlich aus ehrlicher Überzeugung davor, in Deutschland einen Geist des gegenseitigen Hasses und Misstrauens zu fördern.
Wir legen großen Wert auf unsere Freiheiten – warum suchen Bürger und Medien nicht deutlicher den Schulterschluss zu allen, die ebenso empfinden und nicht annehmen, nur eine Religion sei wahr und wer ihr nicht angehöre, sei ein Ungläubiger?
Gibt es eine Alternative zum Dialog, wie ihn u.a. liberale und jede Gewalt ablehnende Muslime und Christen immer wieder anstrengen? Nein.

Talkrunde: Feindbild Islam – wird die Angst zum Hass?

Siehe auch:

  • Die Stellungnahme von Abdul Adhim zu Ausschreitungen in Bonn (Mai 2012) vermittelt ein anderes, von Vernunft und Weitblick geprägtes Bild eines Muslimen als die häufig anzutreffenden Zitate von Extrempositionen. Solche ausgleichenden Worte der der Kritik an schädlichem Verhalten seitens aller Konfliktparteien wie auch der Medien würde ich mir von Politikern in Deutschland und weltweit wünschen. (Unabhängig davon ist meine eigenen Wahrnehmung von Mohammed eine andere als die ausschließlicher Barmherzigkeit).

Anmerkungen:

  1. ‘Islam, eine Religion des Friedens’ vs. ’Automatismus der Gewalt’:
    Die Lektüre des Buches ‘Die Schariagrundlagen für das Verhältnis zwischen Muslimen und Nichtmuslimen’ scheint die Auffassung einer Gewaltorientierung des Islam zu bestätigen. Grob vereinfacht heißt es darin, die jeweilige Rechtsposition hänge von den jeweiligen Umständen ab, denen die Muslime in ihrer Gesamtheit ausgesetzt seien – z.B. ob sie sich in einer starken oder schwachen Position befinden.
    In solchen Fällen werde ein betreffender Koranvers ‘zeitweilig ungültig gemacht’ [mansa‘a – vgl. Sure 2:106].
    im o.a. Kommentar heißt es dazu:”Beim Befehl zum Kampf liegt also eine mansa‘a vor, bis dass die Muslime erstarken; wenn die Muslime schwach sind, dann gilt die Bestimmung, dass es Pflicht ist, geduldig das zu ertragen, was den Muslimen an Schaden zugefügt wird.

Die eigentliche Rechtsgrundlage für den Kampf gegen Nichtmuslime wird aus dem sog. Schwertvers [Sure 9:5] abgeleitet.
Bedeutet das Vorhandensein einer solchen Rechtsauffassung nicht, dass gerade die Muslime ein positives Beispiel geben, welche sich diese nicht zueigen machen?
Außerdem: Es gibt Gewalt befürwortende Textpassagen im Koran, klar. Und es gibt sie in ebenso erschreckender Form im Alten sowie im Neuen Testament. Das pauschale Argument, der Koran münde automatisch in Legitimation und Befürwortung von Gewalt, muss von denen, die es wider besseres Wissen (?) vertreten, auch auf die christlichen Schriften angewandt werden.

Da’wa – Der Ruf zum Islam in Europa von Nina Wiedl

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