Geregelte Insolvenz des Islam?

Hamed Abdel-Samad über Verblendung im Islam, Ignoranz in Europa
und dunkle Wolken, die rasch heraufziehen

Für viele Muslime scheinen Beleidigungen ihrer Religion das schlimmste Verbrechen überhaupt zu sein. Viele Deutsche kennen das Phänomen einer vermeintlichen Kollektivschuld. Sie reagieren dennoch mit Unverständnis, wenn nach Veröffentlichung schlechter Karikaturen und dümmlicher Filme der Mob in muslimischen Staaten aufsteht und ganze Gesellschaften, Staaten, ja die gesamte westliche Hemisphäre in Haftung genommen werden.
Betrachtet man derartige Reaktionsmuster vor dem Hintergrund, dass in islamischen Staaten an die 100 Millionen Christen verfolgt und nicht ’nur‘ beledigt werden, drängt sich der Gedanke auf, dass dort mit zweierlei Maß gemessen wird.

Ein Teil unserer ‚Experten‘ und der Medien sieht dafür zumindest eine Teilschuld im Westen. Manch ein Kommentar ist kaum geeignet, eine sachliche und differenzierte Debatte zu befördern:

„Satirische Beleidigung einer anderen Religion ist also ein todeswürdiges Verbrechen. Weitaus ehrenwerter scheint es da offenbar für die Wächter des muslimischen Glaubens zu sein, Angehörige einer anderen Religion nicht zu beleidigen, sondern gleich totzuschlagen, zu verfolgen, zu vertreiben, einfach so.“ [Ulli Kulke, Die WELT]

Sicherlich führt kein Weg daran vorbei, solche Kritikpunkte klar zu benennen. Andererseits eignet sich einseitiges Strapazieren der Schuldfrage kaum dazu, Konflikte zu deeskalieren und einvernehmlich beizulegen – sofern dies überhaupt gewünscht ist.

Auf der Suche nach einer kompetenten, selbstkritischen, aber nicht masochistischen Betrachtung der komplexen Zusammenhänge erweisen sich Thesen von Hamed Abdel-Samad als überaus interessant.

Hamed Abdel-Samad, geb. 1. Februar 1972 in Ägypten,
ist ein deutsch-ägyptischer Politologe, Historiker und Autor.

Mit einem gewissen Hang zu pauschalen Statements analysiert der Politologe und Historiker präzise die Defizite im Islam. Er stellt fest, sein Mangel an Integrationsfähigkeit erzwinge eine Alternative – weitreichende Reformierung des Islam oder dessen Untergang.
Ebenso deutlich verweist er auf Fehler des Westens, seine Vereinnahmungstendenzen und den heuchlerischen Umgang mit islamischen Diktatoren – die westliche Politik verfolge im wesentlichen zwei Interessen: Erdöl und Waffenververkäufe.

Mir gefällt insbesondere seine Ermahnung in Bezug auf Deutschland:

“Wir integrieren Menschen, keine Religionen.”

In seinem Buch Der Untergang der islamischen Welt. Eine Prognose berichtet Abdel-Samad, er sei einst nach Deutschland gekommen, um Wissen zu erlangen und in Freiheit leben zu können, doch er fand sich sehr bald in einem Identitätskonflikt wieder.
Zu einer Art Schlüsselerlebnis wurde für ihn die Lektüre des
Buches ‘Der Untergang des Abendlandes’ von Oswald Spengler (Band 1 / Band 2) – der Zustand einer untergehenden Zivilisation in Spenglers kulturphilosophischem Hauptwerk habe ihn nicht nur an seine ‚dekadente‘ Wahlheimat erinnert.
U
nerträglich war das Heraufziehen der Erkenntnis für ihn, dass Spenglers Analyse1) auch auf seine geistig-spirituelle Heimat zutraf:

“Ich hatte Angst, dass meine Vorstellung von meiner eigenen Kultur nichts anderes war als eine Blase, in der ich mich vor der Realität über Jahre versteckt hatte.”

Offenbar durchlaufen alle Hochkulturen Phasen des Entstehens, der Blüte und des Niedergangs – die von Spengler dargestellten Symptome der letzten Phase treffen, so Abdel-Hamad, auf den Islam zu. (Untergangssymtome wie z.B. das “Verschwinden der kulturinteressierten Bevölkerung” finde ich freilich eher in Mitteleuropa vor…)

Die Kernaussagen des Buches:

  • Die Erstarrung des religiösen Denkens sowie der Verfall in eine ausweglose Konsummentalität bringen den Islam an den Rand des Untergangs.
  • Die Menschen im Islam laufen Gefahr, in eine ‚Schizophrenie‘ (“Schizophrenie bedeutet Ent-zwei-ung. Aus Entzweiung entsteht Ver-zweif-lung”) zu verfallen, die entweder in Fanatismus oder in kulturelle Verwahrlosung mündet.
  • Der Islam ist zu konstruktiven Antworten auf die Fragen des modernen Lebens nicht imstande.

‚Desorientierung bewirkt Radikalisierung‘

Ein Zerfall des Islam wird im Westen noch nicht wahrgenommen – statt dessen glaubt man hier, Zeuge einer Re-Islamisierung zu sein. Diese aggressive Selbstdarstellung sei kaum mehr als ein Vorhang2), der das Verschwinden einer Religion verdecken solle, welche sich in die Defensive gedrängt fühle.
Nicht (mehr) mächtig sei der Islam, sondern
sowohl kulturell als auch gesellschaftlich auf dem Rückzug:

„Die religiös motivierte Gewalt, die zunehmende Islamisierung des öffentlichen Raums und das krampfhafte Beharren auf der Sichtbarkeit der islamischen Symbole sind nervöse Reaktionen dieses Rückzugs. Es sind klare Zeichen…“

Anstatt den eigenen Mangel an Selbstbewusstsein und Handlungsoptionen zu konstatieren, werde ein Sündenbock im Ausland gesucht. Mit der Zunahme der Tendenz zur Islamisierung in westlichen Ländern wachse eine “Paranoia auf beiden Seiten einer fast unüberwindlichen geistigem Mauer”.

Der Westen verwechsele eine von Angst erfüllte Mobilmachung mit dem (drohenden) ‘Sieg’ des Islam. Dass diese Mobilmachung überhaupt noch möglich sei, hänge vor allem mit den finanziellen Möglichkeiten arabischer Staaten zusammen, seitdem man auf ihrem Territorium jede Menge Erdöl entdeckt hat.

Doch was ist tatsächlich zu beobachten?

„Isolation und die lange Betrachtung des eigenen Schattens führt nicht nur zur Selbstverherrlichung, sondern auch zu Paranoia.“

Mit dem Fundamentalismus wachsen auch Ressentiments gegenüber dem Westen – moralische Desorientierung junger Muslime führe oft zur Radikalisierung und zunehmender Gewaltbereitschaft. Hierbei lassen sich zwei grundverschiedene Reaktionsmuster beobachten:
Entweder wenden Heranwachsende sich radikalen Formen des Islam zu und kultivieren ihren Hass auf den ‘imperialistischen’ Westen. Oder sie verstärken ihre Bemühungen, sich von diesen radikalen bzw. starr-konservativen Formen zu befreien. In beiden Fällen sei das Vertrauen in die traditionellen Strukturen abhanden gekommen.

  • Viele Prozesse der Modernisierung wurden in Kairo, Teheran oder Kabul zurückgenommen (“Während damals kaum eine verschleierte Frau auf der Straße zu sehen war, sind heute praktisch alle »islamisch korrekt« unterwegs.”)
  • Identitätskrisen zwischen Tradition und Moderne bewirken oftmals die drastische Rückkehr zur Orthodoxie (geistiges Erbe, Eigenart und Originalität), von der man sich eine “Rückversicherung gegen jedes Abenteuer der Öffnung” erhofft. In den Augen der meisten Europäer werden so Werte und Sanktionen aus dem Mittelalter wiederbelebt.
  • Problematischer ist ein verzerrtes Geschichtsverständnis im ‘kollektiven arabischen Gedächtnis’, das Abdel-Samad am Beispiel Andalusiens erläutert: Dessen Eroberung durch die Araber werde als rechtmäßig erachtet, die Reconquista durch die christlichen Könige Ferdinand und Isabella dagegen als Verbrechen angesehen.

Die Beobachtungen des Autors sind bis hierhin kaum islamspezifisch. Auch das Christentum würde bis heute ultrakonservative Vorstellungen als ‚Gottes Wille‘ propagieren – wäre es nicht durch die Aufklärung (=Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit) gezwungen worden, seine Positionen nach und nach zu revidieren und sich vor allem aus der Politik zurückzuziehen.

Ein trauriges Alleinstellungsmerkmal liege in dem Umstand, dass ausschließlich Muslime „sich in den USA und im Westen in die Luft jagen“.

  • Obwohl man Islamismus und Befürwortung des gewaltsamen Dschihad nicht über einen Kamm scheren dürfe, hält Hamed Abdel-Samad die Angst vor der Unberechenbarkeit radikaler Islamisten für berechtigt. Zwar lasse sich die Ursache für Gewalt und Terror nicht allein auf die Religion zurückführen – doch „erst sie ermöglicht es dem Attentäter, in eine metaphysische Welt einzutreten, die einer kalkulierten politischen Tat eine sakrale Dimension verleiht“.Mit anderen Worten: Unter der „aggressiven Machtpolitik der USA“ leiden auch Menschen in Asien und Südamerika – aber sie kommen nicht ins Paradies, wenn sie auf einem vermeintlich gottgewollten Rachefeldzug das Leben vieler Unschuldiger und ihr eigenes zerstören.

„Die Bezeichnung der Ungläubigen im Koran als Vieh, das nur essen und genießen könne, entmenschlicht diese und lässt kein Mitleid mit ihnen zu.“

Andererseits nimmt der Westen kaum wahr, dass beschriebenen  Spannungszustände die islamischen Gesellschaften auch innerlich zerreißen: Die große Mehrzahl der über 14.000 von Islamisten verübten Terroranschläge waren Muslime!

Steht dem Islam ein Reformierungsprozess bevor, wie ihn das Christentum bereits durchlaufen hat? Abdel-Samad zeigt sich überzeugt, dass vom Erfolg einer tiefgreifenden Korrektur letztlich das Überleben der islamischen Welt abhängt.
Ein solcher Erfolg setzt voraus, dass
eine Neuorientierung von den Muslimen mitgetragen und verinnerlicht wird; dazu muss sie freiwillig aus eigener Kraft erfolgen. Keinesfalls darf sie von außen erzwungen werden, denn politisch-religiöse Überzeugungen lassen sich mit militärischem Druck und Wirtschaftssanktionen nicht nachhaltig verändern. Repression bewirkt nur eins – zunehmenden Hass auf den Westen.

Das Resultat einer Neuorientierung sei vor der Polarisierung “zwischen Individualisierung und Konformitätsdruck, zwischen Kontinuität und Innovation schwierig einschätzbar. Abdel-Samad nennt zwei gegensätzliche Szenarien: Entweder die Demokratisierung oder Massenfanatismus und eine bittere Konfrontation im ‘Kampf der Kulturen’ innerhalb der islamischen Welt.

Politische Reformen liegen ebenso wie eine inhaltliche Reform des Islam nach Ansicht des Autors in weiter Ferne – aus zwei Gründen: Unantastbarkeit der Religion und Bildungssysteme, welche nicht für freies Denken eintreten, sondern Loyalität einforderen. Selbstbestimmtes Leben werde behindert, auch nachdem Frauen begrenzten Zugang zur Bildung haben.
Niemand traue sich indessen an die elementaren Probleme von Kultur und Religion arabischer Länder heran, welche nach wie vor durch ein starres Patriarchat beherrscht würden. Angst vor drakonischen Sanktionen ließ noch jede zaghaft angestoßene Reformdebatten im Sande verlaufen.

Unantastbarkeit des Korans?

Die Ursache hierfür sieht Abdel-Samad darin, dass sowohl Konservative als auch Reformer „vom Koran besessen“ seien: Die einen betrachten den heiligen Text des Islam als Grundlage für einen Gottesstaat, die anderen suchen und betonen positive Passagen darin, welche für das moderne Leben tauglich sein mögen. Die Neuinterpretation einzelner Versen ziele darauf ab, den Koran mit der Wirklichkeit heutiger Gesellschaften kompatibel zu machen. Aber:

„Kein Mensch traut sich zu fragen, wozu wir den Koran heute brauchen. Keiner wagt den postkoranischen Diskurs.“

Wer diese sensible Frage aufwerfe, werde als Erfüllungsgehilfe des verderbten Abendlandes diffamiert und müsse um sein Leben fürchten. Dabei enthalte der Koran selbst die Aussage, dass alles von der Erde verschwinden werde, was der Menschheit nütze (Sure 13,17)3).

Die traditionell überlieferte Natur des Korans (als göttliche Offenbarung im islamischen Glauben) zu relativieren, halte ich als Vorbedingung für ungeeignet.
Kaum vorstellbar, dass sich in absehbarer Zeit eine Bereitschaft unter den Muslimen dafür findet, dem Koran als zentralem und göttlichem Fundament ihres Glaubens zu entsagen. Man stelle sich zum Vergleich vor, in der Christenheit entstünde das Ansinnen, nicht länger an der Bibel als Glaubenszeugnis und –fundament festzuhalten. Anzustreben sind vielmehr schrittweise Reformen – im Christentum (ebenfalls eine Buchreligion) wurden diese realisiert, ohne gleich das Neue Testament abzuschaffen.

Hamed Abdel-Samad bezweifelt indessen jeglichen positiven Beitrag des Islam für das Wohlergehen der Welt. Vom islamischen Denken sei kaum mehr geblieben als der “der intellektuelle Schaum einer unversöhnlichen Orthodoxie”, welcher nicht länger in der modernen Welt bestehen könne. 

Infolge ihrer materiellen und geistigen Erstarren sei nicht allein der Zerfall der islamischen Staaten absehbar – vielmehr werde der Islam als politische und gesellschaftliche Idee, und als Kultur untergehen.
Einziger Ausweg, diesem Zerfall zu entgehen, sei die Säkularisierung – doch die Natur des Heiligen, das alle Lebensbereiche unterwandere, stehe dem entgegen.

Also entweder Säkularisierung oder Zerfall des gesamten Islams? Lässt sich diese Religion nicht ‚entpolitisieren‘, ohne ihre Zerstörung zu bewirken? Verschiedene islamische Strömungen verfolgen zumindest in Europa einen Reformkurs mit gesundem Pragmatismus.
Hier finden sich durchaus islamische Liberalisierungstendenzen unter Muslimen, die weiterhin zu ihrer Religion stehen. Diese würden eine Lossagung vom Koran kaum jemals in Betracht ziehen, doch sie bemühen sich ernsthaft um dessen zeitgemäße und wirklichkeitskonforme Interpretation.

An der Instrumentalisierung des Islam als politische Macht können die Menschen hierzulande kaum etwas ändern. Eher müssen wir uns mit der Feststellung konfrontieren, dass in ganz Europa keine differenzierte Debatte über den Islam und die Migration geführt wird. Von einer Atmosphäre ehrlicher Kritik sind wir noch weit entfernt.

Das Projizieren der eigenen Ängste und Defizite auf den jeweils anderen verschärft dagegen nur den bestehenden Konflikt. Diese emotionale Herangehensweise scheint mir als dominierendes Merkmal fast aller Personen, die sich an der ‘Islamdebatte’ aktiv beteiligen.

Könnte es sein, dass auch Hamed Abdel-Samad eigene Emotionen projiziert? Ganz ausschließen mag ich dies nicht, nachdem er am Islam und seinen Grundlagen praktisch kein gutes Haar lässt.
Die
Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong (‚Die Geschichte von Gott‚) hat die These formuliert, dass sich eine ’neue Religion mit einem neuen‘ Gott nur dann durchsetzt, wenn sie effektiv ist und Menschen in bestimmten Situationen hilft.
Danach muss der Islam für seine Anhänger einen wie auch immer gearteten Nutzen gehabt haben, denn er setzte sich schnell und nachhaltig im arabischen Raum durch. Dass die Verbreitung der islamischen Rechtsordnung ‚mit dem Schwert‘ erfolgte, entkräftet nicht die Tatsache seiner Akzeptanz über Jahrhunderte.

Für die Theologin Armstrong steht die zentrale Bedeutung im Vordergrund, die Gott im Leben vieler Menschen einnimmt. Die Spiritualität des Islam (und wohl auch die Inspirationskraft) kommt in den Überlegungen von Abdel-Samad für meinen Geschmack deutlich zu kurz.
Als Politikwissenschaftler legt er eine sozial-politische Analyse vor und stellt eine Prognose.
Die Frage ist nur: Kann eine nüchterne Betrachtung der Symbiose von religiösen, politischen und säkularen Faktoren im Islam dessen Zukunft verlässlich vorhersagen, wenn sie deren ‚Protagonisten‘ (=Gott) im wesentlichen ausklammert?

Kaum Hoffnung?

Welcher Zukunft geht die die islamische Welt nach der Einschätzung von Abdel-Samad entgegen? Die Rahmenbedingungen sind absehbar: betonartige Unversöhnlichkeit in einer Zeit des Klimawandels – Wüste und Bevölkerung wachsen und Erdöl, Wasser und Nahrung werden immer knapper werden. Der Staat werde sein Gewaltmonopol verlieren, was zu Unruhen und Anarchie führen könne.

Zwei Prinzipien beherrschen das Leben und die Natur: Vielfalt und Flexibilität. Wer gegen sie verstößt, stirbt aus. Die islamische Welt tut dies seit geraumer Zeit und wird deshalb in sich zusammenfallen.

Brauchen Zyniker im Westen also nur noch abzuwarten, bis sie sich schadenfroh als Sieger im Kulturkampf die Hände reiben können? Von wegen: Die Auswirkungen werden auch im Westen spürbar sein, sobald „die größte Völkerwanderung der Geschichte“ einsetze und Migrationswellen nach Europa massiv zunehmen.

Entweder wird man den Neuzugewanderten die Pforten öffnen müssen oder sie im Mittelmeer ertrinken lassen.

Beidem sei Europa nicht gewachsen, weder moralisch noch wirtschaftlich. Sowohl der Konflikt ihrer Heimatländer als auch die „privatisierte Gewalt“ werde von Muslimen nach Europa getragen. Somit stünden sich die zahlreichen Sünden des Westens und die Fehler der islamischen Welt erneut gegenüber – die Kehrseite der Globalisierung zeigt sich in der Gefahr, dass Europa mit in den Abgrund gezogen werde:

„Sollte die islamische Welt tatsächlich untergehen, könnte sich auch Spenglers Prophezeiung über den Untergang des Abendlandes bewahrheiten.“

Ein Vergleich mit den Reformen im Christentum hinkt: der islamischen Welt bleiben nicht Jahrhunderte zäher Gemächlichkeit, uns allen läuft angesichts der dramatischen ökologischen Veränderungen die Zeit aus. Das Buch „Der Untergang der islamischen Welt“ endet mit einer geradezu apokalyptischen Vision, die mich weitaus mehr erschreckt als sämtliche Untergangsvisionen des Jahres 2012.

Mögliche Auswege aus diesem Dilemma? Die Chance, seinen Lesern konkrete Handlungsoptionen aufzuzeigen, hat Hamed Abdel-Samad nicht ergriffen. Die Biografie des Autors weckt Zweifel, dass er Araber und Europäer als zwei tragische Figuren im Treibsand der Geschichte sieht – ohne jede Chance, ihrem panischen Todeskampf zu entgehen. Damit stellt sich die Frage nach der Intention des Autors – wem hilft ein schonungsloser WakeUp -Call, wenn die Sintflut schon begonnen hat?

Der Wald wird niederbrennen, und der Rauch wird zum Himmel steigen. Aber neue Bäume werden an der gleichen Stelle trotzdem wachsen. Kulturen entstehen und verschwinden wie eine Sandburg am Strand. Das Meer aber bleibt und seine Wellen werden immer kommen und gehen, unabhängig davon, welche Gestalt die Sandburg am Strand hat.

In einem Interview äußert Abdel-Samad minimale Hoffnung, wenn die islamische Welt einen drastischen Neuanfang wage. Die Unantastbarkeit des Koran müsse auf den Prüfstand und die Muslime müssten Abstand nehmen von ihren Ressentiments gegenüber dem Westen. In einem Satz:

„Wir müssen uns von unserer Selbstverherrlichung trennen…“

Dazu habe ich nur eine kurze Ergänzung:

Wir auch.

Siehe auch:

  • Offener Brief von Hamed Abdel-Samad an Mohammed Mursi: „Lieber Herr Mursi, Sie bekommen keine Blumen…
  • Grundgesetz statt Scharia – Was der Islam wirklich sagt, Shiraz Ahmad Khan
    („…Es reicht eben nicht, laut in die Welt hinaus zu rufen: „Islam oder das Grundgesetz“, sondern man muss beides im Anbetracht ihrer inhaltlichen, historischen und teleologischen Gesichtspunkte mit der gehörigen Sorgfalt analysieren, und man wird sehr bald feststellen, dass es angemessener ist, statt einem oder von einem und zu sprechen.“)

Anmerkungen

  1. “Zuletzt, im Greisentum der anbrechenden Zivilisation, erlischt das Feuer der Seele. Die abnehmende Kraft wagt sich noch einmal, mit halbem Erfolge – im Klassizismus, der keiner erlöschenden Kultur fremd ist – an eine große Schöpfung; die Seele denkt noch einmal – in der Romantik – wehmütig an ihre Kindheit zurück. Endlich verliert sie, müde, verdrossen und kalt, die Lust am Dasein und sehnt sich – wie in der Römerzeit – aus dem tausendjährigen Lichte wieder in das Dunkel urseelenhafter Mystik, in den Mutterschoß, ins Grab zurück.”
  2. Platons Höhlengleichnis treffe den seit mehreren Generationen beobachtbaren Zustand des Denkens in der islamischen Welt sehr genau: Die eingeschränkte (Möglichkeit zur) Selbstwahrnehmung und Schau der gesamten Welt führe dazu, dass sich der Muslim für das Beste hält, was die Menschheit jemals hervorgebracht hat. So steht es schließlich auch im Koran. Anders ausgedrückt: “Der Islam hat in erster Linie ein Problem mit sich selbst und mit der Interpretation seiner Rolle in der modernen Welt.”
  3. “Er sendet Wasser vom Himmel herab, damit die (einstmals trockenen) Flussbetten entsprechend ihrem Maß durchströmt werden. Doch die Flut trägt Schaum auf ihrer Oberfläche. Und auf dem, was sie über dem Feuer erhitzen, um daraus Schmuck oder Gerät zu machen, ist ein ähnlicher Schaum. Auf diese Weise zeigt Allah Wahrheit und Trug. Denn was den Schaum angeht, verschwindet er wie Blasen. Das aber, was den Menschen nützt, bleibt auf Erden zurück. Auf diese Weise prägt Allah die Gleichnisse.”
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