Feindbild Islam – J. Todenhöfer

„Ignoranz ist oft genauso gefährlich wie Bosheit.“

Während Hamed Abdel-Samad in seinem Buch über den mutmaßlichen ‚Untergang des Islam‚ eine primär islamkritische Position vertritt, nimmt sich das Buch ‚Feindbild Islam‘ von Jürgen Todenhöfer primär den Westen vor.

Jürgen Todenhöfer (2008)

Seit 200 Jahren habe kein islamisches Land den Westen angegriffen – Todenhöfers Hauptargument für seine These, die anhaltende Diskussion über Gewalttätigkeit von Muslimen stelle die historischen Gegebenheiten völlig auf den Kopf. Nichtsdestoweniger hat es Eroberungskriege und Gewalttaten im Namen Allahs gegeben, wie auch im Namen Jesu.
Da Todenhöfers Buch etwas einseitig die westliche Expansion in den Vordergrund stellt, habe ich eine weitere Abhandlung zur Hand genommen, quasi zum Abgleich: ‚Feindbild Islam. Historische und theologische Gründe einer europäischen Angst – gegenwärtige Herausforderungen‚ von Prof. Dr. Thomas Naumann, Universität Siegen.

Zunächst noch eine Vorbemerkung:
Angst vor einem Terrorismus der vorgibt, islamisch zu sein, ist verständlich und mitnichten ein Anlass, sich in die Defensive zu begeben.
Angst vor der Religion Islam entsteht dagegen oftmals aus Verallgemeinerung, Unkenntnis – sowie lt. Todenhöfer aus dem Unsinn, den westliche Politiker und Medien über die muslimische Welt verbreiten.

10 Thesen von Jürgen Todenhöfer weisen die Verantwortung für Angst, Ablehnung und Spannungen zwischen der islamischen und der westlichen Gesellschaft vor allem der westlichen Politik zu.

These: Der Westen ist viel gewalttätiger als die muslimische Welt.

Um dies zu belegen, geht der Autor bis in die Zeit der Kolonialisierung zurück. Er bezieht sich auf Beobachtungen, die mehr als 150 Jahre alt sind – etwa auf den französische Historiker und Politiker Alexis de Tocqueville, der als der Begründer der vergleichenden Politikwissenschaft gilt.
Tocqueville beschrieb 1835 seinen Eindruck, dass der Europäer gegenüber anderen Rassen eine Rolle einnehme, die sich durchaus mit dem Verhältnis zwischen Mensch und Tieren vergleichen lasse. „Er macht sie seinem Dienst untertan, und wenn er sie nicht mehr unterjochen kann, vernichtet er sie.

Seit 200 sei es „dem Westen“ stets darum gegangen, den Widerstand gegen westliche ‚Zivilisierungsmissionen‘ zu brechen. „Der rassistisch-zivilisatorische Überlegenheitswahn jener Zeit kannte keine Grenzen.“

Unmenschliche Grausamkeiten und Verbrechen von Soldaten und Söldnern der Kolonialmächte vergleicht Todenhöfer offenbar mit dem Gebaren der USA und ihrer Verbündeten – insbesondere nach Nine Eleven.

Allein im zweiten Irakkrieg seien bis 2006 an die 600.000 Iraker gewaltsam getötet worden -doch schon vorher habe sich die Zahl getöteter Iraker auf 1,5 Millionen belaufen.
Zum Vergleich: Der Diktator hatte in seiner 23-jährigen Herrschaft laut ‚Human Rights Watch‚ den Tod von 290.000 irakischen Zivilisten zu verantworten.
Die Nutznießer des Irak-Überfalls und des anschließenden Chaos? Laut Todenhöfer der Iran sowie der politische Extremismus. Heute ergehe es
der irakischen Bevölkerung schlechter als während der Diktatur.

 

These: Nichts fördert den Terrorismus mehr als die ‚Antiterror-Kriege‘ des Westens.

Der vom Westen ausgehende Kolonialismus habe in den erdölreichen Staaten des Mittleren Ostens bis heute nicht aufgehört – an die Stelle der früheren Kolonien traten abhängige Marionettenregierungen. Genau diese Region bilde den Ausgangspunkt und Nährboden des ‚muslimischen Terrorismus‘.

Terrorismus ist immer unentschuldbar. Aber objektiv betrachtet ist der »muslimische Terrorismus« die gewalttätige Antwort einer winzigen extremistischen Minderheit auf die gewalttätige Politik westlicher Mehrheiten.

Die Mehrheit der Muslime distanziere sich dagegen sehr klar von Gewalt und Terror. Todenhöfer vertritt die interessante Auffassung, dass der islamische Extremismus Anfang 2001 am Ende war, ihm habe vor allem die Sympathie der breiten Masse der Muslime gefehlt. Diese Sympathien habe al-Quaida durch die Anschläge auf New York und Washington zurück gewinnen wollen. Vor allem aber lag die Intention darin, „die USA zu einer Überreaktion zu provozieren, die dem muslimischen Extremismus wieder Rückenwind geben würde“.

Tatsächlich haben die Hardliner der US-Administration auf eine solche ‚Gelegenheit‘ nur gewartet, schreibt Todenhöfer und belegt diesen drastischen Vorwurf mit dem Gebaren der USA seit 2001. Die Tötung von Terrorverdächtigen und gleichzeitig in Kauf genommene Ermordung Unschuldiger per Joystick (und lautlosen, nahezu unsichtbaren Drohnen) würde auch in den USA zu einem kollektiven Aufschrei und heftigsten Verwerfungen führen – wäre da nicht der symbolträchtige Anschlag auf die Manifestation erektiler Phantasien1) des Westens gewesen, durch den 3000 ebenfalls unschuldige Menschen ums Leben kamen.

Es lässt sich kaum das Ausmaß ermessen, in dem die ’symmetrische Vergeltung‘ des Westens auf 9/11 die Sympathien seitens islamischer Länder und Menschen in Angst, Schmerz und Hass verwandelte. Waren z.B. die Afghanen durchaus von dem Vorhaben angetan, die Taliban loszuwerden, ist deren Verständnis für das ineffektive Vorgehen des US-Militärs und seiner Verbündeten angesichts tausendfacher Kollateralschäden allmählich gewichen.

Der Aufstieg des islamischen Extremismus sogar in zuvor säkularen Ländern habe viel mit der Brutalität und Torheit der Antiterrorkriege zu tun, schreibt Todenhöfer:

„Letztlich war Bin Laden der beste Stichwortgeber George W. Bushs und umgekehrt.“

So sei eine tödliche Spirale des gegenseitigen Hochschaukelns entstanden, die endlich beendet werden müsse. Der Autor bestreitet die Legitimation des Westens, weltweit mit Kriegen gegen extremistische Bewegungen vorzugehen. Auch gebe es keine moralische und rechtliche Grundlage, unliebsam gewordene Diktaturen in souveränen Staaten zu beseitigen – selbst dann nicht, wenn es sich um den ‚grauenvollen Gaddafi‘ handelt.

„Autokratische Führer, Diktatoren und Monarchen hingegen, die auf der Seite des Westens stehen, dürfen nach Herzenslust foltern, unterdrücken und sich grenzenlos bereichern.“

Wer aber das Spiel des Westen nicht mehr mitspielen wolle, werde von den Medien ‚vom Partner zum Schurken befördert‘ und auf die eine oder andere Weise kaltgestellt. Oder beseitigt. (Beispiele gibt es genug, Saddam Hussein und Hosni Mubarak sind wohl die bekanntesten unter ihnen.)

Stattdessen müssten wir es den Muslimen selbst überlassen, ihre innenpolitischen Probleme zu lösen und Reformen durchzuführen. Letztlich werde der Kampf gegen den Terror nicht militärisch entschieden.

 

These: Terrorismus ist kein typisch muslimisches, sondern ein weltweites Problem.

Ein beliebtes Argument in der Islam- und Terrordebatte lautet: ‚Nicht alle Muslime sind Terroristen, aber alle Terroristen sind Muslime.‘
Todenhöfer erklärt diese Behauptung für ’schlichtweg falsch‘ und führt eine Reihe von nicht-islamischen Terrorbewegungen an, welche das Geschäft des Terrors lange vor al-Quaida professionalisiert und perfektioniert hätten, insbesondere auch Selbstmordanschläge.
Weil aber die ‚Tamil Tigers‘ und andere keine Menschen aus dem Westen töteten, fand deren Terror in westlichen Medien kaum Beachtung. 17 der 29 von der EU offiziell als terroristisch eingestuften Organisationen haben mit dem Islam nichts zu tun.

Dass die nicht-muslimischen Terrororganisationen im öffentlichen Bewusstsein des Westens kaum eine Rolle spielen, führt Todenhöfer darauf zurück, dass von ihnen keine Gefährdung zentraler westlicher Interessen ausgeht.

Abgesehen mahnt der Autor eindringlich, den Islam als Religion nicht länger durch unzutreffende Schuldzuweisungen als Feindbild zu stilisieren, welches letztlich nur zur Rechtfertigung ‚westlicher Interessenpolitik mit allen Mitteln‘ diene. Er zitiert Samuel Phillips Huntington (‚Kampf der Kulturen‚) mit den Worten:

„Der Westen hat die Welt nicht durch die Überlegenheit seiner Werte erobert, sondern durch seine Überlegenheit beim Anwenden von Gewalt.“

Bis hierhin habe ich ein paar Einwände:

Auch militärische Siege auf arabischer Seite werden bei sachlicher Betrachtung nicht auf moralischer Überlegenheit basieren. Ob man das Spannungsverhältnis zwischen der islamischen und der christlichen Welt als Kulturkampf, expansive Geostrategie oder offensive Missionierung einordnet, wir haben es sicher nicht eindeutig mit einem good guy und einem bad guy zu tun, deshalb ist Schwarz-Weiß-Malerei keinesfalls hilfreich:

  • Ein historischer Rückblick ist sicher zweckmäßig auf der Suche nach Ursachen für ein ‚Feindbild‘. Doch stellt sich die Frage, ob die Kolonialzeit als dessen Startpunkt eine geeignete Wahl ist. Die Geschichte von Christentum und Islam ist ca. 1200 Jahre älter – die Vorurteile z.T. auch.
    (Der Verweis auf die Kolonialmächte bewirkt in einer kontroversen Diskussion vermutlich Hinweise auf die islamische Expansion im 7./8. Jahrhundert sowie ‚die Türken vor Wien‘ im Jahr 1529. Prof. Naumann (s.o.) erklärt hierzu:
    Die Angst vor dem Arabersturm begleitet auch die Kolonialgeschichte. Und wenn die Amerikaner am Ende des 20. Jh. den zweiten Golfkrieg gegen den Diktator in Bagdad „Aktion Wüstensturm“ nennen, dann klingt in der Kampfparole doch nur die alte Angst wieder auf.“ )
  • Der Islam wird von arabischen Staaten politisch instrumentalisiert, wie unter anderen H. Abdel-Samad (s.o.) glaubhaft darlegt. Auch islamische Geistliche sind an diesem politischen Missbrauch der eigenen Religion beteiligt. Der Angst von Menschen in Europa vor dem Islam ließe sich vor allem durch eine Trennung von Glaube und Politik entgegenwirken – doch wie stehen die Chancen auf eine derartige Kehrtwende?
  • Allmählich wird die Verallgemeinerung „der Westen“ störend. Ebenso wie es nicht ‚den‘ einen Islam gibt, halte ich eine pauschale Zusammenfassung westlicher Nationen und Gesellschaften zu einem düsteren, anti-islamischen Block für unzulässig. Um unzutreffenden Feindbildern zu begegnen, sollte ‚Entpolemisierung‘ in jeder Richtung erfolgen, denn es nehmen auch viele Muslime den Westen „durch die Brille fester (antiwestlicher) Stereotype wahr“ (Naumann).-

 

Kernaussagen weiterer Thesen:

  • Von Terroristen begangenes Unrecht, darf nicht durch weiteres Unrecht, nämlich Kriegsverbrechen westlicher Staaten, bekämpft werden. Diese vermeintlich reziproke Strategie sei vom ethischen (und christlichen) Standpunkt aus zu verwerfen – und sie führe nicht zum Erfolg. Wer dass Völkerrecht zum Maßstab mache, müsse diesen auch auf Politiker und Militärs westlicher Länder anwenden.

In Bezug auf die Wahl der Mittel (Kriege, Drohnen, einkalkulierte Kollateralschäden) stimme ich dem zu. Leider bleibt die Gegenfrage unbeantwortet: wie kann über Staatsgrenzen hinweg ausgeübtem Terror in geeigneter Weise begegnet werden?

  • Die meisten Diskussionen über typische ‚Islam-Themen‘ – von der Zwangsehe bis zum Ehrenmord – werden an Stammtischen wie auch in der Politik auf einem „erschreckend niedrigen Kenntnisniveau“ geführt. Ein Beispiel: inakzeptable frauenfeindlichen Praktiken (insbesondere der ‚pharaonischen‘ Beschneidung von Mädchen) stammen aus vorislamischer, patriarchalisch-heidnischer Zeit.
  • „Extremisten und Hassprediger in Ost und West vernachlässigen fast immer den historischen Kontext dieser Passagen.“
    Es lasse sich anhand der Geschichte belegen, dass Muslime den Christen und Juden in ihrer Toleranz um nichts nachstehen. Viele muslimische Länder und ihre Einwohner verurteilen ‚islamisch getarnten‘,  antiwestlichen Terror.

Zutreffend ist auch: Aufforderungen zur Gewalt gegen ‚Ungläubige‘ finden sich in den Schriften aller drei Buchreligionen – ebenso wie die Aufforderung zur Gottes- und Nächstenliebe sowie zum Schutz der Schwachen.

Etliche Koran- und Bibelzitate in Todenhöfers Buch sollen die gleichermaßen philanthropische Ziele der drei Religionen untermauern. Wir wissen aber auch, wie unterschiedlich religiöse Texte im Laufe der Jahrhunderte ausgelegt wurden – stets den Prinzipien der Opportunität und der Machterhaltung folgend.

Wie Exegese und ‚Praxisanwendung‘ von Bibel und Koran in früheren Zeiten ausfielen, erkennen wir sowohl aus der islamischen als auch der christlichen Expansion und Machtpolitik. Zu untersuchen wäre in diesem Zusammenhang, wie diesbezügliche Koransuren und Bibelverse heute ausgelegt und interpretiert werden.
Diesbezüglich glaube ich einen Unterschied auszumachen: Die historisch-kritische Bibelforschung hat zur Relativierung etlicher Bibelaussagen erheblich beigetragen.

Einer derart ’nüchternen‘ Betrachtung verschließt sich die Mehrzahl der muslimischen Gelehrten bislang noch; für sie ist der vollständige Koran die direkte Offenbarung des göttlichen Willens und als solcher absolut und unantastbar.
Diese Unantastbarkeit setzen auch jene Fundamentalisten voraus, welche zur Legitimierung von Gewalt gegen ‚Ungläubige‘ den Koran dahingehend interpretieren, dass das mekkanische Gebot ‚kein Zwang im Glauben‘ sei durch spätere Koranverse in Medina widerrufen worden sei.
Dies ist aber ausdrücklich nicht die ‚typische‘ oder mehrheitlich vertretene Lehre, denn insbesondere christliche und jüdische Minderheiten waren von Anfang an akzeptierter Bestandteil islamischen Gesellschaft.

Andererseits wird im Islam klar zwischen ggf. auch gewaltsamer Einführung der politischen Rechtsordnung Scharia und der Zwangsbekehrung einzelner Menschen unterschieden. Letzteres wird fast ausnahmslos abgelehnt, in Bezug auf die Scharia existieren unterschiedliche Auffassungen, wie diese weltweit zu verbreiten2) sei. Um zwischen Geo-Politik und Religion zu differenzieren, ist aber festzuhalten: Islamische Expansion ist nicht gleichbedeutend Glaubenszwang!
Die Ausbreitung des Islam und die christlichen Expansion verliefen nicht analog: nicht selten war es christliche Praxis, religiösen Minderheiten nur die Wahl zwischen Taufe, Auswanderung oder Tod aufzuzwingen.
Nach meinem Verständnis impliziert ‚Religionsfreiheit‘ allerdings auch, jederzeit eine freie Entscheidung treffen zu dürfen.
Zur besonderen Frage der Apostasie (Abfall von der Religion) im Islam siehe die verlinkten Texte (s.u.).

Vielleicht ist dies ein Grund für die Feststellung von Th. Naumann, dass „die christlich-europäischen Vorurteile theologischer Natur und historisch tief verankert“ sind:

„Sie zielen gegen den Islam als Religionssystem insgesamt und reichen bis ins frühe Mittelalter, bis ins 8. Jh. zurück.“

Dagegen seien die arabisch-muslimischen Ressentiments gegenüber der westliche Welt erheblich jünger und auch inhaltlich anders gelagert:
„Es sind keine antichristlichen, sondern antiwestliche Vorurteile, die sich im Erbe der  Kolonialerfahrungen der arabischen Welt seit dem 19. Jh. herausgebildet haben.“

 Insgesamt gelingt es J. Todenhöfer gut, undifferenzierte Ressentiments in westlichen Ländern gegenüber dem Islam aufzuzeigen. Die komplexen Ursachen der wechselseitigen Vorbehalte und Ängste und Projektionen werden von ihm indessen nur unvollständig analysiert. Das mag auch daran liegen, dass Todenhöfer in seiner pragmatischen Denkweise die theologische Dimension nahezu ausklammert.

Prof. Naumann führt aus, ein Problem des Christentums mit dem Islam liege gerade darin, dass sie einander sehr ähnlich seien – u.a. in ihrem universalen Wahrheitsanspruch als einzige Heilslehre für ausnahmslos alle Menschen. Zudem betrachte der Islam sich als Korrektur und Überbietung der christlichen Offenbarung. Die bis heute empfundene Konkurrenz lässt sich wohl nur aus ihren theologischen Wurzeln begreifen:

„Wer dies bedenkt, erkennt im theologischen Programm des Islam eine strukturelle theologische Demütigung für das Christentum. Sie besteht darin, dass der Islam auf demselben […] Wahrheitsspruch beharrt, den das Christentum für sich […] reklamiert.

Die mittelalterliche Christenheit habe den Islam theologisch nicht als Heidentum, sondern als eine christliche Häresie (Irrlehre) gesehen – durch einen falschen Propheten in die Welt gesetzt, um die Gemeinde in die Irre zu führen. Weil er die Menschen ‚von Christus wegführte‘, wurde Mohammed mit übelsten Negativklischees versehen – welche, so Naumann, bis heute in sublimierter Form anzutreffen sind.

In ihrem Fazit zum ‚Feindbild Islam‘ der europäischen Gegenwart stimmen Todenhöfer und Naumann durchaus überein: ‚wir Abendländer‘ projizierten lange Zeit unsere Hoffnungen und Ängste auf fremde Völker. Die verstärkte Präsenz von Muslimen in Deutschland sowie islamistischer Terrorismus brachten alte Ängste und Vorbehalte wieder an die Oberfläche – und zwar ungetrübt von großer Sachkenntnis.

Ängste als ‚unbegründet‘ zu bagatellisieren anstatt deren Ursachen anzugehen, verschärft die eigentliche Problematik nur. Hier spricht Naumann einen überaus wichtigen Punkt an: Derart tiefsitzende Vorurteile werden kaum durch Vernunftsappelle und die Auflistung von Fakten weg-rationalisiert. Sie sind aber auch nicht unabänderlich, sondern

„…sie lassen sich bearbeiten, durch kritische Reflexion und durch Entmythologisierung, vor allem aber durch unvoreingenommene Begegnung mit Menschen muslimischen Glaubens. … Irgendwann verlieren sie ihre Bedeutung.“

Und der theologische Konflikt? Im Koran, Sure 29,46, heißt es: „Unser Gott und euer Gott ist ein und derselbe„. In diesem Sinne schließe ich mich Todenhöfer an, wenn er schreibt:

Ich glaube an Gott, aber ich glaube nicht, dass er Jude, Christ oder Muslim ist.

 

Die 10 Thesen Todenhöfers im Überblick

Quellenangabe

Siehe auch:

Anmerkungen

Auf die von J. Todenhöfer ebenfalls thematisierte Rolle Israels (als Staat) gehe ich nicht näher ein, obgleich ich das Verhalten dieses Staates im Hinblick auf die Einhaltung der Menschenrechte3) als problematisch erachte.
Dem Autor ist jedenfalls darin zuzustimmen, dass eine grundsätzlich ungleiche Behandlung der Länder im Nahen Osten „nicht fair“ ist.
Positiv ist dabei anzumerken, dass Todenhöfer sich klar von den Äußerungen des iranischen Präsidenten bezüglich Israels distanziert.

  1. Der Wettstreit um den höchsten Turm bzw. dass größte Gebäude nach dem Motto ‚Wer hat den Längsten?‘ hat inzwischen weltweite Ausmaße angenommen. In nahezu allen politischen Systemen – auch in islamischen Staaten – finden wir Zeugnisse dieser Auswüchse eines auf eine Art Monopoly übertragenen, ‚männlichen‘ Genitalvergleichs. Komisch, ich fand Vergleichbares schon in der Schulzeit abstoßend;)
  2. Der verbindliche Auftrag zur weltweiten Missionstätigkeit durch ‚Einladung‘ (Da’wa) und Dialog sowie das langfristige Ziel der Bildung einer weltweiten islamischen Gemeinschaft (umma) lassen sich indessen nicht bestreiten. Der missionarische Anspruch des Islam findet sich in mehreren Koranstellen (u.a.  Sure 16,125 und Sure 3,110).
    Ein vergleichbarer Auftrag zur Missionstätigkeit findet sich ebenso im christlichen Selbstverständnis. Sie gründet sich auf Passagen der Bibel, insbesondere den Missionsbefehl von Jesus an seine Jünger.
    In beiden Religionen ist Missionierung Andersgläubiger also kein Merkmal von Fundamentalismus oder gar Extremismus, solange sie nicht mit ethisch fragwürdigem oder strafbarem Vorgehen eingeht.-
  3. Die im März 2013 u.a. auf 3SAT ausgestrahlte Dokumentation „Töte zuerst“ (Originaltitel The Gatekeepers‘) ist wirklich sehenswert. Ehemalige Direktoren des israelischen Geheimdienstes Schin Bet‘ geben dem  israelischen Dokumentarfilmer Dror Moreh Auskunft über Gewalt und Gegengewalt des antiisraelischen Terrors und seiner Bekämpfung.Hass, Verzweiflung und Resignation auf beiden Seiten der mit aller Härte geführten Auseinandersetzungen treten deutlich zu Tage.
    Ein Kommentar zu dieser Dokumentation findet sich z.B. auf ZEIT online: „Unsere Armee ist Brutal“
    . Der 95-minütige Dokumentarfilm ist auf YT zu finden (keine Ahnung, ob der Upload legal ist).
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