Die Konsequenz des Joseph Ratzinger

„Ich suche nicht zu begreifen, um zu glauben,
sondern ich glaube, um zu begreifen.“

 

Als am 19. April 2005 Joseph Ratzinger als Benedikt XVI an die jubelnde Öffentlichkeit trat, waren die BILD-lesenden Deutschen Papst geworden – zum achten Mal in der christlichen Geschichte. Nur hatte dieser Papst gar nicht auf den Stuhl Petri gewollt sondern dem Vernehmen nach darum gebetet, dass der Kelch an ihm vorübergehen möge. Nach dem Tod Johannes Pauls II. habe er sich endlich ins Privatleben zurückziehen und in brüderlicher Gemeinschaft mit seinem älteren Bruder Georg leben wollen. Der anfängliche Zuspruch seiner Landsleute in Bayern und ganz Deutschland mag ihn selbst überrascht haben, doch das Verhältnis zwischen dem Papst und den Deutschen wandelte sich: bei seinem jüngsten Besuch waren „keine Benedetto-Rufe mehr“ zu vernehmen…

Inwieweit dieser Papst bis Mitte Februar für Überraschungen sorgte, sei dahin gestellt. Seine Entscheidung, nicht bis zum letzten Tag auf dem Stuhl Petri dahin zu vegetieren, sondern diesen aus Alters- und Gesundheitsgründen freizugeben, ist ein historisches Novum.

„Vielen Dank und gute Nacht“ (28.2.2013)

Vor allem aber verdient sein Rückzug in Würde uneingeschränkten Respekt. Das “öffentlich gemachte Sterben” seines Vorgängers und die jahrelangen Machtkämpfe in den Führungsgremien des Vatikans werden sich dank Ratzingers Entscheidung so nicht wiederholen.

Deshalb sind mir die um Aufmerksamkeit heischenden Spekulationen über andere Rücktrittgründe fast zuwider. Der Vergleich mit einem vor 10 Jahren aufgenommenen Interview lässt unschwer erkennen, wie sehr Ratzingers Kraft nachgelassen hat. Gönnen wir ihm doch einen Lebensabend, der für die meisten Menschen in Europa 20 oder mehr Jahre früher beginnen würde.

 

Volkskirche oder ‚von gestern‘?

Benedikt XVI ist sich und seiner Glaubensauffassung treu geblieben – und hat es seinem Nachfolger überlassen, seine Kirche in das neue Jahrtausend (ein-)zu führen:

  • Das Verbot der Frauenordination wurde von ihm ausdrücklich bestätigt. Auch weibliche Diakone darf es nicht geben, weil Jesus vermutlich keine weibliche Apostel hatte.
  • Katholiken, die nach einer Scheidung wieder heirateten, bleiben weiterhin von der Eucharistie ausgeschlossen. Damit werden Millionen Christen in Deutschland ’nach draußen‘ verwiesen (außer in lebensbedrohlichen Situationen). Hier zeigt sich m.E. am deutlichsten, dass die Kirchenführung in Rom die gesellschaftlichen Veränderungen verpasst hat – nicht nur in Bezug auf Deutschland.
    Immerhin:
    Erzbischof Robert Zollitsch, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, erklärte den Umgang der katholischen Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen zu einer „Frage der Barmherzigkeit.
    Derweil sorgte der Papst persönlich für Irritationen, als er dem zwar vor ihm knienden, aber geschiedenen und wiederverheirateten Horst Seehofer die Kommunion spendete. Demonstration einer ‚Rechtsausnahme unter privilegierten Bayern‘? War Benedikt überhaupt im Bilde über die privaten Verhältnisse des Ministerpräsidenten?
    Die mediale Aufregung wäre vermutlich erst recht ausgebrochen, hätte der Papst dem Seehofer die Kommunion vorenthalten – wie hätte er sich in dieser Zwickmühle ‚richtig‘ verhalten können? Kein Dorfpfarrer darf jemanden von der Kommunion zurückweisen, der vor ihm steht (oder kniet) – außer wenn er das Sakrament der Eucharistie offensichtlich verunehren will. Die Verantwortung dafür, ob die Kommunion im kirchlichen Sinne wirksam ist, liegt wohl eher beim Empfangenden, der zu meiner Zeit noch ’sündenfrei‘ sein (d.h. die Absolution nach der Beichte erhalten haben) musste (Einzelheiten → ‚Kommunion trotz Scheidung‚)

  • Nach wie gibt die Zentrale der katholischen Kirche eine lebens- und realitätsferne Sexualmoral  vor – zuletzt zementiert im Abschnitt ‚Moral‘ des Katechismus der Katholischen Kirche. Deren Grundsätze – jede Form von Sexualität außerhalb der Kirche sei eine Sünde – gehen zum Teil weit über jene der Zehn Gebote und über das Maß menschlicher Vernunft hinaus.
    Offizielle Begründung? Fehlanzeige.  (Allerdings finden sich im Web verständliche Erläuterungen, für den der sie sucht – z.B. diese.)
    Die Kirche habe die Berechtigung, die Bibel verbindlich auszulegen – basta. An einem 2005 fertiggestellten Kompendium der katholischen Lehre, einer Kurzfassung des Katechismus der Katholischen Kirche hatte Kardinal Ratzinger großen Anteil. Seine Ablehnung der gesetzlichen Regelung von Lebensgemeinschaften zwischen Homosexuellen konnte immerhin deren staatliche Anerkennung in vielen westlichen Staaten nicht verhindern.
    Benedikts Reaktion: Er kritisierte mehrfach die „Verwässerung des klassischen Familienbildes“ und beklagte die „tiefe Unwahrheit“ moderner Theorien über die sexuelle Identität…
  • Die fortgesetzt ablehnende Position zur Homosexualität bescherte der Kirche ein internes Problem: Heiraten dürfen Priester bekanntlich nicht – und Schwulsein dürfen sie auch nicht. Dies habe in der römisch-katholischen Kirche zu einer Art Schweigekultur geführt, berichtete die Süddeutsche: „Schwule Priester sagen nichts, und ihre Vorgesetzten schauen weg, solange sie können.“
    Die so entstehenden Heimlichkeiten lassen sich nur schwer alleine bewältigen, sodass  sich schwule Priester in München zu einer Art Selbsthilfegruppe zusammen schlossen, keineswegs ein Einzelfall.
  • Gegen die Mehrheitsmeinung der deutschen Bischöfe trieb er den Ausstieg aus der staatlichen Schwangerschaftskonfliktberatung voran. Nicht die Beratung als solche, sondern die von Hardlinern als als „Tötungslizenz“ diffamierte Beratungsbescheinigungen betrachteten Ratzinger und sein damaliger Chef als Mitwirkung an Abtreibungen. Gerade die kirchliche Beratung hatte nachweislich Beratungserfolge vorzuweisen im Hinblick auf ihr Ziel, Frauen zur Fortsetzung einer Schwangerschaft zu ermutigen.
    Die deutschen Bischöfe gehorchten zwar dem päpstlichen Befehl, doch engagierte katholische Laien setzte die Arbeit im Sinne der Bischöfe fort. Obwohl der päpstliche Befehl auch für Laien gelten sollte, wurde der
    bürgerliche Verein „Donum Vitae“ (Geschenk des Lebens) gegründet. Bundesweit unterhält Donum Vitae bis heute 187 Beratungsstellen, in denen knapp 50% der Beratungen 40.000 pro Jahr durchgeführt werden.
  • Die klare Linie Ratzingers zu Abtreibung und Sterbehilfe lautet: Jedes menschliche Leben das nach katholischer Lehre bereits mit der Zeugung beginnt, ist zu schützen. Ohne Wenn und Aber.
    Der Tradition folgend geht die kompromisslose Haltung so weit, die Beendigung einer Schwangerschaft sogar nach einer Vergewaltigung zu verbieten – mit herben Konsequenzen für Vergewaltigungsopfer in streng katholisch geprägten Ländern. (→ ‚Gotteswille und Kirchenwille nach Vergewaltigungen?‚)

Wer wundert sich da noch, wenn zukünftig Gläubige nicht der Kirche entsagen, sondern einen Neuanfang z.B. bei den Alt-Katholiken wagen? Die Altkatholische Kirche hat keinen Pflichtzölibat, Homosexualität ist akzeptiert, Frauen können zu Priesterinnen geweiht werden. Auch erkennen die Alt-Katholiken die Beschlüsse des ersten Vatikanischen Konzils (1870) nicht an; sie erachten u.a.den Papst nicht als unfehlbar. Hat da wer seine Hausaufgaben gemacht?
Indessen zeigt dass Beispiel des Münchner Kardinal Reinhard Marx, dass ein Umdenkprozess
durchaus im Bereich des Möglichen liegt. Marx, der sich einst mit der Bezeichnung „gescheiterte Menschen“ für Geschiedene und Homosexuelle heftige Kritik einhandelte, plädiert inzwischen für einen offenen Umgang der Kirche mit Homosexuellen.

Der Anspruch der römisch-katholischen Kirche als moralische Autorität und Orientierungsgeber hat eine zweite Seite: weit über die katholischen Gläubigen hinausgehend findet ein Papst in friedenspolitischen und manchen ethischen Fragen nahezu weltweit Gehör (wenn auch nicht zwingend Zustimmung). Aus dieser Rolle erwächst die große Verantwortung, die moralische Bewusstseinsbildung aller Menschen in einer Zeit der Fortschrittsgläubigkeit gestaltend zu begleiten, ohne den anmaßenden Anspruch von Exklusivität zu erheben:

  • Wohin führt es, wenn die Grenzen unseres Handeln allein durch Machbarkeit und Pragmatismus bestimmt sind, ohne zugleich einem ethischen Leitbild zu folgen?
  • Wie kann eine Menschheit überleben, der nichts mehr ‚heilig‘ ist – weder das eigene Erbgut, noch die Intaktheit von Natur und Umwelt und die Solidarität mit den wirklich Schwächsten schon gar nicht?
  • „Werden wir durch eine häufig so endzeitlich wirkende Situation inzwischen nicht geradezu gezwungen, wieder über einige Grunddinge nachzudenken?“ (Seewald)

Dass die Stellungnahmen von Papst und Kirchenführung zu ‚Sitte‘ und Moral nicht im Gegensatz zu Lehre und Kirchentradition stehen, kann nicht wirklich überraschen. Ebenso wird kein Papst sein primäres Anliegen, die Hinwendung des Menschen zu Gott, aus dem Blick verlieren. So hatte Joseph Ratzinger bereits als ‚Panzerkardinal‘2) vor dem Verlust an Identität, Orientierung und Wahrheit gewarnt, falls „ein neues Heidentum“ die Herrschaft über das Denken und Handeln der Menschen übernehme, schreibt Peter Seewald.

Ratzinger sieht die Menschheit an einem Scheidepunkt, sie könne und dürfe unmöglich so weitermachen wie bisher – Recht hat er damit fraglos.
Ein Rufer in einer spirituellen Wüste? Dass die großen Probleme der Menschheit  alle nicht gelöst werden können, „wenn nicht im Zentrum Gott steht und neu sichtbar wird in der Welt“, wollen oder können viele Menschen nicht sehen.

Mal ehrlich, war nach seiner Wahl zum Papst eine Kehrtwendung zu erwarten? Dass er mit knapp 80 Jahren seine Überzeugungen grundlegend ändern würde? Kaum.
Dass Ratzinger dem innerkirchlichen wie öffentlichen Druck oder dem ‚Zeitgeist des Relativismus‘ nachgeben und
entgegen seiner Überzeugungen ’spektakuläre Reformen‘ einleiten würde, hat wohl niemand erwartet, der den Charakter dieses Mannes ein wenig kannte.
Insoweit war mir der laute Jubel vieler Landsleute über deutschen Papst unverständlich, die anfängliche Begeisterung erschien mir als Ausdruck von Unbedarftheit oder völliger Unkenntnis.

Eine radikale Wende war nicht zu erwarten

Mit seiner konservativen, also ‚das Gute bewahrenden‘ Haltung wusste Ratzinger stets im Einklang mit der katholischen Morallehre. Ein ein vielfach erwartetes ‚Umschwenken‘ wäre mit beträchtlichen Herausforderungen verbunden, sofern grundlegende Aspekte der Kirchenlehre berührt werden. Betrachten wir als kurzes Beispiel den Gebrauch von Kondomen:

„Es gibt keinen auch noch so schwerwiegenden Grund, der etwas innerlich Naturwidriges zu etwas Naturgemäßem und sittlich Gutem machen könnte.“

Was ’naturwidrig‘ ist, definiert die kirchliche Lehre bzw. Tradition, die darin z.T. über biblische Gebote hinausgeht:
„Da nun aber der eheliche Akt seiner Natur nach zur Weckung neuen Lebens bestimmt ist, so handeln jene, die ihn bei seinem Vollzug absichtlich seiner natürlichen Kraft berauben, naturwidrig und tun etwas Schimpfliches und innerlich Unsittliches […]

Darauf macht auch der hl. Augustinus aufmerksam, wenn er schreibt: „Unerlaubt und unsittlich ist der eheliche Verkehr selbst mit der rechtmäßigen Gattin, wenn dabei die Weckung neuen Lebens verhütet wird. Das hat Onan, des Judas Sohn, getan, und darum hat ihn Gott getötet.“ (Papst Pius XI., Enzyklika „Casti connubii“, 31.12.1930)

Hier werden zwei Aspekte von Sexualität moralisch bewertet – ‚Onanie‘ (vgl. Sünde des Onan, Genesis 38,9) könne ebenso  wie die Verwendung von Kondomen zur Verhinderung der Befruchtung eingesetzt werden.

Aus katholisch-konservativer Sicht handelt es sich dabei um eine schwere Verfehlung, denn: „Jeder Gebrauch der Ehe, bei dessen Vollzug der Akt durch die Willkür der Menschen seiner natürlichen Kraft zur Weckung neuen Lebens beraubt wird, verstößt gegen das Gesetz Gottes und der Natur, und die solches tun, beflecken ihr Gewissen mit schwerer Schuld.

Augustinus nahm – vor gut 1600 Jahren – Bezug auf das A.T., um dazulegen, zu welchem Zweck Eheleute miteinander Verkehr haben sollen und dürfen. Papst Pius XI. wiederum argumentierte anhand Augustinus‘ Ausführungen. Dass dergleichen mit heutigen Auffassungen einer lebensnahen Sexualmoral nicht vereinbar ist, liegt (für mich) zwar auf der Hand.

Um aber eine abweichende Regelung zu finden, müsste ein Papst die bisherige Lehre theologisch widerlegen oder zumindest entkräften. Wer eine Modernisierung und zeitgemäße Umgestaltung der katholischen Morallehre anstrebt, sollte sich darüber im Klaren sein, dass dafür zunächst ein theologisches Fundament zu legen wäre…wenn die Kirchenführer eine solche Erneuerung denn wollten.

Als Papst Benedikt XVI. erstmals den Gebrauch von Kondomen unter bestimmten Bedingungen als gerechtfertigt bezeichnete1), hat er sich in seiner Wahrnehmung vermutlich schon weit aus dem Fenster gelehnt. Dass Präservative „im einen oder anderen Fall“ die Ansteckungsgefahr mit Aids verringern können, ist tatsächlich ein erstes weitreichendes Zugeständnis, wenn man die katholische Ausgangsposition auch zur Homosexualität betrachtet.
Selbstverständlich reicht dieses Zugeständnis bei weitem nicht aus, es zeigt aber doch eine überaus vorsichtige Hinwendung des Papstes zur gegenwärtigen Realität.

Widerspruch war ihm sicher, schließlich betrachten streng konservative Gläubige die strikten Ablehnung von Kondomen als besondere ‚moralische Qualität‘ ihrer Kirche – Millionen AIDS-Opfern zum Trotz.

Hinter dem Festhalten an u.U. lebensfernen Postionen steht eine konkrete Angst: Würde diese Kirche das ‚Katholische‘ in ihren Grundpositionen aufgeben, wäre dies evtl. ein Schritt zu ihrer Austauschbarkeit als eine von vielen christlichen Gruppen ohne explizite Alleinstellungsmerkmale. Dass weiß auch Ratzinger.

Und doch ist Kritik insoweit gerechtfertigt, als sich Papst und Kurie nach meiner Wahrnehmung noch viel zu wenig mit solchen Problemstellungen auseinandersetzen, die sich aus der Lebenswirklichkeit der Gegenwart nun mal ergeben. Wer an Tradition und Dogmen unkritisch festhält und jede Notwendigkeit zur Regelung ’neuer‘ Fragestellungen pauschal ignoriert, entzieht sich einer primären Verantwortung als Seelsorger.–

Schatten der Vergangenheit

Seine tiefe, ehrliche Erschütterung über die Mißbrauchsskandale innerhalb priesterlicher Institutionen war dem Papst anzumerken, meine ich.

„Herr, oft erscheint uns deine Kirche wie ein sinkendes Boot, das schon voll Wasser gelaufen und ganz und gar leck ist.“

Was mag in ihm vorgegangen sein? Missbrauchsfälle dieser Größenordnung bezeichnete er als unerhörten Schock – er könne nachvollziehen, dass Menschen aus Protest aus der Kirche austreten würden. (vgl. SPIEGEL: ‚Papst-Buch: Der Oberhirte gesteht Fehler ein‘, Nov. 2010).

Vielleicht liegt in diesem Schock der Grund, dass Benedikt sich lange nicht zu einer offiziellen Stellungnahme zu den Verbrechen der Priester in seinem Heimatland durchringen konnte. Doch der Image-Schaden für die Kirche wuchs dadurch noch, auch wenn ihm weder die Ursache dieser schwerste Krise noch der Zeitpunkt der öffentlichen Diskussion persönlich anzulasten ist.

Viel lieber würde er für ihn wichtige spirituelle Fragen wieder ins Zentrum des Interesses rücken – nach dem Sinn des Lebens, dem Ende der Welt und der Rolle Christi, wie sie im Evangelium angekündigt ist. Statt dessen musste er sich verbrecherischen Übergriffen seiner ‚Mitarbeiter‘ stellen, er hat Fehler des Kirchenpersonals eingeräumt und die Opfer öffentlich um Vergebung gebeten.

Doch was ist mit möglichen Ursachen? Gerade hier liegt mein größtes Unverständnis: Weshalb können oder wollen die Kirchenführer nicht einsehen, dass sehr wohl ein kausaler Zusammenhang zwischen einer zölibatären, keuschen Lebensweise katholischer Priester und einer Häufung von Mißbrauchsfällen bestehen kann. Natürlich ist hier der Einzelfall zu würdigen – und es ist auch hinlänglich bekannt, dass sexuelle Übergriffe zulasten von Kindern auch in nicht-kirchlichen bzw. seitens nicht-zölibatär lebender Erzieher/innen auftreten.

Die notwendige Freiwilligkeit und Bereitschaft zu einem Dasein ganz ohne Lebens- und Sexualpartner ändert nichts daran, dass Betroffene nach Jahren oder Jahrzehnten aus dieser Zwangsjacke ausbrechen. Die Folge ist oftmals ein Doppelleben in schwerer Gewissensnot – angesichts des persönlichen Konfliktes mit den Statuten der Kirche. Im schlimmsten (Einzel)fall wird Kindern und Jugendlichen schweres Leid zugefügt.
Was spricht dagegen, den m.E. nahe liegenden Zusammenhang zwischen dem Zölibat, seelischen Schädigungen des Betroffenen und sexuellen Straftaten statistisch, psychologisch und kriminologisch zu untersuchen?

Diesen mutmaßlichen Zusammenhang weiterhin auszublenden, halte ich für einen schweren Fehler. Schließlich ist priesterliches Zölibat kein kirchliches Dogma und auch kein verbindliches Gebot der Bibel. Selbst wenn ein Nutzen dieser Lebensweise für die Priesterschaft unterstellt wird, so überwiegt doch der Schaden für die gesamte Kirche bei weitem – auch hinsichtlich des zunehmenden Priestermangels.

Benedikt XVI. (2006)

Stolpersteine

→ “So bitter – so traurig” (Spiegel 6/2009)
Benedikts Entscheidung, vier im Jahr 1988 exkommunizierte Bischöfe der erzkonservativen Piusbruderschaft wieder in die Kirche aufzunehmen, rief laute Empörung hervor. Pius-Brüder – das sind jene, welche die Beschlüsse des zweiten Vaticanums nicht akzeptieren. Der SPIEGEL-spricht von innerkirchlicher Frontbegradigung, denn die in den Schoß der Mutter Kirche Zurückgekehrten waren unrechtmäßig geweiht worden.
Doch einer von ihnen war
ein notorischer Holocaust-Leugner:Bischof Richard Williamson hatte kurz zuvor bei einem Deutschland-Besuch öffentlich erklärt, kein einziger Jude sei in einer Gaskammer umgekommen!

„Die Entscheidung von Benedikt XVI., Traditionalisten und Antisemiten wieder in den Schoß der Kirche zu holen, vergiftet das Verhältnis zwischen dem Vatikan und den Juden.“

Reflexartig wurden alte Ängste geweckt, dass die katholische Kirche (oder die Deutschen bzw. ‚deren‘ Papst?) ihren krampfartigen Antisemitismus nie abgelegt habe! Dabei hatte gerade Ratzingers aus Polen stammender Vorgänger sich konsequenten für Versöhnung eingesetzt und erstmals um Verzeihung für die Verbrechen seiner Kirche  gebeten.

So habe der Benedikt bei seinen eigenen Anhängern die Befürchtung geweckt, er könne wirklich “ein Papst der Restauration sein könnte, der seine Kirche, die vorsichtig in die moderne Welt aufgebrochen war, wieder zurückführt in den Elfenbeinturm des theologischen Dogmas.

Rückblickend spricht Benedikt von einem Versehen: Niemand im Vatikan hatte sich offenbar die Mühe gemacht, einmal die öffentlichen Äußerungen der vier Piusbrüder zu prüfen – dadurch sei ihm die inakzeptable Position des Briten zum Zeitpunkt der Entscheidung nicht bekannt gewesen.
Ich halte diese Darstellung für glaubhaft, denn zumindest Ratzinger persönlich ist sich der Historie seines Heimatlandes schmerzlich bewusst. Seine kompromisslose lebensbejahende Haltung wurde nicht zuletzt durch die millionenfache Morde und das Kriegstreiben der Nazis geprägt.

Schaden für das öffentliche Ansehen der Kirche ist dennoch entstanden, niemand weiß das besser als der zurückgetretene Papst.-

Dagegen war die Regensburger Rede3) des Papstes vom 12. September 2006 selbstgemachtes Leid, meine ich.

Die betreffende Passage (s.u.) formuliert durchaus Kritik am Islam, zugleich aber in gleicher Weise an allen Religionsführern, die ihren Glauben durch Zwang verbreiten. Doch sie beleidigt weder den Islam noch seine Protagonisten. Für radikale Fundamentalisten machte dies keinen Unterschied – und denen gelang es für einige Zeit, die öffentliche Meinung in der islamisch-arabischen Welt in ihrem Sinne zu bestimmen.

Ratzinger und seine Berater besaßen genug Medienerfahrung besitzen, um eines zu wissen: Zitate werden oft ohne ihren Textzusammenhang dargestellt und erhalten so eine völlig andere, bisweilen gefährliche Bedeutung. Zudem neigen Menschen dazu, bei emotional besetzten Themen nur das zu hören, woran sich ihre Begeisterung oder, wie in diesem Fall, ihre Wut entzündet.
Folglich blieb in den Ohren derer, die stets auf eine Gelegenheit zu hasserfülltem Geschrei und gewalttätigem Losschlagen warten, nur eines hängen: Das christliche Oberhaupt habe den Propheten Mohammed als gewalttätigen Missionierer bezeichnet, der nur Schlechtes und Inhumanes gebracht habe.

Viel Energie musste auf eine anschließende Schadensbegrenzung in einem aufgebauschten Konflikt verwendet werden, den man sich leicht hätte ersparen können.

Ein Pontifikat „zwischen Dogma und Dialog“

Das Pontifikat von Joseph Ratzinger auf konservatives Erstarren, handwerkliche Fehler und Kirchenskandale zu reduzieren, hieße ihm nicht gerecht zu werden. Rückblickend wird er meist als Papst charakterisiert, der als versierter Theologe einerseits das Gespräch mit anderen Glaubensgemeinschaften gesucht habe – und zugleich darauf bedacht war, das katholische Profil seiner Kirche schärfen. Ein ziemlicher Spagat…

Ob er sich mit den dringlichsten Herausforderungen dieser Kirche hinreichend befasst hat, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich nehme allerdings die vielen Kirchenaustritte zur Kenntnis, welche sicher nicht allein durch die großen Skandale zu begründen sind. Eher, so hat es den Anschein, sind die dogmatischen Positionen des Katholizismus sowie ein Teil seiner Traditionen heute kaum mehr einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln.
Wurde in geeigneter Weise der Versuch einer solchen Vermittlung unternommen?

Ja und Nein. Wer sich die Mühe macht, Ratzingers Bücher (z.B. ‚Salz der Erde‘ oder ‚Licht der Welt‘) zu lesen, ist anschließend eher imstande, die Beweggründe und die Gedankenwelt dieses Papstes zu erkennen.
Diese ändern freilich wenig daran, wie Benedikt XVI überwiegend wahrgenommen wurde:

„Ein Papst, der die Gemeinsamkeiten der Religionen betonte, der aber auch selbstbewusst auf Unterschiede beharrte. Ein Papst, der vereinen wollte und trotzdem spaltete.“ Antje Dechert

 

Siehe auch

Anmerkungen

  1. Dieses Zugeständnis gilt nur in Ausnahmefällen, etwa um die Verbreitung von Aids durch homosexuelle Prostituierte zu verhindern. Ratzinger wörtlich:
    „Die bloße Fixierung auf das Kondom bedeutet eine Banalisierung der Sexualität, und die ist ja gerade die gefährliche Quelle dafür, dass so viele Menschen in der Sexualität nicht mehr den Ausdruck ihrer Liebe finden, sondern nur noch eine Art von Droge, die sie sich selbst verabreichen. Deshalb ist auch der Kampf gegen die Banalisierung der Sexualität ein Teil des Ringens darum, dass Sexualität positiv gewertet wird und ihre positive Wirkung im Ganzen des Menschseins entfalten kann. Es mag begründete Einzelfälle geben, etwa wenn ein Prostituierter ein Kondom verwendet, wo dies ein erster Schritt zu einer Moralisierung sein kann, ein erstes Stück Verantwortung, um wieder ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass nicht alles gestattet ist und man nicht alles tun kann, was man will. Aber es ist nicht die eigentliche Art, dem Übel der HIV-Infektion beizukommen. Diese muss wirklich in der Vermenschlichung der Sexualität liegen.
  2. Den dem ihm zugewiesenen Titel ‚Panzerkardinal‘ kommentierte Ratzinger so:
  3. Auszug aus der Regensburger Rede:
    „Ohne sich auf Einzelheiten wie die unterschiedliche Behandlung von ‚Schriftbesitzern‘ und ‚Ungläubigen‘ einzulassen, wendet er sich in erstaunlich schroffer, uns überraschend schroffer Form ganz einfach mit der zentralen Frage nach dem Verhältnis von Religion und Gewalt überhaupt an seinen Gesprächspartner.
    Er sagt: ‚Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten‘. Der Kaiser begründet, nachdem er so zugeschlagen hat, dann eingehend, warum Glaubensverbreitung durch Gewalt widersinnig ist. Sie steht im Widerspruch zum Wesen Gottes und zum Wesen der Seele. ‚Gott hat kein Gefallen am Blut‘, sagt er, ‚und nicht vernunftgemäß, […] zu handeln ist dem Wesen Gottes zuwider‘.
    Der Glaube ist Frucht der Seele, nicht des Körpers. Wer also jemanden zum Glauben führen will, braucht die Fähigkeit zur guten Rede und ein rechtes Denken, nicht aber Gewalt und Drohung… Um eine vernünftige Seele zu überzeugen, braucht man nicht seinen Arm, nicht Schlagwerkzeuge noch sonst eines der Mittel, durch die man jemanden mit dem Tod bedrohen kann.“ (→ vollständiger Wortlaut)
Dieser Beitrag wurde unter Christentum, Glaube, Islam, Katholizismus, Religionen abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.