Kohelet: Was ist der Mensch? Was bleibt von ihm?

„Nicht wir Menschen werden die Wahrheit finden,
es wird die Wahrheit sein, die uns Menschen findet.“

Überraschungen in der Bibel – etwas wirklich Unerwartetes? Was könnte das wohl sein? Vielleicht ein Skeptiker, der die wirklich interessanten und ‚aktuell relevanten‚ Fragen stellt – und Anteil nimmt an den Leiden, den Nöten und den Vergnügungen des sterblichen, unvollkommenen Menschen?
Dieses Buch eines biblischen Autors, der sich selbst Kohelet (”Prediger”) nennt, nimmt unter den 39 Büchern des A.T. eine besondere Stellung ein – es ist so ganz anders als die ‚typischen‘ Inhalte. In seiner kritischen Resignation beschäftigt sich der Prediger mit der Frage, was uns im Tod bleibt.

Dank dieser zeitlosen Lebensnähe erweist sich dieser erstaunliche Text m.E. als ‚alternativer‘ Zugang zu den übrigen biblischen Schriften – der ‚Prediger‘ sucht nach denselben Antworten wie jeder von uns, sobald wir unseren persönlichen Fokus über das materielle Dasein hinaus richten:

  • Hat das von Menschen “unter der Sonne” geführte Leben einen Sinn?
  • Folgt ein ‚richtig geführtes‘ Leben einem Ziel, welches über den heutzutage so sehr beachteten Selbstzweck einer Spaßgesellschaft hinausweist?
  • Wozu mühen wir uns zeitlebens in dem Wissen ab, dass wir zuletzt doch sterben werden und keinen Nutzen aus unserem (materiellen) Besitz mehr ziehen können?
  • Warum ist Schönes ebenso vergänglich (“Windhauch”) wie Schlechtes?
  • Weshalb haben manche ‘gute Menschen’ unaufhörlich Pech, während zweifelhaften Charaktere unverdientes Glück zuteil wird?

Kohelet in einer ‚freien Version‘:

Eine ergebnisoffene Sinnsuche dürfte distanzierte Skeptiker eher zur Auseinandersetzung mit ‚der übernatürlichen Komponente‘ motivieren als der organisierte Vertrieb unbewiesener Behauptungen über das Göttliche und sein Wirken. Liegt darin die didaktische Intention im ‘Buch der Prediger’?

Dieses Buch des Alten Testaments behandelt die Nichtigkeit all dessen, was den Menschen betrifft (Koh 1,2 und Koh 12,8) und beschreibt typisch menschliche Errungenschaften als trügerisch: Wissen, materiellen Reichtum, aber auch die Liebe und zuletzt das ganze Leben, durchorganisiert von der Wiege bis zur Bahre.
Nüchtern betrachtet sei das gesamte Leben nichts anderes, als eine Abfolge von Vorgängen, die ohne Zusammenhang und ohne Bedeutung sind (Koh 3,1-11). Am Ende stehen – so lauten des Predigers Einsichten – stets das Alter und der Tod, welcher gleichermaßen alle Lebewesen trifft.

Der Verfasser verfügt über die materiellen Voraussetzungen, um das Leben genießen zu können. Er sieht sich insoweit in der bestmöglichen Position, menschliches Leben zu erfahren: Als gebildeter, mit allen Gestaltungs- und Genussmöglichkeiten versehener Herrscher habe er Leben voll auskosten können – nun, in der Abgeklärtheit des Alters, fragt er nach dem Sinn.

“Er versucht, sich durch großartige Werke, durch Anhäufung von Wissen und durch direkt angezielte Lustmaximierung Glück zu verschaffen, doch er muss erkennen, dass damit nicht jenes Glück erreicht wird, auf das er als Mensch zutiefst angelegt ist.

Trotz all seines Wissens, seiner Güter und aller erdenklichen Statussymbole steht ihm der Tod unausweichlich bevor. Angesichts dieser Vergänglichkeit des Erworbenen erweist sich all dies selbst für den König mit optimaler Ausgangsposition als ‘Nichtigkeit’ oder ‘Windhauch’.
Kohelet erkennt: Jeder Augenblick ist durch Gott  bestimmt; der Mensch kann ihn weder vorhersehen noch nach eigenen Vorstellungen gestalten. Ihm bleibe lediglich, das ihm zugeteilte Los ‘in Furcht’ anzunehmen.
Der Verfasser geht offensichtlich davon aus, dass der Tod das endgültiges Ende des Lebens und der eigenen Identität und des Bewusstseins sei. Eine Wiedergeburt oder Auferstehung, in welcher Form auch immer, erhofft er sich nicht. Somit wird seine Auffassung nachvollziehbar, die flüchtigen Tage des Daseins auf der Erde sollten genossen werden.

Einordnung:
Das Buch Kohelet wird wie auch das Buch der Sprüche den Weisheitslehren des Salomo (vgl. Weisheitsliteratur) zugeschrieben. Als Grundlage für diese traditionelle Verfasserangabe diente der einführende Vers:

“In diesem Buch sind die Einsichten des Lehrers aufgeschrieben. Er war ein Sohn Davids und König in Jerusalem.” [Koh 1,1 – GNB]

Darüber hinaus gibt es keine Hinweise auf einen Verfasser. Das hebräische Wort Kohelet wurde mit ‘Versammlungsleiter’ und später von Martin Luther als „Prediger“ übersetzt. Im Griechischen wird dieses Wort mit ‘ekklæsía’ übertragen, was in der neutestamentlichen Tradition dann zum Begriff „Kirche“ hinführt. Während Salomo gut eintausend Jahre vor Christus lebte, wird als Entstehungszeit des Buches aus bibelkritischer Sicht das 4. oder 3. vorchristliche Jahrhundert angenommen. Darauf sollen deuten die mit hellenistischen Elementen angereicherte Sprache sowie die besondere Thematik hindeuten, die mit der des Buches Hiob vergleichbar ist.
Das Buch ‘Prediger’ gehört zu den fünf Megillot (‚Festrollen‘). Es ist die Lesung zum jüdischen Laubhüttenfest.
Aufgrund seiner Andersartigkeit hatte der Text es nicht leicht, in den biblischen Kanon aufgenommen zu werden. So gab es darüber auf der Synode zu Jamnia (100 n.Chr.) Meinungsverschiedenheiten der jüdischen Rabbiner. Vielleicht war die ursprüngliche Zuschreibung (als Text des Salomo) der primäre Grund dafür, dass das Buch dann in den Kanon des Alten Testamentes aufgenommen wurde.

Kurze Inhaltsüersicht

Der Autor hat eine Ausbildung in der herkömmlichen Weisheitslehre erhalten. In seinem nachdenklichen Rückblick stellt er fest: seine Erfahrungen und sein ganzes Wissen erweisen sich im Angesicht des Alters als eitel oder nichtig.

“Denn: „der Weise stirbt (genauso) wie der Tor“ (2,16). Zwar gibt es Gott, und der Prediger zweifelt seine Allmacht nicht an (3,14), aber „alles hat seine Zeit“ (3,1-8), ist dem Menschen unverfügbar. Diese Erkenntnis führt zur Resignation, nicht, wie bei Hiob, zum Aufbegehren gegen das unzugängliche Wesen Gottes. Der Mensch kann Gottes Handeln nicht durchschauen, er kann sich ihm nur fügen und versuchen, aus dem, was Gott gegeben hat, das Beste für sich selbst zu machen: „Da merkte ich, daß es unter ihnen nichts Besseres gibt, als fröhlich zu sein und es gut zu haben im Leben“ (3,12). “
Insgesamt ruft der Prediger jedoch zur Ehrfurcht gegenüber Gott auf (4,17-5,6), nicht etwa zu einem zügellosen Hedonismus.“ (Vgl. ‘Prediger Salomo / Kohelet’ auf bibelwissenschaft.de)

Aussage und Intention

Weisheit – die ‘Lehre, die Prinzipien der Welt und des Lebens zu erkennen und  durch deren Befolgung ein glückliches, erfülltes Leben zu führen’ – war nach altorientalischer Auffassung von einer zentralen Überzeugung getragen: Das Verhalten des Menschen als Individuum entscheidet, ob er sein Leben richtig gestaltet und so zu Glück und Erfolg gelangt.

Dieser Haltung begegnet der Prediger wie auch der/die Verfasser des Buches Hiob mit begründeter Skepsis: Offensichtlich funktioniert Leben nicht (nur) nach einer so einfachen, eindimensionaler Kausalität. Selbst wenn ein ‘gutes Leben’ unter rein materiellen Aspekten gesehen wird, ist der Einfluss unvorhergesehener Umstände beträchtlich. Ein dauerhaftes, unterbrechungsfreies Glück wird keinem Menschen ‘unter der Sonne’ zuteil. Spätestens der Tod macht alles zunichte.
Das Handeln von Menschen alleine kann nicht ausreichen, um dem Menschenleben überhaupt einen Sinn zu verleihen.

“Das Wesentliche der menschlichen Existenz ist nicht die Tatsache, dass sie eine Tragödie ist, sondern vielmehr, dass sie so eintönig ist. Nicht, dass sie überwiegend schmerzlich ist, sondern dass alles so völlig sinnlos ist.  H.L. Mencken

Der Einwand, dass beispielsweise ein herausragendes soziales Engagement auch dem eigenen Leben einen Sinn verleihen könne, ist durchaus berechtigt. Doch es bleibt bei der Erkenntnis, das letztlich nichts davon überdauert (so scheint es zumindest).

Die Bilanz des Predigers scheint zunächst ähnlich negativ auszufallen; sie vermittelt den Eindruck eines verzweifelten, resignierten Philosophen am Ende seiner Suche. Er realisiert: Erarbeiteter Reichtum und mühsam erworbenes Wissen sind in ihrer Vergänglichkeit nur “Windhauch” und “Nichtigkeit”.

Folgende Begriffe treten in diesem Buch besonders hervor, wie Georges André feststellt:

  • „Unter der Sonne“ – ein oft vorkommender Ausdruck, der die Perspektive des Predigers kennzeichnet: „Er betrachtet die Dinge so, wie die Sonne sie beleuchtet, und wie seine Sinne sie zu unterscheiden vermögen, besitzt aber keinerlei Offenbarung der ewigen Dinge“.
  • „Eitelkeit“ und vergebliches „Haschen nach Wind“:
    „Alles, wofür der Mensch seine Kraft verschwendet, was er leidenschaftlich zu ergreifen sucht, ist nichts als Wind, eine Leere, die sein Herz unbefriedigt lässt“.

Es helfe nicht, über gestern und morgen zu spekulieren.

“Der Realismus des Predigers führt ihn zu einer pessimistischen Grundhaltung, die sich von der Hoffnung der Propheten auf eine Verwandlung des gegenwärtigen Weltzustandes durch Gottes heilschaffendes Eingreifen in bezeichnender Weise abhebt.” (Kommentar der Stuttgarter Erklärungsbibel)

Doch Kohelet verharrt nicht in dieser verzweifeln machenden Erkenntnis: denn letztlich will er aufzeigen, dass die übernatürliche Komponente – er nennt sie elohim (‘Gott’, ‘Schöpfer’) – unerlässlich sei:
Nur Gott kenne den Sinn aller Dinge, er bestimme das Schicksal jedes Menschen. Anstatt in anmaßender Selbstüberschätzung die Rätsel des Lebens auf eigene Faust lösen zu wollen, solle der Mensch Gottes Wirken erkennen und seine Entscheidungen in Ehrfurcht und Demut annehmen.

Durch die Einbeziehung eines Schöpfers lassen sich zentrale Lebensfragen leichter (oder angenehmer?) beantworten als vom atheistischen Standpunkt aus. Nur bleiben die Hintergründe des unterstellten Handeln einer Gottheit auch dann undurchschaubar.
Die Empfehlung des ‚Predigers‘ befürwortet eine vertrauensvolle Zugewandtheit gegenüber dieser Gottheit – eine vermutlich Erfolg versprechende Lebenseinstellung: ‘Bewusst im Heute leben’… voller Zutrauen und Freude das anzunehmen und zu genießen, was Gott jedem persönlich zugeteilt habe…und alles Übrige Gott zu überlassen – darin liege die einzig richtige Lebens-Weisheit… Wer dies hinbekommt, ohne sich mit den andernfalls unbeantworteten Fragen herum zu quälen, ist zu beneiden.

Wie sagte Erich Kästner doch gleich?
Auch aus Steinen, die dir in den Weg gelegt werden, kannst du etwas Schönes bauen.“

Kann ich damit etwas für mich anfangen?

Zum Teil ja – zumindest erahne ich: weder materieller Reichtum noch verbissenes Streben nach Wissen und Erkenntnis kausaler Zusammenhänge werden mich jemals an den Punkt führen, der sich nach „Lebensziel erreicht“ anfühlt. Nicht sehr befriedigend, aber dennoch ein Fortschritt …die eigene Begrenztheit zu realisieren bedeutet immerhin, mit ihr umgehen zu können.
Dr. Faust bzw. sein Erschaffer Goethe brachte es überdeutlich zum Ausdruck:

„Habe nun ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemüh’n.

Da steh‘ ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!
Heiße Magister, heiße Doktor gar,
Und ziehe… herab und quer und krumm
Meine Schüler an der Nase herum –
Und sehe, dass wir nichts wissen können!
Das will mir schier das Herz verbrennen.“

Vor diesem Hintergrund des Nicht-Wissen-Könnens resultiert aus der Interpretation des Beobachtbaren für mich: der Mensch (und alles Lebendige) entstanden nicht durch zufällig interagierende Moleküle in einem sumpfigen Teich. Eine zielorientierte Festlegung, Lenkung und Optimierung physikalischer wie biologischer Prozesse durch eine höhere Intelligenz ist erkennbar, wenn nicht sogar nachweisbar.

Der Ansatz von Professor W. Gitt, nach dem die Erbsubstanz DNA komplexe Information darstellt, die nicht aus sich selbst heraus entstehen könne, scheint mir durchaus plausibel.
Daraus erschließt sich eine Weiterexistenz des Bewusstseins bzw. der Seele nach dem physischen Tode nicht zwangsläufig – es besteht jedoch eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass eine transzendente Intelligenz das Bewusstsein nicht nur für eine kurzzeitige Verweildauer in der Materie entstehen (und sogleich wieder vergehen) lässt.

Ohne die (äußerst vage) Hoffnung auf ein Danach sowie auf ein spätes Verstehen würde ich die Resignation des Kohelet in vollem Umfang teilen: Die Nichtigkeit eines Lebens ‚ausschließlich in der Materie‘ – seine Vergänglichkeit, die jederzeit offenbar werden kann und letzten Endes unausweichlich besteht – ist mir selbst allzu deutlich bewusst.
Im selbstgefälligen Hedonismus, einem ‘Leben nur um des Auskostens willen’ vermag ich keine Sinngebung auszumachen; insoweit drängt sich die Frage förmlich auf, was von unserem Selbst, all den persönlichen Erfahrungen und Erinnerungen über den Tod hinaus erhalten bleibt.

Vor diesem Hintergrund ist das Buch Kohelet aus meiner Sicht als Appetizer hilfreich, um der impliziten Kausalität der monotheistischen Theologien zu begegnen – und sich darauf aufbauend mit Kernfragen wie z.B. der Theodizee oder den erdenklichen Formen eines Weiterlebens nach dem Tode auseinander zu setzen.
Dieser Prozess des Erdenkens und Erahnen kann zur Annäherung an eine christliche Sichtweise führen – was aber nicht zwangsläufig der Fall ist: von der verstandesmäßigen Einsicht im Sinne des Theismus ist es noch ein langer Weg zum Glauben und erst recht zur Glaubensgewissheit…

Siehe auch:

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