Jesus – Was nicht in der Bibel steht

Dokumentation

Diese Dokumentation befasst sich weniger mit nichtbiblischen Christus-Worten’ als mit der Frage, inwieweit die Berichte der vier Evangelien den historischen Fakten standhalten. Dabei geht es nicht darum, die historische Person Jesu insgesamt in Zweifel zu ziehen; vielmehr wolle man „die Legenden von den Tatsachen trennen“, wie in der Einleitung erklärt wird.

Besondere Aufmerksamkeit wird auf die Kindheit Jesu verwendet; hier tun sich offenbar klärungsbedürftige Fragen auf – ein Beispiel:

Im Zusammenhang mit der Weihnachtserzählung kommt dem Statthalter von Syrien, Publius Sulpicius Quirinius (* um 45 v. Chr.; † 21 n. Chr.) einige Bedeutung zu, denn in seiner Funktion in der römischen Verwaltung in Palästina wird er im Evangelium nach Lukas konkret benannt:

Nach Lk 2,2 erging das Gebot des Kaisers Augustus, eine „Einschreibung“ der Bevölkerung des römischen Reiches vorzunehmen, „als Quirinius Statthalter in Syrien war“. Die Statthalterschaft des Quirinius in Syrien ist ab 6 n. Chr. belegt. Seit dieser Zeit gehörte auch Judäa zur Provinz Syrien. Nach der Darstellung im Evangelium nach Matthäus (Kap. 2) wurde Jesus jedoch in der Zeit von Herodes d. Großen geboren, der ihn habe beseitigen lassen wollte (Kindermord in Bethlehem). Herodes starb 4 v. Chr. Auch nach Lukas (Lk 1,5) gehört Jesu Geburt in die Zeit des Herodes, womit sich ein chronologischer Widerspruch ergibt.

Maria und Josef bei der Einschreibung vor Quirinius, byzantinisches Mosaik, 14. Jhd.

Die Macher der weiter unten eingebettete Dokumentation folgern ‚recht schnell‘ aus diesem chronologischen Widerspruch, dass die Kindheit Jesu anders verlaufen sei, als das NT berichtet.
Die historische Bibelforschung hat sich statt dessen bemüht, den Widerspruch aufzulösen:

„Entweder nimmt man einen weiteren Zensus des Quirinius bereits in der Zeit des Herodes an oder unterstellt Lukas, Herodes den Großen mit Herodes Antipas verwechselt zu haben.“

Die erste Möglichkeit besteht darin, einen weiteren, früheren Zensus des Quirinius vorauszusetzen, der außer bei Lukas nirgends erwähnt werde: Lukas selbst berichtet , dass es sich dabei um „die erste“ Zählung handelt, was Lukas‘ Wissen von zwei oder mehr Zählungen nahelegt.

Dagegen erwähnt Flavius Josephus jedoch keinen solchen Zensus; vielmehr lassen nach seinem Bericht die jüdischen Reaktionen vermuten, dass man an einen Zensus der Römer nicht gewöhnt war.

  • Für Ernest Renan (‚The Life of Jesus‘, 19. Jh.) scheint festzustehen, das ein Zensus des Quirinius ab dem Jahr 6 v.Chr. durchgeführt wurde. Er berichtet von einer Auflehnung gegen diesen ‚Zehnten‘, der nach jüdisch-theokratischer Auffassung „beinahe eine Gottlosigkeit“ darstellte. Juda v. Gamala und Sadok, ein Pharisäer, hätten die Rechtmäßigkeit der Steuer geleugnet und in ihrer Auflehnung eine Revolte begründet, die durch den Prokurator Coponius niedergeschlagen wurde.
  • Theodor Zahn meint, dass Flavius Josephus „über diese Zeit schlecht unterrichtet ist“. Joazar war der letzte von Herodes dem Großen eingesetzte und von Archelaus im Winter 4/3 v.Chr. abgesetzte Hohepriester. Er übte auf die Bevölkerung bei der ersten „Einschreibung“ einen besänftigenden Einfluss aus. Es ist nicht bekannt, dass Joazar später noch einmal Hoherpriester gewesen wäre. Josephus berichtet, dass ein gewisser Judas im Sommer 4 v.Chr. einen Aufstand in Galiläa anzettelte. Dieser könnte identisch sein mit jenem Judas aus Galiläa, von dem Josephus berichtet, dass er einen Aufstand gegen die römische Steuererhebung anzettelte (wobei Josephus hier voraussetzt, dass es sich um einen anderen Judas handelt, und dass dieser Aufstand um 7 n.Chr. in Galiläa stattfand).
    Zahn hält es für möglich, dass Quirinius in den Jahren bis 4 v.Chr. als Beauftragter des Augustus in Syrien und benachbarten Regionen tätig war (und dabei auch die erwähnte Schätzung durchführen ließ), und anschließend Statthalter von Syrien wurde. (vgl. Wikipedia / Theodor Zahn: „Grundriß der Geschichte des Lebens Jesu“)
  • Mayer-Maly betrachtet diese Steuer-Abschätzung vermutet einen Provinzialzensus; wie sie unter Augustus häufiger angeordnet wurden. Dieser erste von Quirinius in Syrien durchgeführte Zensus könne sich über etliche Jahre hingezogen haben, vielleicht sogar von 7 v. Chr. bis 7 n. Chr.
  • Henrike Maria Zilling hält es hingegen für möglich, dass Rom, als das Ende der Regierungszeit Herodes’ des Großen absehbar war, beschloss, den syrischen Statthalter oder einen Legaten mit kaiserlichem Sondermandat (möglicherweise Quirinius) zu entsenden und eine Art Vorzensus zur Vorbereitung einer eventuellen späteren Provinzialisierung durchzuführen.

Es lohnt sich, die ausführliche Argumentation bei Zahn und Renan nachzulassen. Doch schon die o.a. Statements zeigen, dass unter Fachleuten keineswegs die einhellige Meinung besteht, die Weihnachtsgeschichte im N.T. sei ‚falsch‘. (Freilich scheiden sich die Geister in Bezug auf ’narrative Ausschmückungen‘ (z.B. Engelsvision) und die Aussagen über die Jungfrauengeburt Jesu.)

Es ist m.E. zulässig und richtig, die biblischen Berichte unvoreingenommen und fair-kritisch zu hinterfragen. Darin gleich ‚Unglauben‘ zu konstatieren, wie ihn bibeltreue Autoren in ihren Büchern sehr schnell unterstellen, ist als Weg ungeeignet, Interesse an der Bibel und eventuell auch Vertrauen zu ihr zu fördern.
Andererseits: So sehenswert diese Dokumentation des Discovery Channel auch sein mag, ist hinsichtlich der enthaltenen Schlussfolgerungen jedenfalls Vorsicht angebracht…

Literaturhinweis:

  • „Der echte Jesus. Seine historischen Worte und Taten.“
    Gerd Lüdemann
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