Reliquienverehrung – unappetitlicher Ausdruck von Glauben?

Von Zeit zu Zeit werfe ich einen Blick auf Infos der kirchlichen Sektenbeauftragten; auch auf Katholisch.de und Weltanschauungsfragen.de wird lebhaft über „Esoteriker, Psychogruppen, Weltuntergangsprediger, Gurus und Neuoffenbarer“ sowie diverse Außerirdische referiert. Besonderes Augenmerk wird auf „neue Sektenaktivitäten“ gelegt – will man die Konkurrenz im Auge behalten?
In einem einführenden Dokument (→ „InfoTipp 1„) heißt es vielsagend:

„Auch wenn die mediale Aufmerksamkeit für dieses Thema mittlerweile deutlich nachgelassen hat, ist bei Vielen die „Alarmfunktion“ nach wie vor aktiv: wenn man von einer Sekte hört, denken Viele an „Gefahr“, „Manipulation“, vielleicht auch an „Gehirnwäsche“ oder „willenlose Abhängigkeit“ – nur gute Assoziationen sind praktisch nie darunter.“

Gegen solch eine mentale/intuitive „Alarmfunktion“ (man könnte auch etwas wertfreier von ‚Wachsamkeit‘ sprechen) ist kaum etwas einzuwenden – nur, wann genau sollte dieser Alarm anspringen?
Wer auch nur halbwegs fair bleiben will, müsste wohl an ’seriöse‘ Religionsvertreter dieselben Maßstäbe und Kriterien anlegen wie an sog. „Sekten und Scharlatane“: Überprüfbarkeit von Aussagen, unzulässiger Druck auf Abtrünnige und Geschäftstüchtigkeit können durchaus solche Kriterien sein. Nur müsste dann halt auch auf den bis heute bestehenden Reliquienkult und -handel in der RKK hingewiesen werden:
Diesem fragwürdigen Aspekt innerhalb der römisch-katholischen Tradition bzw. dem Brauchtums der Gläubigen, empfinde ich schlichtweg als abstoßend. Besonders
die Verehrung von „Leichenteilen“ wie Knochen, Organen, Köpfen, Innereien(!) und sonstiger Reliquien (Kreuzpartikel, Kleidungsstücke u.v.m) sticht hier hervor. Doch an solch düsteren, gruseligen Praktiken daran scheint sich kaum jemand ernstlich zu stören; entscheidet allein der Verbreitungsgrad von Traditionen über deren ethische Vertretbarkeit?

Die Entnahme von Leichenteilen ist nach deutschem Recht heute verboten und unter Strafe gestellt (§168 StGB, Störung der Totenruhe). Doch bestehen ganz offensichtlich Ausnahmeregelungen bezüglich der Aufbewahrung altehrwürdiger Körperteile religiös verehrter Menschen. Mit dem Gesetzbuch alleine lässt sich der manchmal schmale Grat zwischen Richtig und Falsch sowieso nicht ergründen.
Den Handel mit Reliquien stellt auch das Kirchenrecht der RKK unter Strafe, freilich ohne damit eine wirksame Begrenzung zu erzielen.

Um was aber geht es Menschen, welche diese gesetzlich verbriefte ‚Totenruhe‘ im Interesse des eigenen Seelenheils fortgesetzt ignorieren? Im Falle der als Märtyrerin verehrten Munditia ist kaum anzunehmen, dass diese um 310 in Rom verstorbene Frau jemals ihre Zustimmung erteilte, dass ihre sterblichen Überreste zunächst in der römischen Cyriacus-Katakombe bestattet, um 1675 ausgebuddelt sowie verunstaltet wurden und seit mehr als 300 Jahre in einer Glasvitrine ausgestellt werden, versehen mit Kunstaugen(?). Wer derartiges unterstützt, indem er die endgültige Bestattung der Frauenleiche verhindert, müsste im Grunde auch Geschmack an Gunter v. Hagen’s Gruelkabinett finden – wobei die Motivation doch verschieden ist.

Das „Heiligenlexikon“ verrät hierzu:

„Überreste, lat. reliquiae, des verstorbenen Körpers oder auch der Kleidung und anderer Gegenstände eines Verstorbenen werden von Gläubigen verehrt, weil sie damit sein ehrendes Gedenken bewahren und zudem hoffen, an seinen Wirkkräften Anteil und seinen Segen zu erhalten. […] Hintergrund dieses Reliquienkults war das schier unstillbares Bedürfnis nach Hilfe gegen Existenzängste, Seelenqualen und physische Bedrohung.“
Unterschieden werde zwischen Primärreliquien (der verstorbene Körper oder Teile davon) und Sekundärreliquien (=Gegenstände, mit denen der Verehrte oder sein Leichnam Kontakt hatte).

Bestehen die genannten „Seelenqualen“ ungeachtet von Errungenschaften der Aufklärung und der Moderne weiterhin, da dieser Kult bis heute betrieben und dank Ebay etc. noch ausgeweitet wird?

(Die Lebensleistung der als Märtyrer verehrten Persönlichkeiten kann und will ich überhaupt nicht beurteilen; es geht exemplarisch um Auswüchse eines Brauchtums, dass schon im Mittelalter durch Betrug und Fälschungen in Misskredit geraten war.)

  • Im Falle der ‚heiligen‘ Munditia wurde 1804 die Zurschaustellung der Gebeine sogar schon einmal verboten; damals hat man die Reliquien durch einen Holzschrein verdeckt. Doch seit der Renovierung der Kirche (1883) ist die Ganzkörperreliquie allerdings wieder öffentlich einsehbar.-

Es solle eine Nähe zu den römischen Katakombenchristen1) hergestellt werden, heißt es auf der Webseite des AusstellersZudem gelte sie als „Patronin der alleinstehenden Frauen“. Reicht es nicht aus, ihrer zu gedenken?

  • Die heilige Vorhaut (lateinisch: sanctum praeputium) galt als christliche Reliquie, bei der es sich um die Vorhaut Jesu von Nazaret handeln sollte. Entsprechend der Himmelfahrt Christi  sollen von seinem Körper nur die Bestandteile übrig geblieben sein, die er zu jenem Zeitpunkt nicht mehr hatte.
    Auch dieser Körperteil Jesu wurde zum Gegenstand transzendenter Verehrung: Im 13. Jahrhundert berichtete ein Bauernmädchen aus Plambach, die Mystikerin Agnes Blannbekin, „sie hätte beim Kosten der Eucharistie das Empfinden von Christi Vorhaut in ihrem Munde verspürt“. Dies ist kein Märchen: Ihrem Beichtvater, einem Franziskaner-Minoriten, berichtete sie von Visionen und Ekstasen, die um 1290 niederschrieb. In diesen Aufzeichnungen ist etwa die Rede davon, ihr sei jenes sanctum praeputium bei der Kommunion auf der Zunge erschienen. Als Quelle wird das Buch Leben und Offenbarungen der Wiener Begine Agnes Blannbekin genannt.
    Eine liebenswert-entspannte Abhandlung zu dieser Reliquie hat
    Joachim Elschner-Sedivy verfasst, mit der er auf den Umstand eingeht, dass eines der Exemplare (wichtige Reliquien lagen üblicherweise mehrfach vor) im Jahr 1983 aus der Kirche von Calcata, 40 Kilometer nördlich von Rom, gestohlen wurde: „Vertrauen wir darauf, dass sie in einer geheimen Asservatenkammer, einem theologischen „Giftschrank“ des nahen Vatikan sicher verwahrt ruht“ – zumal die Entwendung mutmaßlich „eine innerkirchliche Auftragstat war, möglicherweise von höchster Stelle angeordnet“.

Es bleibt unklar, wie genau die Heiligen und ihre Körperteile wirksam werden soll(t)en – jedenfalls bestehen hier ‚differenzierte Zuständigkeiten‘ für bestimmte Krankheiten und Sachgebiete, die sich aus dem Lebenslauf der verehrten Persönlichkeit ergeben. Ich erinnere mich noch an den Ratschlag meiner Großmutter zur Anrufung des ‚heiligen Antonius‘, wenn ich ein Spielzeug oder sonstiges für einen kleinen Jungen bedeutsame Dinge verloren hatte. Und die gesegnete Chrstophorus-Plakette gehörte zu meiner Kindheit noch in den PKW einer braven katholischen Familie (fairerweise gebe ich zu, dass es im väterlichen Opel zwar zu Unfällen, aber nie zu ernstlichen Verletzungen kam…).

Christine Knust schreibt: „Zur Heimtherapie von allerlei Gebrechen eigneten sich reproduzierbare Sekundärreliquien wie etwa das Katharinenöl, bei der es sich der Legende nach um ein extrem potentes Arzneiöl handelt, das angeblich aus den Gebeinen der überaus populären Hl. Katharina von Alexandria fließt:„Aus ihren Gebeinen fließt Öl ohn‘ Unterlaß, das heilt die Glieder aller, die krank und schwach sind“. Sekundärreliquien wurden vom Klerus zwar kostenlos abgegeben, aber doch mit dem Hinweis auf die Möglichkeit zur dankbaren Spende.

Vielleicht sollte man den Menschen in der mittelalterlichen Welt voller Magie, Dämonen und satanischer Präsenz derartige Anwandlungen mit einiger Nachsicht zugestehen; es ließe sich sogar einwenden, dergleichen sei jedenfalls eher hinnehmbar als Formen des sog. Teufelspaktes, ebenfalls keine Seltenheit (und nicht nur von Goethe literarisch verwertet).
Dabei sollen Reliquien nach katholischem Verständnis „nicht auf magische Weise missverstanden“ und analog zu ‚heidnischen‘ Amuletten verwendet werden, vielmehr komme es auf die Fürbitte der Heiligen bei Gott an, um eine bestimmte Hilfe zu erzielen – die Reliquie stehe nur als Stellvertreter für den ‚Heiligen‘.

Merchandising wurde nicht in Hollywood erfunden

Wenn Körperteile2) einen geistlichen und damit auch monetären Wert erlangen, wird schnell ein Riesengeschäft daraus – was sich ‚andächtiger Beraubung‘ echter und fragwürdiger ‚Heiliger‘ abspielte, erweist sich an der Tatsache, im Mittelalter bis zu 18 Vorhäute Jesu im Umlauf waren. Johan Huizinga spricht von „Leichenschändung, Reliquiendiebstahl und Grabräuberei“. Thomas von Aquin wurde (nach seinem Tod) von Mönchen in Fossanuova zu Präparationszwecken geköpft und gekocht – eine damals durchaus übliche Verfahrensweise.

Gerne würden aufgeklärte Kräfte der Kirche eine solche Praxis gerne als längst der Vergangenheit zugehörig abhaken. Zwar werden heute keine Leichen mehr geköpft, aber die kommerzielle Verwertungspraxis besteht fort und Verstorbene bzw. ihr gegenständliches Umfeld verkommen auch weiterhin zu ‚Merchandising-Artikeln‘:

  •  So ist beispielsweise die Online-Bestellung winziger Sekundärreliquien von Papst Johannes Paul II. (keine Fingernägel, sondern z.B. die Fragmente eines Talars) eingearbeitet in eine hübsche Gebetskarte, über die Diözese Rom möglich – ebenso wie die freiwillige Spende eines Betrages zur Deckung der Portokosten.
  • Ampullen als Wertanlage: In seinen letzten Lebenstagen wurde Johannes Paul II noch Blut abgenommen, vorgeblich für eine Transfusion, die dann nicht mehr durchgeführt wurde. Diese Blutampullen erwiesen sich längst als eine beständige Wertanlage, deren Kurs mit dem Fortschreiten der hektisch betriebenen Selig- und Heiligsprechung steigen wird. Während der weltweit übertragenen Seligsprechung des der letzten verstorbenen Pontifex wurde dessen Blut in einem monstranzartigen Reliquar auf dem Messaltar platziert.
  • Die Kirche verbietet den Handel mit Reliquien, wie bereits angesprochen. Doch nachdem viele Kirchen geschlossen und ihr gesamtes Inventar verkauft wurde, habe das internationale Geschäft mit den sakralen Devotionalien habe inzwischen ein erschreckendes Ausmaß erreicht. Die Kongregation für die Selig- und Heiligsprechung im Vatikan schlug Alarm und kritisierte den „gotteslästerlichen Handel“.

Ist es notwendig, Sich bei Gott in Erinnerung bringen zu lassen?

Zwar ist die Heiligen- und damit auch die Reliquienverehrung ein katholisches Spezifikum, doch kennen Christentum und Islam eine Reihe von Propheten, die besondere Verehrung genießen. Indessen reicht es nicht-katholischen Christen und auch Muslimen aus, den Leitfiguren ihrer Religion im Geiste zu gedenken.

Formal wird streng unterschieden zwischen Anbetung, die allein Gott (Vater, Geist und Sohn) zustehe, und der Verehrung für selig und heilig gesprochene Persönlichkeiten sowie deren körperliche Überreste. Tatsächlich verschwimmt diese Grenze: gläubige Menschen erhoffen und erbitten von den ‚Heiligen‘ Hilfe in verschiedensten Lebenslagen und scheinen dabei zu vergessen, dass die Angerufenen lediglich ‚Fürsprache bei Gott einlegen‘ sollen.

Welches Gottesbild besteht hier? Würde ein allwissender Gott nicht eigenständig und angesichts persönlicher Gebete den Impuls zur Unterstützung vielfältig bedürftiger Personen wahrnehmen – vorausgesetzt, er greift überhaupt selektiv in das Geschick der Menschen ein? Will man wirklich annehmen, Gott werde sich durch die engagierte Vermittlungstätigkeit des unter Johannes Paul sprunghaft angewachsenen Heer der Heiligen zum ‚Umdenken‘ erweichen lassen?
Wäre damit seine ursprüngliche Entscheidung, ein bestimmtes Übel nicht zu verhindern, weniger vollkommen?

Wie dem auch sei, tatsächlich nehmen Heiligenreliquien im katholischen Christentum eine wichtige Funktion ein – Katholiken werden sich die oft sehr ernsthafte Hinwendung  zu ‚ihren‘ Heiligen nicht nehmen lassen. Spöttischen Kommentare über den Glaubensinhalt anderer Menschen sind zudem gänzlich unangebracht, selbst wenn der Zugang zu manchem schwer zu finden ist. Hier werde „Heiligkeit vorrangig und wesentlich personal verstanden“, diese und ähnliche Kommentierungen sind häufig anzutreffen.

Doch kann ich nicht sehen, warum die Verehrung von Heiligen an deren Körperteile und Gegenstände gebunden sein soll. Das Argument in der u.a. Dokumentation (sinngemäß „Meine verstorbene Oma verehre ich auch, aber ich lasse sie auf dem Friedhof“) klingt zwar flapsig, hat aber eine gewisse Berechtigung.
Wirklich ergründen vermag ich die theologische Bedeutung von Reliquien jedenfalls nicht. Mir fällt dazu nur ein, dass jedes Vergegenständlichen und Sichtbarmachen der göttlichen Natur schon im A.T. streng untersagt war. Der Einwand, Reliquien sollten nur auf die Herrlichkeit Gottes verweisen, weckt Assoziationen mit dem Goldenen Kalb. Besteht hier nicht eine Nähe zum Götzendienst?
Die Bereitstellung einer symbolträchtigen Attraktion wie z.B. beim Turiner Grabtuch spielt natürlich auch eine wichtige Rolle.

Sicher ist nur, dass in Zukunft mit Vereinsoberhäuptern und sonstiger geistlicher Prominenz auch nach deren Ableben respektvoll umgegangen werden sollte. Manch ein böswilliger Zyniker schüttelt entnervt den Kopf ob des morbiden Spektakels um Johannes Paul II. und ist dankbar, dass die deutsche Ikone der bevorzugten Ersatzreligion3), Franz Beckenbauer, nach seinem Ableben einmal ganz normal bestattet werden dürfte – ein für allemal.
Man würde sich hüten, den Kern des christlichen Glaubens mit der Fußballkultur zu vergleichen. Doch das Gehabe um den verblichenen Papst mit dem Geschrei hysterischer Fans, tranceartigen Zuständen und natürlich der Medienpräsenz kann diese Assoziation bei distanzierten Beobachtern durchaus wecken.

Dokumentation: Knochen, Kleider, Kreuzessplitter – Das Geschäft mit den Reliquien

Dokumentation: Die sieben Häupter des Johannes – Auf den Spuren der Reliquien

Anmerkungen

  1. Katakombenheilige sind zum Teil unbekannte Personen aus der Zeit des frühen Christentums, deren Gebeine zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert in großer Zahl aus den Katakomben in Rom entfernt wurden. Ob es sich in jedem Fall um Christen oder gar um Märtyrer handelte, ist nicht sichergestellt.
    Den Gebeinen wurden postum ein Name zugeordnet und sie wurden als Reliquien vor allem in die deutschsprachigen Gebiete nördlich der Alpen verkauft. Dieser Reliquienhandel kam erst um 1860 zum Erliegen.
    Zur Zeit der Christenverfolgungen waren Heiligengräber noch unantastbar, in der

    Spätantike entfaltete sich der Reliquienkult. Bischof Ambrosius von Mailand (†397)
    öffnete als erste ein Märtyrergrab und ließ die Gebeine in eine städtische
    Kirche übertragen.
  2. Als Körperteile verehrter Verstorbener (corpora sanctorum) werden nicht nur Knochen oder Gliedmaßen verstanden, sondern auch Haut, Haare, Körperfett, Nabelschnüre, Organe, Zähne, Fingernägel, Muttermilch, Vorhäute, Tränen,Blut und Asche…
  3. Begriffe wie „Fußballgott“, vom „heiligen Rasen“ oder der „Hand Gottes“ deuten darauf hin, dass Fußball und Religion durchaus äußerliche Gemeinsamkeiten haben: „Der Fußball und v.a. die Beziehung der Fans zum Verein und ihr daraus resultierendes Verhalten weisen, …, eine Reihe formaler Ähnlichkeiten zu Religionen und religiösem Handeln auf…“ (→ „Abseits-Religion. Fußball als Religionsersatz?, Mike S. Schäfer & Mathias Schäfer)
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