Schöpfungsmythen

Religionen entstanden, als die Menschen einerseits nach Erklärungen für unerklärliche Naturereignisse suchten. Ebenso haben Fragen nach der Entstehung der Welt und den Ursprung ihrer eigenen Existenz die Menschen schon sehr früh beschäftigt. Eine schlüssige Erklärung, wie der Kosmos und das Leben auf unserem Planeten entstanden sei, schien nur möglich, wenn eine vor allem anderen existierende, übernatürliche Macht als ‚erste Ursache‘ angenommen wurde.

Schöpfungsmythen vermitteln eines von drei Grundmustern zur Entstehung von Allem:

  • Das Universum hat schon immer existiert und wird auch immer existieren,
  • das Universum wurde von einem Gott aus dem Nichts geschaffen,
  • eine/mehrere Gottheiten waren am Werk, die bereits in einem anderen Universum beheimatet war(en).

Allerdings ist der negative Touch, den der Begriff des Mythos heute vielfach erfährt, in diesem Kontext unangebracht.

„Ein Mythos ist eine Geschichte, die einen bestimmten Zweck verfolgt. (…) Er macht sich diesen exotischen Handlungsrahmen zunutze, um eine universelle Wahrheit zu erklären oder eine wichtige Information in einer Weise zu vermitteln, die deren Verständnis und vor allem ihre Verinnerlichung erleichtert.“1

So lasse sich auch die biblische die Schöpfungsgeschichte als einen funktionalen Mythos betrachten, der im Einklang mit dem Wesen der Bibel in ihrer Gesamtheit stehe. Wenn heute von theologischer Seite geradezu zwanghaft versucht wird, die Übereinstimmung der alttestamentlichen (oder koranischen) Schöpfungserzählung mit dem gegenwärtigen Wissensstand der Naturwissenschaften zu behaupten, bewegen sie sich in eine Sackgasse, „ist die Funktion eines Mythos doch gänzlich andersgeartet als die einer wissenschaftlichen oder geschichtlichen Abhandlung“1.

Naturwissenschaft lässt sich heute nur schwerlich ignorieren

Berücksichtigt man diesen Umstand, lässt sich Verschiedenartigkeit der Schöpfungsmythen weltweit zu verstehen. Sie können zudem nicht alle „richtig“ sein, gleich gar nicht im Sinne einer wissenschaftlichen Beschreibung der Anfänge des Universums. Gleichwohl finden siich recht interessante Parallelen:

Am Anfang der griechischen Mythen steht ein Zustand des Chaos, der auch als „leerer Raum“ beschrieben wird. In der chinesischen Mythologie geht ein Gott namens Pan Gu aus einem Ei hervor – „eine Schöpfungsvariante, die der frühen Urknalltheorie durchaus entgegenkam, beschrieb diese doch den Ausgangspunkt für die Entstehung des Universums als kosmisches Ei.“1 Erstaunlich ist auch, dass Pan Gu selbst selbst zur unmittelbaren Quelle der Materie wird, aus der die einzelnen Teile des Universums hervorgehen.

Faszinierend ist, wie viele unterschiedliche Mythen unser kausalitätsgesteuertes Denken im Laufe weniger Jahrtausende hervorgebracht hat, um die Entstehung des Universums (und unseren eigenen Ursprung) zu erklären. Dabei ist die große Mehrheit der Menschen auch heute nicht bereit, auf das Moment des Göttlichen ganz zu verzichten. Weil jedoch die Naturwissenschaften zunehmend rationale Ursprungsgeschichten liefern, die sich nur schwer ignorieren lassen, wird nach einem Kompromiss gesucht:  wissenschaftliche Methodik wird mit göttlicher Intervention kombiniert. Damit wird unterstellt, die Gottheit gestalte die Funktionsweise der meisten Dinge um uns herum nach logischen, wissenschaftlichen Gesichtspunkten.
Ein sichtbares Produkt dieser Kombination ist die theistische Evolution: Zahlreiche bekannte Naturwissenschaftler und Theologen vertreten die Auffassung, dass die Evolutionstheorie und der Glaube an einen Schöpfergott vollkommen widerspruchsfrei miteinander vereinbar sind.

Nicht unerwähnt bleiben darf auch mein persönlicher Favorit unter den Schöpfungsgeschichten:

Tolkiens Schöpfungsmythos – das Silmarillion

Über Fragen nach Wahrheitsgehalt und Faktentreue im Sinne von ‚Könnte es wirklich so gewesen sein?‘ erübrigt sich jede Diskussion. Könnte es nicht, jedenfalls erhebt der begnadete Fantasy-Autor J.R.R. Tolkien (1892–1973)keinerlei Anspruch auf einen Vergangenheits- oder Realitätsbezug.

Bei der erschaffenen Welt handelt es sich ’nur‘ um Tolkiens Welt, d.h. die von  erdachte Fantasiewelt „Mittelerde“.
Das Silmarillion bildet den Rahmen zu Tolkiens großen Romanen und deren kosmogonische und mythologische Vorgeschichte. Es handelt sich um erzählte Mythen über Entstehung und Geschichte der Welt Arda vom Anbeginn der Zeit an. Der englische Schriftsteller und Sprachwissenschaftler setzte neue Maßstäbe, indem er als einzelner Autor eine ganze Welt erfand und beschrieb.

Zwischen dieser gänzlich fiktiven Erzählung über den Ursprung von Allem und den bekannten Schöpfungsmythen vieler Völker und Religionen lassen sich zudem manche Parallelen finden – etwa zu den Anfängen von Gut und Böse und der Idee eines Schöpfers, der sich auch das Böse zunutze macht – um letztlich Gutes zu bewirken.

Dokumentation („Schöpfungsmythen“ Geo, Teil 1)

Schöpfungsgeschichten verschiedener Völker 

Vergleicht man die bekannten Schöpfungsberichte (etwas weiter unten habe ich einige Links aufgeführt), fallen interessante Gemeinsamkeiten auf:

Vielfach ist der Gedanke der Ursprung von Allem, was ist. Während die Aborigines von einer Traumzeit berichten, welche der Schöpfer vieler Dinge (Baiame) beginnen lässt, reichen in der Bibel die Worte Gottes aus, um den Anfangszustand ‚tohu wa bohu‘ („Irrsal und Wirrsal“) wesentlich zu verändern.
Nur wenige Geschichten erzählen, wie die Erde selbst entstand bzw. geschaffen wurde. Meist ist die Erde schon da:

„Die Erde ist wie eine Bühne, auf der das Drama des Lebens aufgeführt wird.“

Vgl. dazu: Evolutionärer Humanismus (Giordano-Bruno-Stiftung)

Quellenangabe

  1. „Vor dem Urknall“, Kapitel 2, Brian Clegg
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