Esoterisch-neureligiöse Strategien zur Lebensbewältigung: Kontakt zu Engeln

Die empfundene Zuspitzung von Naturkatastrophen und menschengemachten Krisen ‚macht etwas‘ mit den Menschen. So entstehen unterschiedlichste persönliche Strategien zur Bewältigung von Zukunftsängsten, auch unter Einbeziehung übernatürlicher Elemente (das Wort ‚Strategie‘ ist nicht despektierlich gemeint, sondern der Versuch einer Einordnung).

Diese Formen der Lebensbewältigung entziehen sich oftmals einer wissenschaftlichen Verifizierung und Bewertung durch Dritte. Solange sie dem Individuum selbst Zuversicht und eine Form von Geborgenheit vermitteln, aber nicht zu kommerziellen Zwecken usw. instrumentalisiert werden und zur Scharlatanerie verkommen, besteht keine Veranlassung sie zu diskreditieren oder gar zu bekämpfen.

Insoweit ist die Gesprächsführung des Moderators im u.a. Dialog aus dem Jahr 2011 richtigerweise neutral, seine kritisch-konstruktiven Fragen lassen Raum für jeden Zuhörer, sich aus den Antworten seines Gesprächspartners einen eigenen Eindruck von dessen Erlebniswelt zu bilden. Engelmedium Walter erlebt, wie er berichtet, regelmäßige Kontakte zu Engeln und Erzengeln und ‚arbeitet mit Jesus Christus‘, den er als seinen geistigen Führer und Freund bezeichnet.

Für mich sind diese Erlebnisse und auch die überraschend konkreten Antworten „des Erzengel Michael“ zur gegenwärtigen Eurokrise, den vor uns liegenden Jahren oder zum Tod von Michael Jackson interessant. Sie lösen in mir aber keine besonderen Empfindungen aus.
Doch kamen weitere Antworten lt. Angabe von Walter ‚live‘ zustande – etwa zur „Körpergröße“ der Engel oder die Aussage „Gott ist Alles, er kann zwischen Gut und Böse nicht unterscheiden“ – da bin ich selbst nur zu einem Stirnrunzeln imstande bin.
Schwer nachvollziehbar ist indessen, dass ein Engel eine baldige Revolution in Deutschland ankündigen soll, welche das Engelmedium durch die Aussage „Ich sehe schon den Reichstag brennen“ präzisiert. Hier wurde eine Grenze überschritten, meines Erachtens ein Fehler.

Überwindung gesellschaftlicher Entfremdung durch esoterisch-neureligiöse Vorstellungen

Allgemein betrachtet, finde ich es aber bemerkenswert, wenn subjektiv erlebte Begegnungen mit übernatürlichen Wesenheiten dem Leben eines einzelnen Menschen einen ‚positiven Drall‘ versetzen können und darüber hinaus auch positiv (etwa durch die am Rande angesprochene Engelheilung) auf dessen persönliches Umfeld einwirken sollen.

Claudia Barth (s.u.) schreibt hierzu:

Esoterische Religiosität stellt eine moderne Form von Glauben dar. Da sie offenbar für eine Vielzahl von Menschen die adäquate Möglichkeit bietet, ihr Denken und Fühlen in fassbare Formen zu gießen, kann sie sozialpsychologisch als religiös-kultureller Ausdruck für die innere Verfasstheit einer großen Anzahl von Menschen in unserer Gesellschaft verstanden […] werden.“

Barth beschreibt sowohl Religion (und Esoterik) als ein Instrument zur gesellschaftlichen Integration, welches die subjektiv empfundene Übermacht der gesellschaftlichen Verhältnisse erklärbar und annehmbar mache.

Dieser Umstand zeigt sich hier recht deutlich an der Reaktionsweise des ‚Engelmediums‘ auf gestellte Fragen zum Sinn von Leid und Gewalt in unserer Gegenwart. In den beschriebenen inneren Dialogen fungieren die genannten Erzengel gleichsam als Vermittler, welche die Außenwelt erträglicher werden lassen. Hier geht es auch um die „Überwindung von Entfremdung„: Viele Menschen verstehen nicht länger die kausalen Zusammenhänge dessen, was um sie herum vorgeht – die globalisierte Welt ist ‚ungeheuerlich komplex‘ geworden. Das politische Geschehen, die Interessenwahrung seitens multinationaler Konzernen sowie etliche ideologische Konflikte sind für das Individuum kaum zu beeinflussen, verändern ihrerseits aber die Lebensumstände des einzelnen in hohem Maß:

Gesellschaftliche Übermacht, das Nicht-mehr-Eingreifen können, blinde Unterwerfung manifestiert sich in ihr bzw. in dem Gefühl der Entfremdung, das der Menschen verspürt.

Religion, Esoterik oder eine Mischform1) aus beidem soll dazu verhelfen, „diese
Übermacht der Verhältnisse scheinbar zu überwinden und in einer gedachten
jenseitigen kosmischen Allverbundenheit mit jedem und allem aufgehen zu
können.

Unterschiedliche Meditationsformen, die ‚Fokussierung des eigenen Geistes‘ oder Funktionsträger (wie z.B. Engel oder machtvolle Außerirdische) sollen eine Verbundenheit mit jedem Bereich dieser Welt2) herstellen, damit das Verstehen der gesellschaftlichen Prozesse und ggf. Einflussnahme auf Unzulänglichkeiten zurück erlangt werden können. Im vorliegenden Beispiel lässt sich Walter von den Erzengeln oder gleich von Jesus die Welt erklären und einen Ausblick auf die Zukunft geben. Im Einzelfall mag damit auch die ‚innerweltliche‘ Aufwertung der eigenen Person einhergehen, wodurch die o.a. Unterwerfung und empfundene Bedeutungslosigkeit kompensiert oder wenigstens gemindert werden kann.

Vor diesem Hintergrund gehe ich bei einer Reihe sich wiederholender Erlebnisse im übernatürlichen Bereich von einer unbewussten Strategie zur Lebensbewältigung aus, die keinesfalls zu einer sehr bewusst betriebenen Vermarktungsstrategie werden darf:

Zwar werden in der Medizin werden immer wieder Fälle bekannt, in denen der Glaube tatsächlich Berge versetzt, also unerwartete Heilungserfolge bewirkt oder maßgeblich unterstützt. Es kommt aber auch vor, dass die Hoffnungen verzweifelter Menschen aufs Übelste ausgenutzt werden. Letzteres geschieht vor allem da, wo esoterische Fähigkeiten und ‚Ferndiagnosen‘ gegen Bezahlung angeboten werden. Darin sehe ich schon fast zwangsläufig einen Hinweis auf unlautere Absichten.
Für Heiler und „Heiler“ mit christlichem Hintergrund müsste sich diese Vermarktung eigentlich verbieten:

„Heilt Kranke, reinigt Aussätzige, weckt Tote auf, treibt Dämonen aus! Umsonst habt ihr es empfangen, umsonst gebt es!“ [Mt 10,8; SLT]

Quellenhinweis:

Anmerkungen:

  1. Die von Barth behandelte Frage, ob Esoterik denn eine Religion sei, ist insoweit nebensächlich, als sie unabhängig von sozialwissenschaftlichen Definitionen im Ergebnis als Religion fungiert und ihre Charakteristika trägt.
  2. Claudia Barth benennt einige Kernpunkte esoterisch-neureligiöser Vorstellungen:
    • die Aufgabe eines personalen, dualistischen Gottesverständnisses zugunsten einer alldurchdringenden kosmisch-göttlichen Kraft
    • Reinkarnation (Wiederverkörperung der einen, präexistenten Seele) und die Annahme karmischer Altlasten, welche der Grund für gegenwärtige Probleme seien; Lebensaufgaben zur Reifung der Seele über mehrere Leben
    • die Existenz „feinstofflicher Energien“, welche sich wahlweise sowohl durch den Raum als auch durch den Körper bewegten und die durch bestimmte Techniken „im Fluss“ gehalten werden müssten, da ansonsten Probleme und Krankheiten entstünden.
Dieser Beitrag wurde unter Esoterik, Leben, Spirituelles abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.