War die Kreuzigung Jesu notwendig?

„Das Kreuz mit dem Kreuz…“

Die christliche Lehre lässt keinen Zweifel daran, dass das stellvertretende Sühneopfer Jesu zwingend notwendig gewesen sei – nicht allein sein Tod, sondern auch die in den vier Evangelien berichteten Qualen vor und während seiner Hinrichtung. (Über den Sinn und die Notwendigkeit der Kreuzigung und der Auferstehung Jesu lässt sich nur diskutieren, wenn sie als Tatsache akzeptiert sind. Die Historizität beider Ereignisse wird an dieser Stelle vorausgesetzt.)

Das christliche Verständnis des Kreuzestodes Jesu besagt im allgemeinen: Gott habe sich in der Person Jesu stellvertretend für die seit Adam und Eva gefallene Menschheit den Tod als Strafe für die Sünden der Menschen auf sich genommen und sie so mit Gott dem Vater versöhnt1).

  • Der Kirchenlehrer Athanasius charakterisiert Jesus mit den Worten:  „Er wurde um unsretwillen Fleisch, damit er sich an unserer Statt opfern und uns durch seine Hingabe und Opferung erlösen konnte“.
    Begründet wird diese Sichtweise unter anderem mit einer Aussage von Jesus selbst:„Denn auch der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele.“ [Mk 10,45; ELB-csv]
  • Im Mittelalter wird das Verständnis vom Kreuz sehr durch die Erlösungslehre des Anselms von Canterbury geprägt. Für Anselm liege das Wesen der Erlösung darin, dass der „Gottmensch Jesus Christus am Kreuz Gott die gerechte Sühne für unsere Schuld leistet und durch sein Leiden und Sterben die unendliche Genugtuung für unsere Sünden bezahlt, die wir nicht zahlen können, so dass durch ihn der Gerechtigkeit Genüge getan, sein Zorn besänftigt und Versöhnung zwischen Gott und Menschheit gestiftet wird“.
  •  Martin Luther vergleicht den Tod Jesu am Kreuz mit der Schlachtung des Passalamms, einem Bild des Alten Testaments; er spricht von dessen versöhnender Wirkung und Genugtuung gegenüber der gerechten Gottheit.
  • Nicht selten wurde der Kern der Sühnelehre auch in Form eines Gedichtes zusammengefasst, z.B. von Albert Midlane:

„Sich selbst konnt´ er nicht retten, am Kreuze musst´ er sterben;
sonst gäb´ es keine Gnade für Sünder, die ihm nah´n.
Ja, Christus, der Sohn Gottes, er musst´ sein Blut vergießen,
damit von Sünd´ wir frei.“

In meinem Unverständnis habe ich mich oft gefragt, ob bzw. weshalb Gott nur dieser schreckliche Ausweg offen stand. Die Bedeutung der Auferstehung als ‚Bezwingen des Todes‘ mag noch nachvollziehbar sein, doch wozu all die Peinigungen und Schmerzen?
Wo immer die Notwendigkeit hochgehalten wird, Gottes Zorn zu befriedigen, stellt sich auch die Frage nach dessen Barmherzigkeit und seiner Bereitschaft/Fähigkeit zur Vergebung.

Auch Antje Schrupphinterfragtdie heilsgeschichtliche Bedeutung der Kreuzigung (→ „War die Kreuzigung notwendig?„).

Die relativ neue Forderung nach einer ‚traumagerechten Theologie‘ wirft Fragen auf – welche Wirkungen kann das Bild des unschuldig leidenden Jesus auf schwer traumatisierte Menschen haben? Letztlich wird mit der Kreuzigung ein erlittenes Unrecht positiv gedeutet – der durch die ‚Erbsünde‘ von Geburt an belastete Mensch sei durch das Opfer Jesu in die Lage versetzt worden, den Tod zu überwinden.
In der feministischen christlichen Theologie sei die zentrale Bedeutung des Kreuzes seit langem umstritten, denn sie löse großes Unbehagen aus:
„Soll wirklich Leid und Tod der Dreh- und Angelpunkt einer Religion sein? Ist es nicht besser, die positiven Seiten von Jesu Wirken ins Zentrum zu stellen, seine beispielhafte Zuwendung zu den Armen und Ausgestoßenen, seine Ethik?“

Nach der Ansicht von A.Schrupp nicht Jesu Hinrichtung das heilsgeschichtlich bedeutsame Ereignis, sondern nur „eine von vielen sinnlosen Gewalttaten“, von denen keine das Verhältnis zwischen den Menschen und Gott ausmache. Allerdings erweise sich im Geschehen der Kreuzigung, dass Gott “ sich angesichts des (sinnlosen) Leidens auf die Seite der Opfer stellt“. Sich auf Gott zu beziehen, bedeute gänzlich andere Maßstäbe und Orientierungsmöglichkeiten als Formen der Gewalt.

Die Frage der Theodizee ist ein Kernthema jeder Religion; im schuldlosen Leid von Menschen einen höheren Sinn auszumachen, gelingt auch mir selbst nicht. Wobei ich zugestehe, dass leidvolle Erfahrung letztlich auch Positives bewirken kann. Anstelle einer Verherrlichung ist in diesen Fällen stets nach Möglichkeiten zu fragen, denselben Erfolg auch ohne vorheriges Leid zu bewerkstelligen.

Bezogen auf die christliche Theologie kann es, das leuchtet mir ein, nicht um eine Vermeidungshaltung gegenüber dem Tod Jesu gehen, sondern um eine geeignete (besser: zutreffende) Darstellung von Glaubensinhalten.
Andererseits würde man es sich zu einfach machen, wollte man die Kreuzigung Jesu aus ‚Marketingzwecken‘, d.h. im Interesse der zeitgemäßen Vermittelbarkeit des christlichen Glaubens marginalisieren.

Antje Schrupp weist dennoch auf die Verantwortung von Theologen hin: Diese müssten die Möglichkeit einkalkulieren, dass das jeweilige Gegenüber mit Gewalt in seinem/ihrem Leben konfrontiert war – als Opfer oder auch Täter/in. Auf keinen Fall dürfe es eine Erwartungshaltung an ‚gute Christen‘ sein, sich in das vermeintlich eigene Schicksal zu ergeben, Autoritäten nicht in Frage zu stellen aus dem vermeintlichen Vorbild Jesu dem eigenen Leiden einen höheren spirituellen Sinn abzugewinnen. Und keinesfalls dürften Täter/innen sich darauf herausreden, dass wir doch letztlich alle irgendwie ‚sündig‘ sind.

 

„Kein Menschenopfer bitte! Unser Gott ist nicht so!“

Unter einer wachsenden Anzahl von Theologen gilt die Lehre vom Sühneopfer Christi als blutige Zumutung. Wer sich Mel Gibsons umstrittenen Film zur Passion Christi anschaut, versteht den Grund dafür schon nach der Geißelungsszene und der kaum weniger qualvollen Tortur mit der Dornenkrone. Dass dem sterbenden Jesus bei jeder Gelegenheit zusätzliche vermeidbare Qualen zugefügt werden, verstärkt das Entsetzen noch. Ein Blick auf die historisch belegte Praxis der Kreuzigung im Römischen Reich zeigt, dass Gibsons schockierende Bilder den Tatsachen recht nahe kommen.

Schwer vorstellbar, warum dergleichen auf Veranlassung eines alle seine Geschöpfe liebenden Gottes geschehen sein soll, noch dazu an seinem eigenen Sohn.

  • Eine Möglichkeit, mit dem Kreuz umzugehen, liege darin es seiner Historizität zu berauben und zum Symbol zu erklären (Martin Filitz):
    „Es wird dann zum Symbol, das Himmel und Erde verbindet, ein weltumspannendes Zeichen, das alle vier Windrichtungen bezeichnet… die Vereinigung der Gegensätze, die Überwindung der dualen Weltsicht, die seit der Vertreibung aus dem Paradies das Schicksal des biblischen Menschen war…“

Filitz stellt fest, durch seine Reduzierung auf ein Symbol werde das Kreuz Jesu entschärft, auf eine Ebene allgemeingültiger Bedeutung gehoben und damit seiner furchtbaren konkreten Geschichtlichkeit beraubt. Dieses Vorgehen sei zu hinterfragen: „Wer das Kreuz ins Symbolische verlagert, drängt der nicht auch Gott aus der Welt?
In seinem chronologischen Werk ‚Tatort Golgatha‘ (s.u.) kritisiert J. MacArthur vielleicht nicht zu Unrecht die menschliche Neigung, „uns zu oft mit dem seichten Teil des Beckens zu begnügen, statt uns täglich in die Fluten dieser Wahrheit zu versenken“. Für ihn haben die kostbarsten Hoffnungen ‚wahrer Christen‘ im Kreuz Christi ihren Ursprung.

  • Der Philosoph Immanuel Kant legt in seiner Schrift „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ (→ Text online) eine Grundlage zu einer tieferen Kritik, die u.a. von Rudolf Bultmann aufgegriffen und vertieft wurde:

Kant akzeptiert zwar die Sühneschuld eines jeden Menschen, argumentiert aber, dass es sich bei ihr nicht um eine „transmissible Verbindlichkeit“ handele, die ähnlich einer Geldschuld auf einen anderen übertragbar sei. Vielmehr könne diese „allerpersönlichste“ Schuld nur der Strafbare, nicht nicht aber der Unschuldige tragen. (Was aber, wenn eine Schuld so groß wäre, dass sie von ihrem Träger niemals abgetragen werden kann?).

  • Manch einer ihrer Kritiker will in der ‚abschreckenden‘ Sühnelehre sogar einen ‚primitiven Gottesbegriff‘ ausmachen – und eine „primitive Mythologie, dass ein Mensch gewordenes Gotteswesen durch sein Blut die Sünden der Menschen sühnt“ (Bultmann).
  • Der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Huber erklärt: „Ich persönlich habe die Vorstellung, Gott sei auf ein Menschenopfer angewiesen, um den Menschen Heil zuteil werden zu lassen, mit meinem Glauben an Gottes Güte nie vereinbaren können“. Wohl wahr: es ist typisch menschlich, ein Vergehen nicht nur mit dem Tode zu sanktionieren, sondern diese Strafe (oder Rache?) mit sinnlosen, perversen Quälereien zu verschärfen.

Die kritische Haltung zeitgenössischer Theologen greift Daniel Facius in seinem Artikel ‚Das Herz des Evangeliums‚ auf und versucht sie zu widerlegen.

 

Nicht Gott, sondern Satan wollte das Leiden Jesu?

Lesenswert sind auch die Gedanken auf Theologe.de zu Bedeutung und Notwendigkeit der Kreuzigung. Hier heißt es klipp und klar: „Die Kreuzigung Jesu hätte nicht sein müssen.

Es liegt auf der Hand, dass solche Überlegungen der offiziellen christlichen Lehre widersprechen – kein Grund, sich nicht auch mit ihnen auseinander zu setzen. Tod und Qualen wollen zumindest vordergründig nicht recht passen zu einem Gott, den viele Menschen als den Inbegriff bedingungsloser Liebe sehen.

Vor diesem Hintergrund wurden Thesen entwickelt, nicht Gott habe dieses Leiden für seinen Sohn gewollt, sondern Satan bzw. ‚das Böse‘ als Widerpart Gottes – mit dem Ziel, dass Jesus kapitulieren und an seiner Aufgabe verzweifeln würde.

Dieser Sichtweise begegnen wir auch bei Friedrich Funke („Christentum als Weltanschauung und Lebenskunst„) oder Johann Greber.

 

Gegenargumente

Einwände gegen die Sühnelehre und das Verständnis vom Tode Jesu hängen eng mit dem jeweiligen Gottesbild zusammen. Insoweit orientiert sich solche Kritik sich weniger an biblischer Argumentation; eher erfolgt sie aus einer subjektiven Wertung heraus. Tatsächlich ist die Komponente des Zorns, des Strafens und der Vernichtung ganzer Völker bis hin zur Sintflut als Sinnbild der globalen Vernichtung und Erneuerung eindeutig ein Merkmal des biblischen (alt- und neutestamentlichen) Gottes.

Dieses in unserer Zeit der selektiven Bibelzitate oft verdrängte Element ist  biblisch ebenso begründet wie Aussagen zu Gottes Liebe und Güte. Der Gott der Bibel will beides: geliebt und gefürchtet werden.

  • Insoweit wird sich die Kritik an der Sühnelehre bzw. das ihr zugrunde liegende Gottesbild von bibeltreuen Christen den Vorwurf gefallen lassen müssen, sie blende ‚unliebsame‘ Eigenschaften Gottes aus. Doch wurde die Bibel von Menschen verfasst und in ihrer Überlieferungsgeschichte von erst recht fehlbaren Personen nach deren subjektiven Vorstellungen und Zielen umgestaltet.
  • Zu bedenken ist auch ein weiterer Einwand: Es kann gerade Ausdruck von Liebe sein kann, das Böse zu strafen und zu richten. Bisweilen wird der Zorn Gottes als ‚heilige Reaktion‘ auf das Böse gesehen. Merkmal Gottes sei also ein kontrollierter Zorn, ein „dauerhafter, beständiger Widerspruch gegen die Sünde“.

Nach Facius ist der Zorn Gottes kein „willkürlicher Zorn und auch kein emotionaler Ausbruch eines unkontrollierten Tyrannen“. Wenn dem so ist, frage ich mich, wie die biblische Darstellung der Landnahme in Kanaan durch die aus Ägypten geflohenen Hebräer denn einzuordnen ist, bei der Genozid zur Erschließung von Lebensraum als Gottes Wille und Befehl stilisiert werden.

Man kann es drehen wie man will, das Ausmaß von Folter (während der Kreuzigung Jesu) und Sippenhaft (im A.T. werden ganze Völker für die Vergehen ihrer Könige bzw, ihrer Oberschicht in Haft genommen) lassen sich allein mit Gottes liebender und gerechter Erziehung des Menschengeschlechtes kaum begründen.
Will man der biblischen Überlieferung festhalten, muss man sich auch fragen: Wo war das Erbarmen für Jesus als ‚Mensch unter Menschen‘, als er Todesängste ausstand sich von Gott verlassen fühlte?

  • Wie die Menschen zu biblischen Zeiten sind auch wir heute nicht davor geschützt, unsere eigenen Vorstellungen und Werturteile in unser Gottesbild zu projizieren.

Dadurch, so Facius, verlieren wir völlig aus dem Blick, wie „wesensmäßig inkompatibel der Heilige Gott mit den Sündern ist. Weil die Sünde unseren eigenen Zorn nicht erregt, können wir kaum glauben, dass sie Gottes Zorn herauf beschwört.“

Dieser Zustand werde schon von David als Mangel an Gottesfurcht beschrieben (Facius). Diese Sicht erstaunt doch sehr: wann immer Ethos und Hinwendung zu Gott sich in einer Gesellschaft anders konstituiert als zur Zeit König Davids (der einen Mord in Kauf nahm, um seine Traumfrau ehelichen, woraufhin Gott seinen Sohn getötet habe – eine Strafe, welche David voller Trauer akzeptiert habe –  vgl. 2 Samuel 11-12), fehlt es an Gottesfurcht?
Aus heutiger Sicht ist eine vergleichende Beurteilung problematisch, zumal heute lebende Christen Gott zwar Ehrfucht bezeugen, aber nicht notwendigerweise Angst vor ihm haben – was nicht zuletzt ein Verdienst Jesu ist.

Das unterschiedliche Gottesbild zeigt sich an Facius‘ nun folgender Aussage:

„Wer meint, Gott könne „einfach so“ vergeben, unterschätzt die Heiligkeit Gottes, die Vergebung für ihn zu einem tiefen Problem werden lässt.“
Tatsächlich sei „nichts geheimnisvoller und nichts schwieriger als Vergebung“.

[Welche Auswirkungen dies im Sinne der Sühnelehre für Jesus hatte, macht J. MacArthur (‚Tatort Golgatha‘, S.77f, s.u.) deutlich, als er die unsagbar schweren Stunden Jesu schildert, die er in vollem Bewusstsein der bevorstehenden Ereignisse betend im Garten Gethsemane verbrachte:
Er hat nicht in Erwartung dessen gezittert, was Menschen ihm antun könnten.[…] Am nächsten Tag würde er „die Sünden vieler wegnehmen“ (vgl. Hebräer 9,28; Luther’84 und Menge). Und dabei würde die Fülle göttlichen Zorns über ihn hereinbrechen. Auf eine
geheimnisvolle Art und Weise, die unser menschlicher Geist nicht ergründen kann, würde Gott sein Angesicht von Christus abwenden, wobei Christus der vollen Wucht des göttlichen Zorns gegenüber der Sünde ausgesetzt wäre… Der Preis der von Christus getragenen Sünde war die volle Glut göttlichen Zorns.
Christus habe den Preis völlig bezahlt er fühlte sich gänzlich von Gott verlassen (Mt 27,46). Diese Schilderung berührt. Zugleich legt sie das zugrunde liegende Bild eines Gottes offen, der tatsächlich nur unter einer bestimmten Voraussetzung (der Satisfaktion, die auch stellvertretend getragen werden kann), zur Vergebung imstande ist. Bedeutet Vergebung i.e.S. aber nicht den Verzicht auf Satisfaktion?
Ob von Gott gefordert oder nicht – Jesu Bereitschaft zu einem derartigen Opfergang voller physischer und seelischer Qualen nötigt mir mehr als nur ‚Respekt‘ ab, obgleich ich die ganze Tragweite seines Entschlusses kaum je erfasse.
]

An dieser Stelle erfolgt sein ‚Gegenschlag‘ in Richtung der zuvor genannten Kritik:

Was für ein Gott wäre das, der Sünde nicht hasst sondern sie im Gegenteil begrüßt oder ihr zumindest gleichgültig gegenübersteht? Welche primitiven, welche absurden Begriffe von Schuld und Gerechtigkeit lägen einer solchen Gottesvorstellung zugrunde?

Die Vorstellungen Andersdenkender als ‚primitiv‘ zu verunglimpfen, zeugt allgemein von keiner guten Dialogkultur. Ich meine, dass das eigentliche Problem von Facius geschickt umgangen wird: kein Wort wird von ihm gesagt zu den abscheulichen Begleitumständen, die sich immer dann Bahn brechen, wenn Menschen Gewalt ausüben – auf wessen Veranlassung (Gottes? Satans? eines von Machtgier und Hass erfüllten Selbst?) sie auch geschehen mögen.

Aus heutiger Sicht ist es uns kaum möglich, die Vorgänge und Glaubensvorstellungen zur Zeit Jesu oder Davids fair zu bewerten. Umgekehrt lassen sich damals gültige Maßstäbe nicht 1:1 auf die Gegenwartsgesellschaften anwenden.
Projektionen menschlicher, zeitgenössischer Vorstellungen kommen offensichtlich auch im ersten Teil der Bibel vor. Deshalb verhilft uns das A.T. (vielleicht mit Ausnahme der Weisheitsliteratur) heute kaum zur einer ‚objektiven‘ Erkenntnis Gottes. Statt Gott zum Monster zu machen, sind wir besser bedient, die Lehre Jesu über Sünde, Barmherzigkeit und Vergebung ernstzunehmen. Danach zu handeln, ist schwer genug.

  • Der Begriff „Menschenopfer“ sei irreführend und ungeeignet, das Geschehen am Kreuz zutreffend zu beschreiben. Richtig ist, dass der biblische Gott Menschenopfer stets ablehnte.

Zudem dürfe man Jesus nicht nur als Mensch betrachten, denn dann dann stelle sich sofort die Frage, wie er überhaupt gerechterweise für andere Menschen einstehen könnte.
Wohl wahr – es die Rolle bzw. das Wesen Gottes (des göttlichen Geistes), die wir angesichts der konkreten Schilderung der Kreuzigung Jesu hinterfragen: unter dem Eindruck der unseligen Lehre von der geerbten Sünde des ersten Menschenpaares wird durch durch den blutigen Kreuzweg zumindest vordergründig der Eindruck erzeugt, dass Gott nicht vergeben will und deswegen von Jesus dazu gebracht werden muss.

Facius fordert, Christus müsse „als wahrer Mensch und wahrer Gott“ erkannt werden, um sein Kreuz richtig zu verstehen. Aus der Einheit von Gott und Jesus (→ Trinitätslehre) folge, dass weder Jesus ein Objekt des Zornes Gottes, noch Gott Objekt der Überredung Christi  gewesen sei.

„Was immer auch am Kreuz geschah: Gott der Vater und Gott der Sohn waren daran beteiligt, beide planten und führten es gemeinsam durch.“

Dies war aber, wie er selbst andeutet, nicht zwingend das Verständnis der ersten Christen – sondern wurde erst mit dem Wandel zur Staatskirche und den Konzilen von Nicäa und Chalcedon zum verbindlichen Dogma, also im 4. bis 5. Jahrhundert nach Christus. Wir können nicht wissen, was denn genau am Kreuz und in den Stunden bis zur Auferstehung im einzelnen geschah. War es ein Beweis göttlicher Allmacht, diente es der nachträglichen Autorisation Jesu als Messias der Juden?

Johannes berichtet von der Aussage Jesu „Der Vater und ich sind eins“, was zumindest als Einverständnis Jesu mit dem Willen seines göttlichen Vaters zu werten ist. Sein Tod am Kreuz kann insoweit nur als ‚freiwillig‘ verstanden werden. Weiter kommen wir hier nicht, wenn wir die Göttlichkeit Jesu nicht anerkennen – d.h. Christus als eine von Gott unabhängige Person beschreiben.

Sind damit alle Probleme gelöst? Eben nicht! Die frühchristliche Geschichte zeigt uns zweierlei:

Weder bestand unter den verschiedenen christlichen Strömungen einmütiges Einverständnis über die Identität Jesu (war er Gott selbst oder wurde er von ihm als eigenständiges Wesen geschaffen?), noch war man sich damals einig über das, was bei der Kreuzigung und danach geschehen sei2)

Hatten jene die rechte Einsicht, die ihre Auffassung mit Macht und Schwert durchsetzten? Oder wurden durch die fragmentarische bzw. redaktionelle Form der Überlieferung und die Briefe des Paulus unzutreffende Akzente gesetzt, die zu einem verzerrten Verständnis Gottes führen?
Wenn ich sehe, welche blutige Spur die christliche Kirche im Namen des Gekreuzigten hinter sich herzieht, bin ich tief verunsichert in Bezug auf die Wahrhaftigkeit ihrer Lehre, welche den Lehren Jesu in Wort und Tat zu widersprechen scheint.

Kann Sünde wirklich so dramatisch sein, dass deswegen Blut fließen muss?

Die Bedeutung des Begriffes ‚Sünde‘ eröffnet ein weites Feld – das spirituelle Ziel zu verfehlen zählt ebenso dazu wie ‚kleine Vergehen‘ und Gesetzeswidrigkeiteen – bis hin zur völligen Gesetzlosigkeit. Es geht also um einen „Standard, den wir verfehlen oder eine Regel, die wir missachten“.

Aus biblischer Sicht wurde dieser Standard von Gott gesetzt (einmal durch die an Mose übergebenen Gesetze und auch durch die Lehre Jesu in ihrer paulinischen Interpretation). Am Anfang und im Zentrum der Sünde stehe gottvergessene Selbstbezogenheit (Facius).

Tatsächlich tun die Menschen mitunter so, als gäbe es keinerlei ‚Gericht‘, d.h. die unbedingte Notwendigkeit, zu einem bestimmten Zeitpunkt über das eigene Leben Rechenschaft abzulegen und die Konsequenzen aus dem eigenen Denken und Handeln zu tragen. Dieser Aspekt ‚zu ernten, was man selbst gesät hat‘, ist in Bestandteil fast aller Religionen, wenn auch in sehr verschiedener Form.
Völlige Gleichgültigkeit über das, was wir durch unser Tun für uns selbst (und natürlich auch für andere) auslösen, ist insoweit völlig unangebracht.

Facius geht hier noch weiter: er betont, es gehe nicht nur um moralische Fehltritte und Verstöße gegen Gottes Gebote – sondern darum, dass der Mensch „Gott misstraut, sich von ihm lossagt und sich in permanentem Aufstand gegen Gott befindet“.

Da ist leider viel Wahres dran. Gottvertrauen zu entwickeln (oder zu lernen?) erscheint mir persönlich als eine der schwersten Lebensaufgaben überhaupt. Zu beobachten ist m.E. weniger ein bewusster Widerstand gegen Gott als eine von Resignation bestimmte Trägheit.
Vielleicht ist es wirklich so, dass die Fähigkeit des Gottvertrauens nur manchen Menschen gegeben ist, während der Rest ziellos umhersucht oder per se gleichgültig ist? Wie dem auch sei, in jedem Falle sind wir für unsere moralische und spirituelle Positionierung selbst verantwortlich.

„Da der Mensch für diesen Aufstand auch verantwortlich ist, hat er die entsprechende Strafe zu tragen: ‚Der Lohn der Sünde ist der Tod‘ „.

Hier nun spricht Facius von der Unnatürlichkeit des Todes, der nicht Bestandteil einer ursprünglich guten Schöpfung gewesen sei – und als Folge der Auferstehung Jesu auch kein unentrinnbares Schicksal mehr darstelle.

Genau hier ist wieder so ein Knackpunkt, an dem sich die Gemüter scheiden. Bedarf es der für Sünde verhängten Strafe? Hat Gott dass Gott Sühne nötig?
Oder geht darum, dass jeder von uns auf einem individuellen Wege aus seinen Fehlern lernt und für jedes begangene Unrecht einen Ausgleich zu schaffen hat (der auch in der Aussöhnung mit denen bestehen kann, die unter den eigenen Handlungen zu leiden hatten).

Erhellend ist hier ein Blick darauf, wem denn durch die so genannten Sünden ein Schaden zugefügt wird. Ist Gott unser Opfer? Kaum.

Die Verantwortlichkeit des Individuums überdauert den Tod

Vielmehr schaden wir durch unser Fehlverhalten entweder uns selbst oder unseren Nächsten – also wird auch hier der Ausgleich bzw. die Aussöhnung zu erfolgen haben. ‚Sich mit sich selbst zu versöhnen‘ ist alles andere als eine leere Phrase! Wer nicht komplett gleichgültig durchs Leben geht, kennt auch die Erleichterung, die auf eine Versöhnung nach herbem Streit oder einseitigen Verletzungen folgt.

In einem stimme ich mit Daniel Facius dennoch überein: ein gerechter
Gott muss Sünde bestrafen, d.h.einen Ausgleich herstellen. Oder er hat schon längst einen Mechanismus (quasi ein Naturgesetz) installiert, wodurch ein unbestechlicher Ausgleich sicher gestellt ist. Das völlige Ausbleiben eines solchen Ausgleichs andere wäre ungerecht.

Was wir diesbezüglich glauben, wirkt sich auch auf die Beantwortung der Frage aus, ob die Kreuzigung Jesu notwendig war.

  • Für Facius ist es „erst der Kreuzestod Christi für und anstelle der Sünder, der einem gerechten Richter ein freisprechendes Urteil ermöglicht„.
  • Für Menschen, welche die Prinzipien des Karma und der Reinkarnation für existent halten (was dem ursprünglichen Christentum nicht zwingend widerspricht), erfolgt der Ausgleich für Unrecht auf andere Weise – aber an der Notwendigkeit der Aussöhnung an sich kann kein Zweifel bestehen.
    Diese Sichtweise betont die Bedeutung Jesu in seiner Lehre und seinem Vorbild, aber nicht notwendigerweise in seiner Göttlichkeit.

Beiden Überzeugungen ist eines gemeinsam: Gottes Liebe lässt sich nicht gegen seine Gerechtigkeit ausspielen. Es ist durchaus im Bereich des Möglichen, dass er ein Prinzip der Gerechtigkeit geschaffen hat, welches ihm eben nicht aufzwingt, zur Versöhnung ein blutiges Sühneopfer eines Stellvertreters zu fordern!

 

Ist Christus für uns nicht mehr, als sein Kreuz ist?

Dass sowohl orthodoxe Christen als auch dem Christentum nahestehende Befürworter eines von Gott geschaffenen karmischen Prinzips sich dennoch fragen, wie ein gerechter Gott so viel Leid und Ungerechtigkeit zulassen kann, liegt in dem begrenzten Einblick begründet, der uns nur den winzigen Ausschnitt eines gewaltigen Geschehens erkennen lässt.
Angesichts dieser Begrenztheit sollten wir uns auch nicht einreden, alles über die Kreuzigung und ihre Hintergründe zu wissen.

Wir sind schlichtweg nicht imstande, ‚letzte Wahrheiten‘ schon jetzt zu ergründen – etwa, ob Gott durch ein blutiges Sühneopfer befriedigt werden will oder muss – sei es aufgrund äußerer Faktoren, in seiner Eigenschaft als ‚Ehre fordernder Feudalherr‘  oder weil dies aus seinem Wesenskern entspreche. Denn dieser innere Wesenskern des Göttlichen ist uns Menschen bis auf weiteres verborgen. Falls wir diesen Umstand ignorieren, mangelt es uns an Demut.

Es gibt – unabhängig von der o.a. Positionierung über die Art und Weise – in jedem Falle Anzeichen dafür, dass die Liebe Gottes ihn zur Rettung der Menschen tätig werden ließ. Dieser Umstand sollte für alle Menschen ein hinreichender Grund zur Zuversicht sein, auch im Hinblick auf das, was uns nach dem physischen Tode bevorstehen mag.

Er sollte uns allerdings auch nachdenklich werden lassen über unser eigenes Verhalten – sodass uns schon zu Lebzeiten um Integrität und um Aussöhnung zu bemühen. Sofern wir an ein (wie auch immer beschaffenes) Weiterleben nach dem physischen Tode glauben, dürfen wir kaum erwarten, dass unsere ‚Sünden‘ und unerledigten Aufgaben anlässlich unseres Lebensendes ‚einfach weggewischt‘ werden.
Statt von einer ‚externen Bestrafung‘ auszugehen, glaube ich, dass die Instanz unseres eigenen Gewissens (wie auch unsere Erinnerungen) den Tod überdauert und uns nicht zur Ruhe kommen lässt, solange ‚unser Konto nicht ausgeglichen ist‘. Dieser Zustand kann buchstäblich „die Hölle“ sein – nicht als ewiges Feuer, sondern beständige schmerzhafte Mahnung, uns unserer eigenen Verantwortlichkeit zu stellen.

In gewisser Weise ist diese Auffassung ‚härter‘ als die orthodoxe christliche Lehre, denn sie schiebt nicht Teile unserer persönlichen Verantwortung auf Christus; andererseits erspart sie die Notwendigkeit eines strafenden, bisweilen folternden Gottes.
Mit Facius Schlussbemerkung – „Christus ist für uns nicht mehr, als sein Kreuz ist.“ – kann ich mich so gar nicht anfreunden, sie erscheint mir fast vermessen.
Ich glaube eher, dass der Kreuzestod Jesu
nicht isoliert betrachtet werden sollte; sein gesamtes Leben (und Sterben) bildet sich durchaus eine Einheit.

Viele sehen darin ein bedeutsames Versprechen: Für Menschen, welche die Auferstehung im Glauben annehmen können, verliert der Tod seinen Schrecken. Diese Zuversicht an sie weiter zugeben, könnte seinem eigenen Tod einen Sinn verleihen.
Leider ist diese Verheißung, den Tod zu besiegen, nach Maßgabe der Evangelien nur auf die Personen begrenzt, denen auch das Geschenk des Christusglaubens in vollem Umfang zuteil wurde…keine allzu guten Aussichten für die verbleibenden 6,5 Milliarden, d.h. die Gnostiker, Arianer, Nestorianer, Muslime, Juden, Hindus, Buddhisten…

In seiner Exklusivität, welche sich anhand des N.T. klar belegen lässt3), liegt für mich das größte Problem, das ich mit dem christlichen Glauben habe; denn meine Intuition sagt mir, dass unser Heil nicht von unserem religiösen Bekenntnis abhängt.

Dagegen eröffnet die alleinige Fokussierung auf die schrecklichen Kreuzigung bei weitem nicht den Blick auf alles, was Jesus uns über alle Generationen hinweg vermittelt hat: Solidarität, Mitgefühl, soziale Verantwortung, Liebe zu Gott, anderen Menschen und sich selbst. Im Gegenzug (aber nicht als Vorbedingung) ist Gott für uns da und er liebt uns.

Insoweit gebe ich einer Aussage von Burkhard Müller den Vorzug:

Das Motiv der Menschwerdung Jesu ist weder die Kränkung der Ehre Gottes noch die Strafe fordernde Gerechtigkeit: das Motiv ist allein seine Liebe.
Superintendent B. Müller

In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein schönes, bewusstes Osterfest.

 

 Siehe auch

Anmerkungen

Auf die zuvor genannten Quellen wird auszugsweise Bezug genommen, im Bemühen, Zitate nicht aus ihrem jeweiligen Kontext zu reißen. Ganz auszuschließen ist dieser Effekt freilich nicht, deshalb sei die vollständige Lektüre der aufgeführten Texte wärmstens empfohlen.

  1. Joachim Wanke umreißt diesen Sachverhalt in seinem Artikel ‚Der Kern des Christlichen‘ so:
    „Man darf nie vergessen, dass das Christentum nicht ein System von religiösen Aussagen ist, sondern zunächst und vor allem beruht es auf einer Person in Zeit und Geschichte, auf Jesus von Nazareth […].
    In Jesus Christus hat Gott selbst sich den Menschen erschlossen, und zwar in einer ganz bestimmten Weise, die sich eben im Leben dieses Jesus, in seinen Worten und seinem Verhalten, nicht zuletzt in seinem Sterben und Auferstehen, kurz: in seinem ganzen ‚Lebensprogramm‘ zeigt.“
    „Diese Koppelung des Gottesbildes an ein Menschenleben ist das eigentliche Ärgernis des Christentums für die damalige Zeit, aber wohl auch heute. Das Bekenntnis von der „Auferstehung“ Jesu von den Toten bringt diese Verknüpfung auf den Punkt. […]Damit ist zum Ausdruck gebracht, dass in Jesus Christus Gotteserschließung und Gotteszugang geschehen.“
    Diese Verortung Gottes in einer Biografie eines konkreten Menschen -der sich als Person dem Menschen auf menschliche Weise zuwende – unterscheide das Christentum von allen anderen Religionen und mache zugleich sein Profil aus.
    Durch diese Sichtweise wird auch die Bedeutung des Kreuzes, der Schlachtbank Jesu, sehr in den Vordergrund gerückt. Denn ohne das Leiden Jesu ist an seine Auferstehung kaum zu denken.-
  2. Die apokryphen, von der späteren Einheitskirche lange unterdrückten Schriften aus dieser Zeit zeigen, wie unterschiedlich die Interpretationen ausfielen. Tatsache ist aber, dass die Christenheit bis zur Konstantinischen Wende auf Kreuzesdarstellungen verzichtet hat (soweit dies heute feststellbar ist).
  3. Der Andersgläubige ausschließende Charakter findet sich an vielen Stellen des N.T.; hier nur ein sehr deutliches und zugleich trauriges Beispiel:
     „Wenn aber unser Evangelium verhüllt ist, so ist es bei denen verhüllt, die verlorengehen; 
    bei den Ungläubigen, denen der Gott dieser Weltzeit die Sinne verblendet hat, sodass ihnen das helle Licht des Evangeliums von der Herrlichkeit des Christus nicht aufleuchtet, welcher Gottes Ebenbild ist.“ [2 Kor 4,3-4]

Sondern dass Gott sich angesichts des (sinnlosen) Leidens auf die Seite der Opfer stellt, dass er oder sie mitleidet,

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