Die größte Angst und das größte Leid

Bezug: ‚Sie kam zu König Salomo‚ v. Inge Merkel

Die Königin von Saba, eine gestandene Frau und Regentin um die 60, besucht König Salomo. Zwischen beiden entwickelt sich eine tiefe Verbundenheit. Im nachfolgend zitierten Abschnitt führen eine Unterhaltung mit einem Leprakranken. Erstaunt gelangen sie zu der Einsicht, dass manche Angst und manches Leid allen Menschen gemeinsam ist – ob gesund oder krank, ob arm oder reich, ob ‚wichtig‘ oder ‚bedeutungslos‘:

Zu allen Zeiten klammerten sich die Menschen an ihr ‚Ich‘. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Sie fürchten nichts mehr als den Verlust des eigenen Selbst, doch die Ungewissheit, was hinter der Schwelle des Todes auf sie wartet, ist bis heute geblieben – trotz aller Forschung.
Neurologen sprechen vom ‚Nichts‘, von ‚Leere und Vergessen‘, denn sie sind aufgrund ihrer Forschungen überzeugt, dass Bewusstsein durch das Gehirn produziert wird. Ganz und gar gegensätzlich dazu fallen die Berichte von Personen aus, die ein sog. Nahtod-Erlebnis hatten – oft zu einem Zeitpunkt, als das Gehirn nach menschlichem Ermessen nicht in der Lage war, Bewusstsein zu produzieren.

‚…Ein Wesen in fetzigen Tüchern und Binden schob sich auf umwickelten Beinstümpfen heran. Der obere Teil des Gesichtes war unentstellt. Es schien das Gesicht eines jungen Mannes. Unwillkürlich ergriff die Königin Salomos Arm.

„Erschreckt nicht“, sagte er, „es ist nur Melech Mawed, der Todesengel, wie die Leute ihn nennen. Ein Lepröser, dessen Gesicht fast rein geblieben ist vom Aussatz. Den Ärzten ein Rätsel. Das Volk schreibt ihm mysteriöse Kräfte zu und behandelt ihn mit scheuer Ehrfurcht. Nachts, wenn die Gassen menschenleer sind, kommt er aus den Höhlen vor der Stadt, wo die Befallenen hausen, und krüppelt sich durch Jerusalem. Ich spreche gern mit ihm. Er ist klug, fast ein Philosoph.“

Der Kranke hielt die vorgeschriebenen Schritte ein vor dem Paar:

„Seid gegrüßt, Salomo, und auch Ihr, königlicher Gast aus Arabien. Ihr erschreckt, Königin? Seid ganz ruhig. Wir Leprösen wissen, wie wir uns zu verhalten haben, und einer, der dagegen verstößt, wird von uns weit strenger bestraft als vom Gericht. Trotzdem schrecken die Leute zurück. Weniger aus Furcht vor der Ansteckung als vor dem Anblick der fressenden Male unseres Körpers, den wir Halb- und Untoten durch das Leben schleifen, ein Stück lebendiger Verwesung. Grausiger als ein richtiger Leichnam.“

„Sprecht nicht so bitter“, sagte die Königin, „dort, wo ich zu Hause bin, gibt es diese Krankheit auch, und ich bin an den Anblick gewöhnt.“

„Ihr seid freundlich, Königin von Saba. Ihr könnt gar nicht wissen, was Freundlichkeit uns bedeutet, die wir auf Steinwürfe gefasst sind. Wenn jemand mit uns spricht, wie es der König oftmals tut, dann fühlen wir uns noch als Mensch. Wir hängen nämlich am Leben. Ja, wir krallen uns an diesen langsam verrottenden Kadaver, genau so wie ein Gesunder, und auch uns ergreift das nämliche Entsetzen vor dem Unvorstellbaren, wenn der Tod uns in die Augen sieht.
[…]
Wir, die wir die ›Unreinen‹ genannt werden und täglich, stündlich den Tod in unserer Nähe sehen, wir sind gierig nach dem Leben. Wir klammern uns an alles Lebendige, so grausig Euch das erscheinen mag. Und da uns die Berührung verboten ist, nehmen wir wenigstens mit den Ohren daran teil, durch das Gerücht, das unsere lebenssüchtigen Sinne aufnehmen, wenn wir mit unseren Bettlerschalen, immer im gehörigen Abstand, bei den Toren und vor dem Tempel kauern...“

„Ich weiß“, sagte Salomo, „wie lüstern deine Leute nach Neuigkeiten sind, ich verstehe eure Begierde nach allem, was mit dem gewöhnlichen Leben zu tun hat und kann mir vorstellen, daß Nachrichten von draußen in eurem Abseits ein größeres Gewicht haben als für die Gesunden.“ […]

„Das habe ich nicht gewußt“, sagte die Königin nachdenklich; „ich glaubte vielmehr, die Siechen sprächen viel vom Tod und vom Sterben und rätselten um das Geheimnis des Danach, was mit ihren Seelen geschieht, wenn sie ihrer zerfressenen Körper ledig sind.“

Oh ja, auch von dem, was nachher ist, wird geredet, und wenn ihr Umgang mit dem Leben anstößig und lasziv ist wie unsere faulenden Glieder, so sind ihre Gedanken vom Tod oft würdig eines Weisen und Philosophen. Auf ihre Seele, diese Einblasung Gottes, ihre Menschenwürde und Einzigkeit als ›ich bin‹, darauf halten sie. Der elende Kadaver mag verfaulen zu Asche und Kot, aber tief sitzt die Furcht, daß auch dieses Ich verlischt, wenn wir sterben, das einzige, was nicht der Räude verfallen ist.“

„Diese Ängste suchen auch uns, die Gesunden, heim, Melech Mawed. Und um so stärker, wenn wir alt werden und die Betriebsamkeit des tätigen Lebens leiser wird und der Trubel der Ruhe weicht. Dann grübeln auch wir darüber, was aus diesem Ich werden mag, diesem Hauch aus dem Atem Gottes.
Und ob dieser Gott, der ihn uns gegeben hat, auch ihn dem Tod überläßt wie das mürbe gewordene Fleisch. Der große Tod, der herum streicht auf dem Schindanger des Alters und der Krankheit, der uns über die Schulter seine geilen Verlockungen vom Sich Aufgeben ins Ohr flüstert… du rennst, doch er holt dich ein und packt dich mit krallenden Fingern, übermannt dich, ist über dir und vollendet sein brutales Geschäft, es ist ein Mord, eine Vergewaltigung, kein ehrenhafter Sieg. Wir wissen es alle, und wir sind darauf gefaßt.
Aber wir wissen nicht, ob er es bei der Unterwerfung des Leiblichen bewenden läßt oder ob er uns auch die Seele, den Gottesatem aus der Brust presst, unser gehätscheltes Ich.

Ja, das ist die große Frage, die einzig entscheidende. Daß uns der Leib genommen wird im Alter oder in der Krankheit, das nehmen wir gelassen hin, wir sehnen uns sogar danach, weil dann die Leiden, die das Leben uns nicht erspart, zu Ende sind und wir endlich Ruhe haben. Aber vor dem Nicht-mehr-Sein graut uns. Vor dem Verlust des Gefühls ›ich bin‹ tritt uns der kalte Schweiß auf die Stirn.“

„Tröstlich sprecht Ihr, Königin, vom Ausruhen und Vergessen. Von den Schrecken des Todes, aber auch davon, daß er oft eine Barmherzigkeit sein kann. Aber ich sage Euch, all die Schrecken und all die Hoffnungen, die wir angesichts des eigenen Todes empfinden, sind nichts gegen das, was der Tod eines Menschen bedeutet, den man geliebt hat!“

„Ihr habt es erlebt?“ sagte die Königin mit rauher Stimme.
„Ja, ich habe es erlebt.“
Melech Mawed schwieg eine Weile, dann fing er leise zu erzählen an:

„Wir waren ein glückliches, junges Paar. Unsere Eltern richteten die Hochzeit. Da zeigten sich bei meiner Braut die ersten Anzeichen der Krankheit, und sie mußte in die Höhlen der Stille vor der Stadt.
Ich war zerstört vor Kummer. Da empfand ich es fast als Erleichterung, als auch ich die Male der Krankheit an mir entdeckte. Statt der geplanten Hochzeit hielten wir unser Beilager in der Höhle der Aussätzigen. Noch waren unsere Körper fast unversehrt. Wir liebten uns. Erst allmählich nahm der Verfall seinen Lauf. Bei ihr schritt die Krankheit verheerend fort, vor allem im Gesicht, das bei mir wie zum Hohn bis heute nahezu verschont blieb. Ich gewöhnte mich aber an ihren Anblick, und wir liebten uns wie zuvor.

Zwischen uns gab es nur den Wettstreit, wem die Gnade des früheren Todes zuteil und wem die Wüste des Alleinseins auferlegt sein würde. Sie starb. Erst als wir sie begraben hatten, ging mir mein Elend wirklich auf und stürzte sich auf mich wie eine Steinlawine.
Ich betete, schrie zu Gott, ich fluchte und lästerte, aber Worte nützen sich so bald ab. Man wird in den Strudel der Pein gesogen, und die vom Salz der Tränen brennenden Augen starren auf das lapidare Wort ›niemals mehr‹, das dir das Blut gefrieren, den Pulsschlag stocken läßt… aber verzeiht, ich rede zuviel und kann mich doch nicht verständlich machen, man muß es erlebt haben!“

„Ich verstehe es“, sagte die Königin leise, „ich habe es erlebt. Vor vielen Jahren ist mir ein Sohn gestorben. Ich habe noch andere Kinder, und ich habe nach dem Tod des einen noch viel Arbeit gehabt und getan, aber dieser Tod dieses einen Kindes und die Erfahrung des ›Niemals mehr‹ hat mich selbst fast das Leben gekostet.
In meiner namenlosen Verzweiflung, im Irrsinn des Schmerzes wollte ich nichts als ihm nach. In den Religionen aller Völker gibt es doch den Hinweis auf die Unterwelt, wo die Toten wohnen, manchmal sogar eine genaue Schilderung.

Es gibt Geschichten von Lebenden, die Eingang finden und dort ihre Toten treffen, und wenn sie sie auch nie zurückholen können, so sehen sie sie doch noch einmal. […]
Tagelang und nächtelang irrte ich fern von den spärlichen Straßen der Menschen in der sengenden Sonne und in der eisigen Kälte der Nächte. Ich spürte weder Hunger noch Durst. Ein hitziges Fieber hielt mich aufrecht, bis ich in die Knie brach und in den Staub fiel. Meine trockengeweinten Augen brannten, ich sah glutrote Kreise flammen und wirbeln über dem Wüstensand – und dann sah ich es:

Es war dicht vor meinen verstörten Sinnen, das Sinnbild der Vergeblichkeit – eine Tür war es. Aber sie hatte weder einen Riegel noch Angeln noch verschloß sie eine Mauer. Eine Tür an sich, ohne Sinn. Sie hatte keinen Raum zu öffnen oder zu verschließen. Sie sprach, wie Träume sprechen, durch das Bild. Und das Bild ätzte sich in den Hintergrund meiner Augen und sagte eindringlicher, als Worte es vermögen: ›niemals mehr‹! Dieses Bild drang mir ins Blut, ins Fleisch, in die Knochen, und in meinem Gehör rollte der stille Donner der Ewigkeit.“

Die Königin schwieg und blickte ins Leere. Dann sagte sie zu Melech Mawed:
„Es hat gut getan, einem zu begegnen, der diese Seite des Todes kennt. Lebt wohl, Melech Mawed, und das Sterben werde Euch leicht.“
„Nehmt den Dank und den Segen eines Gezeichneten, Königin von Saba.“

Der Lepröse verschwand im Dunkel, und eine Weile hörte man noch seine Rassel klappern. Salomo hatte schweigend zugehört, und schweigend legten sie den kurzen Weg in den Palast zurück. Salomo hatte mit seiner warmen, trockenen Hand die eiskalten Finger der Königin ergriffen und hielt sie fest.‘

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