Virus des Glaubens – ein Film v. Richard Dawkins

Religiöser Fundamentalismus vs. fundamentalistischer Atheismus – Extreme treffen aufeinander…

Wie auch immer die persönliche Haltung zu Glaube, Religionen und dem fraglichen Weiterleben nach dem Tode aussieht, es ist sinnvoll, sich mit unterschiedlichen Standpunkten zu beschäftigen. Völlige Objektivität ist dabei schwerlich zu erwarten, doch auch Unvoreingenommenheit erhofft man sich meist vergeblich.

Richard Dawkins (September 2010)

Richard Dawkins, geb. 1941,  ist ein britischer Zoologe, Evolutionsbiologe und Autor populär-wissenschaftlicher Literatur.
Er wurde 1976 mit seinem Buch The Selfish Gene (Das egoistische Gen) bekannt, in dem er die Evolution auf der Ebene der Gene analysiert. Er führte den Begriff Mem als kulturelles Analogon zum Gen in der biologischen Evolution ein. Er verfasste mehrere Bestseller, u. a. Der blinde Uhrmacher, ‘Der Gotteswahn‘ und ‚Die Schöpfungslüge‘.

Dawkins gilt als einer der bekanntesten Vertreter des „Neuen Atheismus“ und als vehementer Kritiker von Religion und Kreationismus. (Quelle: Wikipedia)


Ein brillanter Evolutionsbiologe sollte zu einer differenzierten Betrachtung willens und imstande sein – eigentlich. Statt dessen prangert Dawkins exemplarisch die Extremformen ‚militanter‘ Religionsausübung an und schließt von diesen auf den Charakter jeglicher Religionspraxis.
Geschickt fordert der Film ‚Virus des Glaubens‘ zunächst die Zustimmung des Zuschauers ein – in der Ablehnung extremistischer Ideologien ist sich eine breite Mehrheit relativ einig. Ebenso werden viele eine religiöse Vereinnahmung1) skeptisch sehen – vor allem aber psychische Gewalt
, z.B. wenn Kinder mit Hölle und Verdammnis bedroht und eingeschüchtert werden.

Bei den sich anschließenden Kritikfeldern wird es schon schwieriger:

  • Die Wurzeln jüdisch-christlicher Religionsentstehung (d.h. das Alte/Erste Testament und die im selben Zeitraum entstandenen apokryphen Texte) implizieren tatsächlich eine dunkle, erschreckend grausame Seite. Gleichwohl ist es oberflächlich und Sachlich unzutreffend, den alttestamentlichen Gott JHWH auf fürchterliche Racheakte, Genozide, Sippenhaftung und blutigen Opferkult zu reduzieren. Zeugt es nicht von manipulativer Absicht, wenn Religionen der Gegenwart allein unter diesem einzelnen Aspekt bewertet werden?
  • Eine Separierung von Kindern nach Religionszugehörigkeit in exklusiven Konfessionsschulen ist ein Relikt, das längst überwunden sein sollte. Privatschulen mit fundamental-evangelikaler (oder islamischer) Trägerschaft vermitteln mit einer kreationistischen Schöpfungslehre ein einseitiges Weltbild, welche den Stand der naturwissenschaftlichen Forschung weitgehend ausblendet2).
    Nur, welcher pädagogische Ansatz ist ideal? Sind Kinder besser fürs Leben gerüstet, sofern sie in gesinnungsneutralen oder religionsfeindlichen Erziehungssystemen aufwachsen? Mangelt es ihnen dann nicht es an Orientierung, insbesondere falls auch kein wählbares Alternativangebot wie z.B. philosophische Ethik existiert?
  • Dawkins‘ zum Teil durchaus nachvollziehbare Kritik wendet sich gegen die Erzeugung irrationaler Ängste:
    Tödliche Krankheiten wie AIDS/HIV als ‘Lohn der Sünde’ (also als Strafe Gottes für ‚unmoralisches Sexualverhalten‘) zu bezeichnen, ist lächerlich und erwiesenermaßen falsch. Schließlich kennen wir inzwischen verschiedene Übertragungswege – wofür würde wohl ein von Geburt an infiziertes Baby gestraft – für die ‚Sünden‘ seiner Mutter oder die Sache mit der verbotenen Baumfrucht vor 6000 Jahren im Paradies?
  • Ein christlicher Gesprächspartner stellt im Film ziemlich überzeugend dar, dass Religion auch eine Lebensführung nach klaren ethischen Grundsätzen bedeutet. Doch kann und darf die Angst vor Gottes Strafe nicht das einzige Motiv sein, um von schwersten Straftaten wie Pädophilie, Mord, Terror etc. abzusehen.

Indessen ist für manche Vorreiter des ’neuen Atheismus‘ jede Form von Religion gleichbedeutend mit seelischer Vergewaltigung. Dawkins jedenfalls befasst sich damit, die „absurd widersprüchliche Theologie um die Person Jesus Christus deutlich zu machen“. Er betrachtet Religion nämlich als Virus, sofern sie schon im Kindesalter vermittelt wird. Er begründet diesen Vergleich damit, dass ‚infizierte Kinder automatisch glauben‘, was man ihnen sagt.

Diese Aussage ist problematisch: Nicht wenige Kids werden noch vor der Pubertät erstmalig mit dem Tod (zB älterer Verwandter) konfrontiert. Sollte man ihnen die Antwort auf ihre Fragen ganz schuldig bleiben …oder aus einem Biologiebuch vorlesen? Ist es nicht sinnvoller, Kindern in altersgerechter Weise (und angstfrei!) unterschiedliche Antworten und Konzepte vorzulegen – damit sie eine wirkliche Entscheidungsfreiheit und ein angemessenes Vorwissen haben, sobald sie religionsmündig werden? Eine Psychologin erklärt:

“Man muss Kindern erlauben, unterschiedliche Perspektiven zu hören.
Man, muss ihnen gestatten, verschiedene Standpunkte in Betracht zu ziehen. Sie müssen die Fähigkeit erlernen dürfen, in Freiheit abzuwägen was für sie richtig ist.”

Bedauerlicherweise scheuen manche Religionsgemeinschaften dieses ‘Risiko’ der frei(heitlich)en Willensbildung bis heute. Aus psychologischer Sicht ist es natürlich eine seelische Misshandlung, Kindern einzureden, sie kämen nach ihrem Tode womöglich in die Hölle. Als Erwachsene erinnern sie sich ihr Leben lang dran, was das Schreckensgebilde der Hölle und der finalen Ablehnung durch Gott in ihnen bewirkt hat. Dies weiß ich aus eigener Erfahrung – infolge düsterer Einprägungen, welche bis heute äußerst präsent sind. (Bin ich vielleicht zu zart besaitet …oder ist es normal‘, auch mit 30, 40 Jahren noch wiederholte Höllenvisionen im nächtlichen Traum zu durchleben?)

Schild in Indiana (USA) – ein Fall für den Jugendschutz?

Für den Film Hell House von ‚Pastor‘ George Ratliff – eine moderne Veranschaulichung von Hölle und Sünde, die inzwischen auch in etlichen theaterähnlichen Aufführungen Verbreitung findet – fehlen mir die Worte:

Atheists Watch „Hell House“

Hier geht es nicht um Fiktion, leider: ähnlich wie Spukhaus-Attraktionen angelegt, dienen Höllenhäuser der Verbreitung einer religiös-moralischen Botschaft, basierend auf dem Wertesystem der fundamentalistisch-evangelikalen Gruppen. Ein als Satan verkleideter und mit entsprechenden Attributen ausgerüsteter Führer geleitet die Besucher durch die Räume, die je eine moralische Bedrohung für junge Menschen thematisieren. Neben den weltlichen Folgen unmoralischer Handlung (Rückenmarkschäden als Folge von Masturbation?) wird insbesondere auf die Folgen für das Seelenheil im Jenseits aufmerksam gemacht.
Standardthemen sind Abtreibung, Homosexualität, „voreheliche Unzucht“, Trunkenheit am Steuer, Drogen, Suizid und sogar Schulmassaker. „Verfehlungen wie Pornografiekonsum oder Lügen“ werden beiläufig als Wegbereiter schwererer Sünden dargestellt.

Wo Kinder vor der Darstellung und Verherrlichung von Gewalt geschützt werden, gehört ein solches Machwerk erst recht auf den Index. Verglichen mit Horrorfilmen etc. stellen Institutionen wie die hell houses die ungleich schwerwiegendere Gefahr für junge Menschen dar.
Ratliff sieht das naturgemäß ganz anders:
Es komme auf die Wirksamkeit seiner Botschaft an und „nicht auf ein paar eventuelle Alpträume“. Gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften sind für ihn eine dieser Sünden, die „geradewegs in so eine Hölle“ führen.

Übers Ziel hinaus: Kritik wird unzulässig verallgemeinert

Extremisten wie Ratliff liefern ein gefundenes Fressen für den Atheisten Dawkins, der ein ‘religiöses Gruselkabinett’ zusammenzustellen will. Ohne die Wirkung von Religion auf Individuen und Gesellschaft vom Standpunkt des Wissenschaftlers aus zu untersuchen, gibt Dawkins sich mit der Generalisierung von Einzel- und Extremfällen zufrieden.
Dabei kann er aus dem Vollen schöpfen, denn die abstruse Instrumentalisierung eines vermeintlich christlichen Glaubens, der ursprünglich von Liebe geprägt sein sollte, geht noch sehr viel weiter als bei Ratliff und seinem Spuk. So treten in den USA rechtsgerichtete evangelikale Kreise  vehement für die Todesstrafe bei Ehebruch ein.

Richard Dawkins hat die angebliche Ursache solcher Auswüchse schon lange ausgemacht – nämlich den Moralkodex der Bibel, insbesondere des Alten Testamentes: In von Gott an Mose übermittelten Geboten werden Gläubige aufgefordert, einen Angehörigen zu töten, sofern sie/er in gravierender Weise den rechten Glaubensweg verlasse.
Offensichtlich sollte die Eignung des biblischen Moralkodex für unsere heutige Zeit differenziert untersucht und hinterfragt werden. Wer freilich heutige Realität der Religionen allein anhand alter Schriften zu charakterisiert, ignoriert die Entwicklung im Bewusstsein der meisten Menschen, die seitdem stattgefunden hat. Von einseitiger, inkonsistenter Darstellung ist der Schritt zur Film zu ideologischen, manipulativen Propaganda nicht sehr weit.

Dawkins‘ Rundumschlag:
Der Gott des A.T. sei als moralisches Vorbild ungeeignet, Adam als angeblicher Begründer der ‘Erbsünde’ habe nie existiert, Mose könne ohne weiteres mit Hitler verglichen werden und ganz allgemein lasse sich jede erdenkliche Straftat mit Hilfe der Bibel als ‘absolutes Wort Gottes’ rechtfertigen. Tja nun, auch ein Richard Dawkins darf seine persönliche Meinung über die Bibel und all jene verbreiten, die im Namen Gottes zu handeln vorgeben. Sein Fazit lautet sinngemäß, dass gute Menschen infolge ihrer Religion (nur) Böses tun.

Kein Wort über die Persönlichkeiten, welche sich gerade durch ihren Glauben zu vorbildhaftem, selbstlosem Handeln motiviert und gestärkt fühlten. Sind für Dawkins sämtiche Glaubensgemeinschaften gleichsam Biotope für ideologisch verblendete Hassprediger und potenzielle Mörder?

Das wohl nicht: Gegen Ende seines Films stellt Dawkins noch den liberalen Bischof Richard Harries vor, der darlegt, dass die Bibel in vielfältiger Weise ausgelegt werden kann. Es sei fragwürdig, aus der isolierten Betrachtung einzelner Textpassagen einseitige Schlussfolgerungen zu ziehen. Harries weiter:

Ich meine, die Moderaten müssen voller Leidenschaft sein, sowohl bezogen auf ihre religiösen Überzeugungen als auch in Bezug auf die Vernunft. Und es ist möglich, leidenschaftlich moderat zu sein.

Der Mann liegt goldrichtig, doch er muss sich von Dawkins (der in seiner Arroganz die zweite Hälfte der Ausführungen seines Gesprächspartners durch eigene Kommentare überblendet) vorwerfen lassen, seine Bibelauslegung sei inkonsequent. Denn er entscheide schließlich subjektiv, welche Bibelstellen als Metapher oder Allegorie zu interpretieren seien. (Nun ja, es erscheint zumindest erklärungsbedürftig, auf welcher Grundlage man die Jungfrauengeburt anzweifelt, aber Auferstehung Jesu als einen wunder-vollen Tatsachenbericht wertet.)

Moral entstand für Dawkins übrigens allein aus „altruistischen Genen“ (die im Laufe der Evolution einen Überlebensvorteil eröffnet hätten); Religionen hatten seiner Ansicht nach keinen Anteil daran. Nach allem, was ich über den Stand der Evolutionsbiologie weiß, ist von zwei Faktoren bei der Entstehung komplexer, auf Intelligenz und Kognition basierenden Verhaltensweisen auszugehen:
Genetische Veranlagung und Umwelteinflüsse wirkten im Zusammenspiel, d.h. sie waren ‚multiplikativ verknüpft‘ und begünstigten einander, sodass sich zusätzliche Überlebensvorteile ergaben.



Fazit

Festzuhalten ist, dass die Entwicklung vom menschlichem Verhaltensrepertoires und -präferenzen (=Moral) auf verschiedenen Faktoren beruht – zu denen auch die Überlieferung von einer Genration an die nächste (=Tradition) zählt. Insoweit scheint festzustehen: Auch der tradierte Glaube kann eine wesentliche Entscheidungshilfe für ‚richtiges‘ Verhalten sein. Für Richard Dawkins sind wir Menschen allerdings „soziale Tiere“: Sobald das Gehirn irreversibel ausfällt, endet zugleich unser Bewusstsein – endgültig.
Mein Fall ist diese naturalistische Sicht nicht, lieber suche ich mir ‘meine’ Antworten in einem Spannungsfeld, das sowohl der Spiritualität als auch der Naturwissenschaft einen Platz einräumt.

Seine Chance zur sachlichen Aufklärung und Schadensbegrenzung (bzgl. fundamentalistischer Auswüchse) hat Dawkins schlicht vergeigt: sein Film ‚Virus des Glaubens‘ umgibt sich ebenso wie “Die Wurzel allen Übels” mit dem Anschein von Sachlichkeit, um einen ideologischen Atheismus zu transportieren.
Ausgewogenheit und nachvollziehbar begründete Kritik (die ja zum Teil durchaus berechtigt ist) hätten durchaus positive Einsichten bewirken können.

So aber erfolgt ein übler Kopfstoß gegen alles Religiöse – und wir blicken auf ein zweifelhaftes Machwerk, welches den zur Genüge vorhandenen Hass noch bestärken mag, ohne Wissen und Erkenntnis über das Wesen von Religion zu vermehren.

Anmerkung/Ergänzung:

Dass eine faire und ausgewogene Behandlung von Religiosität vom Standpunkt des Atheisten sehr wohl möglich ist, zeigt die Talkrunde “Ist Gott nur eine Wahnvorstellung?”

  1. Eine unzulässige Vereinnahmung stellt m.E. auch die ‚Zwangstaufe‘ von Säuglingen und unmündigen Kindern (die nach katholischem Kirchenrecht ohne Rücktrittsmöglichkeit erfolgt) dar. Nach biblischer Darstellung haben weder Gott noch Jesus es nötig, dass Menschen zum Glauben überlistet werden.
  2. Der im Film gezeigte jüdische Rabbi muss eingestehen, dass kaum ein Absolvent jüdisch-orthodoxer Schulen an die Evolutionstheorie glaubt – ein klares Indiz für manipulative oder zumindest einseitige Wissensvermittlung: Würden beide Modelle der Entstehung der Arten (Evolutions- und Schöpfungsmodell) gleichberechtigt unterrichtet, wäre unter den Absolventen ein gewisser Anteil von Befürwortern der Evolutionslehre.
    In einem naturwissenschaftlichen Unterrichtsfach hat die Arche Noah nichts verloren – solange sie nicht gefunden wurde und ihre berichtete Funktion erwiesen ist…
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