Ist Gott mitschuldig?

Seit der Aufklärung setzte sich zunehmend die Einsicht durch, dass der Mensch das eigene Leben wie auch seine Umwelt aktiv gestaltet – insoweit konnte es nicht angehen, dass Gott allein die Schuld für Tod, Krankheit und vermeintlich unverschuldetes Leid in dieser Welt zugewiesen wird.
Doch es blieb – zumindest nach traditionelle religiösen Sichtweisen – wahrscheinlich, dass der biblische Gott ‚mitschuldig‘ an diesem Leid war:

Soweit der Glaube an Gott auch dessen schöpferische Tätigkeit impliziert – die Erschaffung der materiellen Welt oder, je nach Auffassung, die Installation der Naturgesetze; vielfach wird hier das Bild des Universums als Uhr verwendet, die der Schöpfer gewissermaßen aufgezogen habe. So oder so, als Schöpfer oder Initiator hat Gott die Ausgangsvoraussetzungen geschaffen, innerhalb derer das Universum und das Leben in ihm mehr oder minder eigenständig funktioniert und Entwicklungen vollzieht. Damit habe er zugleich auch die Möglichkeit begründet, dass Leid, Krankheit und Tod stattfinden können.

Diese Annahme wurde natürlich euphemistisch umschreiben: ‚Wen Gott liebt, den ‚züchtigt‘ er‚ – d.h. er straft ihn, aber nicht aus Rache oder zum Selbstzweck, sondern um ihn auf den rechten Weg zurück zu führen.

Solche Töne sind bis heute zu vernehmen, aus Mangel an besseren Erklärungen oder um Menschen Schuldgefühle zu vermitteln. So war es nach dem Atomunglück in Japan und auch nach dem Tod von über 20 Menschen auf der Loveparade (2010 in Duisbug). Für mich klingt der Satz ‚Gott straft aus Liebe‚ schal, wenn zugleich die Kausalität der Ereigniskette offensichtlich ist. Beide Ereignisse wurden möglich, weil Menschen gravierende Versäumnisse und Fehler unterliefen; nicht selten führen Gier, Machtstreben und andere niedere Motive zur Katastrophe.

Für mich ist es so widersinnig, dass wir gemäß christlicher Lehrtradition einerseits das Geschenk des freien Willens erhalten haben – andererseits aber schwerste Strafen erleiden sollen, falls wir davon Gebrauch machen.

Wo immer Gott als Ursache für menschliches Leid herangezogen wird, zeigt sich die Tendenz zur Verdrängung: soweit Gott die Hauptschuld trifft, kann und darf sich der Mensch vor wirklich notwendigen Veränderungen drücken. Statt dessen braucht er nur brav in die Kirche zu gehen und auf sexuelle Kontakte außerhalb der Ehe zu verzichten oder das zu tun, was immer religiöse, aber menschengemachte Morallehren verlangen. Und alles würde gut…
Klappt nur nicht, wie schon Hiob im Alten Testament feststellen musste.

Ob Gott in das Leben des Individuums eingreift – um zu strafen, zu belohnen oder auf den rechten Weg zu führen – wird bis heute kontrovers diskutiert, denn ihre abschließende Beantwortung aus evidenten Fakten heraus ist kaum möglich. Wie man zu ihr steht, hat weitreichende Auswirkungen: Ohne Gottes Eingreifen werden ‚echte Wunder‘ unwahrscheinlich – in Bezug auf unerklärliche Ereignisse muss dann angenommen, dass sie zwar auf naturwissenschaftlichen Prozessen beruhen, zu denen der Mensch auf seiner derzeitigen Wissensstufe keinen Zugang hat. Oder man streitet alles Unverstandene als Lüge, Legende oder Wahrnehmungsstörung ab.

Könnte Gott abseits von solchen Einzelereignissen ‚mitverantwortlich‘ für den Lauf der Welt sein, selbst wenn eine logische Erklärung zu finden ist- sozusagen als Zünglein an der Waage des Schicksals?

Globale Mitschuld Gottes?

Für Dieter Brandt (‚Gott – mitschuldig?‚) sind konstruierte Erklärungen der Ursachen von Leid und Bösem durch die Rolle eines Allmächtigen widersprüchlich und nicht annähernd zufriedenstellend. Dabei geht er von den Prinzipien der Evolution aus, nach denen auch unser Geist entstanden sei.

Wie kann es also sein, dass ein unendlicher, allwissender, allmächtiger Geist den Kosmos und die irdische Evolution ausgedacht, angelegt und in Gang gesetzt haben soll, und dennoch am entstandenen Bösen und all dem Leid keine Mitschuld trägt?

Mit Allwissenheit und Allmacht hätte er doch auch andere Lösungen gehabt!

Brandt bestreitet nicht grundsätzlich die mögliche Existenz eines „Überwesens“, sondern stellt eine rationale Argumentation vor, weshalb er die traditionellen Gottesbilder für unzutreffend hält – und warum eine solche Wesenheit wohl nicht in die Abläufe und Ereignisse seiner Schöpfung eingreife. Er begründet diese Einschätzung auch mit der mutmaßlichen Geisteshaltung Gottes:

  • Unendliche Gerechtigkeit impliziere eine unendliche Akzeptanz der von ihm evolutionär geschaffenen Lebewesen, folglich werde er keinem Organismus bewusst schaden,
  • Unendliche Gelassenheit erwachse Gott aus seiner absoluten Gewissheit über die gesamte Entwicklung des Kosmos mit allen Evolutionen auf allen bewohnbaren Planeten und darüber, dass alle bewussten oder unbewussten Lebewesen eines Tages bei seinen Zielen ankommen werden:
    „Der unendliche Geist weiß auch schon lange, wann. Schon diese knappe Überlegung zur Geisteshaltung erhärtet, dass Gott weder direkt noch indirekt am Leid und am Bösen beteiligt sein kann. Er kann nicht mitschuldig sein, weil alles von ihm selbst so gewollt zurückgeht.“

Das so genannte Böse müsse andere Wurzeln haben, welche allesamt in der Entwicklungsgeschichte des Menschen zu suchen seien.
Brandt fügt hinzu, dass diese Überlegungen zugleich implizieren, dass etliche, wenn nicht alle religiös – geschichtlichen Überlieferungen erhebliche Fehler enthalten müssen.

Sein zweiter Ansatz zur Klärung der Mitschuldfrage“ betrachtet, inwieweit die menschliche Geisteshaltung einen Beitrag zur Entstehung des Bösen und zum menschlichen Leid haben kann.

Da wir entwicklungsgeschichtlich von unbewussten Lebewesen abstammen, untersucht dieser Ansatz die Entstehung grundlegender Verhaltensmuster entlang der Evolution ab den frühesten Anfängen. Das Verhalten aller Lebewesen lasse sich zurückführen auf genetisch festgelegte Grundverhaltenskomponenten1) (‚GVK‘).

  • Streben nach Replikation,
  • Streben nach dazu benötigter Nahrung und Lebensräumen (Leben),
  • Streben nach Sicherheit, nicht selbst zu Nahrung zu werden (Überleben),
  • Streben nach Stärke und Privilegien (was Leben und Überleben unterstützt), Rangordnung, (konkurrierend zu Stärke, nur bei hoch entwickelten Lebewesen),
  • Egozentrik, ausgenommen gegenüber eigenen, noch jungen Nachkommen

Zwar verhalten sich verschiedene Arten nicht gleichartig, doch lasse sich zeigen, dass die verschiedenen Verhaltensmuster z.B. von Insekten oder Säugetieren in ihren unterschiedlichen Lebensnischen „Transformationen der GVK auf Nischenmerkmale“ sind.

GVK sind also die tiefsten Antriebe (der „Macho-Kern“) in jedem Lebewesen, die seit den Anfängen der Evolution bis heute existieren. Darwin lässt grüßen: Wesen mit zu schwacher Ausgestaltung ihrer GVK unterlagen im Wettbewerb der Arten (Selektion) und starben aus.
Somit sei die Grundgeisteshaltung aller unbewussten Organismen, einschließlich der unbewussten Hominiden durch die GVK bestimmt – auch der unbewusste Kern der Geisteshaltung des heutigen Menschen leite sich aus ihnen ab:

„Du bist dir das Wichtigste! Sei egoistisch, nimm dir alle Vorteile, egal zu wessen Lasten, wende physische Stärke […] und Dominanz an, sie verschaffen dir Privilegien […] eigne dir an, was dir nützt, nimm‘ anderen Dinge weg, zum eigenen Vorteil, auch zu Lasten Dritter, […] lass‘ deine Freiheit und Unabhängigkeit von niemandem einschränken…“

Diese ‚GVK Geisteshaltung‘ als Summe der ursprünglichen Überlebensinstinkte müsse in jedem Menschen bis heute verankert sein: Die seit Milliarden Jahren genetisch festgelegten Grundantriebe der Evolution konnten binnen nur ca. 1 Million Jahren (seit der Entwicklung von Selbst-Bewusstsein) nicht vollständig durch eine neue Verhaltenskonzeption ersetzt werden.

Nicht vollständig…doch gehen Anthropologen davon aus, dass unsere Spezies im Zuge ihrer Menschwerdung Teile dieses ursprünglichen instinktgesteuerten  Verhaltensrepertoires durch intelligenzbasierte Konzepte erweitert oder ersetzt hat. Ist das Ergebnis dieses Entwicklungsschrittes nicht genau das, worauf wir als vermeintliche Krone der Schöpfung uns so viel zugute halten?

Dieter Brandt sieht dies anders: an der Fortführung der GVK ändere auch die Tatsache nichts, dass individuell gelernte Verhaltensformen im Wege der Erziehung von Generation zu Generation weitergegeben werden und die genetisch verankerten Verhaltensantrieben wie Schichten überlagern. Diese „können den Macho-Kern so gut wie vollständig überdecken und kompensieren und ethisch hoch entwickelte Persönlichkeiten erzeugen“.

 Eine Mitschuld Gottes kommt für ihn nicht in Betracht, weder hinsichtlich der Evolution des Menschen noch für dessen Gegenwartssituation. Letzteres sehe ich ganz ähnlich: Meiner Auffassung nach hat Gott die Naturgesetze installiert, innerhalb derer der Mensch sein Handeln samt Auswirkungen selbst zu verantworten hat.

Das Prinzip göttlicher Gerechtigkeit lässt es schwer vorstellbar erscheinen, dass Gott in das Leben einzelner Menschen willkürlich eingreift…

Anmerkungen

  1. Dieses Grundverhalten folgt den Selektionskriterien der Darwinschen Evolution, es ist auf die positive Replikationsbilanz einer Spezies angelegt.
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