21 Gramm? Die Biologie der Seele

Das Rätsel der Seele

Der alte Streit: Worauf gründet sich die Entwicklung der Persönlichkeit, wie kommt unsere (Aus-)Prägung zustande? Sind es die Gene, die uns unsere Eltern mitgegeben haben? Oder ist es die Gesellschaft, in der wir aufwachsen, die Familie, die Schule, unsere Freunde?

Oder wirken diese beiden Faktoren (und ggf. noch weitere) zusammen, kann man von einer multiplikativen Verknüpfung ausgehen.

Seit den Anfängen der Zivilisation sah die Menschheit »ein wie auch immer geartetes immaterielles Prinzip am Werk, eine spirituelle Kraft, die sich der naturwissenschaftlichen Erkenntnis entzieht. Für Platon gehörte sie zu den ›ersten Schöpfungen, noch vor allen Körpern‹«. Der Leib galt ihm nur als Gefäß der Seele. Und der Philosoph Gottlob Frege (1848 bis 1925) urteilte: Jeder sei »sich selbst in einer besonderen und ursprünglichen Weise gegeben, wie er keinem anderen gegeben ist«. Wer mag schon glauben, dass das Enigma des menschlichen Geistes allein mit biologischen Prozessen zu erklären ist?1

Experimente zum Gewicht der Seele

Der Begriff Psychostasie bezeichnet im ägyptischen Totenbuch die altägyptische »Vorstellung, dass das Herz des Verstorbenen vor der Vereinigung seiner Ba-Seele mit seinem Leichnam in der Halle der Vollständigen Wahrheit gewogen wird. Das ermittelte Gewicht steht dabei stellvertretend für die Loslösung der negativen Taten des Verstorbenen. Wenn das Herz zu schwer war und damit die Unzulänglichkeit des Verstorbenen andeutete, wurde es an die Totenfresserin Ammit verfüttert«.

Der US-amerikanische Arzt Duncan MacDougall (1866 – 1920) wog als Versuch einer Psychostasie 1902 sechs sterbende Patienten. Er wollte das  ›Gewicht der Seele‹ bestimmen und dadurch beweisen, dass die Seele materiell und messbar sei – die Gewichtsdifferenz zwischen lebendigen und toten Patienten betrug nach seinen Angaben durchschnittlich 21 Gramm (zwischen 8 und 35 g).

»War das die Seele, die den Körper verließ?«

In den 1930er Jahren wiederholte der Lehrer und Wissenschaftsenthusiast H. LaVerne Twining die Experimente McDougalls in Los Angeles mit Mäusen – allerdings zum Vergleich auch in einen hermetisch verschlossenen Glasbehälter. ⇒ Das Gewicht blieb dabei gleich.
Twining schloss, dass der Körper der Maus im Augenblick des Todes einen starken Flüssigkeitsverlust erlitt, der den Gewichtsabfall erklären würde. Da die abgegebene konnte Flüssigkeit nicht aus dem geschlossenen Behälter entweichen, deshalb blieb auch das Gesamtgewicht gleich.

Heute weiß man: damals wurde keineswegs die Existenz einer stofflichen Seele nachgewiesen, sondern allein der Umstand, dass Mensch und Tier im Tode Flüssigkeit verlieren.

Vielleicht ist das Beharren auf der Existenz einer Seele, sei sie nun materieller oder spiritueller Natur, »auf einen schlichten Grund zurückzuführen: die bisherige Unkenntnis der Hirnbiologie«, deren Vielschichtigkeit erst vor kurzem in Umrissen erkennbar geworden sei1.

»Die menschliche Psyche wohnt im wohl komplexesten Gebilde des Universums. Ist es überhaupt denkbar, dass sich diese Ich-Maschine selbst versteht?«

Neurobiologen und Mediziner rücken zunehmend von dem metaphysischen Konzept Seele ab. Versuche und moderne Behandlungsmethoden hätten längst gezeigt: auch die höheren geistigen Funktionen des Menschen lassen sich durch elektrische Stimulation von Nervenzellen gezielt steuern.

Die Suche nach Therapieansätzen gegen Störungen wie für Schizophrenien könne quasi nebenbei auch Rätsel der Charaktereigenschaften lösen helfen. (So langsam schwirren die Begriffe umeinander: Persönlichkeit – Seele – Charakter… gewiss, diese hängen miteinander zusammen, doch sind sie nicht synonym zu gebrauchen. Denn vermutlich sind jene Nervennetze im Gehirn, die – wenn aus dem Takt geraten – psychische Erkrankungen hervorrufen, dieselben, die auch die Eigenschaften der gesunden Seele steuern.

Das Genom eines Menschen sei keineswegs als ein passiver Bauplan eines Organismus aufzufassen; »Tatsächlich reagieren sie lebenslang höchst empfindlich auf alle äußeren Einflüsse.« Sprich: Jede Begegnung, jede Unterhaltung kann auf die Funktionen unserer Erbanlagen durchschlagen.

Quellenangaben

  1. »Die Biologie der Seele«, Die Zeit v. 14.10.2009
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