Trinität – ob ich sie jemals verstehen werde…?

Wie ist Gott erfahrbar, wenn er doch der objektiven Erfahrung verschlossen ist? Und wie weit muss sich die Subjektivität eines individuellen Verständnisses von Gott an einer dogmatischen ‚Leitplanke für’s Denken‘ orientieren?


Wer sich mit zentralen Aussagen des Christentums auseinandersetzt, kommt auch am christlichen Gottesbild nicht vorbei – um ein eigenes Verständnis der Trinitätslehre müsste sich jeder im Hinblick auf die Zielsetzung bemühen, das Christentum entweder bewusst für sich anzunehmen oder ausdrücklich zu verwerfen. Hingegen ist achselzuckendes Hinnehmen ohne Verstehen ebenso bequem wie unbefriedigend.
In Gesprächen und Online-Chats begegneten mir sinngemäß drei ‚Kernaussagen‘:

  • „Die Lehre von der Dreifaltigkeit Gottes gehört neben dem Glaubensereignis der Auferstehung Jesu unverzichtbar zur christlichen Religion.“ Nicht unwesentlich für den interreligiösen Dialog (nicht wenige Muslime meinten zu wissen, dass Christen an die Existenz von 3 Göttern glauben): Wer als Nicht-/Andersgläubiger oder als zweifelnder Christ keinen Glaubenszugang zur Kreuzestheologie hat, werde die Dreieinigkeit Gottes schon mal gar nicht erfassen – Immunisierungsstrategie?
  • „Alle Gottesgestalten sind Erscheinungen desselben einzigen und ewigen Gottes, auch wenn er als Dreiheit auftritt.“
    Präzisierungen dieses einzigartigen Gottesbildes beschränken sich dann oftmals auf eine individuelle bis eigenwillige Interpretation, angereichert mit symbolhaften, nicht selten kryptisch anmutenden Wortschöpfungen.
  • Insistierte ich mit weiteren Fragen, um dieses Konstrukt wirklich zu verstehen, begann nicht selten ein Rückzuggefecht: „Du (als Ex-Katholik) wirst das niemals verstehen, es handelt sich hier um ein Geheimnis des Glaubens.“ Oha, sollte es nicht möglich sein, das Dogma der Trinität Gottes auch ‚von außen‘ zu interpretieren? Selbst wenn, es sollte vermittelbar sein, warum überhaupt dieses Gottesbild ins Zentrum des christlichen Glaubens gestellt wurde und wird.

Die neutestamentliche Überlieferung nennt Jesus den ‚Gottes Sohn‘ und er nannte sich auch selbst so (z.B. Matth. 27,43). Nach der Trinitätslehre soll Jesus jedoch wesensgleich mit Gott sein. Mit dieser dogmatischen Festlegung haben christlichen Kleriker aus Gott ein Mysterium gemacht, wodurch für ’normale‘ Gläubige eine Verständnis-Barriere erzeugt wurde.

Werner Gitt schreibt über das christliche Gottesbild: „Von diesem dreieinen Gott wird in dreifacher Weise in personaler Differenzierung geredet…„- wie? Über diese Spezialität in monotheistischen Glaubensauffassungen3 wird unter Christen erstaunlich wenig gestritten, nur ‚von außen‘ wird Kritik geäußert. Muslime etwa verneinen kategorisch die Göttlichkeit Jesu, bringen ihm aber als einem wichtigen Gesandten Gottes hohen Respekt entgegen.

Mein Entweder-Oder-Denken steht mir im Weg, Aussagen wie „Er ist der Eine und zugleich der Dreieine“ verwirren: Entweder ‚eine Identität‘ oder ‚wir sind Legion‘, auch wenn der Vergleich ein wenig daneben ist. Die eingangs zitierte Erklärung mit den multiplen Erscheinungsformen (im A.T, erscheint Gott auch als Rauchwolke oder als „Stimme eines sanften Säuselns“ [1Kön 19,12]) würde einen Ausweg aus dem gedanklichen Dilemma bieten, aber:
Christen müssten sich mit der Aussage, dass ihr Gott ein dreieiniger Gott ist, auseinandersetzen, stellt Dr. Jörg Sieger in seiner Einführung zum christlichen Glauben fest, „…weil uns andere […] den Vorwurf machen, dass wir den Glauben an den einen Gott verraten hätten und letztlich an drei Götter glauben würden: Gott den Vater, Gott den Sohn und Gott den Heiligen Geist.

Diese ‚anderen‘ sind Angehörige der beiden übrigen abrahamitischen Religionen, d.h. Juden und Muslime.

Ausgangspunkt

Im Alten Testament (A.T.) gibt es in Bezug auf das monotheistische Bekenntnis der Hebräer überhaupt kein Vertun:

  • „Ich bin der Erste, und ich bin der Letzte, und außer mir ist kein Gott.
    (Jesaja 44,6)
  • „Es gibt keinen Gott außer mir; außer mir gibt es keinen gerechten und rettenden Gott.“ (Jesaja 45,21part)

Klar, präzise und verständlich. Das so im ersten Teil der Bibel niedergelegte Konzept von Gott formuliert einen eindeutigen Anspruch, wie die ‚wirkliche Beschreibung‘ von Gott auszusehen habe. Da das A.T. von nahezu allen Christen bis heute als verbindlicher Teil ihrer heiligen Schrift erachtet wird, stellt sich die Frage: Falls das Gottesbild der Trinität zutrifft, weshalb hat Gott dies schon nicht im Alten Testament klar offenbart?
Mit anderen Worten: Aus welchem Grund erschien dieser Glaube nicht vor der Person Jesu, der als Messias sehr wohl erwartet worden war?

Eine unmissverständliche Beschreibung von Gott finde ich im ‚offiziellen‘ Christentum nicht vor. Vielmehr scheint das Konzept der Trinität die verständliche, eindeutige Beschreibung von Gott zu annullieren: Es ersetzt das bisherige Gottesbild durch ein Konstrukt, welches dem bekannten Gott Jahwe nun ein zweites und ein drittes Subjekt hinzufügt. Zwei dieser drei Subjekte sind zudem in hohem Maße anthropomorph (vermenschlicht): „Vater“ und „Sohn„. Anstatt Gott in seiner seine einzigartigen, für uns ohnehin nicht zu verstehenden Natur zu respektieren, entwarf die werdende Staatskirche ein neues ‚menschlicheres'(?) Bild von ihm.
Nun bin ich kein Experte, vermute aber einen Widerspruch zu den ursprünglichen Geboten laut Dekalog (vgl. Bildnisverbot im Alten Testament): „Lauft nicht in euer Verderben und macht euch kein Gottesbildnis, das irgendetwas darstellt, keine Statue, kein Abbild eines männlichen oder weiblichen Wesens, kein Abbild irgendeines Tiers, das auf der Erde lebt, kein Abbild irgendeines gefiederten Vogels, der am Himmel fliegt, kein Abbild irgendeines Tiers, das am Boden kriecht, und kein Abbild irgendeines Meerestieres im Wasser unter der Erde.“(5.Mose 16-17,EÜ)

Diese Trinität in der christlichen Theologie, also die Wesens-Einheit von Geist, Vater und Sohn (Jesus), soll als drei aus Gott hervorgehende Personen, nicht aber als drei Götter aufgefasst werden. Wird hier eine Widersprüchlichkeit erkennbar? Ein Gott würde im monotheistischen Sinne doch zugleich eine göttliche Identität bedeuten…?
Freilich ist die biblisch belegte Vorstellung plausibel, wonach dieser eine allmächtige Gott ohne weiteres auf unterschiedlichste Weise in Erscheinung tritt. Sind die drei christlichen personae Gottes – Geist, Vater, Sohn – als solche Erscheinungsformen aufzufassen – etwa so, wie H2O als unsichtbarer Wasserdampf, flüssiges Wasser und festes Eis auftreten kann? Ganz so einfach kann es nicht sein, denn die drei Personen Gottes begegnen uns auf durchaus unterschiedliche Weise – und im Verhältnis zu den Menschen nehmen sie verschiedene Funktionen wahr:

  • Der christlichen Lehre zufolge steht Jesus in einer besonderen funktionalen Zuordnung („W.Gitt – In welcher Beziehung stehen Gott und Jesus zueinander?“) – denn nur durch ihn sei ein Zugang zu Gott (Vater) möglich. Laut eigener Aussage nimmt Jesus Anordnungen bzw. Aufträge vom Vater entgegen [vgl. Joh 14, 31]; zwischen beiden besteht offenbar eine Art Herrschaftsverhältnis.
  • Im Johannesevangelium stellt Jesus klar, dass er nicht ‚in eigener Sache‘ bzw. in seinem eigenen Namen predigt, sondern dass seine Botschaft von Gott sei:
    Denn was ich gesagt habe, habe ich nicht aus mir selbst, sondern der Vater, der mich gesandt hat, hat mir aufgetragen, was ich sagen und reden soll. Und ich weiß, dass sein Auftrag ewiges Leben ist. Was ich also sage, sage ich so, wie es mir der Vater gesagt hat.“ [Joh 12,49-50 EÜ]
  • Johannes zitiert Jesus mit den Worten: „…der Vater ist größer als ich.
    [Joh 14,28] und „…Ich kann nichts von mir selbst tun.“ [Joh 5, 30]
  • Siehe auch Mk 10,18, Mt 19,17 und Mk 10,17-18.
  • In der von Lukas verfassten Apostelgeschichte legt Petrus dar: „Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, der Gott unserer Väter hat seinen Knecht Jesus verherrlicht,…“ [vgl. APG 3,13]. Die Sichtweise der APG ist, dass Gott etliche Wunder durch Jesus tat, um diesen als seinen die Gesandten zu bestätigen [vgl. APG 2,22].

Enthält das gesamte N.T auch nur eine Stelle, wo Jesus mit den Worten „Ich bin Gott“ oder „Betet mich an“ zitiert wird? Ich habe keine gefunden und sehe daher nicht, wo/womit die Evangelisten die Göttlichkeit Jesu herausstellen. Zwar ist des öfteren von ihm als ‚Sohn Gottes‘ die Rede; diese Bezeichnung wurde seinerzeit jedoch häufig verwendet – ohne eine Vergöttlichung zu implizieren. Der Sohn ist nicht mit dem Vater identisch, den er selbst anbetet.
Paulus ist Jesus nie persönlich begegnet und kann mit dessen Lehren auch nicht so sehr viel anfangen. Statt dessen entwirft er ein eigenes Bild (s)eines prä-existenten Christus, der zwar über der gesamten Schöpfung stehe, dessen Oberhaupt aber Gott sei [vgl. 1Kor 11,3].

Es lassen sich auch Aussagen des Alten und Neuen Testaments im Sinne der gegenteiligen Argumentation zusammenstellen, d.h. zugunsten der Göttlichkeit Jesu. Damit wird die christliche Theologie mit der Frage konfrontiert, wer dieser Jesus nun ist, und in welchem Verhältnis er zu Gott steht, den er selbst Vater nennt:
Im Neuen Testament liest man schließlich ganz unterschiedliche Aussagen. Einmal heißt es da, dass der Sohn und der Vater eins sind (vgl. Joh 10,301). Im Johannesevangelium finden wir aber genauso die Formulierung, dass der Vater größer ist als der Sohn (vgl. Joh 14,282).“ (J. Sieger)

Entstehung des Trinitäts-Dogmas

Aus den Aussagen in den Evangelien entwickelte sich ein Spannungszustand unterschiedlicher Interpretationen: Der Arianismus, benannt nach seinem ihrer frühen Vertreter Arius, weicht mit seiner Subordinationslehre5 von der Dreifaltigkeitslehre ab:

  • Der Vater allein ist Gott.
  • Gott hat die Welt nicht direkt erschaffen, sondern durch einen Mittler, den Logos (= das Wort), der selbst geschaffen wurde, um die Welt zu schaffen.
  • Dieser Logos wird als Sohn Gottes bezeichnet und ist präexistent – ein Wesen zwischen Gott und der Welt, das perfekte Abbild des Vaters.
    Zwar kann der Logos in einem metaphorischen Sinn als Gott aufgefasst werden, dennoch ist er ein Geschöpf, geschaffen als der ‚Erstling‘ Gottes. Damit ist er nicht aus dem gleichen Wesen wie der Vater – sondern durch den Willen des Vaters. Er ist daher nicht ewig, denn „es gab eine Zeit, als es ihn nicht gab“. Ebenso sind seine Macht, seine Weisheit und sein Wissen letztlich begrenzt.

Diese Lehre des Arius rief eine heftige Auseinandersetzung hervor, welche „die Kirche nicht nur zu zerreißen drohte, sondern auch tatsächlich zerrissen hat“ (Sieger). Auf ihren Verlauf und ihr pragmatisch-machtpolitisch motiviertes Ergebnis bin ich hier etwas ausführlicher eingegangen: →Stichwort: Arianismus. Mit dem Konzil v. Nicäa (325 n.Chr.) wurden ‚Fakten‘ geschaffen: Der Arianismus wurde als Häresie verurteilt.
Es wurde festgelegt, dass der Sohn eben nicht unter dem Vater stehe, sondern dass beide ‚von einem Wesen‘ oder ‚wesenseins‘ seien. Mit dieser dogmatischen Festlegung wurde auf die Einheit, mindestens aber auf die Einheitlichkeit der kirchlichen Glaubenslehre in einer Frage von zentraler Bedeutung hingewirkt.

Inhaltlich habe im Grunde aber niemand so recht gewusst, was mit diese Wesensgleichheit (Homousie, von altgriechisch homo ousios) im Bekenntnis von Nicäa denn nun genau bedeuten sollte, erklärt Dr. Sieger:

Nizäa ist ein Lehrstück dafür, wie viel- und nichtssagend theologische Formeln in gleicher Weise sein können. Mit dem Begriff allein war eigentlich gar nichts gewonnen. Was sollte man darunter verstehen?

Diese Unklarheit war ursächlich dafür, dass sich die Auseinandersetzungen über das Verhältnis von Vater und Sohn nach Nicäa fortsetzten. Etliche Theologen blieben dabei, dass der Sohn nicht auf der gleichen Ebene wie der Vaters stehe.

Das Bekenntnis von Nicäa, wonach Vater und Sohn von gleichem Wesen seien und der Sohn demnach wirklich Gott sei, wurde nur von geringen Anzahl von Theologen ohne Einschränkung vertreten. Noch komplexer wurde die Diskussion durch die Frage nach dem Wesen der dritten Person – des Geistes, den Jesus nach biblischer Überlieferung den Menschen gesandt hatte: In welchem Verhältnis steht der Geist Gottes zum Vater und zum Sohn?

Gregor von Nazianz verdeutlicht diesen Zusammenhang durch ein sprachliches Bild: Er beschreibt eine Quelle, die aus der Erde hervor bricht und deren Wasser sich dann zu einem kleinen Bach sammelt. Dieser Bach wächst von Kilometer zu Kilometer, er wird größer und mächtiger und letztlich zu einem richtigen Fluss.
Vielleicht sei es ganz ähnlich, wenn Christen von dem Vater, dem Sohn und dem Geist sprechen:
„Wir sagen: ‚Das ist das Wirken des Geistes.‘ Oder: ‚Hier ist der Vater am Werk.‘ Aber wenn wir genau hinschauen, dann geht es uns wie bei diesen drei Gewässern. Obwohl wir eine Quelle, einen Bach oder einen Fluss sehen, ist das Wasser immer das gleiche. Obwohl es drei verschiedene Gewässer sind, ist es trotzdem ein und dasselbe Wasser, das sie alle durchfließt.
Vielleicht ist es bei unserem Gott ganz ähnlich: Wir glauben, in ihm drei Personen unterscheiden zu können. Alle drei aber durchweht ein und dasselbe göttliche Wesen. Er ist ein Gott in drei Personen.
“ (vgl. Sieger)

Solche Überlegungen führten zu der Formulierung, dass Gott in diesen drei Personen existiert, aber dass dies lediglich drei Personen des einen göttlichen Wesens sind. Auf dem Konzil von Konstantinopel (381 n.Chr.) wurde diese Aussage für die ganze Kirche verbindlich festgelegt. Es entstand das nizäno-konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis3) welches bis heute in der Form des Credos Verwendung in der Liturgie findet. Dieses Bekenntnis verbindet alle großen christlichen Konfessionen und wird oft als wichtigstes außerbiblisches Zeugnis der altkirchlichen Theologie eingeordnet.

Ein von Menschen entworfenes Gottesbild

Der Vergleich Gregors und die o.a. Formel veranschaulichen zwar denkbare Erscheinungsformen Gottes, doch beide überzeugen mich letztlich nicht. Offensichtlich fügt sich Jesus dem Willen Gottes – wobei der Wille des Vaters nicht notwendigerweise identisch mit seinem eigenen Willen ist (auch wenn er diesen ausdrücklich zurückstellt): „…Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir weg – doch nicht mein Wille, sondern der deine geschehe!“ [Lk 22,42]

Soweit die o.a. Worte Jesu als authentisch erachtet werden, implizieren sie freilich zwei Wesenheiten, die jeweils ‚ihren eigenen, unterschiedlichen Willen haben‘. Und eine der beiden Wesenheiten ordnet sich der anderen Wesenheit klar unter.
Von Menschen getroffene Festlegungen und Mutmaßungen in Bezug auf Wesensmerkmale Gottes können nicht aus eigener Erkenntnis bzw. eigenem Wissen erfolgen – vielmehr hat eine nachvollziehbare Bezugnahme auf die kanonisierten Überlieferungen zu erfolgen. Diese Quellen lassen in einer Gesamtwertung m.E. die arianische Auffassung als zutreffender erscheinen – welche sich mittelbar auch in den Lehren und Auffassungen der Gnostiker wiederfindet. Danach wurde Jesus, Gottes erstes und höchstes Geschöpf, von ihm zu den Menschen gesandt, um ihnen einen Weg der Erlösung zu offenbaren.

Es ist nicht ganz aufrichtig, wenn christliche Theologie heute den Eindruck zu erwecken sucht, die Göttlichkeit Jesu habe von Anfang an unwiderlegbar festgestanden.
Nein, es handelt sich hierbei (wie bei vielen kirchlichen Dogmen) um eine keineswegs einstimmige Mehrheitsentscheidung von ’natürlichen Personen‘, die Jahrhunderte später als die Apostel und Jünger Jesu lebten. Nicht übersehen werden darf auch, dass zumindest das Konzil von Nicäa (325) seine Beschlüsse unter erheblichem politischen Druck fasste. Bekanntlich wollte Kaiser Konstantin ‚Ruhe an der religiösen Front‘, nicht zuletzt aus Erwägungen der Staatsräson.

Dr.Sieger spricht in diesem Kontext von dem Versuch, mit den unzulänglichen Methoden des menschlichen Verstandes das unsagbare Geheimnis Gottes ins Wort zu bringen. In endlosen Diskussionen stritten die Theologen jahrzehntelang um die Wahrheit – doch kommt das Resultat dieser Kontroverse der beanspruchten ‚einzigen‘ Wahrheit nahe?

  • Bei Johann Greber, einem Vertreter des christlichen Spiritualismus, wird die Dreifaltigkeitslehre treffend charakterisiert: „Ihr lehrt einen Gott in drei Personen. Ihr behauptet also, dass es drei Geister gibt, von denen jeder wahrer Gott sei und die zusammen doch nur einen Gott ausmachten. Das ist menschlicher Wahn und die größte Torheit. Es gibt keine Dreifaltigkeit und keine Dreieinigkeit in dem Sinne, wie ihr es lehrt. Gott ist nur eine einzige Persönlichkeit. Nur der Vater ist Gott. Alle anderen heiligen Geister sind Geschöpfe Gottes. Keiner von ihnen ist dem Vater gleich.“
    (Pfr. Johann Greber, „Der Verkehr mit der Geisterwelt Gottes, S.110)
  • Auch Prof. Dr. Karl-Heinz Ohlig setzt sich kritisch mit dem normativen Charakter der Trinitätslehre auseinander (→ „Ein Gott in drei Personen?„). Er stellt fest, dass „die Trinitätslehre erst am Ende eines langen Aufarbeitunsprozesses „Dogma wurde“, keinerlei biblische Grundlage besitzt“. Folglich sei die Legitimität eines solchen Konstrukts zu hinterfragen → theologischer Tabu-Bruch: Wenn es feststeht (…), dass Jesus selbst nur vom Gott Israels, den er Vater nannte, und nichts von seiner eigenen späteren „Vergottung“ wusste, mit welchem Recht kann dann eine Trinitätslehre normativ sein?
    Muss man sie nicht vielmehr als einen Inkulturationsvorgang, der nur innerhalb der damaligen Kontexte unausweichlich und wohl auch legitim war – weil anders das Christentum nicht lebbar war -, verstehen, also als eine kontingente, kontextuelle Komplizierung der jesuanischen Gottesvorstellung?
    (Inkulturation bezeichnet das Einbringen von Verhaltensmustern, Gedanken über Dinge oder Ansichten von einer Kultur in eine andere.)

Natürlich steht es jedem Theologen frei, die Engführung einer Glaubenstradition den Gläubigen seiner anzuempfehlen, selbst wenn ihr Zustandekommen unter dem Druck machtpolitischer Erwägungen stand. Problematisch wird es erst, wenn Vertreter gegenteiliger Auffassungen bis heute verflucht und exkommuniziert werden:
„Diejenigen aber, die da sagen „es gab eine Zeit, da er [Jesus] nicht war“ und „er war nicht, bevor er gezeugt wurde“, und er sei aus dem Nichtseienden geworden, oder die sagen, der Sohn Gottes stamme aus einer anderen Hypostase oder Wesenheit, oder er sei geschaffen oder wandelbar oder veränderbar, … die belegt die katholische Kirche mit dem Anathema [Zusatz im Bekenntnis von Nicäa ]

Die Gegenmeinung der christlichen Theologie

1. Vortrag von Prof. Klaus v. Stosch

Nachfolgender Vortrag des katholischen Theologen Professor von Stosch ist mE sowohl fundiert als auch relativ gut zu verstehen. Die beabsichtigte Kernaussage – der nicht-polytheistische Charakter des Gottesbildes laut Trinitätstheologie – erschließt sich mir dennoch nicht:
„Der Vater ist restlos, in jeder Hinsicht verschieden vom Sohn. Der Sohn ist restlos verschieden vom Vater.“ Die Verbindung zwischen beiden erwachse aus der restlosen Liebe füreinander.
Mit etwa diesen Worten würde man nach meinem Verständnis zwei Persönlichkeiten beschreiben …und der Terminus „Wesenseinheit“ scheint exakt das Gegenteil von „restlos verschieden“ zu bezeichnen.

2. Vortrag von Prof. Siegfried Zimmer

Der evangelische Theologe Zimmer benennt die Schwierigkeiten sehr deutlich, die auch viele Christen mit der Trinitätslehre haben: „Ihr dürft die Lehre von der Trinität komisch finden. (…) Man wird den Eindruck nicht los, das ist eine Theorie, die hat sich jemand am Schreibtisch ausgedacht.“ Ja, genau. Zudem ist sie auch in der Bibel nicht erwähnt ist, da erst im dritten Jahrhundert n.Chr. entwickelt wurde. Zudem stellt sie ein beträchtliches Hindernis im interreligiösen Dialog dar.
Prof. Zimmer deutet zu meiner Überraschung sogar an, im Universitätsbetrieb zähle die Trinitätstheologie nicht zu den überaus wichtigen Themen. Er fügt hinzu „Im Johannesevangelium ist Christus der Gesandte Gottes“ und zitiert zwei Stellen aus dem N.T.:

  • „Jesus aber rief und sprach: Wer an mich glaubt, glaubt nicht an mich, sondern an den, der mich gesandt hat;“ Joh 12,44 ELB
  • „Dies aber ist das ewige Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.“ Joh 17,3 ELB

Nachdem ich beide Vorträge angehört hatte, wurde ich etwas ratlos: Wie konnte etwas zum „Grundbestandteil des christlichen Glaubens“ (gemacht) werden, das dem A.T. offenkundig widerspricht und im N.T. auch nicht explizit zu finden ist? Fehlt mir die Offenheit, um eine mit Aussagen wie „Es gibt nur einen Gott – (doch) er hat in sich auch Unterschiede“ umschriebene Konstruktion zu glauben, obgleich sie mir absolut nicht plausibel einleuchten will?
Diese ‚Unterschiedlichkeit in sich‘ führt meine Überlegungen mich zu den differenzierbaren Facetten, welche auch die menschliche Persönlichkeit in einer Identität vereinen kann…

Ach, möglicherweise mangelt es mir schlicht am nötigen Abstraktionsvermögen – was wiederum für jeden, der vor derselben Herausforderung steht, bedeuten würde, ein Gottesbild von einer Autorität (‚immerhin‘ klügere und gebildetere Klerikale) übernehmen zu müssen, ohne es in seiner Bedeutung wirklich zu erfassen. Wozu dieser radikale Bruch mit dem präzisen Gottesverständnis im A.T., wenn nicht dazu, sich selbst (d.h. die Kirche) als unentbehrliche erklärende und interpretierende Instanz mit absoluter Deutungshoheit zu etablieren? Oder als Zugeständnis an die antiken Götterkulte – mit dem Ziel der sich etablierenden Kirche, in diesen Kreisen leichter Anklang zu finden?

Persönliches Fazit: Was ist das Wesentliche?

Wie weit sollte das Element des Glauben-Sollens oder -Müssens (gemeint ist hier ein Gewissensdruck, nur ja nicht ‚ungläubig‘ zu sein und von Gott deshalb verworfen zu werden) bei der Vermittlung von Glaubenselementen getrieben werden? Ob ich die Dreifaltigkeit Gottes und damit die Göttlichkeit Jesu zu glauben vermag oder nicht,verstellt nicht den Glauben an einen einzigen Gott und dem Festhalten an der Lehre Jesu.

Alles übrige hat für mich den Charakter von ‚Beiwerk‚ (nicht im Sinne einer Abwertung, aber doch zwecks Priorisierung) – die paulinischen Briefe, die Schriften von ‚Kirchenvätern‘ und erst recht kirchliche Dogmen späterer Jahrhunderte enthalten mE von Menschen erdachte, d.h. nicht zwingend verbindliche Aussagen. Ob diese Ergänzungen neben fragwürdigen auch zutreffende Elemente enthalten, lasse ich offen.

Quellenangaben

Anmerkungen

  1. „Ich und der Vater sind eins“ [Joh 10,30]
  2. „Ihr habt gehört, dass ich euch gesagt habe: Ich gehe hin, und ich komme zu euch. Wenn ihr mich liebtet, so würdet ihr euch freuen, dass ich zum Vater gehe, denn der Vater ist größer als ich.“ [Joh 14,28, ELB]
  3. Der Begriff Monotheismus kennzeichnet Religionen, die einen allumfassenden Gott kennen und anerkennen – im Gegensatz zum Polytheismus, der viele Götter kennt und verehrt. Bei Religionen, die viele Götter kennen, aber einem von diesen den Vorrang (als allein zu verehrenden Gott) einräumen, spricht man von Monolatrie.
  4. Subordinationslehre oder Subordinatianismus bezeichnen wird die Auffassung frühchristlicher Theologen , wonach der Jesus zwar göttlichen Wesens, aber Gott, dem Vater untergeordnet sei.
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