Fundamentalismus an sich ist das Problem

‚Salachristen‘ vs.’Salafisten‘ – schon bei solchen Bezeichnungen geht mir der Hut hoch – beide werden in der hiesigen Medien- und Bloggerwelt abwertend als Kategorien für fundamentale Muslime und Christen funktionalisiert.

Die Kolumnistin Mely Kiyak hat es in der Frankfurter Rundschau auf den Punkt gebracht:

„Letzte Woche habe ich gelernt, dass Fundamentalisten, die sich auf den Koran beziehen, hysterischere Reaktionen auslösen, als Fundamentalisten, die sich auf die gute alte Bibel berufen. Anders kann ich mir nicht erklären, warum eine Million fundamentaler Christen in Deutschland, so die allgemeine Schätzung, keine Nachricht wert sind. Wohl aber 500 Salafisten, von denen man g l a u b t, dass sie verrücktes Zeug anstellen k ö n n t e n.“

Sympathisch ist mir ihre Feststellung, heutzutage gehe von der Lebensmittelindustrie und vom Bankenwesen weit mehr Unheil aus als von Kirchen, Moscheen, Tempeln und Synagogen…

Ihre Begriffsdefinitionen geraten indessen ein wenig kurz: Ein ‚Salafist‘ und ein ‚Salachrist‘ legen ihre heilige Schrift, also Koran oder Bibel wortwörtlich aus. Schon dieser Umstand rechtfertigt für Kiyak offenbar ein gerüttelt Maß an Häme: Schließlich gebe es auch noch die Heidifisten; darunter versteht Mely Kiyak solche Fundamentalisten, die wie zu Zeiten Heidis leben wollen:…“mit Gouvernante, Alm-Öhi und Berghütte…sie leben vornehmlich in bayerischen Provinzen.“

An einer bibel- oder korantreuen Schriftauslegung an sich vermag ich noch nichts zu erkennen, was negative öffentliche Kritik oder vehemente Ablehnung rechtfertigt. Schwierig wird es da, wo konkrete Absichten zur Umgestaltung gesellschaftlicher Werte (z.B. Religionsfreiheit) laut werden – insoweit geht es um schwerwiegendere Aspekte von Fundamenalismus, über die sich Sorgen zu machen eventuell lohnt:

    • Ausgangspunkt: Nur zwei Religionen erheben Anspruch auf weltweite Ausbreitung – infolge der Überzeugung, nur ihnen habe (ihr) Gott die einzig wahre Lehre offenbart – Christentum (insbesondere der Katholizismus) und Islam. Auffällig ist auch, dass Glaubensverbreitung in der christlichen und der islamischen Religion zunehmend zur Domäne von Fundamentalisten wird (vgl. „Rückkehr des Allmächtigen“, SPEGL 52/2009) .

„Die reichen Sponsoren, die in den vergangenen Jahrzehnten weltweit Milliarden Petrodollar in Moscheen und Koranschulen investierten, sind eben nicht traditionelle Muslime, sondern Männer, die den radikalsten Ideen anhängen, die der Islam je hervorgebracht hat … „

Ihnen gelte das Christentum als ein Irrglaube, für den der Auftrag Gottes an seine Anhänger gilt, „gegen die zu kämpfen, denen die Schrift gegeben wurde und die nicht an Allah glauben“. Für manche von ihnen ist ‚Dschihad‚ nicht mehr die persönliche Anstrengung zur spirituellen Vervollkommnung – sondern der rücksichtslose, bewaffnete Kampf gegen ‚Ungläubige‘.

Ein ähnliches Phänomen auf Seiten der Christen: Gottesstreiter und ‚Soldaten Christi‘ geben lt. dem o.a. SPIEGEL-Bericht das Ziel aus, die  afrikanischen und arabischen Regionen zwischen dem 10. und dem 40. Breitengrad für Christus zu ‚erobern‘.

„…deren Glaube, etwa an die wortwörtliche Gültigkeit der biblischen Schöpfungsgeschichte vor exakt 6013 Jahren, ist ähnlich rückwärtsgewandt wie die Hoffnung ihrer muslimischen Pendants auf die Wiederkehr des Kalifats.“

„Dass dieser globale Wettstreit vor allem von den Heißblütigen beider Religionen ausgetragen wird, macht ihn auch gefährlich.“

Die von radikalisierten Angehörigen beider Religionen unablässig geschürte Rivalität schafft Konfrontationen – inzwischen auf allen Kontinenten:

  • „Wenn Nordamerika den Krieg gegen den Terrorismus ausruft und de facto einen Krieg gegen den Islamismus führt, dann interpretiert eine beachtliche Anzahl von Muslimen das als eine Rückkehr der Kreuzzüge.
  • Wenn die Anhänger Allahs in Afrika über die Sahara hinaus tief in den Süden des Kontinents vordringen und christliche Kirchen in Flammen aufgehen, dann hält der anglikanische Erzbischof Peter Akinola aus Nigeria nicht die andere Wange hin, sondern droht, dass die Muslime keineswegs „über ein Gewaltmonopol in diesem Staat verfügen“.
  • Und wenn in Dänemark der Prophet in Karikaturen geschmäht wird, attackieren erzürnte Muslime dänische Botschaften in Jakarta und Teheran.“

Nun mag man (noch) argumentieren, das Gewaltgeschehen spiele sich weit weg von uns ab. Die Frage ist nur: wie lange noch – wenn auch hierzulande immer radikalere Positionen (in Bezug auf Missionierung und den ‚Kampf‘ gegen die Andersgläubigen) salonfähig werden?

Freilich verstören hier weniger die Glaubensinhalte von ‚Salachristen‘ und ‚Salafisten‘ als deren Vorgehensweise: Meine Toleranzgrenze wird bei der so genannten Dawa (‚Einladung zum Islam‘) ebenso überschritten wie bei der offensiven Missionierung seitens christlicher Gruppierungen – dort, wo eine ungebetene, lautstarke bis aufdringliche Bevormundung z.B. mit wüsten Straf- und Höllenandrohungen usw. versucht wird.

Der soziale Frieden wird immer da gestört, wo religiöse bzw. politsch-religiös ideologisierte Personen und Gruppen sich im Besitz der einzig gültigen Wahrheit wähnen und diese allen Andersdenkenden aufzwingen wollen. Wenn ich durch die Stadt gehe, will ich von beidem verschont werden: verlogener Hetze gegen friedliche Muslime als auch manipulativem Geschrei, das die Körperstrafen der Scharia als dem hiesigen Rechtssystem überlegen darstellt.

Es existieren freilich verschiedenste Abstufungen; so ist es nicht leicht, eine scharfe Trennlinie zu ziehen, ab wo über ein Verbot (einzelner Aktionen) nachgedacht werden sollte. Klar ist, Gewaltbereitschaft sowie verbale / physische Gewalt sind ein NoGo – egal welcher Couleur die jeweiligen Schreihälse sind. Weshalb ich in dieser offensiven, z.T. sogar aggressiven Missionierung ein ernstes Problem in unserer Gesellschaft sehe, habe ich hier versucht darzulegen: → „Da’wa – systematische Islamisierung oder harmlose Einladung?

Doch es gibt auch Leisetreter, die in meinen Augen ebenfalls unzulässig agieren: Das Verteilen kostenloser Koranexemplare pauschal zu diffamieren ist ebenfalls eine Form der medialen bzw. verbalen Vergewaltigung. Diese ’seriösen‘ Medien haben inzwischen eine Sammlung potenter Reizworte…‘Hassprediger‚ rangiert ganz weit oben auf dieser Liste automatischer Angstauslöser.

Im allgemeinen bin ich vernünftig genug, um einzusehen: Verbote sind ein ungeeigneter Weg, denn sozialer Friede und Koexistenz verschiedener Auffassungen werden durch Aufklärung und Einsicht erreicht, aber sie lassen sich nicht gewaltsam erzwingen. Zudem sind Religionsfreiheit und das Recht auf freie Meinungsäußerung ein hohes, von unserer Verfassung garantiertes Gut.
Indessen mag es sich als notwendig erweisen, klare Grenzen zu ziehen.

Bisweilen geschieht dies bereits, um nur zwei Beispiele zu nennen:

  • Nach gewalttätigen Ausschreitungen in NRW lässt das zuständige Innenministerium im Mai 2012 die Provokation mit Mohammed-Karikaturen verbieten. Meinungsfreiheit ist essentiell – was nicht bedeutet, dass man Muslimen diese Bildchen nur zum Zwecke der Provokation direkt ins Gesicht halten muss/darf.
    Diesen feinen Unterschied wollen die Rechtspopulisten (denen jedes Programm fehlt…die können nur eines: Ablehnen) nicht wahrhaben.
  • Der Extremist Murat K. wurde nach seinem Angriff auf einen Polizisten zu 6 Jahren Haft verurteilt. Damit machte das zuständige Gericht klar: Was in dieser Gesellschaft erlaubt ist, wird durch demokratische Gesetze bestimmt – keinesfalls aber durch die Scharia. Und so soll es auch bleiben. Schließlich bieten einige ‚vorbildliche‘ Staaten umfassende Gelegenheiten zum Leben, Gestraft- und Getötetwerden nach drakonischen religiösen Gesetzen – jedem steht es frei, dort zu leben.

Sanktionierungen gegen aufdringliches und aggressives Missionieren greifen jedoch erst, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Persönlich sehe ich nicht, weshalb jede Form aktiver Missionierung durch (sämtliche) Religionsgemeinschaften nicht gesetzlich eingeschränkt werden sollte. Der soziale Frieden in einer multikulturellen Gesellschaft ist in meinen Augen ein höheres Gut als Missionieren im Schutze der Religionsfreiheit. Würde religiöses Werben im öffentlichen Raum stärker reglementiert, dürften z.B. alle Religionsgemeinschaften nur in definierten Räumlichkeiten neue Mitglieder und Spenden akquirieren.
Freilich dürfte es schwer sein, hier klare und gerechte Grenzen zu ziehen, welche die christlichen Konfessionen nicht bevorzugen.

Nicht nur die Symptome betrachten

Insbesondere wird zu untersuchen sein, wodurch die gegenwärtige Renaissance des christlichen und islamischen Fundamentalismus entsteht, welcher in Teilen auch religiös motivierte Straftaten als legitim bzw. notwendig erachtet.

Etwas verkürzt formuliert: Globalisierung und politische Veränderungen beeinträchtigen mittelbar das Selbstwertempfinden vieler junger Menschen erheblich – was etliche von ihnen veranlasst, sich verstärkt einer Religion zuzuwenden.

Nachfolgende Diskussionsrunde beleuchtet diese Fragestellungen recht differenziert und nachvollziehbar:

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